Claus Kleber exklusiv über "Unantastbar: Der Kampf für die Menschenrechte"

Angela Andersen und Claus Kleber über die Dreharbeiten für ihre neue TV-Dokumentation "Unantastbar".

Als wir die letzten Laternen hinter uns gelassen haben, windet sich die Straße nur noch im schwachen Scheinwerferlicht unseres Wagens an der Küste von Lesbos entlang. Um halb fünf Uhr am Morgen kann man sich hier sehr allein fühlen.

Wir suchen die Strandwächter von "A Drop in the Ocean", eine der vielen kleinen Privatinitiativen, die auf der Insel Flüchtlingen helfen, die versuchen, übers Meer nach Europa zu entkommen. Kühl in Zahlen betrachtet, ist aus dem einstigen Flüchtlingsstrom zwar ein Rinnsal geworden, aber noch immer ertrinken Menschen in dem nur wenige Kilometer schmalen Streifen Wasser zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln des Ägäischen Meers.

Ganz selbstverständlich: Helfer in der Not

Wir finden Sofia und Glenn, als im Osten ein erster heller Schimmer auftaucht. Sie sitzen auf dem umgedrehten Wrack eines Holzboots und starren durch Ferngläser aufs Meer. Goldfarbene Folie als erste Hilfe für die unterkühlten, entkräfteten Ankömmlinge, Wasser, eine helfende Hand, ein "Ihr habt es geschafft" – mehr könne sie nicht tun.

Sofia Lobo (52) ist die Gründerin eines Theaters in Portugal, Glenn Richard (26) Manager einer Internetorganisation in Norwegen. Beide nehmen sich jedes Jahr mehrere Wochen frei, reisen auf eigene Kosten an, um zu helfen. Sie können die Gleichgültigkeit nicht ertragen.

Sofias Engagement ist von Empörung getragen: "Was wir tun, sollten Regierungen tun, statt faule Deals zu machen mit Ländern wie der Türkei und Libyen. Diese Art von Politik, die Flüchtlinge zurückdrängt, ist kriminell. Die Menschen haben das Recht, Schutz vor Verfolgung zu suchen."

Hier auf Lesbos ist die Macht der EU sehr präsent. Im Hafen der Hauptstadt liegen tagsüber Patrouillenboote der britischen Marine. Jetzt entdecken wir sie als Silhouetten draußen auf dem Wasser. Ihre Ausrüstung ist den Ferngläsern der zwei Freiwilligen weit überlegen, die Überwachung der Grenze inzwischen fast lückenlos.

Sofia und Glenn haben seit vielen Wochen keine Flüchtlinge mehr in Empfang genommen. Das ficht sie nicht an. "Wenn auch nur ein einziger Mensch nicht ertrinkt, weil wir helfen, dann war es den Einsatz wert", sagt Glenn.

70. Jahrestages der UN-Menschenrechtserklärung

Wie so viele Menschen, die Angela Andersen und ich beim Dreh unserer Dokumentation "UNANTASTBAR – Der Kampf für Menschenrechte" (27. November bei Arte, 4. Dezember im ZDF, jeweils 20.15 Uhr) kennengelernt haben, fühlen sich auch Sofia und Glenn den Idealen der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" verpflichtet.

Am 10. Dezember wird dieses die Welt verändernde Dokument der Vereinten Nationen 70 Jahre alt. ZDF und Arte wollen in einem Programmschwerpunkt Bilanz ziehen, nach vorne schauen und die große Vision von 1948 feiern. Es ist bitter nötig. Denn jeder kann spüren, dass sich gerade etwas fundamental verändert.

Solange wir uns erinnern können, schienen Freiheit, Menschenrechte und Demokratie auf dem Vormarsch zu sein. Mühsam, immer wieder auch verletzt und geschlagen, aber auf dem Weg zu einem Welterfolg. Endgültig in den Jahren nach 1989, als die Mauer gefallen, der Warschauer Pakt aufgelöst und der Kalte Krieg unblutig zu Ende gegangen waren.

2005 zählte die Stiftung Freedom House 123 parlamentarische Demokratien auf der Welt. Der Rest schien nur eine Frage der Zeit zu sein, zumal freiheitliche Regierungsmodelle meist auch vermehrten Wohlstand bedeuteten. Es ist anders gekommen. 2018 bewertete Freedom House nur noch 88 von 210 Staaten als "frei", wozu auch einige zählen, um die man sich Sorgen machen muss, wie etwa Ungarn und Polen. Gegen beide laufen EU-Verfahren wegen Verletzung der Rechtsstaatsprinzipien.

Überall Mini-Trumps

Niemand weiß über den Stand der Dinge besser Bescheid als Dr. Kenneth Roth. Der Amerikaner ist seit 25 Jahren Direktor der mächtigen NGO Human Rights Watch, die in 80 Ländern arbeitet und die Verfolgung von Kriegsverbrechern durch eigene Untersuchungen vorantreibt. Die Zentrale der Stiftung residiert in New York, unweit der Vereinten Nationen, in drei Etagen des Empire State Buildings. Diese Menschenrechtshüter erheben den Anspruch, von den Mächtigen ernst genommen zu werden.

