Guido Maria Kretschmer: "Jeder ist auf irgendeine Weise schön"

In "Guidos Masterclass" sucht der Star-Designer Deutschlands neue Modeschöpfer.
In "Guidos Masterclass" sucht der Star-Designer Deutschlands neue Modeschöpfer.
Foto: MG RTL D / Arya Shirazi
Guido Maria Kretschmer spricht im Interview mit GOLDENE KAMERA über seine neue TV-Show "Guidos Masterclass", schrille Modedesigner und Melania Trump.

Gespür für Stoffe, Schnitte und Stil sowie Ideen und eine Extraportion Kreativität: Wer das alles mitbringt, kann demnächst in Guido Maria Kretschmers neuer Show abräumen. Im Interview mit GOLDENE KAMERA erklärt unser Preisträger von 2014 seine neue TV-Show. (ab Montag, 29. April, 20.15 Uhr bei VOX)

GOLDENE KAMERA: Herr Kretschmer, bald startet „Guidos Masterclass“. Wie funktioniert das Showkonzept?

Guido Maria Kretschmer: In „Guidos Masterclass“ treten zwölf ausgebildete, aber noch gänzlich unbekannte Nachwuchsdesigner gegeneinander an – und stellen ihre Kreativität unter meiner Anleitung sowie vor verschiedenen Experten in verschiedenen Challenges und sechs Folgen unter Beweis.

Wie war der Dreh?

Sehr inspirierend! Was ich mit den jungen Nachwuchsdesignern erlebt habe, hat mich stark an meine eigenen Anfänge erinnert – und ich finde es wahnsinnig schön, ein neues Showformat zu haben, in dem ich mein Know-How weitergeben kann. Denn ich bekomme immer wieder Anfragen für eine Mode-Professur, die ich aus Zeitgründen leider nicht annehmen kann.

Welche Juroren und Experten beurteilen das Können der Nachwuchs-Designer in „Guidos Masterclass“?

In jeder der sechs Folgen sind Leute unterschiedlichster Couleur dabei – von Topmodels aus aller Welt wie Karolína Kurková und Tatjana Patitz über Berufskollegen wie Wolfgang Joop bis hin zur Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, Christiane Arp. Auch über die Zusage von Iris Berben habe ich mich wahnsinnig gefreut. Denn Iris hat einen ganz besonderen Look – und für sie ist und war es immer wichtig, im Laufe ihrer Karriere Designer an ihrer Seite zu haben.

Was ist eine typische Challenge?

In „Guidos Masterclass“ geht’s nicht nur ums Zeichnen, sondern auch um die Zusammenarbeit mit Mitarbeitern wie Haarstylisten und Make-up-Leuten. Designen ist kein Einzelkampf – sondern ein Austausch mit vielen. Außerdem reisen wir viel, um Inspirationen zu bekommen. Denn Mode ist nie auf das eigene Land bezogen, als internationaler Designer braucht man multikulturellen Austausch und Vielfalt. Und zu guter Letzt haben wir auch noch spezielle Challenges – wie das Ausstatten von Stars, fülligeren Mädchen, der Herstellung von Kleidern aus Party-Utensilie sowie Mode, die Gefühle wie Liebe und Traurigkeit widerspiegelt.

Was bekommt der Gewinner?

50.000 Euro! Dieses Startgeld kann der Sieger wahlweise in seine erste, eigene Kollektion investieren – oder in sein eigenes Label. Außerdem erhält er ein einjähriges Mentorship von mir, und bekommt sogar die Chance, seine eigene Produktion zu bauen. Außerdem gibt’s auch noch mehrere dreiseitige Anzeigen und eine Fotostrecke in der deutschen „Vogue“.

Kurzer Blick zurück: Ihr erstes, selbst designtes Kleidungsstück war – im Alter von neun Jahren – eine Steppweste aus grün-weißem Westfalenstoff für Ihre Mutter. Richtig?

Genau! Die Weste war mit braunem Ripsband eingefasst. Inzwischen besitzt meine Mutter die nicht mehr, aber nachdem sie das Kleidungsstück damals trug, trudelten direkt ein paar Bestellungen aus ihrem Umfeld bei mir ein. Für mich war der Moment, in dem meine Mutter das Haus mit meiner eigenen Kreation verließ – und ganz begeistert war – übrigens der größte Augenblick. Als ich damals beseelt einschlief, habe ich mir vorgestellt, dass sie mit der Weste einen tollen Abend hatte.

