Ulrike C. Tscharre: "Es gibt unterschiedliche Formen von Liebe"

Ulrike C. Tscharre (46)
Ulrike C. Tscharre (46)
Foto: ZDF / Daniela Incoronato
GOLDENE KAMERA sprach exklusiv mit Ulrike C. Tscharre über ihren neuen TV-Thriller "Getrieben" (25. Februar, 20.15 Uhr, ZDF).

Der Psychothriller "Getrieben" setzt auf Extreme. Und ist extrem spannend: Hauptkommissarin Sibylle Deininger (Ulrike C. Tscharre) und ihre Exgeliebte, die Psychologin Kara Bischoff (GOLDENE-KAMERA-Preisträgerin Petra Schmidt-Schaller), jagen einen Serienkiller, der Frauen stundenlang quält und dann tötet. Wir sprachen mit Ulrike C. Tscharre über ihre Rolle.

Interview mit Ulrike C. Tscharre

Im TV-Thriller "Getrieben" treibt ein fassadenkletternder Frauenmörder sein Unwesen. Ist das nicht ziemlich harte TV-Kost für Frauen?

Ulrike C. Tscharre: In Deutschland gibt es eine große Lust am Dunklen und am Krimi, und Frauen sind im öffentlichen Raum ohnehin anderen Gefährdungen als Männer ausgesetzt. Das fängt schon an, wenn sie nachts alleine nach Hause gehen. Einer Frau wurde schon als Mädchen eingeimpft, dass sie immer besonders wachsam sein muss. Und diese Wachsamkeit, die auch eine gewisse Grundanspannung beinhaltet, bleibt dann lebenslang – besonders an entlegenen Orten wie Parks und Parkhäusern.

Die Bildergalerie zu "Getrieben":

Warum hat es Sie gereizt, Sybille zu spielen, die in "Getrieben" auf Mörderjagd geht?

Für mich liegt der Reiz dieser Geschichte in der besonderen Beziehung zwischen Kara und Sibylle. Mir hat sehr gut gefallen, wie beiläufig die private Verbindung der beiden erzählt wird – und dass nicht groß kommentiert wird, dass es hier um zwei Frauen geht, die früher mal ein Paar waren und sich noch lieben. Denn es ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung, dass im Fernsehen verschiedenste Lebens- und Beziehungsformen gezeigt werden – weil wir eben nicht in einer Gesellschaft leben, in der es nur die klassische Konstellation Mann-Frau-Kind gibt, sondern unterschiedliche Formen von Liebe und Zusammenleben. Mich persönlich hat im Umgang mit Homosexualität immer am meisten gestört, dass die Menschen auf ihre Sexualität reduziert werden, und dass ein Bereich, der persönlich, intim und privat ist, als öffentliche Verhandlungsfläche benutzt und problematisiert wird und sinnbildlich für eine ganze Person stehen soll. Das hat mir noch nie eingeleuchtet. Aber indem die sexuelle Beziehung der Frauen in "Getrieben" so unbelastet erzählt wird, kann sie stellvertretend für jede mögliche Paarbeziehung stehen. Und so schafft es der Film auch, die Liebesgeschichte von Kara und Sibylle in eine Allgemeingültigkeit zu übertragen, die für jede Liebesgeschichte stehen kann, und mit der sich dadurch im besten Fall jeder identifizieren kann.

Eine wichtige Schlüsselszene in "Getrieben" ist die Entschlüsselung einer Zeichnung. Wussten Sie schon vor dem Dreh, dass unser Unbewusstes in Träumen – aber auch durch Zeichnungen – derart viel über verdrängte Traumata verraten kann?

Ich habe mich früher eine Zeitlang intensiv mit Träumen beschäftigt, weil mich interessiert hat, warum man beispielsweise wiederkehrende Träume hat. Deshalb habe ich auch schon ziemlich früh Bücher über die verschiedenen Richtungen in der Traumdeutung gelesen. Und dass – wie in unserem Film – durch Zeichnen unbewusst Dinge auf dem Papier entstehen kenne ich aus der Therapie von traumatisierten Kindern und meiner Arbeit für die Organisation Save the Children. Aber dass das bei Erwachsenen genauso gut klappt, wusste ich nicht.

Wie verändert sich die Wahrnehmung für einen Schauspieler auf die Welt, wenn man vor der Kamera so oft mit Mord und Totschlag zu tun hat?

Es erweitert den persönlichen Horizont und die Sicht auf die Welt im Allgemeinen. Aber ich würde nicht sagen, dass ich ängstlich durch die Welt gehe, weil ich weiß, wie viele böse Menschen es draußen geben kann.

Haben Sie schon "ermittelt", warum die Lust der Deutschen am Krimi so groß ist?

Ich frage mich auch, warum wir so viele Krimis drehen. Höchstwahrscheinlich gibt es dafür mehrere Gründe. Einerseits wird im Krimi ein Chaos geordnet – und wir haben es in Deutschland ganz gerne einigermaßen geordnet. Andererseits haben die Leute auch Lust auf das Unberechenbare, das in jedem Menschen schlummert. Und zu guter Letzt ist der Krimi auch noch ein dankbares Format, weil man über dieses Genre alles Mögliche erzählen kann.

Wurde bei Ihnen schon mal eingebrochen?

Glücklicherweise nicht! Für mich ist mein Zuhause ein unglaublich wichtiger Rückzugsraum, und ich lasse nicht mal gerne fremde Leute in meine eigenen vier Wände. Die Vorstellung, dass ich nach Hause komme und dass alles wie im Film durchwühlt wurde bereitet mir großes Unbehagen.

Ist es vorstellbar, dass Sie und Petra Schmidt-Schaller künftig weitere gemeinsame Fälle lösen und dass "Getrieben" erst der spannende Auftakt zu einer lockeren ZDF-Reihe ist?

Ich wäre auf jeden Fall dafür, und es wurde auch mal ganz locker darüber gesprochen, aber es gibt keine konkreten Pläne.

Schlussfrage: Was ist Ihr nächstes spruchreifes filmisches Projekt nach "Getrieben"?

Die Ausstrahlung des ZDF-Films "Rufmord" im April. Außerdem habe ich gerade die zweite Folge meiner Reihe "Zielfahnder: Blutiger Tango" abgedreht – mit meinem neuen Filmpartner Hanno Koffler. Wir waren dafür viele Wochen in Montevideo und hatten dort in eine unglaublich intensive Zeit.

Interview: Mike Powelz