Hannes Jaenicke: "Rettet die Vögel!"

Bei seinem Einsatz für Vögel besucht Hannes Jaenicke auch die Mauerseglerklinik in Frankfurt am Main.
Bei seinem Einsatz für Vögel besucht Hannes Jaenicke auch die Mauerseglerklinik in Frankfurt am Main.
Foto: ZDF / Markus Strobel
Schauspieler und Tierschützer Hannes Jaenicke schreibt exklusiv über die Dreharbeiten zu seiner neuen Doku "Im Einsatz für die Vögel" (15. August, 22.35 Uhr, ZDF).

Seit elf Jahren reist er für seine Dokumentationsreihe "Hannes Jaenicke im Einsatz für …" rund um den Globus. Seine Mission: das weltweite Artensterben zu dokumentieren – von Orang-Utans bis zu Delfinen. Für die neueste Folge blieb der 59-jährige Schauspieler und Tierfreund allerdings die meiste Zeit in Deutschland. Warum, das verrät er hier:

Ammersee, März 2018: Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war es still. Gut, ich lebe auf dem Land, nicht an der Einfallschneise zu einer Großstadt. Aber es war zu still. Nichts. Kein einziges Vogelzwitschern. Als ich klein war, hat sich der Frühling anders angehört. Wiesen, Bäume und Gärten waren voller Vögel, ihr Gesang lag vertraut und selbstverständlich in der Luft, Amsel, Drossel, Fink und Star, die ganze Vogelschar eben. Doch es hat sich ausgezwitschert in Deutschland.

Das treibt mich nicht nur aus dem Bett, sondern auch zu den Dreharbeiten zu unserem nächsten Film: "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für Vögel". Seit elf Jahren produziere ich nun mit der Tango Film für das ZDF diese Dokumentationsreihe über aussterbende Tierarten. Elf Jahre sind wir rund um den Globus gereist, um dem Artensterben nachzugehen. Diesmal bleiben wir zu Hause. In Deutschland. Denn wir verlieren unsere Vögel. Und zwar rapide.

Recherchen beim Vogelforscher am Bodensee

Meine erste Etappe bei der Recherche ist der Bodensee. Als ich Professor Peter Bertold, Deutschland renommiertesten Vogelforscher, zum ersten Mal in seinem Haus in Owingen am Bodensee gegenüberstehe, weiß ich, dass unsere Vögel einen wirklich starken Mann an ihrer Seite haben. In seinem weißen Rauschebart könnten sie Nester bauen, das ungeheure Wissen, die Kraft und Energie des 80-Jährigen beflügelt seit über 60 Jahren den Vogelschutz nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Und der Enthusiasmus für seine Schützlinge ist ansteckend. Als er uns durch seinen Garten führt, den er liebevoll "eine gepflegte Wildnis" nennt und der das Zuhause einer ganzen Spatzenkolonie ist, spürt man seine Leidenschaft in jedem Wort, in jeder Geste.

Direkt vor seiner Haustür hat er ein stillgelegtes Ödland in ein Biotop verwandelt: Der Heinz-Sielmann-Weiher ist so Heimat für jährlich über 25000 Vogelindividuen geworden – ein Beispiel, dem viele Gemeinden inzwischen folgen. Doch Bertold, der schon mit 13 Jahren anfing, Vögel zu studieren, wirkt trotz allem Engagement sehr nachdenklich. "Wenn man den Zustand unserer Vögel auf einen Patienten überträgt, das ist das eine lebensbedrohliche Erkrankung. Wir hatten in Deutschland 268 Brutvogelarten. Mehr als die Hälfte nimmt im Bestand ab." Und ein weiteres Drittel, so ergänzt er, ist hochgradig gefährdet.

Monokulturen auf Deutschlands Äcker

Beim nächsten Dreh – weiter geht's im Juli 2018 in Deutschland – zeigen die Aufnahmen unserer Drohne erschreckende Bilder: Monokulturen, soweit die Optik reicht. Millimetergenau gezogene Ackerflächen. Kein Busch, kein Baum, kein Wildwuchs zwischen den Pflanzen. Ein Trauerspiel, das aus der Vogelperspektive besonders deutlich wird. Das Problem: Monokulturen sind sehr anfällig für Schädlinge. Damit die Pflanzen ungestört gedeihen, werden Pestizide versprüht. Die töten die Insekten – und damit die Nahrung der Vögel. Die Folge: Unsere Vögel verhungern.

Als wir in der Dämmerung nach Hause fahren, halten wir kurz an einer Tankstelle. Eine Erinnerung kommt in mir hoch: Als ich klein war, hab ich immer zuerst die Scheiben und Scheinwerfer geputzt, wenn wir tanken waren. Manchmal waren so viele Insekten drauf, dass man nicht mehr richtig raussehen konnte. Heute ist unsere Scheibe glasklar. Wir waren drei Tage unterwegs. In der "Natur"…

Die Mauerseglerklinik in Frankfurt

Frankfurt, September 2018: Es ist ein eher unauffälliges Klingelschild im Frankfurter Stadtteil Griesheim. Doch dahinter liegt eine europaweit einmalige Einrichtung: Die Mauerseglerklinik. Wir sind eines der ganz wenigen TV-Teams, die hier drehen dürfen. Denn die Klinikleiterin Dr. Christiane Haupt und ihr Team haben alle Hände voll zu tun. Im Augenblick sind alle Boxen mit gefiederten Patienten belegt. Über 170 Mauersegler aus ganz Europa werden hier gerade gesundgepflegt.

