Michael Kessler: "Die Engländer sind noch viel skurriler"

In der Doku "Ziemlich beste Nachbarn" (5.3., 20.15 Uhr, ZDF) fragt Michael Kessler nach: Sind Briten, Russen & Italiener so, wie wir meinen? GOLDENE KAMERA traf den Comedian zum Interview.

In der neuen dreiteiligen Doku "Ziemlich beste Nachbarn" sucht Comedystar Michael Kessler nach Ant­worten auf die Frage: Was sind die häufigsten Klischees über uns Deutsche und wie denken wir über unsere Nachbarländer? Dafür reiste der 51­Jährige kreuz und quer durch die Welt. Seine Mission: ein Realitäts­-Check! Wir trafen Kessler und sprachen mit ihm über das neue Format.

Michael Kessler im Interview

Wie entstand die Idee für die dreiteilige Doku "Ziemlich beste Nachbarn"?

Michael Kessler: Dieses Projekt haben der Münchner Dokufilmer Oliver Halmburger und das ZDF gemeinsam ausgeheckt! Und weil ich ein großer Europa-Fan bin, war ich gleich Feuer und Flamme! Es ist wichtig über den Tellerrand zu gucken – und zu checken, wie unsere Nachbarn ticken und was sie über uns denken.

Einerseits kommen Experten, andererseits Stars wie Mario Adorf zu Wort – und obendrein gibt's auch noch lustige Vergleiche. Wie lässt sich das Doku-Konzept beschreiben?

Es ist ein unterhaltsamer, mit historischen Herleitungen und viel Hintergrundwissen gespickter Blick! Denn natürlich haben viele Klischees ihre Wurzeln in Vergangenheit und Geschichte. Im Grund bereise ich diese Länder stellvertretend für die Zuschauer – und überprüfe den Wahrheitsgehalt von Klischees. Denn, mal ehrlich: Viele Klischees stimmen nicht!

Die sind noch schlimmer, oder?

Nein – gar nicht. Ich war selbst voller Vorurteile, und hatte beispielsweise ein mulmiges Gefühl, nach Russland zu fliegen. Aber dann war es dort ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Denn ich traf auf viele sehr gebildete, reflektierte, tiefsinnige und humorvolle Menschen, die auch kritisch auf ihr System blicken. Russland hat mich sehr fasziniert. Es hat eine besondere Energie!

Wie lange waren Sie unterwegs?

Insgesamt war ich jeweils zehn bis elf Tage bei unseren Nachbarn. Los ging's – bei minus 22 Grad im Winter vor einem Jahr – in Sibirien. Anschließend folgten ein Frühling in Sankt Petersburg, ein Sommer in Italien und ein englischer Herbst.

Aber wie viele Klischees haben sich bewahrheitet?

Ungefähr die Hälfte – obwohl es nicht "den typischen Russen" oder "den typischen Italiener" gibt. Denn, mal ehrlich: Letzten Endes sind wir doch alle unterschiedlich. Außerdem habe ich gemerkt, dass viele Klischees total altmodisch sind! Für die meisten Engländer sind wir Deutschen längst nicht mehr die "Krauts" oder "Nazis". Gerade die jüngeren Generationen blicken öfter über ihren Tellerrand. Die Russen und Italiener bewundern, dass wir hierzulande stabile politische Verhältnisse haben. Außerdem beneiden sie uns um unsere Effizienz und Ordnung – und dass bei uns, anders als bei ihnen, vieles funktioniert. Das gilt auch für unsere Meinungsfreiheit, die in Russland heute wieder eingeschränkter ist.

Aber was ist der Sinn und Zweck Ihrer Doku? Ein besseres Völkerverständnis?

Ja! Es ist total wichtig, sich sein eigenes Bild zu machen statt ständig überholte Klischees und vorgekaute Meinungen nachzuplappern.

Mal philosophisch nachgefragt: Wozu sind Klischees überhaupt gut? Vereinfachen sie die Welt auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, in dem ein Körnchen Wahrheit steckt?

