Matthias Brandt: "Der Abschied vom 'Polizeiruf' fiel mir leicht"

Nach 15 Fällen in sieben Jahren verabschiedet sich Matthias Brandt von seiner Rolle als Kommissar Hanns von Meuffels in der ARD-Krimireihe "Polizeiruf 110".

Im GOKA-Kandidat "Tatorte" (16. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) ermittelt der zurückhaltende, "alleinstehende" Kommissar Hanns von Meuffels zum letzten Mal: Eine Frau wird vor den Augen ihrer Tochter auf einem Parkplatz erschossen. Für Nadja (Maryam Zaree), in diesem Fall von Meuffels Assistentin, scheint es offensichtlich: ein Familiendrama um Sex, Erpressung und Sorgerecht. Doch der Kommissar ist kein Freund voreiliger Theorien und zu viele Ungereimtheiten ergeben keinen Sinn. Er sucht den Austausch mit Constanze (Barbara Auer), seiner ehemaligen Kollegin aus Hamburg. Mit ihr verbindet Hanns von Meuffels eine über die berufliche Ebene hinausgehende, ambivalente Beziehung.

Wir trafen Matthias Brandt zum Interview und sprachen mit ihm über seinen Abschied.

Matthias Brand im Interview

Herr Brandt, warum quittieren Sie den Dienst beim "Polizeiruf 110"? Hat die Rollenentwicklung stagniert oder war Hanns von Meuffels auserzählt?

Matthias Brandt: Weder noch. Es ist gut, mal etwas anderes zu machen, bevor eine Ermüdung bei den Zuschauern eintritt – oder bei denen, die den "Polizeiruf" machen. Man muss eine Rolle nicht ausreizen. Und solange es hier und da bedauert wird, dass man aufhört, ist es sowieso besser.

Wie hat der Bayrische Rundfunk reagiert, als Sie das Dienstende verkündet haben?

Die waren schon traurig, aber sie haben es auch verstanden. Eigentlich war immer klar, dass das keine Endlosgeschichte wird.

Aber wie hat sich Ihr Verhältnis zur Hanns von Meuffels im Laufe von 15 Folgen verändert?

Einerseits fand ich es spannend, so viel Zeit für die Entwicklung einer Figur zu haben. Denn das hatte ich vorher noch nicht erlebt. Aber andererseits musste ich auch darauf achten, dass die Figur für mich als Schauspieler, der ja auch andere Rollen spielt, nicht zu dominant wurde. Der "Polizeiruf" war immer nur eine Facette meiner Arbeit. Außerdem wollte ich es mir in dieser Rolle nie gemütlich machen und sie zur Gewohnheit werden lassen. Es war jetzt ein guter Zeitpunkt, damit aufzuhören.

Und wie schwer war das Loslassen, nachdem die letzte Klappe fiel?

Gar nicht schwer. Es war ein leichter Abschied.

In Ihrer Abschiedsfolge steht Meuffels in einem Fahrstuhl, der schon mal eine besondere Bedeutung in einem "Polizeiruf" hatte. Glauben Sie an Zufälle?

Sagen wir mal so: ich bin abergläubisch. Aber das beschränkt sich bei mir eher auf kleine Glücks- oder Unglücksfälle des Alltags. Denn ich glaube nicht, dass wesentliche Lebensentwicklungen vom Zufall bestimmt werden.

In Ihrem letzten Fall stopft sich eine Psychologin von morgens bis abends mit Psychopharmaka voll – und wird vor den Augen ihres Kindes erschossen. Später landen die Ermittler dann in einen Swingerclub, und man schmunzelt als Zuschauer über die dort stattfindenden sexuellen Rollenspiele. Klingt tragikomisch …

Ja, kann man so sagen. Mir hat auch die Idee gut gefallen, dass Hanns und Constanze – ganz am Ende – Laurel und Hardy anschauen.

Halten Sie sich eine Rückkehr offen? Könnte es ein Meuffels-Comeback geben?

Das habe ich mir noch nie überlegt. Nein, ich glaube nicht. Ich wüsste nicht, was das veranlassen sollte.

Wie wichtig ist es Ihnen gewesen, dass Ihre "Polizeirufe" gesellschaftliche Denkanstöße geben?

Ich habe einen sehr schwach ausgeprägten pädagogischen Impuls, und ich denke nicht, dass es meine Aufgabe ist, Seminare abzuhalten. Falls das doch mal versehentlich passiert sein sollte – und es einen Ausrutscher gab – dann bitte ich hiermit dafür um Vergebung (lacht).