Mauersegler gehören eigentlich in die Luft, dort sind sie fast die gesamte Zeit ihres Lebens – nonstop. Dort jagen sie nach Insekten, paaren sich und schlafen, alles im Flug. Ein Mauersegler am Boden ist also immer ein Notfall, erklärt mir Dr. Haupt. Und das passiert leider immer öfter. Sie fliegen gegen Glasfassaden, Autos oder Stromleitungen oder werden Opfer von Katzen. Durch Städtebausanierung verlieren sie ihre Brutplätze.

Hier in der Klinik kämpft man um jeden einzelnen Patienten. Operiert Frakturen, heilt Traumata und transplantiert sogar Gefieder. Jeder Vogel zählt bei dieser besonders bedrohten Art. Mit Tizian, einem kleinen Patienten, der sich gerade von einem gebrochenen Flügel erholt hat, darf ich noch die Flugschule der Klinik besuchen. Er macht das gut, der kleine Kämpfer.

Illegale Vogeljagd auf Zypern

Noch keiner unserer Dokus war so CO2-freundlich wie unser Vogelfilm. Wir haben eine einzige Flugreise bei dieser Produktion.Nach Zypern. Es ist unsere vorletzte Etappe. Hierher fliegen auch unsere Zugvögel, wenn sie auf der Reise in den Süden auf der Mittelmeerinsel Rast machen. Und für viele Vögel ist die Republik Zypern auch Endstation. Genau deshalb sind wir hier. Denn die Insel ist einer der europäischen Hotspots der illegalen Vogeljagd. Vögel gelten hier als Delikatesse, mit ihnen lässt sich enorm viel Geld machen. Offiziell ist die traditionelle Singvogelspeise "Ambelopoulia" zwar verboten, doch in vielen Restaurants wird sie unter der Hand serviert – zu einem stolzen Preis: Ein Dutzend Singvögel - das entspricht etwa 150 Gramm Fleisch - kosten rund einhundert Euro.

Ich bin unterwegs mit Vogelschützern der deutschen "Stiftung Pro Artenvielfalt". Das Team um Roland Tischbier kämpft bereits seit vielen Jahren gegen die illegale Vogel-Wilderei, die hier jedes Jahr bis zu zweieinhalb Millionen Vögel das Leben kostet. Es liegen anstrengende Tage vor uns. Und gefährliche: Die deutschen Tierschützer sind der Vogel-Mafia ein Dorn im Auge. Schon mehrfach wurden Roland und seine Helfer bedroht und attackiert.

Die Wilderer haben perfide Methoden, um die vom langen Flug erschöpften Vögel zu fangen: In Bäumen legen sie Leimruten aus, an denen die Tiere kleben bleiben, sie locken sie mit Vogelstimmen-MP3-Player-Attrappen in Fallen und stellen Netze auf, in denen sich die Vögel hoffnungslos verheddern. Gleich in der ersten Nacht sammeln wir über 50 Leimruten ein, befreien über ein Dutzend Vögel und zerstören sämtlich Geräte und Fallen, die wir finden. Ich bin eigentlich kein Typ, dem Kaputtmachen Spaß macht, aber die Aktion hat mich tief befriedigt.

Am nächsten Morgen - wir haben alle gerade mal zwei Stunden geschlafen - machen wir auf einem Olivenhain weiter: Wilderer haben ein riesiges Fangnetz aufgestellt, mehrere Vögel haben sich darin verheddert. Wir müssen schnell sein, bevor die Vogelfänger auftauchen. Doch schnell geht gar nichts. Über 15 Minuten brauche ich, um eine Mönchsgrasmücke mit einer Nagelschere aus dem Netz zu schneiden. Überall haben sich die feinen Fäden verhakt, sogar an der Zunge. Wenn man so ein winziges, fragiles Lebewesen in den Händen hält, ist es noch unvorstellbarer, dass er für eine verbotene "Delikatesse" sterben soll.

Zurück am Ammersee

Am Ende des Drehs schließt sich der Kreis. Im Februar 2019 kehre ich zum Ammersee zurück. Als ich aufwache, ist es immer noch still. Dann brummt mein Handy. 18,4% der Bayern haben für das Volksbegehren Artenschutz gestimmt. Ein historisches Ergebnis. Eines, das mir Hoffnung macht. Ich habe bei den Dreharbeiten zu diesem Film so viel gelernt, über Vögel und auch über Deutschland. Wir sind ein vogelfreundliches Land. Jeder von uns kann wirklich ohne großen Aufwand viel dazu tun, damit unsere Vögel eine Chance bei uns haben. Viel davon werden wir in unserm Film zeigen. Ich hoffe, Sie sind dabei!

Das ZDF zeigt "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für die Vögel" am Donnerstag, 15. August, um 22.35 Uhr und ab bereits Montag, 12. August 2019, hier in der ZDF-Mediathek.