Roth ist ein großer, hagerer Mann mit leuchtenden Augen. Als es darum geht, Rückschläge für die Demokratie und den Aufstieg von Populisten und Autokraten einzuordnen, sind seine Analysen so scharf wie kompakt. "Plötzlich gibt es auf der ganzen Welt Politiker, die eine allgemeine Unzufriedenheit ausnutzen. Sie dämonisieren Minderheiten, schüren Angst, erringen Macht und fangen dann an, die Regeln der Demokratie zu untergraben. Wie die freie Presse und eine unabhängige Justiz. So läuft es mit Orbán in Ungarn und mit Kaczyn´ski in Polen. Und mehr und mehr in den großen westlichen Demokratien. Schauen Sie nur auf Donald Trump. Den haben wir jetzt am Hals. Ihm steht in den USA immerhin noch eine starke demokratische Tradition entgegen. Aber er bestärkt die Mini-Trumps rund um die Welt, die dasselbe versuchen."

Madeleine Albright, unter Präsident Bill Clinton Außenministerin der USA, geht in ihrer Einschätzung noch weiter. Sie hält das, was wir derzeit erleben, für ein Wiedererstarken des Faschismus und hat darüber ein kluges wie beunruhigendes Buch geschrieben ("Faschismus. Eine Warnung", Dumont 2018).

Sie kam, elf Jahre alt, mit ihren jüdischen Eltern, Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei, in die USA. Und sieht nun, mit 81, eine Wiederholung des Schemas in Europa und in ihrem eigenen Land. Ihre Kritik an Trump ist fundamental: "Zu solchen Systemen gehört immer ein Sündenbock, dem man alle Probleme zuschreibt. Hier wie in Europa siegen Führungsfiguren, die sagen: 'Ich bin auf eurer Seite und nicht bei diesen Fremden, die gerade erst bei uns angekommen sind.' Es geht immer darum, Chaos und Konflikt zu säen."

Chinas totale Kontrolle

Während der Westen an seinen Werten zu zweifeln scheint, wächst im Fernen Osten eine Herausforderung, die wir viel zu lange nur als Wirtschaftsmacht gesehen haben. Professor Zhang Weiwei von der Fudan-Universität in Shanghai formuliert in elegantem, geschliffenem Englisch den fundamentalen Führungsanspruch Chinas, einer – wie er es sieht – 5000 Jahre alten Zivilisation: "Eure sogenannte liberale Demokratie ist vielleicht nur ein vorübergehendes Phänomen. Das funktioniert nicht ohne verantwortungsbewusste Bürger, die ihr nicht habt. In zehn Jahren könntet ihr das alles hinter euch haben. Ihr müsst das einsehen und umkehren. Sonst regieren bei euch demnächst überall kleine Trumps." So rechtfertigt Professor Zhang Weiwei ein Regime, das die totale Kontrolle über seine Bürger anstrebt.

Mit modernsten Kamera- und Computersystemen, verstärkt mit künstlicher Intelligenz. Chinesische Hightech-Unternehmen liefern die Geräte dafür. Die Computerleistung nimmt in atemberaubendem Tempo zu. Der perfekte Überwachungsstaat ist machbar. Und nicht Zukunft, sondern bereits Gegenwart.

Oft waren die Begegnungen für diesen Film bedrückend. Gerade in China, wo die Begeisterung für den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt mit Händen zu greifen ist. Und große Teile des Volks offenbar in diese Richtung weitergehen möchten. Die Regierung bietet Wohlstand und Sicherheit – vor Verbrechern, vor Fremden, vor Unordnung.

Wie lange noch, bis auch unsere westlichen Gesellschaften bereit sind, sich wieder auf so einen Deal einzulassen? Wie viele Menschen legen hier wirklich Wert auf den Schutz von Minderheitenrechten, auf eine unabhängige Justiz, auf freie Presse?

Aber dann schauten wir uns die Bilder an und hörten die Stimmen, die wir von unseren Reisen mit nach Hause gebracht haben. Von Künstlern und den jungen Aktivisten in Hongkong, die dort der Übermacht China widerstehen. Von Krankenschwestern in den ärmsten Regionen Kenias, die medizinische Versorgung und sexuelle Selbstbestimmung zu Frauen tragen. Von der Redaktion der ältesten türkischen Zeitung, "Cumhuriyet", der einzigen, die den Erdog˘an’schen Säuberungen widerstand. Von KollegInnen, die auch dann zur Arbeit gehen, wenn sie gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurden. Und wir denken an Hunderttausende engagierte Menschen rund um die Erde, die in ihren Regionen für die Menschenrechte kämpfen.

Es ist, wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck uns zwischen den Stelen des Holocaust- Mahnmals in Berlin in die Kamera sagte: "Nichts geschieht von selbst. Die Entwicklung der Menschenrechte nicht, die Achtung des Rechtes nicht und der Schutz des Friedens nicht."