Joachim Król: "Lange Beziehungen entstehen im Wesentlichen durch Zusammenbleiben"

Exklusiv-Interview: TV-Star Joachim Król über seinen Film "Endlich Witwer" und die Menschwerdung eines Misanthropen.

In unserem Anwärter auf die GOLDENE KAMERA 2020 "Endlich Witwer" (13. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) spielt Joachim Król den Menschenfeind Georg Weiser, der sich im eigenen Unglück suhlt. Wir trafen den 61-jährigen Schauspieler exklusiv zum Interview.

Interview mit Joachim Król

Weiser ist verbittert und einsam – ohne es selbst richtig zu merken. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Weiser ist ja nicht nur verbittert und einsam. Weiser ist ja vor allem in einem "gewissen Alter". Auf dem Weg zu meinem sechzigsten Geburtstag habe ich mir viele Gedanken über diesen denkwürdigen Termin gemacht. So entstand die Idee eine Geschichte zu erfinden, in der jemandem, der in der gleichen Situation ist, etwas Existentielles passiert. Das war dann Georg Weiser. Diese Rolle ist das Ergebnis einer großartigen Zusammenarbeit von Redaktion, Produktion, dem Autor und mir. Man hat als Schauspieler selten die Gelegenheit so sehr in die Figuren- und Geschichtsentwicklung eingebunden zu sein, wie in diesem Fall. Dafür bin ich allen Beteiligten sehr dankbar.

"60 Jahre und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt, 60 Jahre auf dem Weg zum Greise und doch 60 Jahre davon entfernt …" So singt Dieter Hallervorden als "Lehrer" über seinen ehemaligen Schüler Weiser. Charakterisiert der Song die Figur richtig?

Naja, aus eigener Erfahrung kann ich schon sagen, dass einem in diesem Alter die verbleibende Lebenszeit mehr und mehr überschaubar erscheint. Das letzte Drittel beginnt. Mit der Weisheit ist das eh so eine Sache. Aber wenn wir Georg Weiser kennenlernen, scheint er ja tatsächlich Konsequenzen ziehen zu wollen, indem er sich dem Scheidungswunsch seiner Frau anschließt. Wie es um seine Lernfähigkeit bestellt ist, werden wir erleben.

Wegen des Titels "Endlich Witwer" denkt man zunächst, der Film sei eine Komödie – aber als Frau Weiser tot im Sessel sitzt, und Weiser sich als verbitterter Mensch entpuppt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Welchem Genre würden Sie "Endlich Witwer" zuordnen?

Komödie ist ja bekanntlich Tragödie plus Zeit. Und "Endlich Witwer" ist definitiv eine Komödie. Vielleicht ein bisschen schwarz zu Beginn. Unser Titel ist ja zugleich ein wenig irreführend und ein wenig böse. Denn wenn es nach dem Ehepaar Weiser ginge, hieße der Film ja: "Endlich geschieden!"


Ihre Meinung: Ist "Endlich Witwer" pure Unterhaltung oder vermittelt der Film Denkanstöße, und falls ja, welche?

"Endlich Witwer" ist sicher keine Komödie für notorische Schenkelklopfer. Und gute Unterhaltung geht immer über den Unterhaltungsaspekt hinaus. Auf den Filmfestivals in München, Ludwigshafen und Biberach, wo wir unseren Film vor begeistertem Publikum gezeigt haben, haben uns die Zuschauer lebhaft zu verstehen gegeben, dass sie alle etwas mit Georg Weiser und seiner Lebenssituation anfangen konnten. Lieben, leben, Lebenslügen. Für jeden was dabei.

Endlich den Kühlschrank mit Bier auffüllen, allen Kitsch rauswerfen und einen neuen Mega-Flachbildfernseher kaufen Im tiefsten Kern ist Weiser ein 68er, der sogar in der Kirche kifft. Doch warum ist er im Verlauf seines Lebens überhaupt wohl so verbittert geworden? Hat ihn die Institution "Ehe" krank gemacht?

Wir erleben Weiser Ehefrau ja nicht mehr wirklich. Und den Ehealltag beschreibt sein Sohn in einer Szene als äußerst unglücklich. Auch scheint er nach der Beerdigung erst einmal wie befreit zu sein. Doch wahrscheinlich war es nicht die Institution "Ehe", die die Weiser zu dem gemacht haben, was sie am Ende waren, sondern ihre Unfähigkeit miteinander zu reden und sich über ihre Probleme auszutauschen. Ich glaube, es gibt viele "Weisers".

Warum der gekritzelte Teufel, in den sich Weiser in einer Szene sogar selbst verwandelt?

Diese böse, kleine Karikatur hat Georg Weiser tief erschüttert. Er hat sich in ihr erkannt. Dass er sich später sogar in sie verwandelt ist ein schönes filmisches Mittel um diesen Eindruck noch einmal zu betonen.

Ihre Meinung über die Ehe? Eine Zwangsgemeinschaft, die viele Menschen kaputt macht? Oder doch eher eine positive Institution?

Ich bin jetzt achtundzwanzig Jahre verheiratet, nachdem ich vorher zehn Jahre, sagen wir, verlobt war. Meine Meinungsbildung ist noch nicht abgeschlossen. aber eines kann man mit Sicherheit sagen. Lange Beziehungen entstehen im Wesentlichen durch Zusammenbleiben.

Kann Weiser richtig trauern – oder hat er es verlernt? Und ist er letztlich bloß so griesgrämig, weil er Angst vor dem Tod hat - und irgendwann allein vor dem Fernseher zu sterben?

Nichts hat nur ein Motiv. So kommen auch bei Georg Weiser viele Aspekte zusammen. Man kann auch zu zweit sehr allein sein. Wie und wann ein Mensch trauert ist so individuell wie sein Fingerabdruck. Und die Angst vor dem Tod treibt uns um, sobald wir von ihm gehört haben. "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt…" ja, danke Mama. Vielleicht muss man immer wieder von vorne anfangen. Ansehen, ansprechen, anhören, anfassen.

Wie viel Kraft erfordert es wohl, um in Weisers Alter nochmal die Weichen neu zu stellen – und sein Leben nochmal neu auszurichten und positiv nach vorn zu schauen und das Leben zu genießen?

Der ist doch erst sechzig! Also wirklich.

Weiser antwortet auf die Frage, was passiert, "wenn man nicht mehr hier ist": "Dann ist einfach Feierabend!" Ihre Meinung: Was kommt nach dem Tod?

Ich will mir doch diese finale Überraschung nicht nehmen lassen. Auch nicht von mir selbst. Ich fürchte nur, dass diejenigen, die diese Frage dogmatisch und mit konkreten Vorstellungen beantworten, die größten Enttäuschungen erfahren werden. Oder auch nicht. Wenn es nach Georg Weiser geht.

Der Film endet versöhnlich. Gibt es einen zweiten Teil? Oder wäre es denkbar, dass Weiser eine lockere TV-Reihe oder Serie wird? Und hätten Sie überhaupt Lust auf eine Reihe?

Auf den oben bereits erwähnten Filmfesten, wurde sehr, sehr häufig gefragt, ob und wie Weiser Reise wohl weitergehen wird. Darüber habe ich mich sehr gefreut.