Der Millionär der Herzen: Günther Jauch über 20 Jahre "Wer wird Millionär?"

Seit 20 Jahren WWM-Moderator: Günther Jauch (63)
Seit 20 Jahren WWM-Moderator: Günther Jauch (63)
Foto: TVNOW
Am 2. September feiert Günther Jauch den 20. Geburtstag von "Wer wird Millionär?". Der Moderator zieht Bilanz.

Das Studio ist kleiner als gedacht, der Kandidatenstuhl höher. Einzig Günther Jauch wirkt beim Treffen genauso wie im TV: spitzbübisch, nie um eine Antwort verlegen, voll und ganz in seinem Element. Vielleicht liegt es auch daran, dass Chefreporter Mike Powelz den Star, der in einer aktuellen HÖRZU-Umfrage zum beliebtesten Quizmoderator Deutschlands - vor Eckart von Hirschhausen und Alexander Bommes - gekürt wurde, am Arbeitsplatz interviewen durfte: in den Kulissen zu "Wer wird Millionär?". Eine große Ausnahme – die einen großen Anlass hat: Das Erfolgsformat wird 20.

Günther Jauch im Interview

Herr Jauch, am 2. September feiern Sie 20 Jahre "Wer wird Millionär". Was passiert in der 1406. Ausgabe?

Günther Jauch: Darin erinnern wir an 20 Jahre "Wer wird Millionär", indem wir echte Highlights aus der Geschichte von WWM Revue passieren lassen. Außerdem habe ich die leise Hoffnung, dass wieder ein Kandidat Millionär wird. Denn bei unserer letzten kleinen Jubiläumssendung zum 15-jährigen ist das tatsächlich zufällig passiert.

Laut einer exklusiven Forsa-Umfrage für die Funke Programmzeitschriften sind Sie mit 87 Prozent Zustimmung der beliebteste deutsche Quizmoderator …

Günther Jauch: Über das Ergebnis freue ich mich natürlich sehr. Und ehrlich gesagt: Nach 20 Jahren umso mehr!

Sie gewinnen solche Umfragen seit gefühlten 100 Jahren. Aber wie kämen Sie wohl damit klar, wenn Sie mal nicht Sieger wären?

Günther Jauch: Der Tag wird kommen, an dem sich die Umfrageergebnisse automatisch "normalisieren" werden. Ich glaube auch, dass ich damit gut zurechtkommen würde.

Besonders überraschend: Bei den 14-29-Jährigen siegen Sie mit 96 Prozent!

Günther Jauch: Die Ergebnisse in der Gruppe dieser ganz jungen Zuschauer überraschen mich schon. Vielleicht bin ich inzwischen mehr Vertrauenslehrer als Oberlehrer.

500. Sendung "Wer wird Millionär"

Kurzer Rückblick auf 20 Jahre "WWM": Von Hochzeitsanträgen per Telefonjoker über körperliche Kollapse im Studio bis zu Flirts mit Kandidatinnen war so ziemlich alles dabei. Aber was war Ihr denkwürdigster Moment – also Ihr himmlischster, wirklich glückseligster Augenblick?

Günther Jauch: Am schönsten ist es immer, wenn man den Eindruck hat, mit einem Geldgewinn den Richtigen getroffen zu haben - jemanden, der es besonders nötig hat oder der wahnsinnig tapfer war, und irgendwann gestrauchelt ist. Aber was die Millionäre dann mit ihrem weiteren Leben machen, können wir nicht beeinflussen. Übrigens haben wir nicht wenige Kandidaten, bei denen wir bei der Überweisung feststellen, dass der schöne Gewinn komplett ans Finanzamt geht. Aber am Allerschönsten ist für mich immer, wenn Kandidaten aus der "Klischee-Schublade" rausspringen – und sich ein "maulfauler Schluffi" plötzlich als schlagfertiger Witzbold entpuppt, der das Publikum für sich einnimmt.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von "Wer wird Millionär?" Das steinzeitliche Konzept, dass sich eine Gewinnsumme bei jeder richtigen Antwort verdoppelt – und die Kandidaten eine "Wundertüte" sind?

