Maria Furtwängler: "In unserem 'Tatort' attackieren Frauen sich so, wie es sonst nur Kerle tun"

Autsch! Warum Maria Furtwängler im neuen "Tatort" von "Marvel"-Star Florence Kasumba verprügelt wird.

Eine neue Stadt, eine neue Co-Ermittlerin, neue Fälle: Im "Tatort: Das verschwundene Kind" (3. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) ermittelt Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in Göttingen zum ersten Mal gemeinsam mit der Kollegin Anaïs Schmitz (Hollywoodstar Florence Kasumba). Viele Gemeinsamkeiten hat das Team zu Anfang allerdings nicht.

Ein exklusives Doppelinterview:

Neue Figuren, neue Ermittlerkonstellation, neue Stadt: Erfindet sich die Lindholm-"Tatort"-Reihe mit "Das verschwundene Kind" komplett neu, Frau Furtwängler?

Maria Furtwängler: Komplett neu nicht – weil Charlotte mit all ihren Eigenschaften erhalten bleibt. Ihre Charakteristika sind nach wie vor ihre gewisse Selbstgefälligkeit und ihre Unfähigkeit, im Team zu arbeiten. Allerdings ist sie momentan eine Königin ohne Reich. Sie fühlt sich zurückgesetzt, bleibt länger als erhofft in Göttingen und muss mit Kollegin Anaïs kooperieren, die ihr keinen roten Teppich ausrollt …

Kein Wunder! Schließlich verwechselt Charlotte Anaïs schon beim ersten Kennenlernen mit der Putzfrau …

Maria Furtwängler: Das Problem ist aber ein völlig anderes: Charlotte und Anais sind beide absolute Alphafrauen! Und weil Charlotte daran gewöhnt ist, anderen Menschen Ansagen zu machen – und sich Anaïs nicht darauf einlässt – wird die Zusammenarbeit sehr herausfordernd.

Frau Kasumba, Hand auf’s Herz: Wie viel Spaß hat es gemacht, Charlotte Lindholm zu verprügeln?

Florence Kasbuma: So etwas macht eigentlich keinen Spaß, aber es gehört dazu. Ich mag sehr gern Action, aber bei diesem Dreh war die Actionszene eine einseitige Sache – weil es keinen Kampf gab, sondern Anaïs allein ausgetickt ist.

Anaïs ist eine tickende Zeitbombe …

Florence Kasumba: Ja, und so jemanden zu spielen, ist für mich ziemlich neu. Aber mit Charlotte Lindholm bekommt Anaïs ja glücklicherweise eine Kollegin, die öfter mal kontert. Dadurch ist die Beziehung der beiden Frauen alles andere als langweilig. Bei uns läuft viel über die Körpersprache. Wenn Anaïs brodelt, hält Charlotte sie oftmals gerade noch im letzten Moment zurück.

Haben Sie die Figurenkonstellation zusammen mit den Drehbuchautoren entwickelt?

Maria Furtwängler: Ja. Ich habe die Angewohnheit, nahe an der Drehbucharbeit zu sein und mich intensiv mit den Autoren auszutauschen. Wir haben uns schon zeitig getroffen, und Florence wurde ebenfalls ganz früh in den Entwicklungsprozess mit einbezogen. Letzten Endes wurde die neue Kommissarinnen-Konstellation mit unser beider Input entwickelt.

Aber wie hat es sich ergeben, dass Sie zum "Tatort" stoßen, Frau Kasumba?

Florence Kasumba: Weil ich vor vielen Jahren mal einen Film mit Christian Granderath gedreht hatte, und damals den Wunsch geäußert habe, dass ich gerne zu einem Ermittlungsteam gehören würde. Später habe ich dann ein paar "Tatorte" gedreht, und gemerkt, dass ich die Arbeit der Kollegen sehr schätze. Ich finde es super, dass man so viel Verantwortung übernehmen darf, aber trotzdem im Team ermittelt. Somit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Und ich bin mir sicher, dass vor meiner Verpflichtung viele Sendermitarbeiter ihr Okay geben mussten – weil es auch 2019 immer noch nicht selbstverständlich ist, dass eine schwarze Fernsehkommissarin im "Tatort" ermittelt.

