Oliver Welke: "Wir führen keinen Kreuzzug"

Seit 2009 hat Oliver Welke 307 "heute-shows" und zwölf Specials moderiert.
Seit 2009 hat Oliver Welke 307 "heute-shows" und zwölf Specials moderiert.
Foto: © ZDF / Willi Weber
Exklusiv: Oliver Welke über die "heute-show", seinen Lieblingsgast, Greta Thunberg und seine politischen Ambitionen.

Sie bringt Politiker zum Schwitzen, wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2017 mit der GOLDENEN KAMERA, und ist seit zehn Jahren auf Sendung: Die "heute-show" mit Oliver Welke hat allen Grund zu feiern! Anlässlich des Jubiläums (7. Juni, 23.00 Uhr, ZDF) traf GOLDENE KAMERA den 53-Jährigen Moderator zum Exklusiv-Interview.

Oliver Welke im Interview

Welcher Politiker wird am 7. Juni in der Geburtstagsausgabe der "heute-show" Ihr Gast sein?

Wir haben Markus Söder eingeladen. Das ist ein toller Gast, weil er zu den Politikern zählt, die uns die meiste Sendezeit geschenkt haben. Er ist einer der Top Ten. Außerdem bekommen wir in der Jubiläumsausgabe endlich mal 45 Minuten Sendezeit.

Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis der Show?

Da müssten Sie eher die Zuschauer fragen! Für manche sind wir wohl eine Art Wochenabschlussritual, das ihnen irgendwie hilft, mit der Woche fertigzuwerden. Und dann versuchen wir uns, jedes Jahr personell zu erneuern. Beim Personal vor der Kamera, aber auch bei den Autoren. Da sind inzwischen auch ein paar junge dabei, die sind, wie Frau Merkel das neulich formuliert hat, "in dem Internet aufgewachsen". Und so kommen gelegentlich neue Humorfarben dazu, und wir sind wieder etwas unberechenbarer.

Erst kommt der Gag, dann die Haltung. Ist das das Erfolgsprinzip?

Die kommen immer zusammen. Es gibt sicher unterschiedliche Humorfarben in der Show, aber selbst der albernste Gag wird immer noch eingebunden in eine Themenstrecke, die eine klare Haltung hat.

Ist Ihre Haltung in Beton gegossen, oder wechselt sie von Show zu Show?

Meine Haltung ist die, dass ich als Moderator nichts sage, was ich nicht auch privat über bestimmte Themen denke. Deswegen kann sie nicht von mal zu mal wechseln.

Deutsch lernen mit der "Daily Show"

Vorbild der Sendung ist das US-Format "The Daily Show". Dort sind Top-Politiker wie Barack Obama und Hillary Clinton zu Gast. In Deutschland kommt eher Politprominenz aus der zweiten oder dritten Reihe. Warum?

Wir hatten auch schon Minister da, und mit Herrn Söder kommt immerhin ein Ministerpräsident. Was stimmt, ist, dass Frau Merkel grundsätzlich nicht in Unterhaltungssendungen geht. Und Sigmar Gabriel konnten wir, als er noch SPD-Chef war, nie überreden. Auch an Frau Nahles arbeiten wir noch. Manche Spitzenpolitiker fragen sich, was ihnen ein Auftritt bei uns bringt – und beantworten sich die Frage offenbar mit "nichts". Das muss man respektieren.

Wer redet Ihnen bei der Sendung rein?

Es gibt kein "Goldenes Buch der Satiretabus". Was man darf und was nicht, muss man sich als Redaktion jede Woche neu erarbeiten. Die wichtigste Regel ist: "Satire zielt nach oben, aber nie nach unten." Klingt zwar schon etwas abgedroschen, stimmt aber immer noch.

Satiriker – ein schwieriger Berufsstand?

In erster Linie ist es ein Privileg, das machen zu dürfen. Schade ist bloß, dass eine öffentliche Debatte über Satire nur anspringt, wenn irgendein beleidigter Präsident Anzeige erstattet oder wenn, wie im Fall der "heute-show", jemand über gekreuzigte Osterhasen klagt. Wirkliches Interesse an Satire entsteht meist im Zusammenhang mit der berühmten Frage: "Was darf sie?" Aber ich will nicht meckern, denn die Zuschauer, auch die, die uns nicht mögen, haben wenigstens Emotionen wegen uns. Und wenn es negative sind. Viele Formate lösen gar keine aus.

Heftige Emotionen löste auch Jan Böhmermanns Schmähgedicht über Erdogan aus. Die Kanzlerin übte öffentlich Kritik, weshalb Böhmermann jüngst vor Gericht zog. Erfolglos. Ihre Meinung dazu?

