Katharina Wackernagel: "Aenne Burda hat für die Emanzipation gekämpft, ohne es je zu sagen"

Im ARD-Zweiteiler "Aenne Burda - Die Wirtschaftswunderfrau" wird die Leistung der 2005 verstorbenen Verlegerinnen-Ikone gewürdigt. Wir trafen ihre Darstellerin Katharina Wackernagel zum Gespräch.

Kurz vor dem 70. "Burda Moden"-Jubiläum wird im ARD-Zweiteiler "Aenne Burda - Die Wirtschaftswunderfrau" (5. und 12. Dezember, 20.15 Uhr im Ersten) nicht nur das Filmportrait einer herausragenden Unternehmerin gezeichnet, sondern auch eine Emanzipationsgeschichte erzählt, die Schauspielerin Katharina Wackernagel aus verschiedenen Gründen stark beeindruckt hat...

Katharina Wackernagel über "Aenne Burda"

Darum geht's in "Aenne Burda - Die Wirtschaftswunderfrau"

1949: Deutschland erholt sich vom Zweiten Weltkrieg, die Leute haben wieder Lust auf Schönes. Da passt die Idee von Verlegergattin Anna Burda (Katharina Wackernagel) gut: eine Modezeitschrift mit Anleitungen zum Nachschneidern. Gatte Franz (Fritz Karl) aber bremst sie nicht nur aus, sondern betrügt sie auch noch mit seiner einstigen Sekretärin Evelyn (Cornelia Gröschel). Anna reicht's: Sie nennt sich fortan Aenne und setzt sich gegen alle Widerstände durch...

Trailer zu "Aenne Burda"

Katharina Wackernagel im Interview

GOLDENE KAMERA: In den beiden Filmteilen hat man den Eindruck, dass Du in Aenne Burdas Kleidern regelrecht aufblühst. Spiegelt sich in der Mode der 1950er Jahre auch der Schrei nach weiblicher Befreiung wider?

KATHARINA WACKERNAGEL: Das hat schon damit zu tun. Die Vision von Aenne Burda war, dass die Frau nur dann das Selbstbewusstsein bekommt, mit dem Mann auf Augenhöhe zu leben und zu arbeiten und nicht dessen Anhängsel zu sein, wenn sie sich selber schön findet und etwas tragen kann, dass ihr selber gefällt. Diese Selbstbestärkung finde ich in unserem Film schön eingefangen – nicht nur durch die kräftigen Stofffarben, man sieht auch, dass der modische Stil damals wieder die Sinnlichkeit der Frau zur Entfaltung gebracht hat. Das zu sehen, macht einfach Freude. Diese Modenschau-Szenen sind herrlich!

Neben dem Kampf um ihre Vision kämpft Aenne Burda im Film auch um Anerkennung von ihrem Mann und der Gesellschaft sowie aus Rache gegen ihre Nebenbuhlerin. Aus welcher dieser drei Emotionen hast Du schauspielerisch die meiste Energie gezogen?

Ich glaube schon, dass die Vision ihr stärkster Antrieb war. Allein aus einem negativen Gefühl wie Rache könnte man so ein Imperium nicht aufbauen. Ich kenne das von mir selber: Was aus negativen Gefühlen gespeist wird, hat nicht dieselbe Strahlkraft wie etwas, das aus positiven Motiven passiert. Das ist es auch, was mich an Aenne Burda am stärksten beeindruckt hat: das Umwandeln von Schmerz und Zurückweisung in die Energie, Schönes zu schaffen. Das muss sich aus einem positiven Ansporn heraus entwickelt haben.

Schauspieler in historischen Rollen

Trotzdem nimmt der Geschlechterkampf mit dem von Fritz Karl gespielten Patriarchen Franz Burda eine zentrale Stelle ein…

Ja, der Kampf der Eheleute. Ich habe das Gefühl, dass sich diese beiden durch ihre Rumschreierei auch ganz viel Energie gegeben haben. Hubert Burda hat selbst bestätigt, dass bei seinen Eltern so richtig die Fetzen geflogen sind und seine Mutter auch Sachen nach dem Vater geworfen hat. Aenne hat überhaupt ziemlich häufig Sachen durch die Gegend geschmissen. (lacht) Und trotzdem sind die Burdas bis ans Lebensende zusammengeblieben. Ich denke, da haben sich zwei gefunden, die ähnlich getickt haben.

Franz Burda als erster Frauenversteher?

