Zur Sache Schatz: Uschi Glas wird 75!

Schätzchen, Serienstar, Kinowunder - seit über 50 Jahren steht Uschi Glas vor der Kamera. Wir trafen Sie zum Geburtstagsinterview.

Schnellen Schrittes kommt sie zum Interview, rauscht durch die Drehtür des Hotels „ Bayerischer Hof“ in München. Strahlend, in blauem Kaschmirpullover und perfekt sitzenden Jeans. Glücklich sieht sie aus. Sportlich-elegant, ohne Tamtam. Ein Stil passend zur Person: natürlich und frei von Allüren. Ein schwarzer Kaffee, dazu ein Mineralwasser – los geht’s! Ein Gespräch über letzte Geheimnisse ihrer Karriere, das Überwinden von Krisen und das Älterwerden – das viel besser ist als sein Ruf.

GOLDENE KAMERA: Sie feiern am 2. März Ihren 75. Geburtstag. Für uns und Ihre Fans ein Grund zum Jubeln. Für Sie auch?

USCHI GLAS: Natürlich, weil ich einer der Menschen bin, die sich freuen, dass sie älter werden. Ich finde diese Koketterie„Ach, erinnere mich nicht daran, wie alt ich werde!“ undankbar und gedankenlos. Ich empfinde es als großes Glück. Sicher auch, weil ich gesund bin und noch arbeiten darf.

Beschreiben Sie Ihr Lebensgefühl!

Ich war schon immer ein Mensch, der denTag anpackt. Ich versuche, jeden Tag alles maximal zu begreifen und irgendwas zu bewegen, ob nun körperlich oder geistig, ganz egal. Mir ist die Gegenwart am wichtigsten. Nur das Jetzt ist zu beeinflussen, nicht das Gestern und das Morgen. Was ist das Schöne am Älterwerden? Ich spüre schon länger: Man wird auch ein bisschen gelassener. Das gefällt mir gut. Wenn ich mit jungen Kollegen zusammen bin, denke ich manchmal: „Mein Gott,allesmuss jetzt gleich passieren. Sie zerreißen sich!“ Aber ich war genauso. Jetzt ist nicht mehr dieser Druck da. Ich kann meine Zeit frei einteilen, habe eine tollen Mann, genieße es, meine Kinder zu treffen. Sie sind mein größtes Glück. Aber die täglicheVerantwortung ist nicht mehr da.

Wenn Ihr Leben ein Film wäre, welchen Titel würden Sie ihm geben?

„Mit einem Lächeln“. So habe ich auch mein erstes Buch genannt. Ich habe bewusst „Lächeln“ und nicht „Lachen“ gewählt, weil ich glaube, man braucht ein bisschen Selbstironie und Humor, um Dinge einzustecken. Vor allem braucht man ganz großen Optimimus. Ein Leben läuft nicht immer reibungslos, es gibt immer wieder Rückschläge. Im Endeffekt muss man wieder aufstehen, vorwärtsgehen. und sich wieder zusammennehmen. Disziplin brauchst du auch, aber vor allem Optimismus.

Das Leben hat Ihnen einige Aufgaben gestellt. Etwa die Trennung von Ihrem Exmann in der Öffentlichkeit. Was haben Sie aus den Krisen gelernt?

Ich wünsche keinem Menschen so eine Krise, weil es immer verletzend ist, weh tut und man grübelt: „Was habe ich falsch gemacht?“ Bis meine Ehekrise kam, war ich nur auf Daunen gebettet. Vielleicht ist mal ein Film geplatzt, aber dann ist immer etwas anderes dahergekommen. Ich habe Theater gespielt, Filme gemacht, habe drei gesunde Kinder. Was wollte ich mehr? Und plötzlich habe ich so einen Schlag in die Magengrube gekriegt. Vielleicht war es mal an der Zeit, sich zu sagen: „Es ist nicht immer alles nur Wolke sieben.“

Wie schafft man es, in so einer Krise seinen Optimismus nicht zu verlieren?

Das geht natürlich nicht von jetzt auf gleich. Ich brauchte ein Trauerjahr, um es einfach erst mal zu fassen. Man versteckt sich. Irgendwann ist es tatsächlich so, dass man sagen muss: „Jetzt ist gut! Es ist so.“ Da musst du wieder aufstehen, den Tag gestalten einfach wieder anpacken. Und nicht sagen: „Lasst mich alle in Ruhe!“ Das musste ich lernen. Aber siehe da: Es geht!

Wenn Sie Bilanz ziehen: Was ist gut gelaufen in Ihrem Leben?

Also, bei mir ist, glaube ich, ziemlich viel gut gelaufen. Ich habe mir immer heimlich gewünscht, dass ich Schauspielerin werden darf – was in meinem Umfeld, da, wo ich aufgewachsen bin, ein Ding der Unmöglichkeit war. Da hättest du auch sagen können: „Ich will eigentlich gern auf dem Mond landen.“ Das wäre ungefähr dasselbe gewesen. Aber bei mir gab es oft im Leben diese Zufälle. Ich habe damals in Dingolfing an der Isar gearbeitet. Dort wurde ein Film gedreht, und ich kam mit den Leuten ins Gespräch. Es hieß: Wenn ich mal inMünchen sei, solle ich mich melden, dann würden sie mich mit auf eine Party nehmen. Und so war es dann auch.

