Jugendliche ohne Halt im "Polizeiruf 110: Kindeswohl"

Kinder, die durchs System fallen und Bukows Sohn auf Abwegen: Im "Polizeiruf 110: Kindeswohl" (Sonntag, 7. April, 20.15 Uhr im Ersten) verschlägt es die Rostocker Ermittler bis nach Polen.

Auch in diesem Fall steht das Privatleben der Ermittler im Vordergrund: Bukows Sohn Samuel ist verschwunden. Und leider ist die Stimmung zwischen König und Bukow seit dem letzten "Polizeiruf 110: Für Janina" immer noch äußerst frostig. Selbst als die Sorge um Samuel immer größer wird, können sich die beiden Beamten nicht als Team zusammen raufen.

Darum geht's im "Polizeiruf 110: Kindeswohl"

Ein Bauernhof in Polen: Eine Frau ruft zum Mittagessen. In einem Schuppen baumelt an einem Balken ein Seil mit einer Schlaufe. Ein Junge greift zu dem Strick, legt ihn sich um den Hals und stößt den Tritt unter seinen Füßen weg.

Gegenschnitt: Auch Bukows Sohn Samuel (Jack Owen Berglund) wird zum Essen gerufen, doch der spielt lieber mit seinem neuen Kumpel Keno (Junis Marlon) Computerspiele. Wie sich herausstellt, lebt Keno in einem privaten Kinderheim, das von der liebevollen Erzieherin Valli (Christina Große) und einem sehr strengen Leiter geführt wird. Als es zwischen dem Betreuer und Keno zu einer handfesten Auseinandersetzung kommt, greift Keno vor Samuels Augen zur Waffe und erschießt den Heimleiter.

Die beiden Jungs flüchten. Bukow und Katrin König stoßen bei ihren Ermittlungen auf Mitarbeiter, die sich mit ihren Aussagen sehr zurückhalten, ja sogar mauern. Was ist da los? Bukows Sorge um seinen verschwundenen Sohn steigt und er greift erneut zu unorthodoxen Methoden. Eine Spur führt ihn nach Polen. Dort werden, wie König es nennt, Jugendliche in den "billigen Osten outgesourct". Was verbindet Keno mit dem deutschen Jungen auf dem polnischen Bauernhof?

Hintergrund

Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass derzeit 850 Kinder aus Deutschland in Pflegefamilien im europäischen Ausland leben. Die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau erklärt, warum dieser Fall ihre Figur Katrin König, auch ein Heimkind, so aufwühlt: "Besonders entsetzt ist sie, als sie erfährt, dass es Leute gibt, die aus der kompletten Hilflosigkeit dieser Kinder auch noch Geld rausschlagen und sich in dem Bereich ein ganzer Wirtschaftszweig etabliert hat."

Christina Große spielt "Valli"

Christina Große ist mit großer Regelmäßigkeit im Fernsehen und in Krimis zu sehen: Allein letztes Jahr spielte sie in drei "Tatorten" mit: im "Tatort – Die robuste Roswita", im "Tatort – Sonnenwende" und im "Tatort: Waldlust". Außerdem war sie im GOKA-Kandidaten "Das Leben danach" und in der Serie "Weissensee" zu sehen. Derzeit dreht sie gerade die zweite Staffel von "Das Institut" und den TV-Film "Tage des letzten Schnees".

Junis Marlon spielt Keno

Auch Junis stand mit seinen 19 Jahren schon häufig vor der Kamera. 2007 wurde er durch den Film "Das Herz ist ein dunkler Wald" bekannt. Es spielte u.a. im "Tatort: Das namenlose Mädchen" und im "Tatort – Borowski und der brennende Mann" mit.

Regisseur Lars Jessen

Jessens Film "Jürgen – Heute wird gelebt", in dem ebenfalls Charly Hübner mitspielt, gewann 2018 als bester Fernsehfilm die GOLDENE KAMERA. Er drehte schon regelmäßig für den Münster-"Tatort" zuletzt "Gott ist auch nur ein Mensch" und wurde durch den Kinofilm "Dorfpunks" bekannt. Jessen sagt zu dem Fall: " Das Problem ist nicht die Unterbringung im Ausland als solches, sondern die mangelnde Überprüfung."

Seine Frau arbeitet im sozialen Bereich. Durch ihre Erzählungen wurde Jessen darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Bereich zunehmend privatisiert wird: "Wenn die Betreuung von Kindern und Jugendlichen abhängig gemacht ist von ökonomischen Rahmenbedingungen, werden diese Kinder und ihre Probleme zu einem Gut, mit dem die Menschen handeln", sagt der Regisseur.

Filmkritik

Eine psychisch kranke Mutter, ein Vater, der aufgrund einer neuen Beziehung keine Zeit mehr für seinen Sohn hat – und plötzlich steht da ein Kind, das durchdreht und man spricht von einem sogenannten "Systemsprenger". Wie das System ein solches Opfer auffängt, ist die zentrale Thematik dieses Falls. Wie so häufig nimmt uns der Rostocker "Polizeiruf" dabei mit in eine "düstere Nische" unserer Gesellschaft und erzählt von überforderten Jugendämtern, deren Inobutnahme von Kindern in nur zehn Jahren um 65 Prozent zugenommen hat. Dabei mahnt Regisseur Lars Jessen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern lässt stattdessen in den richtigen Momenten die Kamera sprechen, was ergreifend genug ist.