Maria Furtwängler: Ich habe mich total auf Florence gefreut, weil ich schon so lange einen weiblichen "Lonely Wolf" gespielt habe – und mir eine Partnerin wünschte. Wir sind das erste doppelt weibliche Ermittlerteam, und unser erster gemeinsamer Fall greift ein spezifisch weibliches Thema auf. Denn Mutterschaft betritt Anaïs, Charlotte und das verschwundene Mädchen gleichermaßen. Jede der drei Frauen geht unterschiedlich damit um: Anaïs ist eine verhinderte Mutter, ich eine alleinerziehende – und das junge Mädchen … Darüber darf ich nicht spoilern. Ich habe immer versucht, Frauenthemen im "Tatort" zu platzieren – sei es in "Das goldene Band", "Wegwerfmädchen" oder "Der Fall Holdt", wo es um Gewalt gegen Frau geht. Vor diesem Hintergrund ist "Das verschwunde Mädchen" eine schlüssige Weiterentwicklung des Formats.

Frau Kasumba, Sie drehen viel in Hollywood. Kennt man den "Tatort" in der Traumfabrik?

Florence Kasumba: Nein …

Maria Furtwängler: Der "Tatort" ist schwer ins Ausland zu verkaufen, weil so viele Sendeanstalten involviert sind.

Warum ermitteln Sie in Göttingen?

Maria Furtwängler: Weil es inhaltlich ganz stark darum geht, Charlotte runterzustufen. Deshalb muss sie künftig in der Provinz arbeiten. Im Polizeijargon heißt sowas übrigens "Abordnung mit Anordnung". Göttingen ist weit unter Charlottes Niveau. Wir möchten erzählen, dass sich Charlotte zu etwas Größerem berufen fühlt, aber leider böse in der Provinz erwacht – und dass sie obendrein auch noch mit einer extrem herausfordernden Kollegin zurechtkommen muss.

Wie unterscheidet sich ein "Tatort"-Dreh in Göttingen von Drehs in Hannover?

Maria Furtwängler: Total! Wir wurden mit einer großen Neugier und Herzlichkeit willkommen geheißen.

Florence Kasumba: Stimmt genau. Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Stadt mitmacht. In Göttingen ist niemand respektlos durchs Bild gelaufen wie es beispielsweise in Berlin der Fall ist. Das war immer okay und entspannt. Und vor allem mittendrin.

Brodelnd, kämpferisch, temperamentvoll – ist Anaïs der weibliche Schimanski?

Florence Kasumba: Wir brauchen noch Zeit, um alle Facetten dieser spannenden Frau kennenzulernen. Momentan steht nur fest, dass Anaïs Charlotte als Rivalin empfindet – und erst später entdeckt, dass sie doch ganz gut mit ihr zusammenarbeiten kann. Es gibt viele Männer, die sich wie Anaïs benehmen. Aber nur ganz wenige Frauen!

Maria Furtwängler: Außerdem hat Anaïs auch noch einen sehr leckeren Ehemann, den Charlotte anfänglich anflirtet – eine reizvolle Dreierkonstellation, die in Zukunft viele spannende Ausführungen verspricht. Die Dynamik zwischen Anaïs und Charlotte lässt sich am besten so beschreiben: Wir brechen Geschlechterklischees auf, bei uns sind die Frauen nicht zickig, wir kämpfen mit offenem Visier, spielen nicht über Bande, sondern attackieren uns offensiv – so, wie es normalerweise nur Männer tun, inklusive körperlicher Gewalt. Anaïs und Charlotte kämpfen nach dem "Buddy-Prinzip" um die Hack- und Rangordnung – aber gleichzeitig wird ihr Kampf auch durch das extreme emotional-weibliche Thema der Mutterschaft gebrochen.

Heißt das, Sie erzählen Ihren neuen "Tatort" "divers"?