Günther Jauch: Das trifft es schon ziemlich genau. Als es vor 20 Jahren hieß, ob ich für RTL ein Quiz übernehmen könnte, dachte ich zunächst, dass die Zeit der Quiz-Shows nach Heinz Maegerlein und "Hätten Sie’s gewusst" und späteren Formaten wie "Einer wird gewinnen" doch nun wirklich vorbei sei. Aber dann habe ich eine Videokassette zugeschickt bekommen, auf der es vier Ausgaben der englischsprachigen Ausgabe von "Wer wird Millionär?" gab. Und nachdem ich mir die angeschaut hatte, und nur die Hälfte verstand, weil zwischen null Euro und Tausend Euro ständig irgendwelche walisischen Sprichwörter abgefragt wurden, spürte ich das Knistern und die Spannung dieser Quiz-Show – eine außergewöhnliche Kombination aus verschiedenen Lichtstimmungen, akustischen Effekten, mitfieberndem Publikum, schwitzenden Kandidaten und einem sehr souveränen britischen Moderator. Ich diesem Moment war mir erstmals klar, dass das doch was werden kann.

Aber wie schwierig war es, "Wer wird Millionär" regelmäßig neu zu erfinden? Denn im Laufe der Zeit sind ja jede Menge Specials hinzugekommen – etwa mit Zockern und "mit Oma und Opa zur Million" …

Günther Jauch: Letztlich haben wir nur wenig am eigentlichen Spielprinzip verändert. Und auch im Studio gab’s kaum Umgestaltungen – abgesehen von geänderten Balustraden oder kleinen Lichtschienen. Doch im Prinzip ist seit 20 Jahren alles beim Alten geblieben. Lediglich das Spielprinzip variieren wir manchmal ein bisschen, indem beispielsweise ein Jubiläums-Joker dazu kommt oder wir die Gewinnsumme erhöhen. Die Idee mit dem Zocker-Special – also, dass die Kandidaten lange keinen Joker benutzen dürfen - finde ich übrigens richtig gut.

Telefonjoker bei "WWM"

Wie viel Spaß macht Ihnen die Sendung noch? Und wie lange bleiben Sie "Wer wird Millionär?" künftig erhalten?

Günther Jauch: Die Sendung macht mir nach wie vor großen Spaß, was natürlich daran liegt, dass jeder Kandidat anders ist und "Gottes großer Zoo" bei uns einläuft. Die Vielfalt der Menschen ist wirklich unbegrenzt. Deswegen kann es einem hier gar nicht langweilig werden. Und wie lange ich weitermache? Ehrlich gesagt weiß ich das nicht – weil es immer von folgenden drei Komponenten abhängt. Wenn RTL es nicht mehr will, hat es sich erledigt. Wenn die Zuschauer abschalten, bedeutet das ebenfalls das Aus. Und wenn ich die Lust verliere ist auch Schluss. Aber solange wir drei alle mitziehen und noch so viel Spaß wie momentan dran haben, machen wir einfach weiter.

Sind Änderungen im Konzept von "Wer wird Millionär?" geplant?

Günther Jauch: Im Prinzip nicht. Was jedoch nicht bedeutet, dass immer mal wieder an der einen oder anderen Stelle Schraube gedreht wird. Aber der Charakter, der ganze Kern der Marke sollte tunlichst nicht verändert werden.

Gibt’s die Sendung wohl auch noch in zehn Jahren?

Günther Jauch: Da fragen Sie mich was. Ich weiß es wirklich nicht und so warten wir es einfach ab.

Als Harald Schmidt 2011 zu "Sky" ging und Thomas Gottschalk im selben Jahr "Wetten, dass …?!" beendete, hieß es, nun seien Sie der letzte Fernseh-Dino, der ebenfalls in die "Parkgarage des Privatlebens" gehöre. Aber wie lautet der Masterplan für Ihre TV-Rente?

Günther Jauch: Ich habe keinen! Man sollte jedoch im Kopf haben, dass es vielleicht irgendwann tatsächlich gut ist. Da empfehlen sich drei Dinge. Das Beste ist, wenn man es selbst merkt. Das Zweitbeste ist, wenn Freunde und wohlmeinende Bekannte einen darauf hinweisen. Und die schlechteste, aber immer noch letzte Möglichkeit, die Kurve zu kratzen, ist, wenn das Publikum einem dauerhaft wegläuft. Danach wird es schon ein bisschen eng. Manche merken es selbst dann immer noch nicht und wollen immer weitermachen. Das kann tragische Züge annehmen.