Manchmal! Manchmal sind sie aber auch nicht wahr und dann darf man es sich nicht so bequem machen und sich mit den falschen Klischees "gemütlich" einrichten.

Blicken wir mal auf Ihre Reiseetappen: Was sind die typischen Klischees über die Russen?

Dass sie unheimlich viel Wodka trinken und starke Herrscher brauchen. Das erste Klischee ist schon falsch! Der Wodka-Konsum ist in Russland seit Jahren rückläufig. Aber das mit den starken Herrschern stimmt – weil die russische Demokratie immer noch in den Kinderschuhen steckt. Junge Russen haben mir gestanden, dass sie Angst haben ihre Ansichten über die russische Politik und das System zum Beispiel bei Facebook zu äußern. Auch die Älteren meinen, dass sie vieles im heutigen Russland wieder an die frühere Sowjetunion erinnert.

Szenenwechsel: Was sind die typischen Klischees über die Engländer?

Dass es in England meistens regnet, und alle Tee trinken und "Fish and Chips" essen und ansonsten beim Pferderennen sind! Aber in der Realität sind die Engländer noch viel skurriler. Sie braten gern ihre Extrawürste, nehmen sich aber auch selbst auf die Schippe, und lachen viel über sich selbst. Und, mehr noch: Sie betrachten sogar den 2. Weltkrieg mit einer uns fremden Distanz und Leichtigkeit und machen diese Zeit zum "Hobby". Sie treffen sich zum "World War 2 Memorial Weekend". Da tragen sie die Klamotten der 40-er Jahre und tanzen zur Musik von damals. Natürlich habe ich auch gemerkt, dass die Gesellschaft gespalten ist: viele wollen raus aus der EU und viele wollen bleiben. Und während die Brexit-Befürworter einen totalen Brass auf die EU haben, und sich nichts mehr vorschreiben lassen wollten, bedauern die jungen Leute den Brexit total. Ich persönlich schätze die Briten für ihren Humor und ihre guten Umgangsformen. Von ihrer Höflichkeit und Hilfsbereitschaft können wir uns eine Scheibe abschneiden – aber von ihrem "Fish and Chips" eher nicht.

Bleiben noch die Italiener: Was sind die typischen Klischees?

Dass sie Espressi-Trinker und Casanovas sind, und den ganzen Tag Pizza essen. Einiges davon stimmt wirklich: Viele Italiener sind Machos und Muttersöhnchen zugleich, weil die Familie das Wichtigste in ihrem Leben ist – und das Leben wird in Italien genossen. Italiener leben mehr im Hier und Jetzt als wir Deutsche. Einem Italiener käme es beispielsweise niemals in den Sinn, zu planen, wie das Rentendasein in 20 Jahren sein könnte. Aber leider haben sich auch einige Klischees bewahrheitet – zum Beispiel das Chaos im täglichen Leben. Vieles funktioniert nicht, und die politischen Verhältnisse sind ungeordnet. Darunter leiden viele Italiener. Und obwohl viele keine ausgeprägten Europa-Freunde sind, ist Italien enorm hilfsbereit. Man darf nicht vergessen, dass dieses Land unglaublich viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Leider prägen aber auch Korruption und die Mafia den italienischen Alltag. Manche sagen, Berlusconi habe Italien sehr verändert. Wenn die da oben lügen und betrügen, warum sollen die da unten dann noch ehrlich sein?

In welchem der drei Länder würden Sie sich am ehesten heimisch fühlen?

In England – wegen des Humors! Aber auch mit Russland und Italien gibt es Schnittmengen – zum Beispiel mit der "russischen Schwere" und dem leckeren, italienischen Essen.

Und was denken unsere Nachbarn über uns?

Sie respektieren und bewundern uns, weil wir das tägliche Leben im Griff haben und unsere Meinungs- und Pressefreiheit gut funktionieren.