Ich bin wenig überraschend für Satirefreiheit und fand Merkels Äußerung unsäglich – weil es zu dem Zeitpunkt völlig egal war, wie sie das Erdogan-Gedicht persönlich findet. Und es klang wie eine Vorverurteilung. Aber dafür hat sie sich ja entschuldigt und sogar zugesagt, dass sich so etwas nicht wiederholen wird. Insofern habe ich das letzte Gerichtsverfahren nicht mehr hundertprozentig nachvollziehen können. Im Gegensatz zum Rechtsstreit mit Erdogan.

"heute-show": Let's fetz Grundgesetz

Ist die Satire bei uns in Gefahr?

Nein, aus dem Fall lässt sich das so nicht ableiten, weil gerade das Beispiel Böhmermann belegt, wie viel Satire erreichen kann. Nach dem Schmähgedicht und der Debatte darüber wurde ein Paragraf aus dem deutschen Strafgesetzbuch entfernt. Da sage noch mal einer, solche Sendungen könnten nichts bewegen.

Wo ziehen Sie die Schmerzgrenze für einen guten Gag?

Die definiert sich von selbst. Jeder Witz, der mit menschlichem Leid verbunden ist, geht gar nicht. Wir waren am Tag der Fukushima-Katastrophe auf Sendung. Damals kannte man noch nicht das ganze Ausmaß – aber wir haben das Thema natürlich ausgespart. Erst als eine Woche später die ersten deutschen Parteien anfingen, Fukushima für Wahlkampfzwecke auszubeuten, konnten und mussten wir Gags darüber machen.

Wie finden Sie es, dass Björn Höcke dank der "heute-show"-Satiren gar im Bundestag "Bernd" genannt wurde?

Milde amüsant. Wir wollten schon länger aufhören mit dem ‚Bernd‘-Björn-Gag, aber jemand hatte mir erzählt, dass es Höcke tatsächlich ärgert. Deswegen haben wir es noch eine Weile durchgezogen. AfD-Gags inhaltlicher Art sind jedoch bedeutend wichtiger als das.

"heute-show": Aktion Sorgenbernd

Sie bedienen Skandallust und Medienfrust mit großem Erfolg. Aber heizen Sie auch der Politikverdrossenheit ein?

Dieser Diskussion muss sich jede Satiresendung stellen. Wenn sich immer mehr Menschen in eine diffuse "Die da oben machen, was sie wollen"-Stimmung reinsteigern, hat Satire größere Verantwortung. Man muss sorgfältiger prüfen, ob harte Kritik gerechtfertigt ist und ob es noch um die Sache oder schon zu sehr gegen eine Person geht. Ohne beim Schreiben völlig zu verkrampfen.

Bitte komplettieren Sie die folgenden Sätze: Unsere Satire über den ans Kreuz genagelten Osterhasen war rückblickend betrachtet …

... okay, weil sie sich eindeutig gegen AfD-Politiker richtet, die vermeintlich christliche Symbole vorschieben, um eine völlig andere Agenda zu betreiben.

Dass Merkel unseren Gag "Vielleicht hat Gott die FDP nur auf die Erde geschickt, um uns zu prüfen" mit Verweis auf "eine Satire-Sendung" zitierte, war …

… damals der Beweis, dass FDP-Witze endgültig im Mainstream angekommen sind.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst in die Politik zu gehen?

Im Moment wäre es für mich schwierig, mich parteipolitisch zu verorten. Aber sich parteilos zu engagieren oder zum Beispiel in der Kommunalpolitik kann ich mir vorstellen. Wenn man sich auf Parteitagen umschaut, sieht an das rein biologische Problem der Überalterung – übrigens eine der größten Bedrohungen für die repräsentative Demokratie. Da müsste man sich vielleicht einmischen, bevor man selber zu alt ist.

Mit welchen Themen?

Alles, was aus der aktuellen Klimapolitik folgt, ist spannend. Wir hätten da in vielen Bereichen gelinde gesagt noch Luft nach oben – wenn man sich etwa anguckt, wie der öffentliche Nahverkehr in anderen Ländern funktioniert und wie viel sauberer, schneller, verlässlicher und preiswerter der da ist.

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Ihre Meinung zu Greta Thunberg?

Es ist faszinierend, dass man mit 16 Jahren so viel bewegen kann, und ich finde es toll, dass Thunbergs Generation, die man ignoranterweise als "unpolitisch" abgespeichert hatte, uns gerade das Gegenteil beweist. Außerdem macht es Spaß zuzugucken, wie die jungen Menschen in Talkshows die sogenannten Profipolitiker argumentativ ins Schwitzen bringen.

Gehört es eigentlich zu den Zielen der Sendung, die AfD zu entlarven?

Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist, uns mit der AfD und ihrer Politik inhaltlich auseinanderzusetzen. Wir nehmen uns Parteiprogramme vor oder das, was sie konkret sagen – Gaulands Hitler-Vogelschiss-Metapher zum Beispiel! Oder wenn in anderen Redebeiträgen lupenreiner Rassismus durchbricht, dann kommt das in der "heute-show" vor. Aber wir führen keinen Kreuzzug, auch nicht gegen die AfD.