"Deniz Yücel - Wenn Pressefreiheit im Gefängnis landet"

Deniz Yücel
Deniz Yücel
Foto: © NDR
Pinar Atalay über die Gespräche mit dem ein Jahr in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel – und die Übergriffe auf Reporter weltweit.

Es gibt Geschichten, die man zwar wiedergeben, aber nicht begreifen kann. Die viele Fragen aufwerfen und wenige Antworten liefern. "Der Fall von Deniz Yücel ist so eine komplexe Geschichte, die aus verschiedenen Sichten erzählt werden muss", sagt die "Tagesthemen"-Moderatorin und Journalistin Pinar Atalay.

Tatsächlich konnte sie ihren Kollegen Yücel, der sich seit seiner Freilassung aus einem türkischen Gefängnis am 16. Februar 2018 zurückgezogen hatte, für ein Interview gewinnen. Die beiden trafen sich an einem geheimen Ort. Und redeten über mehrere Tage miteinander, viele Stunden lang. Ihre Gespräche sind die Basis der spannenden ARD-Dokumentation "Deniz Yücel - Wenn Pressefreiheit im Gefängnis landet" (15. April, 22.45 Uhr, Das Erste).

Die Inhaftierung als reine Willkür

Deniz Yücel erzählt. Von seiner Zeit in Polizeigewahrsam, den zehn Monaten in Isolationshaft in Istanbul, dem winzigen Innenhof. Von dem Richter in der Zelle neben seiner, den er zwar nie gesehen, mit dem er aber über den Hof hinweg gesprochen habe. "Diese Angst, dass man jetzt von aller Welt vergessen wird und da verrottet, die war sehr stark – und ich hatte ja nichts verbrochen", sagt er in der Doku.

Der Inhaftierte wurde von der türkischen Regierung als Terrorist und Agent denunziert. "An seinen Aussagen erkennt man, dass er immer noch viel Wut im Bauch hat", sagt Atalay. Drastisch seien seine Worte, etwa wenn er ihr gegenüber behaupte: "Das war eine kriminelle Vereinigung, die mich gefangen genommen hat."

Eine Anklageschrift, aus der hervorging, was ihm eigentlich vorgeworfen wurde, gab es erst bei seiner Entlassung. So unerwartet, wie der heute 45-Jährige in Haft kam, wurde er auch wieder freigelassen. Das ist die Willkür, die ein unfreies von einem freien Land unterscheidet. Das Vorgehen eines autoritären Staates, der seine Kritiker als "Verräter" und "Staatsfeinde" diffamiert.

Er sei nur einer von vielen, betont Yücel in dem Film immer wieder. "Nach wie vor befinden sich mehr als 140 Journalisten in türkischen Gefängnissen", sagt auch Atalay. Dass Journalisten in der Türkei eingeschüchtert und bedroht, festgenommen oder gar nicht erst akkreditiert werden, sei kein neues Phänomen, so Atalay. "Das gab es leider schon vor zehn, 20 Jahren. Aber die Lage hat sich noch verschlimmert."

Die Pressefreiheit ist auf dem Rückzug

Und das nicht nur in repressiven Systemen wie der Türkei oder in Diktaturen. Die Pressefreiheit ist weltweit bereits seit Jahren auf dem Rückzug, warnt "Reporter ohne Grenzen" (ROG). Die Berliner Organisation dokumentiert seit 25 Jahren Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit und veröffentlicht jedes Jahr ein Ranking der Nationen zum Stand der Pressefreiheit.

Die niederschmetternde Bilanz für das vergangene Jahr: 80 Journalisten und Medienschaffende wurden getötet, das sind 15 mehr als 2017. Erstaunlicherweise kommen die meisten Reporter nicht etwa in Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan oder dem Jemen ums Leben. Besonders bedrohlich ist die Arbeitssituation für Journalisten in Staaten, die es nicht mehr schaffen, Recht und Ordnung durchzusetzen.

