Christian Ehring: "Morddrohungen sind die neuen Leserbriefe"

"Extra 3"-Moderator Christian Ehring
"Extra 3"-Moderator Christian Ehring
Foto: © NDR/Matzen
Seine Show "Extra 3" nimmt Politiker aufs Korn. Einige finden das nicht lustig – wie uns Christian Ehring im Interview verrät.

Wie weit darf Satire gehen? Wo hört der Spaß auf? Was, wenn bissige Pointen sogar politische Krisen auslösen? Mit solchen Fragen kennt sich Kabarettist Christian Ehring bestens aus. Schließlich seziert er regelmäßig Äußerungen und Aktionen von Politikern wie dem türkischen Präsidenten Erdogan oder der AfD-Frau Alice Weidel. Seine Satireshow "Extra 3" ist ein Geheimtipp für Freunde des gepflegten Spotts – hat aber auch Feinde. Wie wichtig und wie gefährlich sein Job ist, verrät der 46-jährige Satiriker im Interview mit GOLDENE KAMERA.

Christian Ehring im Interview

Ist die Satire in Deutschland in Gefahr?

Nein, das Gefühl habe ich nicht. Es gibt ein großes Bedürfnis nach politischer Satire – und es scheint immer stärker zu werden.

Wie definieren Sie eine gute Satire? Und ist eine ebensolche immer auch ein Ritt auf der Rasierklinge?

Ja, ein gewisses Spiel mit Geschmacksgrenzen gehört schon dazu. Wenn ich Zuschauerpost lese, habe ich oft das Gefühl, man verwechselt uns mit einer Nachrichtensendung, die ausgewogen zu sein hat. "Extra 3" ist eine Sendung von Erwachsenen für Erwachsene – und für Menschen, die Spaß haben an einer ironischen Sicht auf die Dinge. Eine gute Satire sollte ein Lachen hervorrufen, möglichst auch eine Erkenntnis. Und wenn sie obendrein weh tut und aufschreckt, ist das ebenfalls nicht verkehrt.

Doch was sind die "No Go’s" in Ihrer Satiresendung? Und wer redet Ihnen alles rein?

Manche Leute behaupten, dass Angela Merkel täglich bei uns anruft, um uns zu sagen, was wir dürfen und was nicht. Das kann durchaus sein. Aber wir gehen einfach nicht ans Telefon. Ha! Tatsächlich gibt’s kaum Vorgaben, es gibt keine politische Agenda, die wir abzuarbeiten haben. Unser internes, selbst auferlegtes Regelwerk ist, dass wir immer die Verantwortlichen definieren – und sie kritisieren. Wir provozieren nicht bloß um der Provokation willen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Sendeplatz? Hätten Sie gern mehr Sendezeit? Warum gibt es "Extra 3" nicht öfter?

Wir produzieren 40 Sendungen im Jahr. Davon sind 18 im Ersten und 22 im NDR-Fernsehen. Dazu kommen noch einige Specials wie "Der reale Irrsinn XXL". Wir sind also wahrscheinlich sogar die Fleißigsten. Viele bekommen das nicht mit, weil die Programmierung so kreativ ist – mal laufen wir mittwochs 30 Minuten lang im NDR, mal donnerstags 45 Minuten lang im Ersten. Ich muss selbst jede Woche in die Fernsehzeitung schauen. Das zeigt zumindest, dass wir unsere Zuschauerinnen und Zuschauer für sehr intelligent halten. Sie müssen uns erst mal finden. Und natürlich fände ich es auch schöner, wenn "Extra 3" früher laufen würde.

Extra 3 Spezial: Das Beste (der vergangenen Monate)

Scannt man als Satiriker ständig, was Berufskollegen wie Jan Böhmermann oder das Team der "heute-show" machen?

Im Gegenteil. Das wäre kontraproduktiv und lähmend. Ich gucke mal hier und mal da. Ich bin mir relativ sicher, dass die anderen es genau so machen. Manchmal schotte ich mich sogar bewusst von allem ab und hoffe dann, dass ein Teammitglied von "Extra 3" schon die "heute-show" oder Böhmermann geguckt hat, um Dopplungen zu vermeiden. Es sind ja nicht nur die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Sendungen, die gute Ideen haben. Es ist ja auch noch die Schwarmintelligenz im Netz, die ständig lustigen Output liefert. Natürlich denke ich oft: Mist, auf die Idee wäre ich auch gerne gekommen.

Satiriker – ein schwieriger Berufsstand?

