ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler: "Wir kämpfen um jeden Zuschauer"

In unserem Exklusiv-Interview sprechen wir mit dem ZDF-Chefstrategen über sein Unverständnis über "Traumschiff"-Aussteiger Sascha Hehn, Ärger mit der ARD und präsentieren die neuen Programm-Highlights, mit denen sein Sender in der TV-Saison 2018/2019 ins Rennen um die Zuschauergunst geht.

Norbert Himmler dürfte zu­frieden sein. Mit ihm als Pro­grammdirektor wird das ZDF wohl auch dieses Jahr wieder als Marktführer beenden. GOLDENE KAMERA sprach mit dem 47-Jährigen, der seit 2012 im Chefstrategen-Amt ist, über das Erfolgsrezept des Senders, die zahllosen Bewerber für den neuen "Traum­schiff"-Kapitän und eigene Fehler.

Dr. Norbert Himmler im Interview

GOLDENE KAMERA: Die Medienlandschaft ändert sich rasant. Trotzdem ist das ZDF seit sechs Jahren erfolgreichster Sender, 2018 dürfte das siebte werden. Was machen Sie besser als andere?

NORBERT HIMMLER: Die Zuschauer suchen vor allem zwei Dinge: Qualität und Ver­lässlichkeit. Deshalb tun wir alles, um ein hochwertiges und schlüssiges Programm­angebot zu machen. Der Zuschauer weiß, was ihn wo bei uns erwartet. Selbst You­Tube­Stars sagen, an welchem Tag zu wel­cher Uhrzeit sie ihr neues Video einstellen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je komplizierter die Medienlandschaft, desto mehr brauchen die Leute Anker, an denen sie sich festhalten.

Trotzdem haben auch Sie 2018 zwei Serien kurzfristig abgesetzt: "Zarah – Wilde Jahre" und "Das Pubertier".

Im Nachhinein habe ich das bereut, genau aus diesen Gründen. Wir hätten – auch mit weniger Zuschauern – durchhalten müssen. Es geht um Verlässlichkeit. Zudem hätten wir uns mehr Zeit für die Entwick­lung der Serien geben müssen.

Genug Zeit gab es anscheinend für die Miniserie "Bad Banks". Der Finanz­thriller bekam exzellente Kritiken. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Ganz ehrlich? Als ich hörte, es gehe um die Bankenkrise und Frankfurter Hochfinanz, dachte ich: "Kann das überhaupt ein attraktiver TV­-Stoff werden?" Ich sah schon die Nachrichtenticker und Computermonitore vor mir. Doch die Drehbücher zeigten schnell, wie spannend die Figuren und ihre Konflikte sind. Uns war dann sofort klar, dass wir diese Serie unbedingt mit Arte zusammen weiterentwickeln wollen.

Wie geht es mit "Bad Banks" weiter?

Staffel zwei wird gerade noch geschrieben. Sie spielt wieder in Frankfurt und auch in Berlin. Drehstart soll noch 2018 sein.

Wie viele neue Serienstoffe werden Ihnen im Jahr angeboten?

Hunderte. Die Redaktionen prüfen alle Vorschläge und treffen eine Vorauswahl. Viermal im Jahr setze ich mich mit den Lei­tern der fiktionalen Bereiche zusammen. Dort diskutieren wir dann über die besten dieser Serienideen.

Eine davon war "Der Schwarm" nach dem Bestseller von Frank Schätzing. Die Ankündigung der Verfilmung verblüffte viele. Wie kam es dazu?

Frank Schätzings Roman ist ja schon 2004 erschienen. Seitdem wird versucht, ihn zu verfilmen. Ich habe selbst schon vor vielen Jahren mit US­-Studios darüber ge­sprochen. Das hat nicht geklappt, weil die US­-Amerikaner auf Distanz zum Umwelt­thema gegangen sind. Zudem war die Ent­wicklung der Computereffekte noch nicht so weit, um es halbwegs bezahlbar um­zusetzen. Jetzt ist die Zeit reif. Es wird eine internationale Serie unter der Federfüh­rung des ZDF. Und die Erzählstruktur einer Miniserie ist für das Thema ideal.

Eine ZDF­Nachricht, die 2018 ebenfalls viele überrascht hat, war Sascha Hehns vorzeitiger Ausstieg als "Traumschiff“"-Kapitän. Auch für Sie eine Überraschung?

Durchaus. Er hat darüber nicht mit mir gesprochen. Aus meiner Sicht hatte er zwei interessante Jobs vonseiten des ZDF: Hauptfigur in unserer selbstironischen Satireserie "Lerchenberg" und Kapitän auf dem "Traumschiff". Eigentlich eine tolle Bandbreite.

Hehn hatte öffentlich mangelnde Inno­vationsbereitschaft beklagt. Können Sie seine Kritik nachvollziehen?

Jeder, der an der Produktion teilnimmt, hat die Möglichkeit, Ideen und auch Kritik einzubringen. Es ist aber hilfreicher, dies hinter den Kulissen zu tun.

Was braucht der nächste Kapitän?

Oje. Würde ich das Jobprofil beschreiben, bekäme ich noch mehr Bewerbungen.

Wie viele gab es denn schon?

Sehr viele. Auch von sehr bekannten Dar­stellern. Meist läuft das übers Manage­ment: "Mein Klient stünde bereit und ist hochseetauglich." Es gibt keine Vorspre­chen, aber wir sind im Auswahlprozess. Bis Spätherbst werden wir entschieden haben.

Wäre nach 37 Jahren die Zeit reif für einen weiblichen Kapitän?

Ja. Darüber denken wir auch nach. Mög­lich sind alle Varianten: alt, jung, Mann, Frau. Aber: Am wichtigsten ist, dass die Gesamtkonstellation an Bord stimmt. Auf das Team kommt es an.

Kommen wir zum Themenbereich Show und der ewigen Frage: Kehrt die große Zeit der Abend­show noch einmal wieder?

Wer weiß? Die Suche nach der nächsten großen Familienshow geht weiter. Aber ge­nauso wichtig ist für mich die Bandbreite und Reichweite unserer Unterhaltungs­sendungen. Eine "heute­-show" hat spät­ abends über vier Millionen Zuschauer plus bis zu einer Million in der Mediathek. Ein "Quiz­-Champion" hat vier bis fünf Mil­lionen Zuschauer. Ebenso wie "Bares für Rares" – sicher eine völlig andere Art von Show. Aber das zeigt ja lediglich, dass Ge­schmäcker heute differenzierter sind.