Als eines der gefährlichsten Länder gilt Mexiko, seit die Regierung den Kampf gegen die Drogenkartelle verschärft hat. Zwischen 2006 und 2018 sind dort nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" 116 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit ermordet oder mit Gewalt verschleppt worden.

Weiterhin zählt China laut der Nichtregierungsorganisation zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten und Bloggern. Auch herrscht dort immer noch eine strenge Zensur. So gibt das Propagandaministerium täglich Direktiven heraus, die genau erklären, wie die Berichterstattung auszusehen hat.

"Klima der Straflosigkeit"

Selbst in Europa sieht Atalay inzwischen beunruhigende Tendenzen: "In den letzten zwei, drei Jahren geriet die Presse zunehmend unter Druck. Es gibt immer mehr Länder wie Polen oder Ungarn, die andere Meinungen immer mehr zurückdr.ngen. Es werden sogar Journalistinnen und Journalisten, die kritisch berichten, ermordet, so wie auf Malta. Das ist erschreckend."

Die Pressefreiheit sei so gefährdet wie nie zuvor seit dem Ende des Kalten Kriegs, warnt auch der Europarat. Ihm wurden im vergangenen Jahr 140 gravierende Übergriffe auf Journalisten in 32 seiner 47 Mitgliedsländer gemeldet. Darunter der Bombenanschlag auf eine Reporterin in Montenegro, der Messerangriff auf einen Journalisten in Mailand sowie der versuchte Giftanschlag auf Mitarbeiter einer ukrainischen Nachrichten-Website.

Außerdem gab es mindestens drei Morde wegen journalistischer Arbeit: Im Oktober wurde Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul umgebracht, im Februar Ján Kuciak in der Slowakei. Der 27-Jährige hatte über Mafiamachenschaften in Regierungskreisen berichtet. Kurz zuvor starb Daphne Caruana Galizia auf Malta, nachdem unter ihrem Auto eine Bombe explodiert war. Sie hatte über Korruption in ihrem Land recherchiert und geschrieben.

Zudem herrsche in einigen Ländern ein "Klima der Straflosigkeit", so die Experten des Europarats. Journalisten müssten etwa in Russland, der Ukraine und in mehreren Balkanstaaten mit Gewalt und gezielten Anschlägen rechnen, die meist straffrei blieben.

Und wie frei sind Journalisten in Deutschland? "Reporter ohne Grenzen" beurteilt das journalistische Arbeitsfeld als gut. Allerdings komme es auch hierzulande immer wieder zu gewalttätigen Angriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalisten. Atalay findet es zum Beispiel alarmierend, "wenn Kolleginnen und Kollegen nicht mehr ruhigen Gewissens oder ohne Angst auf eine Demonstration gehen können, weil vielleicht Pegida-Anhänger sie angreifen und ihre Arbeit als Lügenpresse diffamieren".

Das freie Wort ist unter Druck. Dabei gehöre Kritik selbstverständlich zum Handwerk, wie Atalay betont. "Ob investigative oder Nachrichtenjournalisten, kritisch sollten wir alle sein, ganz egal, mit welcher Regierung, der deutschen, der türkischen oder der US-amerikanischen."

Eine Welle der Solidarität

Die Welle der Solidarität für Deniz Yücel war riesig. Seine Geschichte, sein Schicksal hat viele Menschen empört, darunter auch Julia Becker, die Verlegerin der FUNKE MEDIENGRUPPE, zu der auch die HÖRZU gehört. Wenige Tage nach Yücels Freilassung hielt Becker bei der Verleihung der GOLDENEN KAMERA in Hamburg ein Plädoyer für die Pressefreiheit, warnte: "Wer Hand anlegt an den unabhängigen Journalismus, zerstört die Grundlagen unser freiheitlichen demokratischen Gesellschaft."

Derzeit schreibt Yücel noch an seinem Buch über die Zeit im Istanbuler Gefängnis, über die 367 Tage voller Ohnmacht. Doch schon bald, so offenbart er Pinar Atalay gegenüber, wolle er wieder als Journalist arbeiten – bestimmt genauso kritisch, unbeirrt und mutig, wie er es vor seiner Verhaftung getan hat.