TV-Film "Kaisersturz": Der Untergang des Kaiserreichs

Vor 100 Jahren wurde Deutschland zur Republik: Das ZDF-Dokudrama "Kaisersturz" zeigt, wie die Monarchie zerfiel.

Unüberhörbar schallen die Sprechchöre durch die Straßen Berlins: "Hoch die Republik!", "Sieg des Volkes!" rufen die Menschenmassen. Zu Abertausenden ziehen die Revolutionäre am Sonnabendvormittag, dem 9. November 1918, durch die Reichshauptstadt. Sie besetzen Regierungsgebäude und hissen auf dem Reichstag die rote Fahne. Der Tag wird in die Geschichte eingehen: Es ist der Untergang des Kaiserreichs – und die Geburt eines neuen Deutschlands.

Das Dokudrama "Kaisersturz" am Mittwoch, den 31. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF zeichnet die letzten Monate der deutschen Monarchie nach. Im Mittelpunkt stehen die wichtigsten politischen Entscheidungsträger: Kaiser Wilhelm II., SPD-Chef Friedrich Ebert und Prinz Max von Baden, der letzte Reichskanzler des Kaisers.

In dem Film wird schnell klar: "Das deutsche Kaiserreich musste nicht zwangsläufig scheitern", so Prof. Lothar Machtan, Historiker, Fachberater der Sendung und Buchautor ("Kaisersturz", wbg, 352 S., 24 €). "Dem Verfall der Monarchie hätte entgegengewirkt werden können: durch eine ernsthafte Auseinandersetzung der Herrschenden mit dem demokratischen Zeitalter."

Doch daran hatte allen voran Kaiser Wil­helm II., seit 30 Jahren auf dem Thron, kein Interesse. "Seine Einstellung war: Ich bin von Gott auf den Thron gesetzt worden und kann alles machen, was ich will, ohne irgendjemandem rechenschaftspflichtig zu sein", analysiert Sylvester Groth, der in "Kaisersturz" Wilhelm darstellt.

"Während der Erste Weltkrieg ver­loren ging, bekam der Kaiser das gar nicht richtig mit"

Der Monarch setzte sich zwar gern als "Macher" in Szene, doch war diese Rolle mehr Schein als Sein. Obwohl er der Ober­befehlshaber von Armee und Marine war, bestimmte die Oberste Heeresleitung das Vorgehen im Krieg, zuletzt die Generäle Paul von Hindenburg und Erich Luden­dorff. "Während der Erste Weltkrieg ver­loren ging, bekam der Kaiser das gar nicht richtig mit", sagt Groth. Im Kreis seiner Frau und ergebener Berater verlor er jeg­liches Gefühl dafür, wie sehr sich die Stim­mung in der Gesellschaft ab Sommer 1918 wandelte: nicht nur gegen den Krieg, son­dern auch gegen ihn selbst und das politi­sche System.

In dieser Situation fühlte sich Prinz Max von Baden, ein Vetter des Kai­sers, berufen, die Monarchie zu retten. Nachdem er als Militär gescheitert war und als "Sanitätsgeneral" verspottet wurde, wollte er diese Schmach nun durch "große Politik" wiedergutmachen. Angetrieben von seinen Unterstützern setzte er alles daran, Reichskanzler zu werden.

Zuerst meuterten die Matrosen

Um sein Ziel zu erreichen und das Vertrau­en der Bevölkerung zu gewinnen, schloss er einen geheimen Pakt mit Friedrich Ebert, dem Vorsitzenden der Mehrheitsso­zialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD). Der wiederum fürchtete in den letzten Kriegsmonaten vor allem eines: eine unkontrollierbare Revolution wie in Russland. Deshalb machten der Arbeiter­führer und der Prinz gemeinsame Sache.

"Ebert sah darin die Chance, den überaus riskanten Zusammenbruch des deutschen Machtstaats aufzuhalten, womöglich so­gar abzuwenden, und dennoch die Sozial­demokratie an der Macht zu beteiligen", erklärt Machtan. Tatsächlich ernannte Wilhelm seinen Vetter am 3. Oktober zum Kanzler. Währenddessen überredete Ebert seine Partei, in die Regierung einzutreten.

Angesichts der ausweglosen Situation an der Front blieb von Baden nichts anderes übrig, als ein Waffenstillstandsgesuch an den amerikanischen Präsidenten Wood­row Wilson zu senden. Der forderte jedoch eine durchgreifende Parlamentarisierung und Machtbeschränkung der Fürsten und Militärs im Deutschen Reich – und heizte die Stimmung in der Bevölkerung weiter an.

"Immer häufiger und lauter war die Forderung 'Schluss mit dem Krieg' in der Öffentlichkeit zu vernehmen, und je länger sich die Friedensbemühungen hinzogen, desto gereizter und regimefeindlicher wur­de die Stimmung", schildert Prof. Lothar Machtan die Entwicklung. Doch Wilhelm dachte gar nicht daran abzudanken.

Als sich von Baden endlich dazu durch­rang, den Kaiser zu einem freiwilligen Thronverzicht zu drängen, flüchtete dieser kurzerhand ins Große Hauptquartier nach Spa in Belgien. Selbst da war Wilhelm noch überzeugt: "Ich bleibe und werde an der Spitze meiner Armee Berlin wieder er­obern."

Nun überstürzten sich die Ereig­nisse: Am 3. November meuterten die Matrosen in Kiel, woraufhin es überall in Deutschland zu Massenaufständen kam. In Berlin fegte die Revolution am 9. No­vember das alte Regime hinweg. Um kurz nach elf Uhr unterschrieb von Baden eine Verlautbarung, nach der Kaiser Wilhelm sich entschlossen habe, "dem Throne zu entsagen" – obwohl der Monarch seine Krone noch gar nicht niedergelegt hatte.

"Verrat, schamloser empörender Verrat!", polterte Wilhelm, als die Nachricht seiner Abdankung ihn in Spa erreichte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ins neutrale Hol­land abzuziehen. Es war General Wilhelm Groener, der dem Reichskanzler am Tele­fon eigenmächtig die unmittelbar bevor­stehende Abdankung ankündigte – und so das Ende des Kaisers ins Rollen brachte.

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Abdankung wider Willen

Von Baden übertrug die Reichskanzler­schaft an Ebert. Dann eilte er – für alle Be­teiligten überraschend – in seine badische Heimat davon. Bis dahin stand im Raum, dass der Prinz als provisorischer "Ersatz­kaiser" einer parlamentarischen Monar­chie zum Einsatz kommen könnte.

Nach dieser Flucht jedoch ließ Ebert verbreiten: "Arbeiter, Soldaten, Mitbürger! Der freie Volksstaat ist da!" Letztlich leitete Staats­versagen die "Sturzgeburt einer republika­nischen Volksdemokratie" ein, wie Histo­riker Machtan schildert. Sylvester Groth: "In dem Film sieht man, wohin der Wunsch nach einem starken Mann führen kann und dass wir nichts Besseres haben kön­nen als eine Demokratie."