Udo Lindenberg zählte zu Ihren ersten Kunden. Stimmt’s?

Ja! Udos Gitarrist hat damals an einem Stand auf Ibiza fünf Brokatwesten von mir gekauft. Von dem Geld erwarb ich später meine erste, eigene Kettelmaschine. Außerdem habe ich für Udos Tour „Sonderzug nach Pankow“ mehrere Sachen designt. Udo hat ein unglaubliches Auge für Menschen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Es gibt immer wieder Leute, die er mag und featured. Viele, viele Jahre später sind wir dann nochmal gemeinsam auf einem Kreuzfahrtschiff nach Brasilien gereist – und mir wurde wieder klar, was für ein feiner Kerl er ist. Udo hat mir wirklich ein bisschen einen Schub gegeben, denn dadurch, dass er als erster Prominenter eine meiner Kreationen trug, kamen anschließend Aufträge von C. C. Catch, Jennifer Rush und Bonnie Tyler.

Ihre Formate laufen meistens bei VOX oder RTL. Wie oft wollen andere Fernsehsender Sie abwerben?

Das passiert schon ab und zu und manchmal gibt’s tatsächlich Formate, die ich schweren Herzens absagen muss. Aber ich bin selbst Unternehmer und würde es nicht anständig finden, wenn ich bei jeder Vertragsverlängerung mit der VOX-Familie sagen würde, dass ich auch woanders hingehen könnte – denn ich habe VOX viel zu verdanken. Dieser Sender hat mir als Erster die Chance gegeben, ein Format zu machen, bei dem ich frei und ungescriptet bin. Eigentlich kann ich sogar machen, was ich will. Das ist ein großer Vertrauensbeweis. VOX ist ein freier, toleranter Sender mit vielen Themen und unterschiedlichen Menschen. Das mag ich sehr, deshalb bin ich dort glücklich.

Welche deutsche Prominente sticht Ihnen am allermeisten ins Auge, weil sie immer top designt ist?

Da könnte ich viele nennen, aber als erstes fällt mir Iris Berben ein. Ich bin ein großer Fan von ihr. Iris ist ein toller Mensch und eine ebenso tolle Schauspielerin. Ich liebe ihren Style, weil sie zeigt, dass man schön älter werden kann und sich trotzdem weiter entwickelt.

Wie finden Sie die Outfits der Trumps?

Melania Trump sieht sehr gut aus. Sie hat es nicht leicht. Mode ist das Einzige, was sie hat. Wenn ich morgens neben Donald Trump und seinen gelben Haaren aufwachen würde, würde ich sofort mein ganzes Leben ändern. Denn es macht mich einfach traurig, zuzuschauen, dass in unserer Zeit Politiker Mauern bauen wollen – und dafür auch noch den nationalen Notstand auszurufen. Ich hoffe sehr, dass die Amerikaner bald erkennen, wie armselig Donald Trump ist, und dass er anschließend nur noch eine unglückliche Fußnote der Geschichte ist. Hoffentlich kommt danach wieder jemand, der die Menschen- und Frauenrechte nicht mit Füßen tritt.

Beraten Sie Ihren Ehemann auch in puncto Style – oder lassen Sie sich gegenseitig freie Hand?

Letzteres! Frank ist sehr stilsicher – und noch „ausgeschlafener“ als ich. Und was mich selbst betrifft, ich stelle mich nicht in den Focus. Modisch bin ich sehr reduziert unterwegs, weil mir die Kundschaft wichtiger ist. Außerdem hänge ich sehr an meinen Sachen, und falle nicht durch einen extremen, exzentrischen Look auf, weil das überhaupt nicht zu mir passt. Ich mag Stoffe, die gut produziert sind – und wäre, wenn ich so könnte, wie ich wollte, im Winter in Wolle unterwegs und im Sommer in einem Habit wie ein Benediktinermönch. Am liebsten würde ich täglich mit derselben, stillen Kleidung, morgens brav zur Arbeit gehen. Das Uniformierte kommt mir sehr entgegen. Und was Designer betrifft, gibt es letztlich nur zwei „Sorten“: Stille und zurückhaltende Arbeiter sowie diejenigen, die laut und schrill sind und sich noch ein Krönchen aufsetzen.