Warum haben Sie Ihre Produktionsfirma "I & U" verkauft?

Günther Jauch: Ich bewege mich jetzt auf Mitte 60 zu. Wenn man eine Firma hat, muss man vorausdenken – und bedenken, wie es in fünf oder zehn Jahren um den Betrieb bestellt ist. Dann gehe ich bereits auf die 70 bzw. 75 zu, und müsste mich fragen, ob ich noch der Richtige bin für diesen doch sehr kompetitiven Medienwettbewerb. Und weil die Friedhöfe voller Menschen sind, die sich für unersetzlich gehalten haben, wollte ich mich da nicht schon zu Lebzeiten einreihen. Gleichzeitig ist ein weicher Übergang geplant, weil ich, zumindest vor der Kamera, noch weiter an Bord bin.

Aber inwiefern erleben Sie RTL anders, seit die langjährige Chefin Anke Schäferkordt weg ist?

Günther Jauch: Das macht sich in der täglichen Arbeit nicht so bemerkbar. Ich arbeite seit fast 30 Jahren mit RTL zusammen. Im Laufe dieser Zeit habe ich einige Menschen kommen und gehen sehen. Bei manchen war ich traurig, dass sie gegangen sind, bei anderen habe ich zwischendurch auch mal eine Erleichterung verspürt. Es ist immer anders! Aber dass es irgendwann mal eine Zeit gegeben hätte, in der man mir das Leben und die Arbeit richtig schwer gemacht hätte, kann ich rückblickend nicht sagen.

Wie finden Sie das System der Quoten-Erfassung? Ist es noch zeitgemäß?

Günther Jauch: Zeigen Sie mir ein besseres! Mittlerweile glaube ich tatsächlich, dass sich mit den 5.800 Geräten in ganz Deutschland wirklich eine Repräsentativität abbilden lässt. Aber wie man im digitalen Zeitalter die ganzen Modifikationen – also beispielsweise Abrufe in Mediatheken oder das Zuschauen auf mobilen Geräten - erfassen kann, ist wiederum eine andere Geschichte. Ich habe übrigens noch in einem System ohne Quoten angefangen, denn beim ZDF und dem Bayerischen Rundfunk gab es damals keine Quoten. Bei "Na siehste" beispielsweise kam die Quote immer erst eine Woche später – und sie wurde einem erst auf Nachfrage mitgeteilt, weil sie überhaupt keine Rolle spielte. Einerseits waren das paradiesische Zeiten, aber andererseits ist es auch wertvoll, einen Gradmesser zu haben und zu erfahren, wie viel die Sendung dem Publikum wert ist. Denn ohne den Publikumszuspruch wird es für ein Format – besonders im kommerziellen Fernsehen – wirklich schwierig, wobei ich zu bedenken gebe, dass der Publikumszuspruch nicht zwangsläufig etwas mit der Qualität der Sendung zu tun hat.

Thomas Gottschalk sagt Folgendes über Sie: "Der Kerl ist selten bis nie zufrieden. Am wenigsten mit sich selbst. Die ganze Nation liebt ihn, aber er selbst mäkelt dauernd an sich und seinen Erfolgen rum. Hat er zehn Millionen Zuschauer, grübelt er, warum es keine elf Millionen waren." Richtig beschrieben?

Günther Jauch: Ein bisschen ja. Das war wirklich lange Zeit so. Und die Lust, sich miteinander zu messen und in Wettbewerb mit anderen zu treten und zu sehen, ob die Dinge noch gut funktionieren, habe ich immer noch verinnerlicht. Aber andererseits bin ich auch ein bisschen ruhiger geworden. Insofern kann Thomas sehr gelassen sein, denn ich bin mittlerweile mehr auf seiner Schiene, als dass er sich auf meine hätte begeben müssen.

Gegen welches Krawattenmuster wehren Sie sich mit Händen und Füßen?