Das vielleicht nicht, aber sie hat ihm ganz schön die Stirn geboten und war die letzten zehn, fünfzehn Jahre der gemeinsamen Ehe geschäftlich sogar erfolgreicher als er. Das zu einer Zeit in der eine emanzipierte Frau wie Aenne keinesfalls so üblich war. Das war schon ein sehr spannendes Paar. Und sie waren in ihrer offenen Ehe sehr modern – nicht nur für die 1950er Jahre.

"Aenne Burda – Die Wirtschaftswunderfrau" wirkt in der Tat wie das Portrait einer Pionierin der Emanzipation.

Dabei hat sie sich selber nie hingestellt und gesagt: "Ich habe für die Emanzipation gekämpft." Obwohl es das war, was sie getan hat.

Warum ist es speziell heute wichtig, so einen Film zu drehen?

Was man beim Schauen des Films auf jeden Fall erkennt, ist, dass wir 2018 noch lange nicht am Ende der Fahnenstange der Emanzipation und Gleichberechtigung angekommen sind. Dass eine Frau erst ihren Mann um Erlaubnis fragen muss, wenn sie alleine nach Paris fahren will, kann man sich einerseits heute nicht mehr vorstellen. Aber andererseits haben Frauen in Führungspositionen heute auch noch Probleme. Die Widerstände sind nicht mehr so stark in der Gesellschaft verankert wie in den 1950er Jahren, aber zwischen Mann und Frau herrscht noch Ungleichheit, bspw. wenn man über die Gehälter redet.

Du warst häufiger schon in historischenStoffen wie "Das Wunder von Bern" oder "Der Baader Meinhof Komplex" zu sehen. Wie unterscheidet sich Deine Vorbereitung, wenn Du eine historische Figur und keinen völlig fiktiven Charakter spielst?

Das ist schon etwas anderes. Bei historischen Stoffen spielen oft gesellschaftliche Aspekte noch eine Rolle. Wie war beispielsweise das Ansehen der Deutschen in den 1950er Jahren? Im Drehbuch wird ja geschildert, wie Aenne Burda nach Frankreich fährt, um Modeschöpfer zu treffen. Und da gibt es viele, die sie gar nicht vorlassen und nichts mit ihr zu tun haben wollen. Aber nicht nur, weil sie aus der Provinz kommt und eine Frau ist, sondern weil sie eine Deutsche ist. Solche unterschwelligen Spannungen finde ich bei historischen Stoffen immer besonders interessant.

Ist das historische "Verkleiden" dabei eher hilfreich oder irritierend?

Das ist unbedingt ein Bonus! Bei historischen Stoffen wird man als Schauspieler quasi ins gemachte Bett gelegt. Die Kostüme, die Ausstattung, die Requisiten sind alles Dinge, die Dich sofort mit in die damalige Zeit und damit in die Szene transportieren. Das hat man bei zeitgenössischen Filmen nicht. Es gab bestimmte Kleidungsstücke wie den riesigenPelzmantel – da war ich Aenne Burda, wenn ich den anhatte. Ich persönlich würde nie auf die Idee kommen, mir ein totes Tier über die Schultern zu werfen. Aber dann läufst Du mit so einem 6-Kilo-Pelz durch die Bürogänge auf so kleinen Schühchen, die total rutschig sind – und bist sofort eins mit dieser Figur.

Im Film spürt man förmlich, dass Du in der Rolle aufgehst. Siehst Du in Aenne Burda eine Art Seelenverwandte? Du hast ja ebenfalls Deinen eigenen Kopf durchgesetzt, als Du mit 17 nach Berlin gegangen bist und Dein Schauspielding durchgezogen hast.

Mir ist diese Rolle auf jeden Fall sehr nahe gekommen. Das ist längst nicht bei allen Rollen so, dass man am Ende wirklich das Gefühl hat: Diese Frau, die ich da gespielt habe, die gibt es, die habe ich kennen gelernt und mit der bin ich einen Weg zusammen gegangen. Das ist ein schönes Gefühl. Ansonsten würde ich nicht sagen, dass ich mich beim Lesen ihrer Biographie Aenne Burda besonders nahe gefühlt habe. Ich hatte eher das Gefühl: "Wow, was für eine Persönlichkeit!" Mich dieser Frau im Spiel zu nähern, hat mir sehr viel Kraft gegeben und ich würde auch sagen, dass ich für mich privat etwas mitgenommen habe. Dass auch Rückschlägen eine Chance innewohnen kann, habe ich erst durch sie verinnerlicht. Es stimmt schon, dass ich eine Kämpferin bin und die Fähigkeit besitze, meinen eigenen Kopf durchzusetzen. Aber Aenne Burda ist auf jeden Fall eine Nummer wilder! (lacht)