Man wird schon häufig angefeindet. Das hat stark zugenommen. Es geht aber nicht nur Satirikern so, sondern allen, die mit einer Haltung in der Öffentlichkeit stehen. Beschimpfungen, Hass, Gewaltphantasien gehören inzwischen dazu. Die Morddrohung ist der neue Leserbrief. Das macht mir keine Angst, aber es verwundert mich. Abgesehen davon ist es natürlich ein sehr schöner Beruf. Man kann den eigenen Ärger zum Ausdruck bringen. Und man muss es nie besser machen, nur besser wissen – quasi die immerwährende Opposition. Genial.

Was sind die Stärken von "Extra 3"? Oder anders gefragt: Was war Ihr allergrößter Coup? Worauf sind Sie stolz?

Ich erinnere mich an einen Beitrag über einen AfD-Werbespot vor einigen Jahren. Wir haben herausgefunden, dass die Menschen, die in jenem Spot AfD-Parolen von sich gaben, gecastete Schauspieler waren. Die haben wir dann ausfindig gemacht und mit ihnen an exakt denselben Drehorten einen neuen Werbespot gedreht, in dem sie verrieten, dass sie Ihre AfD-Äußerungen in Wirklichkeit gar nicht gut fanden. Das ist immer noch einer meiner persönlichen Lieblingsfilme.

AfD-Wahlwerbung in der Version von extra 3

Wie beurteilen Sie rückblickend die Chronologie ab dem 17. März 2016, als Sie mit "Erdowie, Erdowo, Erdogan" einen Stein ins Rollen brachten, der kurioserweise schlussendlich zur Böhmermann-Affäre führte? Oder anders gefragt, wie fühlt es sich an, wenn man mit Quatsch eine Staatskrise auslöst?

Das fühlt sich seltsam an. Und irgendwie auch falsch. Wir haben das natürlich gefeiert. Ein paar Tage lang war Ausnahmezustand in der Redaktion, es gab dauernd Interviewanfragen, und wir mussten gleichzeitig noch eine Sendung vorbereiten. Außerdem bekamen wir den geballten Hass der Erdogan-Anhänger zu spüren. Als Jan Böhmermann nochmal einen drauf setzte, war ich so gesehen ganz froh, dass es wieder ruhiger wurde. Für ihn natürlich nicht, und ich hätte damals nicht mit ihm tauschen wollen.

Zu welchem Zeitpunkt waren Sie damals am nervösesten?

Gar nicht. Unser Lied "Erdowie, Erdowo, Erdogan", das mittlerweile fast 14 Millionen Aufrufe bei YouTube hat, hat Erdogan sehr klar für sehr Kritikwürdiges kritisiert. Der NDR stand hinter uns. Der Song war handwerklich absolut solide gemacht. Es gab keinen Grund nervös zu werden. Und mal weitergedacht: Den Gefallen, sich dermaßen über eine Satiresendung aufzuregen und uns dadurch gleichermaßen so viel internationale Aufmerksamkeit zu bescheren, tun einem die wenigsten Politiker. Wir hatten Traum-Einschaltquoten und haben Erdogan zum Mitarbeiter des Monats ernannt.

Reisen Sie noch in die Türkei?

Nein. Weil ich weiß, dass dort bereits wegen wesentlich nichtigerer Anlässe Menschen Ärger bekommen. Es reicht ja schon, sich beispielsweise in sozialen Netzwerken kritisch über Erdogan zu äußern. Der Urlaub könnte sehr unentspannt werden.

Wann haben Sie zuletzt von der AfD-Politikerin Alice Weidel gehört, die wegen vermeintlicher Beleidigung durch Sie vor das Hanseatische Oberlandesgericht ziehen wollte, und dann doch einen Rückzieher machte? Und darf man Frau Weidel – rechtlich betrachtet – weiterhin satirisch als "Schlampe" bezeichnen?

Nein, man darf nicht. Meine Äußerung hat sich konkret auf Weidels Forderung bezogen, die politische Korrektheit auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Und nur in diesem speziellen Kontext hat das Gericht die Äußerung erlaubt. Ich bin der Meinung, der völlige Verzicht auf politische Korrektheit würde bedeuten, dass auch Beleidigungen wie "Neger" oder "Zigeuner" im politischen Diskurs wieder salonfähig werden. Und dass alle, die sich dadurch diskriminiert fühlen, sich doch bitte nicht so anstellen mögen. Ich habe den Spieß umgedreht. Das war nicht unbedingt das satirische Florett, eher die Dampfwalze. Aber manchmal darf man bei der Wahl der Mittel auch nicht zimperlich sein.

Was halten Sie von der Devise: "Wer austeilt muss auch einstecken können?"

Sehr viel. Ich würde nie jemanden vor Gericht zerren, der mich beleidigt. Man darf wirklich alles zu mir sagen. Wenn's was Neues sein soll, ist aber Kreativität gefragt, das Allermeiste habe ich schon gehört.