Günther Jauch: Gegen kleine Hunde und zu grelle Krawatten. In den Achtzigern habe ich krawattenmäßig noch schwer gesündigt, aber mittlerweile habe ich die Kompetenz über mein Krawattenmuster und die Krawattenform völlig abgegeben. Ich bin im Grunde wieder im Kleinkindmodus, wo ich mich anziehen lasse.

Neben "Wer wird Millionär" haben Sie jede Menge andere Shows moderiert - von "6! Setzen!" über "Ich kann Kanzler!" bis zu "500". Doch was ist Neues in der Pipeline?

Günther Jauch: Im Herbst mache ich eine große Live-Sendung, in der sich alle Zuschauer mit mir messen können. Vorher muss ich mir tatsächlich in mein Gehirn schauen lassen und hoffe, dass da nicht nur ein großer Hohlraum entdeckt wird.

Hätten Sie aktuell - in Zeiten von erstarkendem Populismus - Lust auf eine Rückkehr ins Talkgenre? Oder ist das Kapitel Talk für Sie ein für alle Mal abgeschlossen - und falls ja, warum?

Günther Jauch: Letzteres. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so gut meinen Frieden schließen kann mit allem, was ich selbstbestimmt abgeschlossen habe. "stern TV" habe ich nach 21 Jahren aufgegeben, das "Sportstudio" nach zehn Jahren und bin genauso mit der Champions-League-Moderation und dem Skispringen verfahren. Beim Sonntagabendtalk in der ARD war es das identische Muster. Ich habe ihn für mich beendet, wobei ich gern auf die Zeit zurückschaue. Es gibt aber keinerlei Sehnsucht, eines der Formate für mich wieder aufzuwärmen.

Ihre größte Stärke?

Günther Jauch: Dass ich mich mit Menschen unterhalten und damit Menschen unterhalten kann.

Und Ihre größte Schwäche?

Günther Jauch: Ich neige nicht zu Kompromissen und mir gehen viele Dinge zu langsam. Zuweilen bin ich dann leicht erregbar und neige dann zu Entscheidungen, die nicht zwangsläufig oder gar immer die richtigen sind.

Ihr Lebensmotto?

Günther Jauch: Zum Glück habe ich keins.

Warum "zum Glück"?

Günther Jauch: Diese Lebensmotti a la "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume" führen dazu, dass ich widerstandslos in mich zusammensinke. Kein erstrebenswertes Gefühl.

Sitzen Sie 2020 als Gast auf Thomas Gottschalks Couch beim einmaligen Comeback von "Wetten, dass …?!", um mit ihm seinen 70-sten zu feiern?

Günther Jauch: Mal sehen, aber ich war ja schon in seiner letzten Sendung dabei. Eigentlich sind jetzt wieder Status Quo und Peter Maffay dran.

Günther Jauch bei "Gottschalk & Friends"

Wer wäre, sollten Sie je in TV-Rente gehen, der beste Nachfolger für "Wer wird Millionär"? Barbara Schöneberger? Thomas Gottschalk? Oder jemand ganz anderes?

Günther Jauch: Es gibt sicherlich einige, die das hinkriegen: Menschen, die schlagfertig und/oder witzig sind, aber auch Menschen, die gut mit ihrem eigenen Wissen oder Nichtwissen kokettieren können: Wie gesagt: Die Friedhöfe sind voll von unersetzlichen Menschen. Insofern mache ich mir da keine Sorgen. Das Format ist weltweit nirgendwo so lange am Stück gelaufen wie in Deutschland. Das haben selbst die Engländer mit dem Original nicht geschafft. Insofern schauen wir mal, wie lang unser Vorsprung noch reicht.

Schlussfrage: Würden Sie – wenn Sie auf Ihre mediale Karriere zurückblicken – wieder alles so machen wie es gelaufen ist oder doch lieber Jurist, Kripobeamter oder Bankangestellter werden, wie Sie es auch mal angedacht hatten?

Günther Jauch: Rückblickend bin ich mit meiner Berufswahl nicht nur zufrieden, sondern wirklich glücklich. Als Banker oder Kripobeamter stünde ich jetzt vor der Pensionierung. Die Frage stellt sich beim Fernsehen zum Glück nur, wenn die Zuschauer einen nicht mehr sehen wollen.