"So weit das Meer": Uwe Kockisch vs. Suzanne von Borsody

Im Thriller-Drama "So weit das Meer" prallen Uwe Kockisch als Mörder des Vergewaltigers seiner Tochter und Suzanne von Borsody als Mutter des vermeintlichen Täters aufeinander. Wir trafen die beiden Charakterdarsteller zum Doppel-Interview über unterforderte Zuschauer und nonverbale Schauspieler.

Sie gehören zu den Ikonen des deutschen Fernsehens und haben bereits in der "Donna Leon"-Episode "Sanft entschlafen" (2004) ihre schauspielerischen Kräfte gemessen.

Doch im außergewöhnlichen Thriller-Drama "So weit das Meer" (am 15. April, 20.15 Uhr im ZDF) zeigen der venezianische Kult-Kommissar und die zweifache GOLDENE KAMERA-Preisträgerin (1980 und 2001) eindrucksvoll, was wirklich in ihnen steckt.

Darum geht's in "So weit das Meer"

15 Jahre saß Wolf Harms (Uwe Kockisch) im Gefängnis, weil er den Vergewaltiger seiner damals 16-jährigen Tochter Jette (Katharina Schüttler) selber gerichtet hat. Doch obwohl sich Jette, sein Schwiegersohn Peer (Tom Radisch) und seine Frau Agnes (Imogen Kogge) bemühen, ihn wieder in die Familie zu integrieren, bleibt Harms außen vor. Vor allem sein bei der Vergewaltigung gezeugter Enkel Nils (Junis Marlon) ist für den Entwurzelten ein rotes Tuch.

Die ersten 5 Minuten von "So weit das Meer"

Für Uta Carstens (Suzanne von Borsody) ist Nils hingegen ein letzter Hoffnungsschimmer. Die Mutter des von Harms getöteten Jungen ist nämlich mit der furchtbaren Situation konfrontiert, dass ihrer krebskranken Tochter Maren (Katharina Schlothauer) nur noch eine Stammzellenspende helfen kann. Doch ein Test ergibt, dass Nils nicht als Spender infrage kommt und Harms vor 15 Jahren den Falschen erschossen hat...

Filmkritik

Bis zur überraschenden Auflösung mit bitterem Happy End gibt "So weit das Meer" Stück für Stück die Hintergründe eines Geschehens preis, das zwei Familien zerstört hat, und verwandelt sich mit der Suche nach dem wirklichen Täter vom moralischen Rache- zum waschechten Thriller-Drama. Kameramann Simon Schmejkal ("Tatort: Mord Ex Machina") verwandelt dabei den sehnsüchtigen Blick auf die Weite des Meeres in ein Sinnbild für das seelische Gefängnis, in dem die traumatisierten Wolf Harms und Uta Carstens stecken.

Deren Darsteller Uwe Kockisch und Suzanne von Borsody übertragen die symbolische Bildsprache auf ihre Darbietung und erzeugen mit beklemmenden Momenten der Sprachlosigkeit höchst intensive Schauspielmomente. Sie sorgen mit dafür, dass der Film von Regisseur Axel Barth ("Der Bergdoktor") mit gängigen Fernsehgewohnheiten bricht und sehenswert aus dem TV-Krimi-Einerlei herausragt.

Warum der Dreh von "So weit das Meer" auch für die beiden Hauptdarsteller etwas Besonderes war und warum man dem TV-Publikum ruhig mehr zumuten darf, verrieten uns Uwe Kockisch und Suzanne von Borsody im exklusiven Gespräch...

Uwe Kockisch und Suzanne von Borsody im Interview

GOLDENE KAMERA: Frau von Borsody, im Film gibt es diese Szene, in der Sie zufällig dem Mörder ihres Filmkindes auf der Straße begegnen. Wie bereitet man sich auf eine derart existentielle Situation vor?

SUZANNE VON BORSODY: Bei großen Hauptrollen hat man mehrere Chancen, eine Figur zu zeichnen. Bei kleineren Hauptrollen (lacht) muss die Zeichnung sitzen, ohne dabei zu karikaturistisch zu werden. Ich hatte mir etwas überlegt und der Regisseur war damit d'accord: Was ist das für eine Frau? Sie ist Mutter und Vater in einem, sie ist diszipliniert, darf sich nicht gehen lassen. Sie schützt ihren Sohn, deswegen lädt sie auch Schuld auf sich.