Stichwort Meinungs- und Kunstfreiheit: Droht uns ein Rückfall ins finstere Mittelalter? Oder finden Sie es produktiv und konstruktiv, dass wieder über die Grenzen des Sagbaren diskutiert wird?

Ich habe das Gefühl, es gibt da Wellenbewegungen. Mal ist in der Satire mehr möglich, mal weniger. Ich glaube übrigens durchaus, dass es auch ein "Zu viel" an politischer Korrektheit geben kann. Die mangelnde Ironiefähigkeit in sozialen Netzwerken nervt mich zum Beispiel sehr. Da wird schon alles immer sehr wörtlich verstanden, und die Leute sind unglaublich moralisch unterwegs. Vor der Kamera habe ich den Vorteil, dass ich Dinge auch unernst und augenzwinkernd sagen kann, dass ich etwas aussprechen, die Reaktion abwarten und auf die Reaktion reagieren kann. Da sind einfach mehr Zwischentöne möglich. Ich nehme wahr, dass bei geschriebener und vor allem geposteter Satire andere Regeln gelten. Bei Twitter und Facebook regiert oft der Holzhammer.

Sind Sie in dem Moment, in dem Sie als "Extra 3"-Moderator agieren eine Kunstfigur?

Ich spiele eigentlich immer eine Rolle. Die behauptete Authentizität ist ja oft die größte Lüge von allen. Eine Kunstfigur bin ich nicht, da ich ja hinter dem stehe, was ich dort sage. Aber es ist eine Rolle. Was man zum Beispiel schon daran sieht, dass ich im Privatleben selten Anzug trage.

Welche politische Partei versteht am wenigsten Spaß?

Die AfD – vielleicht auch, weil sie die jüngste ist. Möglicherweise wird das noch. Bislang ist Spaß verstehen aber nicht ihre Kernkompetenz. Sich aufregen können sie dafür umso besser.

Was sind die Schwächen von "Extra 3"? Wo sind Sie ins Fettnäpfchen getreten? Was würden Sie nicht wiederholen?

Mich ärgert es sehr, wenn mir Fehler passieren. Einmal beispielsweise habe ich in einer Moderation die so genannte "Kalte Progression" falsch erklärt. So etwas ist immer peinlich. Ein anderes Beispiel: Im Nachhinein finde ich, dass wir mit Christian Wulff zu hart ins Gericht gegangen sind. Der Skandal um den Ex-Bundespräsidenten war ein dankbares Satire-Thema, hat sich aber dann zu sehr verselbstständigt. Das war nicht mehr verhältnismäßig.

Werden Sie aktuell, also in Zeiten zunehmender kollektiver, politischer Sensibilisierung, öfter auf der Straße angesprochen als früher?

Ja, das ist tatsächlich mehr geworden. Und zwar nicht nur das obligatorische Selfie, sondern oft auch Gespräche mit Anregungen oder konstruktiver Kritik. Oft wundert es mich auch, was als provozierend empfunden wird und was nicht. Als wir uns neulich kritisch über Homöopathie ausgelassen haben, gab es haufenweise wütende Zuschriften. Mehr als bei Erdogan.

Freuen Sie sich, wenn eine Politikerin wie Annegret Kramp-Karrenbauer über das dritte Geschlecht lästert – weil Ihnen derartige mittelalterliche Äußerungen Futter für die Sendung liefern? Oder ärgern Sie sich über derartig altmodische Ansichten?

Ich habe mich tatsächlich gefreut. Zwar fiel Annegret Kramp-Karrenbauers Äußerung in einem karnevalistischen Kontext, aber es war natürlich doch ein Wink an die konservative Klientel in ihrer Partei: Seht her, den ganzen Blödsinn mache ich nicht mit. Wenn so was passiert, bin ich oft zwiegespalten. Der Staatsbürger in mir denkt: Oh Gott, ist das zum Fremdschämen. Aber der Satiriker denkt: Fein, jetzt haben wir ein frisches Thema für die nächste Sendung.

Stichwort Satiriker-Kollegen: Wie finden Sie es, wenn eine große Zeitung wie die "Bild" einem Satire-Magazin wie der "Titanic" auf den Leim geht – und sich einen angeblichen E-Mail-Verkehr von Kevin Kühnert mit den Russen unterjubeln lässt, und die Falschmeldung sogar groß auf Seite 1 bringt?

So etwas finde ich amüsant und entlarvend. Ich kann da ein Kichern nicht unterdrücken.

Welcher Politiker hat sich von Ihnen am meisten auf den Schlips getreten gefühlt?

