Christine Urspruch präsentiert die Geheimsprache der Toten

In der zweiteiligen "Terra X"-Dokumentation "Verräterische Spuren" zeigt "Tatort"-Pathologin Christine Urspruch, wie sich die Forensik über die Jahrhunderte entwickelt hat.

Wann fand die erste Leichenöffnung statt? Was verraten Insekten über den Todeszeitpunkt? Was enthält der sogenannte Tatortkoffer? Fragen wie diese klärt Christine Urspruch, bekannt als Gerichtsmedizinerin Alberich aus dem "Tatort: Münster", jetzt für das ZDF im "Terra X"-Zweiteiler "Verräterische Spuren: Die Geschichte der Forensik" (Teil 1 am 14. Oktober, Teil 2 am 21. Oktober jeweils um 19.30 Uhr).

"In der Dokumentation geht es um die Meilensteine der wissenschaftlichen und technischen Kriminalistik", so Urspruch gegenüber GOLDENE KAMERA. "Wir beleuchten beispielsweise die ersten forensischen Methoden, deren Wert nicht immer sofort erkannt wurde." Dafür assistiert die Schauspielerin in Spielszenen historischen Forschern und Gelehrten, die entscheidende Beiträge für die heutige hoch entwickelte Gerichtsmedizin geleistet haben, und zeigt als gewitzte Gastgeberin eine weitere Facette ihres schauspielerischen Könnens...

Zufällige Entdeckungen

Bereits im 2. Jahrhundert schrieb Galenos von Pergamon das erste umfassende Werk über den Aufbau des menschlichen Körpers: "Methodus medendi". Doch erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts fand die erste dokumentierte Leichenöffnung statt: Nachdem der Bürger Azzolino kurz nach seinem Ableben schwarz angelaufen war und der Verdacht aufkam, er sei vergiftet worden, sezierte ihn Bolognas Stadtarzt Bartolomeo da Varignana und entdeckte dabei zufällig, wie Totenflecken entstehen. Der "schwarze Azzolino" markiert den Anfang der modernen Anatomie. Weitere wichtige Grundlagen schuf der Militärchirurg Ambroise Paré im 16. Jahrhundert mit der Erforschung der Wirkung von Gewalt auf den menschlichen Körper.

Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der britische Kolonialbeamte William James Herschel die Einzigartigkeit menschlicher Fingerabdrücke. Gegen Ende des Jahrhunderts entwickelte der Grazer Kriminologe Hans Gross mit dem Tatortkoffer ein grundlegendes Handwerkszeug der Kriminalisten. Ein entscheidender Schritt für die Spurensicherung war 1901 die Identifizierung der drei Blutgruppen durch den späteren Nobelpreisträger Karl Landsteiner und, zeitlich beinahe parallel, die Entwicklung des Serum-Präzipitin-Tests zur Unterscheidung von Menschen- und Tierblut durch den Bakteriologen Paul Uhlenhuth. Der größte Meilenstein aus jüngerer Zeit ist die Entdeckung des genetischen Fingerabdrucks durch den Briten Alec Jeffreys, der erstmals 1987 zur Überführung eines Doppelmörders eingesetzt wurde.

Christine Urspruch wiederum war besonders beeindruckt von dem französischen Mediziner und Chemiker Mathieu Orfila. "Er hat die Wirkung aller möglichen Gifte an Hunden ausprobiert und das erste Nachschlagewerk der Toxikologie verfasst." Orfila nutzte auch die sogenannte Marsh'sche Probe, mit der sich Arsen aus Gewebeteilen extrahieren lässt. "Das war damals sehr wichtig, denn der Mord mit Arsen war besonders bei Frauen eine beliebte Methode, um etwa ungeliebte Ehemäner um die Ecke zu bringen. Arsen war in fast jedem Haushalt als Rattengift verfügbar und zudem todsicher in seiner Wirkung."

Hilfe für die Ermittler

Was hat die Schauspielerin über die Gerichtsmedizin gelernt? "Ich wusste immer, dass Kommissar Zufall eine wichtige Rolle spielt. Aber es ist wirklich erstaunlich, wie oft in einem Feld geforscht wird und man die Forschungsergebnisse dann plötzlich in einem ganz anderen Bereich nutzen kann." Als Beispiel nennt Urspruch die Entdeckung der verschiedenen Blutgruppen durch den Hämatologen Landsteiner. "Diese Erkenntnisse waren nicht nur wichtig für die Medizin, sondern auch für die Kriminalistik, weil die Ermittler nun Täter anhand von Blutspuren am Tatort zuordnen konnten."

Außerdem, so die Schauspielerin, sei sie nach den Dreharbeiten im Sektionssaal gewesen und habe dort gelernt, was eine forensische Biografie ist: "Als wir im Leipziger Institut für Anatomie gedreht haben, lagen dort Exponate für die Prüfungen der Studenten aus. Ich konnte mir Leichen in präparierter Form anschauen. Das war unglaublich bewegend. Denn dabei habe ich gelernt, dass man am menschlichen Körper immer ablesen kann, wie ein Verstorbener gelebt hat. Puzzleteile ergeben zusammengesetzt eine Art Lebensgeschichte – und das ist mörderisch spannend."