Wie wirkt sich das auf ihre Haltung aus? Sprich: Der Kopf will sich durchsetzen, will alles im Griff behalten, das heißt Brust raus, Schultern zusammen. Man sieht es an der Haltung, wie ich auf ihn zugehe: Der Oberkörper mit dem Kopf voran, die Beine folgen nur, weil der Kopf es so will.

"So weit das Meer": Exklusiver Ausschnitt mit Suzanne von Borsody
"So weit das Meer": Exklusiver Ausschnitt mit Suzanne von Borsody

Herr Kockisch, Sie spielen mit Wolf Harms einen Mann, der Opfer und Täter zugleich ist. Wie haben Sie sich dieser emotionalen Ausnahmesituation angenähert?

UWE KOCKISCH: Mit viel Recherche und eigenen Beobachtungen. Man muss sich bei der ganzen Geschichte vor Augen führen: Ein Vater erfährt, dass seine Tochter nicht angefahren, sondern überfahren wird. Halbtot wird sie in den Wald gezogen und obwohl sie nur noch ein blutiges Stück Fleisch ist, kommt jemand und vergewaltigt sie.

Alleine dieses Bild in den Kopf reinzukriegen und auf die Figur zu übertragen, war grauenvoll. Ich habe es mir vorgestellt, als wenn ein brennender Schmerz im Körper und im Kopf stecken bleibt, weil er dieses Bild nicht vergessen kann. Keiner kann ihm helfen und dann kommt es zu einem emotionalen Kurzschluss, bei dem er zum Mörder wird.

"So weit das Meer": Exklusiver Ausschnitt mit Uwe Kockisch
"So weit das Meer": Exklusiver Ausschnitt mit Uwe Kockisch

Haben Sie die Entwurzelung dieses Mannes, der nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, auch deshalb so eindringlich spielen können, weil Sie einst selber nach einem gescheiterten Fluchtversuch im DDR-Gefängnis saßen?

UWE KOCKISCH: Das war andersrum. Ich weiß gar nicht, was der Auslöser dafür war, aber ich habe es damals abgelehnt, das Opfer zu sein. Ich habe stattdessen alles genau beobachtet und was ich an menschlichem Verhalten gesehen habe, half mir später zu wissen, wie ich als Schauspieler empfinden muss. Man kann diese Erfahrung fast einen glücklichen Umstand nennen und ich müsste der Stasi und der Volkspolizei im Nachhinein eigentlich meinen Dank aussprechen. (lacht)

Quasi Ihre Schule des Lebens…

UWE KOCKISCH: Absolut. Der Gorki hat mal geschrieben, das Leben auf der Landstraße war seine Universität. In "Weissensee" habe ich ja auch einen vielschichtigen Stasi-Offizier gespielt. Ich versuche immer, die Hintergründe der Figuren deutlich zu machen und dem Zuschauer zu vermitteln. Sonst sind es einfach nur Typen, aber Typen interessieren mich nicht. Es geht darum, dahinter zu gucken. Was ist da noch? Unser Leben ist nicht durchnummeriert, sondern besteht aus Zwischenstufen.

Wären diese Zwischenstufen noch besser zur Geltung gekommen, wenn "So weit das Meer" als Miniserie verfilmt worden wäre?

SUZANNE VON BORSODY: Ich sehe diesen Miniserien-Trend etwas zwiespältig. Ich glaube, es gibt nur noch bei uns und in Spanien das 90-Minüter-Format. Über kurz oder lang wird dieses Format aussterben, weil Drei- und Sechsteiler natürlich mehr Raum lassen. Aber die Verdichtung ist auch eine Kunst.

"So weit das Meer" zeigt darüber hinaus den Mut, nicht alles in Dialogen auszuerzählen, sondern auch Sprachlosigkeit wirken zu lassen. Was lässt sich nonverbal besser oder intensiver darstellen als mit Sprache?