So wie Rudolph Mooshammer oder Harald Glööckler?

Genau. Ich finde es schön, dass es solche Paradiesvögel gibt, aber es wäre überhaupt nicht mein Ding. Denn für mich ist das Gegenüber wichtiger als mein eigener Stil, und ich habe meinen eigenen Look längst gefunden.

Was gibt Ihnen Mode?

Freiheit! Wenn man sich selbst gefunden hat – oder weiß, wer man sein möchte – sollte man sich ein bisschen Know-how aneignen, um mit den Möglichkeiten zu spielen. Denn, mal ehrlich: Wenn man sich hinter Mode verstecken will, kann das wunderbar gelingen – aber genauso gut kann man auch ganz toll mit Mode auffallen oder mit ihr einen Zugewinn erreichen, den man sonst nur mit brillanten Sätzen oder coolen Präsentationen erzielt. Doch man sollte Mode auch nicht so überbewerten, dass man glaubt, dass sie ausreicht, um jemanden kultiviert sein zu lassen. Denn die bunten Magazine zeigen zwar jede Menge Trends, aber wer nicht selbstbewusst mit ihnen umgehen kann, ist besser beraten, wenn er davon die Hände lässt. Denn obwohl Mode alles ermöglichen kann, kann sie auch alles ruinieren, wenn man das Falsche trägt.

Laut Karl Lagerfeld soll man keine Jogginghose tragen, weil man sonst „die Kontrolle über sein Leben verliert“. Ihre Meinung über dieses Bonmot?

Ich habe Karl Lagerfeld mal darauf angesprochen, und glaube verstanden zu haben, dass er das eigentlich amüsant meinte. Mit dem Bonmot wollte er ausdrücken, dass man es sich nicht zu leicht machen soll – und dass bequeme Kleidung nicht immer die richtige Lösung für eine gut gestylte Selbstpräsentation ist. Aus der Sicht eines Couturiers wie Lagerfeld waren Jogginghosen auf Abendgalas gleichbedeutend mit dem Untergang des zivilisierten Abendlandes. Aber heutzutage sind sie so viel weiter entwickelt als die früheren Sporthosen, dass man mit ihnen durchaus mal ein Zeichen setzen kann – auch wenn das jemand, der einen hohen Kragen und Handschuhe trägt, aus einer anderen Perspektive sieht.

Was ist eigentlich das Geheimnis Ihrer stets guten Laune? Gibt es überhaupt Tage, an denen Sie mal mies drauf sind?

Nein. Ich bin mental stabil und zufrieden mit dem Leben, wie es ist. Laute, überhebliche, unbeherrschte und launische Personen stoßen mich ab. Ich finde es immer traurig, wenn jemand sowas nötig hat, und denke: „Heiland, wirf Hirn herunter!“ Außerdem bin ich gerne einer von vielen, und glaube an die Solidargemeinschaft. Ich fühle mich wohl mit normalen Menschen und ich empfinde mich nicht als privilegiert oder besonders. Ich weiß um meine Bekanntheit, aber ich möchte trotzdem an meinem normalen Leben festhalten. Dadurch kann ich nicht so enttäuscht werden wie diejenigen Menschen, die nur an Äußerlichkeiten hängen.

Glauben Sie an gutes Karma?

Ich glaube eher an die Kraft der Intuition, und dass man das Beste aus dem macht, was man hat. Wenn man kurze, dicke Beinchen hat, wird man das schlecht ändern können – denn Hardware ist nicht zu verändern. Dann sollte man den Beinen dankbar sein, dass man mit ihnen gut laufen kann. Jeder hat irgendwas Schönes. Und obwohl es sein kann, dass wir unsere Schönheit und unsere körperliche Unversehrtheit im Laufe eines Lebens verlieren, ist der schlimmste Verlust, der uns droht, der Verlust der Menschlichkeit.

Schlussfrage: Als was möchten Sie gerne wiedergeboren werden?

Als eine Tochter aus gutem Hause, die alles essen kann, keinen Sport macht, immer schlank ist und sich nur Gedanken darüber macht, wie sie ihre Freizeit verbringt – und ob sie morgen nach Monte Carlo reist oder nach Kitzbühel. Aber wenn es das Karma will, dass ich nochmal das Gleiche erlebe, wäre ich sofort dabei … Ja, ich würde gerne alles nochmal von vorne erleben.

Interview: Mike Powelz