Alice Weidel und Recep Tayyip Erdogan. Eigentlich eine lustige Kombi! Wahrscheinlich würden die beiden kein Bier zusammen trinken wollen – aber in diesem Punkt sind sie sich ähnlich.

Wie reagieren Institutionen wie die katholische Kirche auf Ihre Beiträge, in denen Sie das Vertuschen des Missbrauchs in Beiträgen wie "Der Teufel trägt Talar" thematisieren?

Da gibt es schon empörte Reaktionen. In den katholischen Regionen wie im Rheinland übrigens deutlich mehr als im protestantischen Hamburg. Aber ich habe das Gefühl, es ist weniger geworden. Man gibt sich eher kleinlaut. Dieser Missbrauchsskandal ist wohl doch zu massiv, um sich da noch weit aus dem Fenster lehnen zu können.

Dürfen Sie Ihr eigenes Nest beschmutzen – und die Senderanstalten der ARD auf die Schippe nehmen?

Auf jeden Fall. Wir finden das auch wichtig im Sinne der Glaubwürdigkeit. Ein Beispiel: Wir haben in einem Clip das ARD-Sommerinterview mit Horst Seehofer sehr scharf kritisiert – weil es von 20 Minuten Sendezeit 18 Minuten lang nur ums Thema Flüchtlinge ging. In einem Logo am Ende wurde aus ARD dann AfD. Ich kann nicht behaupten, dass das nur überbordende Begeisterung hervorgerufen hätte. Aber es muss sein.

Wie wichtig sind Social-Media-Kanäle für Ihre Arbeit?

Sehr wichtig. Wir haben zum Glück ein sehr gutes Team, "Extra 3" ist im Netz sehr präsent. Die meisten jungen Menschen, von denen ich Feedback bekomme, kennen unsere Sendung ausschließlich von Social-Media-Plattformen.

Bitte komplettieren Sie die folgenden Sätze. Donald Trump ist aus Sicht von "Extra 3" …

… einerseits ein zuverlässiger Bullshit-Lieferant, aber andererseits jemand, der uns regelmäßig entnervt aufstöhnen lässt. Wir sind froh über jede Trump-freie Sendung.

Wer den Schaden hat, braucht …

… einen guten Anwalt.

Zu meinen Aufgaben als Autor für Dieter Hallervorden gehörte es, ...

… Chansontexte für eines seiner Bühnenprogramme zu schreiben. Ich war damals komplett unbekannt und hab für andere Kolleginnen und Kollegen Texte geschrieben, um über die Runden zu kommen. Hallervorden war der prominenteste.

Sie moderieren "Extra 3" seit 2011. Wie lange läuft Ihr Vertrag?

Ich habe einen Rahmenvertrag, in dem nicht allzu viel steht, außer: Wir wollen miteinander arbeiten. Finde ich sehr sympathisch. Man schaut sich in die Augen und beschließt das per Handschlag. Sowohl der NDR als auch ich könnten jederzeit aussteigen. Momentan habe ich das Gefühl, dass wir wollen, dass es weitergeht.

Ihre Meinung über den deutschen Humor. Sind wir global wettbewerbsfähig?

Der deutsche Humor ist inzwischen besser als sein Ruf. Jahrzehntelang mag er dumpf und bierselig gewesen sein, aber inzwischen hat da die Globalisierung doch positive Effekte. Die junge Generation kriegt mehr mit. Wenn ich heute Texte von 20jährigen lese, sind die häufig besser als das, was ich mit 20 geschrieben habe. Und ich war auch schon nicht so schlecht.

Schlussfrage: Jan Böhmermann hat mal gesagt, bei einem toten Flüchtlingskind am Strand sei kein Witz mehr möglich. Wo ist Ihre Schmerzgrenze?

Meine Schmerzgrenze ist berufsbedingt etwas ausgeleiert. Beim Bild des toten Flüchtlingskindes sagt mein Gefühl auch erstmal: Da geht nichts mehr. Aber dieses Bild steht ja für unseren Verlust an Empathie, für unsere Unfähigkeit, hinter der vermeintlichen Flüchtlingswelle das einzelne Individuum zu sehen. Und darüber wiederum sollte man schon auch satirisch reden können. Charlie Hebdo hat übrigens damals dazu eine Karikatur genau mit diesem totem Flüchtlingskind gemacht, was viele geschmacklos fanden. Ich fand die Karikatur schmerzhaft, aber trotzdem richtig und wahrhaftig. Es gibt keine objektiven Kriterien, was Satire darf und was nicht. Und auch keine festgeschriebenen Tabus. Man muss sich bloß fragen: Was will ich sagen? Bin ich der oder die Richtige dafür? Und wenn ja: Wie mache ich es?