"Lotte am Bauhaus": TV-Film zum Bauhaus-Jubiläum

Neues wagen, frei denken: "Lotte am Bauhaus" (13. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) ist der erste TV-Film zum Jubiläumsjahr "100 Jahre Bauhaus".

Ausgelassen und fröhlich läuft eine Horde Nackter durch den Wald zum See: "Das sind Bauhäusler", lacht Lotte Brendel (Alicia von Rittberg). Ihre Freundin schaut indigniert weg. Für die zeichnerisch talentierte Lotte leben die Studenten der Bauhaus-Schule ihren heimlichen Traum von künstlerischer Freiheit. "Sittenlos und gemeingefährlich", urteilen jedoch die meisten Bürger von Weimar über deren Treiben.

Darum geht's in "Lotte am Bauhaus"

Anstatt, wie von den Eltern gewünscht, ein Dasein als Ehefrau und Mutter anzustreben, schließt sich die 20-jährige Lotte einer Gruppe junger Künstler an, bewirbt sich am Bauhaus – und wird angenommen! Dank der Vision des Begründers Walter Gropius hat sie die Chance, gleichberechtigt zu studieren. In ihrem Kommilitonen Paul (Noah Saavedra) findet sie Unterstützung und die große Liebe. Doch der Bruch mit ihrer Familie macht ihr zu schaffen und die Anfeindungen nationalistischer Kräfte wachsen.

Jörg Hartmann spielt Walter Gropius

"Die Gründung des Bauhauses 1919 nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kam einem Urknall gleich. Alle Vorstellungen wurden gesprengt", sagt Jörg Hartmann, der im TV-Film Gründer Walter Gropius spielt. Der stammt aus einer Architektenfamilie und sorgt schon 1914 mit rund verglasten Treppentürmen für eine Musterfabrik für Furore.

Gropius fordert ein radikal neues Denken in Kunst und Architektur: Weg von den Schnörkeln des Jugendstils hin zu klaren, funktionalen Formen! Damit einher geht ein neues Gesellschaftsbild. Er will "keinen Unterschied zwischen dem schönen und dem starken Geschlecht" machen. Im ersten Semester liegt der Anteil der Studentinnen bei über 50 Prozent. Das ist revolutionär.

Da Gropius fürchtet, "der Frauenboom" lasse seine "Institution der Moderne" zu kunstgewerblich scheinen, rudert er später zurück. Doch sein Konzept ist einmalig auf der Welt. Jeder Student kann frei wählen: tischlern, malen, weben, drucken, Häuser und Möbel entwerfen.

Die Lehrer zählen zur Avantgarde ihrer Zeit: Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky.

Jubiläum "100 Jahre Bauhaus"

Das Drama "Lotte am Bauhaus" ist der erste TV-Höhepunkt, mit dem das Jubiläum "100 Jahre Bauhaus" gefeiert wird. Im Anschluss folgt die Dokumentation "Bauhausfrauen" (13. Februar, 22.00 Uhr, Das Erste). Dass die ARD weibliche Mitglieder des Instituts in den Mittelpunkt stellt, wirkt hochaktuell – und schafft Raum für Entdeckungen.

Bislang standen in der Bauhaus-Geschichte männliche Helden wie Walter Gropius und Paul Klee im Scheinwerferlicht – und die Frauen stets in ihrem Schatten. Dabei waren auch ihre Arbeiten visionär: Die Künstlerin Friedl Dicker schuf neue Techniken im Textildesign und stapelbare Stühle.

Alma Siedhoff-Buscher, an deren Leben die Filmfigur Lotte lose angelehnt ist, entwickelte innovative Kinderprodukte. Ihr "Kleines Schiffbauspiel" wird bis heute produziert.

Alicia von Rittberg spielt Lotte

Alicia von Rittberg, bekannt durch die erste Staffel der TV-Serie "Charité", lernte für ihre Rolle extra Zeichnen: "Ich habe in London einen mehrmonatigen Kurs gemacht."

Die große Bedeutung des Bauhauses ist der 25-Jährigen, die zurzeit in der britischen Hauptstadt wohnt, erst während des Drehs in Weimar und Dessau klar geworden: "Ich war völlig fasziniert davon, wie modern die Bauten und auch die Einrichtung noch heute auf einen wirken. Vor 100 Jahren muss das alles ausgesehen haben wie von einem anderen Planeten!"

Jörg Hartmann blickt kritisch auf das Bauahaus-Werk

Gropius' Vorstellung, "Handwerk und Kunst zusammenzubringen, muss im sehr konservativ geprägten Weimar viele verstört haben", sagt Hartmann. Er sieht das Bauhaus-Werk durchaus kritisch: "Ich finde das Schulgebäude in Dessau, die Gestaltung der Innenräume sehr beeindruckend. Und auch die Meisterhäuser sind einfach zeitlos schön. Doch der vom Bauhaus betriebene Umbruch im Städtebau, weg von der traditionellen europäischen Stadt hin zu konformen, gesichtslosen Wohnsiedlungen, hat viele Probleme erzeugt." Insofern sei der Heiligenschein, der die Bauhäusler heute umgibt, unangebracht.

Einen Wunsch möchte sich Hartmann dennoch erfüllen: "Ich habe große Lust auf einen Wassily-Stuhl von Marcel Breuer. Da bin ich noch auf der Suche."

Filmkritik

"Lotte am Bauhaus" spannt einen beeindruckenden filmischen Bogen vom Beginn des Bauhauses bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten. Mit der fiktiven Geschichte der eigenwilligen Lotte Brendel, die gegen den Widerstand ihrer Familie ans Bauhaus geht, setzt der Film vor allem den dort tätigen Frauen ein würdiges Denkmal.