Dort haben Sie den Filmproduzenten Horst Wendlandt kennengelernt?

Ja. Ich habe über eine Episode im Film gelästert. Darauf hat er gesagt: „Wenn Sie sich so gut auskennen, sind Sie Schauspielerin.“ Ich sagte: „Noch nicht, aber ich möchte es gern werden.“ So ist es dann gekommen. Er gab mir meine erste Rolle in Edgar Wallace’ „Der unheimliche Mönch“.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Wir hatten ein inniges Verhältnis, aber ich habe sie erst informiert, als ich schon für die Dreharbeiten in Hameln war. Mein Vater sagte: „Du kommst sofort zurück!“ Ich war 21, also volljährig, und sagte, das ginge nicht, denn ich hätte einen Vertrag unterschrieben. „Das ist das Letzte!“, sagte er. „Komm du nur nach Hause, dann werde ich dir etwas erzählen!“ Parallel habe ich meine Schauspielausbildung begonnen.

Bald darauf wurden Sie zum "Schätzchen“. Wie gefällt es Ihnen, wenn Sie heute jemand so anspricht?

Ich finde es lustig. Das war ein toller Film. Von Anfang an habe ich gesagt: „Ich bin wahnsinnig gern dabei, aber ich ziehe mich nicht aus.“ Kein Thema, das kriegen wir hin, hieß es. Am Set haben sie doch versucht, mich zu überreden. Dann hatte ich die Idee, mir eine Korsage machen zu lassen, die sexy ist. Die Regisseurin May Spils war begeistert: „Du bist ein Mistvieh! Ja Wahnsinn! Genau so machen wir es!“

Sie waren erst 26 Jahre alt, als Sie im offenen Cabrio durch München chauffiert und bejubelt wurden. Wie bleibt man da auf dem Boden?

Die Verführung ist groß. Meine Erziehung hat mir sehr geholfen. Mir wurde beigebracht, mich nicht zu erheben. Mein Vater hat immer gesagt: „Uschi, du musst dich abends noch im Spiegel anschauen können.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute. Aktuell gibt es die MeToo-Debatte.

Haben Sie Anzüglichkeiten erlebt?

Nie. Ich glaube, Menschen spüren, dass sie sich eine gewaltige Ohrfeige einfangen würden. Ich bin ein Kumpel, ich lache gern mit Leuten, aber nie im Leben soll jemand auf die Idee kommen, mich vereinnahmen zu wollen.

Schalten Sie ein, wenn Ihre Filme im Fernsehen laufen?

Eigentlich nicht. Ich habe da große Hemmungen. Das kann ich nicht, da leide ich wie verrückt. Das passiert nur durch Zufall, wenn eine Wiederholung läuft. Ich habe ganz viele meiner Filme nie gesehen.

Dank Ihrer Rolle im Kinoerfolg „Fack ju Göhte“ gehören Sie wieder zum jungen deutschen Film. Wie kam das?

Der Regisseur Bora Dagtekin war als Kind ein großer Fan meiner „Lümmel“-Filme.

Sie meinen die Reihe um „Die Lümmel von der ersten Bank“?

Genau. Dagtekin erzählte mir, dass er sie mehr oder weniger auswendig konnte. Als er das Drehbuch zu „Fack ju Göhte“ schrieb, wollte er unbedingt, dass ich die Rolle spiele. Aber alle sagten ihm: „Du spinnst, nie im Leben spielt sie mit.“ Die Producerin hat meine Handynummer herausgefunden und mich direkt angerufen. Es hat Riesenspaß gemacht, mit einem sojungen Team zu drehen. Ich hätte noch eine gute Idee für Teil 4. Mal schauen.

Hat sich Ihre Karriere dadurch noch einmal verändert?

Es kommen inzwischen öfter Anfragen von jungen Filmemachern. Gerade habe ich mit einem Österreicher einen Pilotfilm gemacht. Da spiele ich eine verrückte Psychotherapeutin. Crazy und spannend.

Was ist Ihnen beim Arbeiten wichtig?

Ich bin ein Mensch, der am Set Harmonie und Frieden braucht. Ich kenne Kollegen, die können schreien und dann gleich weiterspielen. Das könnte ich nicht. Ihnen ist nie zum Schreien? Nein, ich schreie schon lange nicht mehr. Vielleicht früher ab und zu mit den Kindern – aber hinterher fühlt man sich immer ganz schlecht. Das ist furchtbar. Wer kann schon von sich behaupten, dass er immer alles richtig macht?

Zum Schluss haben Sie einen Wunsch frei: Wenn Sie neben Mann und Kindern acht Gäste zum Geburtstagsdinner laden dürften, egal ob sie noch unter uns weilen oder nicht – wer wäre das?

Ich würde den Papst einladen, weil ich gern mit ihm sprechen möchte. Ich finde es grandios, dass er zum Beispiel in die Vereinigten Arabischen Emirate gereist ist, um in einer so verhärteten Situation ein Tor aufzumachen. Dann würde ich meine Eltern einladen, Jean Gabin, Ernest Borgnine und Curd Jürgens, der ein ganz großer Freund von mir war. Johannes Heesters, weil ich mein allererstes Theaterstück mit ihm spielen durfte. Und Horst Wendlandt, der mir vertraut und an mich geglaubt hat. Dann habe ich die Runde beisammen. Ach, das wäre schön!

Interview: Mirja Halbig