Claudia Michelsen: "In manchen Menschen gibt es nichts Gutes mehr"

Claudia Michelsen wird im Knastdrama "Angst in meinem Kopf" zum Spielball von Soziopathen. Wir trafen die Schauspielerin zum Interview.

Im GOLDENE KAMERA-Kandidaten "Angst in meinem Kopf" (10. Oktober, 20.15 Uhr, Das Erste) lässt sich Justizbeamtin Sonja Brunner, gespielt von Claudia Michelsen, nach einer Geiselnahme im Gefängnis in eine andere Haftanstalt versetzen. Weil sie Geldsorgen plagen, erledigt sie dort gegen Bezahlung für Insasse Walter kleine Gefälligkeiten, die zum Auftakt ihrer Erpressbarkeit werden. Wir trafen die GOLDENE KAMERA-Preisträgerin von 2013 und Heldin der "Ku’damm"-Reihe zum Interview.

Claudia Michelsen über ihre Rolle in "Angst in meinem Kopf"

Interview mit Claudia Michelsen

In "Angst in meinem Kopf" geht’s um die JVA-Beamtin Sonja Brunner, die sich im Gefängnis für Botendienste eines Insassen einspannen lässt und dadurch üble Probleme bekommt. Was ist der Reiz an dieser Rolle?

Es ist die Geschichte einer Frau, die hilflos einen Fehler nach dem anderen macht, man schaut ihr dabei zu, wie sie sich spiralmäßig immer weiter in ein Dilemma hineinmanövriert. Man möchte "Halt" rufen und eingreifen. Ich denke jeder kennt die eine oder andere Situation aus dem eigenen Leben, Situationen in denen man versucht zu helfen, aber nicht ankommt bei dem Anderen.

Was lässt sich aus dem Spielfilm lernen?

Naja, das kann ich ehrlich gesagt nicht so einfach auf einen Punkt bringen. Nimmt doch jeder was anderes mit aus einer Geschichte, aus einem Bild, einem Buch. Das hängt ja auch immer mit dem eigenen Leben zusammen. Mit Themen, die Einen momentan beschäftigen. Dass jeder seine eigenen Fehler machen muss, um zu begreifen, was der richtige, eigene Weg ist, vielleicht ist das ein Thema. Für mich kommt nach einer langen Talfahrt in dieser Geschichte Sonja erst wirklich am Ende in Kontakt mit sich selbst.

Wie nähert man sich einer derart komplizierten Rolle an?

Es gab natürlich Gespräche mit Thomas Stiller, dem Regisseur und Autor, ich habe mir verschiedenste Dokumentationen angeschaut, das Buch immer wieder auseinandergenommen. Naja, was man so tut an Hausaufgaben und dann kommt natürlich die Arbeit am Set dazu. Da verlasse ich dann aber auch oft Pläne, wie man so das eine oder andere erzählen möchte, und lasse mich auf Kollegen und Räume ein. Ich hatte das Glück, ein wunderbares Team zu haben mit großartigen Kollegen an der Seite.

Was haben Sie durch den Dreh über weibliche JVA-Beamte im Männergefängnis gelernt?

Es war mir nicht bewusst, was es wirklich bedeutet, einen solchen Job zu machen, und ich habe einen Heidenrespekt davor. Was ist der Antrieb, warum möchte man diesen Beruf ergreifen. Und das ist wirklich oft aus einer sozialen Verantwortung heraus. Schafft man es, die Männer und Frauen wieder auf einen "guten" Weg zu bringen, ihnen andere Tore und Türen zu öffnen. Was für eine Verantwortung, auch psychologisch auf den Einzelnen eingehen zu können, natürlich mal mehr mal, weniger oder auch gar nicht.

Wie war die Atmosphäre in der JVA? Wie lässt sich die Energie beschreiben? Wie war der Dreh an diesem besonderen Ort?

Das ist schon merkwürdig, wenn man da morgens reinfährt. Obwohl wir in einem stillgelegten Trakt gedreht haben, fährt man rein, gibt seinen Ausweis am Empfang ab, arbeitet und fährt abends wieder heim – während alle Anderen dableiben. Ehrlich gesagt, war es mir eher unangenehm da reinzufahren um einen Film zu drehen. Das kommt einem dann wirklich albern vor für Dreharbeiten, aber andererseits erzählen wir eben auch eine Geschichte über die Menschen dort.

Glauben Sie, dass es Soziopathen gibt, die wirklich durch und durch böse sind?

Natürlich gibt es die. In manchen Menschen gibt es einfach nichts Positives, nichts Gutes mehr. Die Frage ist, wodurch haben sie es verloren, was ist ihnen passiert, was ist ihre Biografie? Kein Mensch wird so geboren.

Was sind Ihre nächsten Zukunftsprojekte? Geht‘s weiter mit der "Ku’damm"-Reihe?

Ja – ich habe gehört, dass es weitergehen soll.

Und wann ist ein neuer Partner für den "Polizeiruf 110" aus Magdeburg in Sicht?

Erstmal ermittelt Doreen Brasch alleine weiter. Es wird kein neuer Partner gesucht. Es gibt ja auch noch Kriminalrat Lemp, gespielt von meinem alten Freund Felix Vörtler. Ja, schauen wir mal, wo es meine Freundin Brasch und mich noch so hintreibt und wer ihr sonst noch so begegnen wird. Ich freu mich drauf.

Interview: Mike Powelz