Ist es Zufall, dass Ihr letzter Fall "Tatorte" heißt?

Ich vermute nicht. "Tatorte" ist nach "Kreise" und "Wölfe" der dritte Krimi des Autorenfilmers Christian Petzold, und dadurch gewissermaßen eine kleine Reihe in der Reihe. Anfangs war das gar nicht so vorgesehen, es hat sich einfach entwickelt. Und den kleinen Twist mit "Tatorte" finde ich charmant und lustig.

Apropos "Tatort": Warum wohl sind die Einschaltquoten des "Polizeirufs" niedriger?

Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht wegen des Rituals. Sie haben natürlich Recht: Wenn man bei den großartigen Rostocker Kollegen einfach den "Tatort"-Vorspann davorsetzen würde, würden diesen "Polizeiruf" wahrscheinlich zwei bis drei Million Leute mehr gucken, obwohl es ja derselbe Film wäre. Wenn ich im Nachhinein etwas empfehlen dürfte, dann wäre es, mal zu überlegen, ob man mit dem Vorspann des "Polizeirufs" schon beim Optimum angekommen ist.

Ästhetisch oder inhaltlich?

Beides. Ich habe den "Polizeiruf"-Vorspann nie verstanden, während der "Tatort"-Vorspann kultig ist.

Haben Sie den Vorschlag mal in den Ring geworfen?

Ja, großes Thema. Wahrscheinlich tagen deswegen Arbeitsgruppen.

Wie wichtig ist Ihnen die Einschaltquote?

Natürlich hoffe ich, dass meine Arbeit gesehen wird. Und je mehr Leute gucken, desto mehr freue ich mich. Aber ich glaube nicht, dass man auf Bestellung Publikumserfolge produzieren kann. Jedenfalls nicht, solange man das noch als künstlerische Arbeit versteht, und nicht nur als industrielle. Ich kann das nur so machen, wie ich es gut finde und dann hoffen, dass es möglichst vielen Zuschauern auch so geht

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus? Nach dem Lesen von wie viel Drehbuchseiten wissen Sie, ob Sie zu- oder absagen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich muss das tatsächlich jedes Mal neu herausfinden. Manchmal gibt es Rollen, die ich ganz toll finde – aber sie bieten mir keinen Zugang. Außerdem ist mir ganz wichtig, mit welchen Regisseuren und Kollegen ich es zu tun habe. Eine Rolle für sich ist erst mal gar nichts.

Aber wie definieren Sie diesen so genannten "Zugang zur Rolle"? Ist das etwa eine gefühlte Schnittmenge zwischen Ihnen und der darzustellenden Figur?

Als Schauspieler sagt man immer schnell, dass Rollen nichts mit einem zu tun haben. Aber natürlich stimmt das nicht, weil ich ja nur mich als Person habe, ich bin ja mein Material. Rollen, zu denen ich einen Zugang finde, sind solche, die es mir ermöglichen, andere Möglichkeiten meiner selbst auszuprobieren. Denn es ist schlichtweg nicht möglich, eine vernünftige Darstellung zu liefern unter totaler Ausblendung der eigenen Person. Aber andererseits muss eine Rolle auch nichts von meinem realen Leben widerspiegeln. Insofern kann der "Zugang" beispielsweise irgendeine psychische Disposition sein oder etwas Äußeres. Matti Geschonneck hat mir mal eine Rolle in "Entführt" schmackhaft gemacht, indem er mir sagte, dass ich ein Goldkettchen tragen soll. Erst in dem Moment habe ich verstanden, wie die Figur tickte, worum es ging.

Durften Sie das Goldkettchen behalten?

Nein, wollte ich nicht.

Und jetzt, Herr Brandt? Was kommt nach dem Ende des "Polizeirufs"? Sie haben jetzt ja viel mehr Zeit …

Das sagen Sie so! Ich mache so viele andere Sachen, habe Theater und filmische Arbeiten, und ich schreibe auch. Langweilig wird mir also nicht.

Nochmal Lust auf eine Reihe?

Kann ich pauschal nicht sagen. Da müsste ich mir sehr genau angucken.

Aber wie geht es in Ihrer Fantasie mit Hanns von Meuffels weiter – jetzt, wo er ein neues Dampfbügeleisen und ein neues Smartphone hat?

Der lebt weiter sein Leben. Nur nicht mehr als Polizist. Und es ist keine Kamera mehr dabei.