TV-Zweiteiler "Brecht" mit Tom Schilling und Burghart Klaußner

Politisch, provokant, bissig: So kennt man den Dichter Bertolt Brecht. Im Dokudrama "Brecht" (Teil 1 und 2 am 22. März, ab 20.15 Uhr, Arte) zeigt Heinrich Breloer ihn widersprüchlicher: als einen "schüchternen Menschenfresser".

Unser Bild von den Größen der Kunst prägen meist Klischees. Auch bei Bertolt Brecht (1898 bis 1956), dem bekanntesten deutschen Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Poet und Politprovokateur, Rebell und Revolutionär des Theaters.

Trailer zu "Brecht"

Der poetische, politische und private Brecht

Brecht, der engagierte Menschenfreund. Denkt man. Einer, der sich kritisch für soziale Gerechtigkeit einsetzte. Dass er persönlich andere völlig für sich vereinnahmte, sogar noch Besitzansprüche hegte, wenn Freundschaften längst zerbrochen waren, tritt dabei oft in den Hintergrund.

Brecht, der Frauenheld. Sagt man. Tatsächlich hatte der Dichter später nicht nur mehrere Beziehungen parallel, sondern vier Kinder mit drei Partnerinnen. Kaum einer weiß, dass er es als junger Mann kaum wagte, weibliche Wesen anzusprechen und oft Kommilitonen vorschickte.

Brecht, der bissige Zeitgenosse. Heißt es. Wie der Haifisch in seiner weltberühmten "Moritat von Mackie Messer" aus der "Dreigroschenoper" zeigte er gern Zähne. Nicht nur politisch, sondern auch, wenn sich ihm jemand privat widersetzte. Wer weiß schon, dass er am Ende seines Lebens kaum mehr eigene Zähne im Mund hatte.

Brecht, der selbstbewusste Egomane. Bereits als Gymnasiast stellte er klar: "Ich bin der letzte Dichter der deutschen Sprache, das letzte deutsche Genie!" Und das, obwohl er sich für zu klein hielt, kaum im Spiegel anschauen mochte, Angst vor plötzlichem Herzversagen hatte, oft unter Todesangst litt. Brecht, ein Paradoxon.

"Brecht" von Filmemacher Heinrich Breloer

"Brecht": Regisseur Heinrich Breloer im Interview

Die wenig bekannten privaten Facetten des berühmten Dramatikers will der renommierte Filmemacher Heinrich Breloer nun in einem Psychogramm beleuchten. Bereits 1978 drehte der sechsfache Grimme-Preisträger einen Dokumentarfilm über den jungen Brecht: "Bi und Bidi in Augsburg". Seither hat er weiter Stimmen und Material gesammelt und nun zu einem spannenden Dokudrama verdichtet: "Brecht".

Wie in seinen vorherigen preisgekrönten Werken "Todesspiel" und "Die Manns" verknüpft der 77-Jährige dabei Spielszenen, Originalmaterial und Interviews mit Zeitzeugen. Heraus kam dabei "ein Dokudrama über die Brecht-Werdung", wie es Hauptdarsteller Tom Schilling ausdrückt, der im TV den jungen Dichter spielt.

Doch warum heute noch Brecht? Weil er aktuell ist wie nie, findet Breloer: "In der heutigen Zeit, in der so vieles brüchig wird und so viele Illusionen und Fake News verbreitet werden, ist es gut, dass Brecht uns daran erinnert, dass die höchste Begabung, die wir Menschen haben, die Vernunft ist. Nur mit der Vernunft können wir die richtigen Fragen stellen und unsere Probleme lösen. Brecht warnt uns immer wieder davor, zu schnell die einzig richtigen Antworten zur Hand zu haben. Er predigt den Zweifel, auch den an den eigenen Gewissheiten. Er beharrt auf dem Recht, in Widersprüchen zu denken."

Sein wichtigstes Werkzeug? "Das Mittel der Verfremdung", so Breloer im GOLDENE KAMERA-Interview. "Brecht ließ seine Figuren vor die Zuschauer treten, wenn sie es am wenigsten erwarteten. Er ließ die Schauspieler rufen: 'Glotzt nicht so romantisch!'"

Solche Brüche kombinierte er mit neuen Stilelementen wie einem offenen Ende und Figuren, die als Erzähler aus ihrer Rolle traten. So habe er Theaterbesucher "wachgeknipst" – für seine Theorie, unser Verhalten sei vor allem durch die soziale Lage bestimmt. Und um die zu ändern, müssten wir sie erst mal erkennen.

Tom Schilling als junger Brecht (1916-1933)

Den jungen Bertolt Brecht spielt Tom Schilling kränkelnd und größenwahnsinnig zugleich. "Ich selbst kannte Brecht nur als Künstler", sagt der 37-Jährige, der – welch schöne Koinzidenz – wie der Dichter an einem 10. Februar zur Welt kam. "Durch das Dokudrama habe ich ihn endlich auch als Privatperson kennengelernt. Und als einen Mann der Widersprüche."

Besonders verblüfft, so Schilling, habe ihn, dass sich Brecht zwar ganz der Kunst verschrieb, aber nebenbei Reklametexte schrieb. "Und obwohl er Kommunist war, liebte er auch edle Autos. Ich verkörpere ihn als Rüpel, Lebemann und sexuell aufgeladenen Menschen, der alles und jeden besitzen wollte und diesen Anspruch damit rechtfertigte, er lebe schließlich nur einmal."

Burghart Klaußner als älterer Brecht (1947-1956)

In der zweiten Filmhälfte wird der Dichter gespielt von Burghart Klaußner. "In Brechts Wirklichkeit gab es den tiefen Einschnitt des Nationalsozialismus", so der 69-jährige Schauspielstar zu GOLDENE KAMERA. "Als er nach 14 Jahren aus dem Exil heimkehrte, war er ein etwas geläuterter Mann. Den Glauben, eine bessere Welt zustande zu bringen, hat er dennoch nie verloren."

"Brecht"-Darsteller Burghart Klaußner im Video-Talk

Würde Brecht heute leben, mit welchen Mitteln würde er sein Ziel verfolgen? Breloer: "Er würde sich sicher moderner künstlerischer Ausdrucksmittel mit Massenwirkung bedienen. Vielleicht sogar Youtube? Auf jeden Fall würde er wohl weiter versuchen, der Welt zu zeigen, wie sie wirklich ist, und er würde Vernunft bei der Gestaltung der Zukunft einfordern. Ich glaube, er hätte ziemlich viel zu tun."

Filmkritik

Ein Film, auf den man lange warten musste: Endlich setzt Heinrich Breloer, der schon Thomas Mann kongenial auferstehen ließ, dem Revoluzzer-Poeten aus Augsburg ein filmisches Denkmal - mit einem kritisch-respektvollen Blick auf Brecht. Heraus kam ein faszinierendes Porträt eines unfassbaren Mannes. Ein akribisch komponiertes Bravourstück, exzellent besetzt mit Tom Schilling und Burghart Klaußner.