Maria Furwängler: Ja, ich glaube, das ist das A und O. Es geht darum, das Bild zu erweitern und Geschichten diverser zu erzählen. Wir sind ein weibliches, zweifarbiges, selbstverständliches Ermittlerteam. Anaïs und Charlotte erhöhen und verändern Sehgewohnheiten, weil sie sie nicht mit den immergleichen Verhaltensmustern zementieren.

Ist Ihr "Tatort" über verzweifelte, junge Mütter pure Unterhaltung oder soll er Denkanstöße geben?

Maria Furtwängler: Auf jeden Fall. Er soll das Spektrum "Mutterschaft" erweitern – und verdeutlichen, dass es verdammt anspruchsvoll ist, ein Kind zu haben und großzuziehen.

Angeblich merkt jede 500. Mutter nicht, dass sie schwanger ist …

Maria Furtwängler: Stimmt. Auf den ersten Blick ist das kaum vorstellen, aber dahinter stehen psychische Prozesse, die sich als eine Verdrängung manifestieren. Der Konflikt ist dermaßen überwältigend, dass er nicht im Bewusstsein verarbeitet werden kann, sondern ins Unbewusste verlagert wird. Und somit ist es leider denkbar, dass die betroffenen Frauen die Schwangerschaft permanent und konsequent abspalten.

Florence Kasumba: In unserem Fall geht’s um ein Mädchen, das seinen Körper noch gar nicht kennt – und nicht weiß, wie sich ein Zyklus anfühlt, und was der Unterschied zu Bauchschmerzen ist. Aber in der Realität ereignen sich unbemerkte Schwangerschaften in allen sozialen Schichten, und in allen möglichen Alterskategorien.

Ermitteln Sie auch künftig nur einmal pro Jahr?

Maria Furtwängler: Ja. Ich liebe Charlotte Lindholm und ich will sie auch nicht fallenlassen, aber ich genieße es, nur einmal im Jahr bei ihr anzudocken. Ich spiele ja auch noch andere Figuren! Darüber hinaus sind wir alle froh, wenn es uns zeitlich gelingt, dass unser Drehplan zu Florences mannigfaltigen anderen Projekten passt.

Worum geht es in Ihrem zweiten gemeinsamen Fall?

Maria Furtwängler: Die Bücher sind noch in Arbeit.

Warten Sie immer auf die Fertigstellung von zwei bis drei Drehbüchern, aus denen Sie das Beste herauspicken?

Maria Furtwängler: Gut beschrieben. Das ist exakt die Situation, auf die wir hinarbeiten. Es wäre schön, wenn es uns schon bei nächsten Film gelingt, mehrere Bücher zur Auswahl zu haben.

Gibt es genug gute Krimi-Drehbuchautoren in Deutschland?

Maria Furtwängler: Ja. Aber insgesamt gibt sicher zu wenig tolle Drehbuchautoren.

Woran liegt das?

Maria Furtwängler: Ich glaube, an den Voraussetzungen. Meistens müssen Autoren drei bis vier Projekte gleichzeitig machen, weil sie finanziell nicht gut genug bezahlt werden. Leider können sie sich deshalb nicht für einen Film viele Monate oder ein Jahr Zeit nehmen. Die Schlagzahl ist viel zu hoch.

Frau Kasumba, wie oft schauen Sie den "Tatort"? Und sind Sie ein Fan der Reihe?

Florence Kasumba: Ich bin damit aufgewachsen, und habe sehr viele Folgen gesehen. Doch in letzter Zeit bin ich oft nicht mehr dazu gekommen. Aber zum Glück gibt‘s ja die Mediathek!

Schlussfrage: Was ist das Erfolgsgeheimnis des Lindholm-"Tatorts", Frau Furtwängler? Sie sind ja Quotensiegerin und seit Jahren auf Platz 2 hinter Liefers und Prahl …

Maria Furtwängler: Die kriegen wir auch noch. (lacht) Ich kämpfe extrem für Bücher, die mir etwas bedeuten – und für Fälle und Themen, die unbedingt erzählt werden sollten.