SUZANNE VON BORSODY: Dieses "Zwischen den Zeilen"-Spielen-Dürfen mag ich sehr. Eine sprachlose Mutter hatte ich schon in der Siegfried-Lenz-Verfilmung "Arnes Nachlass" gespielt. Ich mag besonders das letzte Bild von Uwe und mir: Wir gucken endlich in die gleiche Richtung übers weite Meer – von hinten zu sehen und nicht von vorne. Das kann eben nur eine Kamera leisten.

Wenn ich spiele, komme ich eher aus der Malerei, die eine weitere Passion von mir ist. Wenn sich Filme filmisch ausdrücken, braucht man nicht so viele Worte. Das mochte ich an diesem Film, dass man zwischen den Zeilen lesen kann und dass die Besetzung aus tollen nonverbalen Schauspielern besteht.

Ein schönes Beispiel ist die Szene, in der Wolf Harms von seinem Enkel gefragt wird, wie es ist, einen Menschen zu töten, und Sie, Herr Kockisch, nicht antworten können. Ein unglaublich kraftvoller Moment.

UWE KOCKISCH: Das ist natürlich auch das Verdienst von Regisseur Axel Barth und der gesamten Produktion. Es ist auf jeden Fall meine bevorzugte Art so zu arbeiten. Es heißt ja Film sehen und nicht Film hören. Sehen bedeutet, in Bildern zu lesen. Ich habe immer Schwierigkeiten damit, wenn alles auserzählt wird. Und ich finde es blöd, wenn mir kein Raum für eigene kreative Entscheidungen gelassen wird und ich gezwungen bin, in Dialogen zu denken.

Was meinen Sie, warum Szenen wie diese dem Publikum immer weniger zugemutet werden?

UWE KOCKISCH: Das ist eine gute Frage, die mich schon lange ärgert und auf die ich, wenn ich sie stelle, noch keine richtige Erklärung bekommen habe. Es werden ja jedes Jahr eine unglaubliche Menge an Filmen gedreht. Ich glaube, irgendwann stellt sich dabei ein gewisser Automatismus ein, um die Maschine am Laufen zu halten.

Damit machen wir es uns aber zu einfach und es ist gegenüber dem Zuschauer auch etwas arrogant – als würde man ihn nicht für voll nehmen. So nach dem Motto: Wir müssen ihm alles erklären, er ist zu doof dafür. Das darf nicht sein! Wir sollten uns generell in der Gesellschaft mehr Freiheit und mehr Selbstverantwortung zutrauen. Die Leute sind viel verantwortungsvoller als man denkt. Und finden das auch viel besser, als wenn sie wie Schulklassengruppen durchs Leben geführt werden. (lacht)

SUZANNE VON BORSODY: Ich glaube auch, dass es viel damit zu tun hat, dass man das Publikum unterschätzt. Zum Teil wurde es aber auch dazu erzogen. Es gibt aber gerade im ZDF immer wieder Filme, die so bleiben dürfen, wie sie konzipiert wurden und auch so heißen dürfen, wie sie heißen. Gottseidank lautet unser Filmtitel weiterhin "So weit das Meer" und wurde nicht umbenannt in… Mir fällt jetzt nichts ein, ich will aber auch keine schlafenden Hunde wecken. (lacht)

Wo Sie den Filmtitel gerade ansprechen: Was bedeutet Ihnen persönlich das Meer?

SUZANNE VON BORSODY: Ich bin eine Fern-Seherin, die gerne in die Weite guckt. Ob nun von einem Gipfel oder von so einem dollen Steg aus, auf dem wir auf Fehmarn gedreht haben. Das Meer verändert sich ständig. Der Traum des Mittelmeers, wo die rote Sonne bei Capri im Meer versinkt, ist mittlerweile zum Alptraum und Massengrab für Flüchtlinge geworden, die man nicht anlanden lässt. Das hatten wir während des Zweiten Weltkriegs auch schon einmal, als Flüchtlinge in England nicht aufgenommen wurden und dem sicheren Tod übergeben wurden. Das Meer ist also beides: eine Urgewalt und ein Symbol der Hoffnung.

Interview: Alexander Attimonelli