Iris Berben: "Wenn der Tod bei mir anklopft, bin ich nicht zu Hause"

Im Drama "Hanne" spielt Iris Berben eine Frau, die über das eigene Ende nachdenkt. GOLDENE KAMERA verriet unsere zweifache Preisträgerin exklusiv, warum ihr das auch persönlich nahegeht.

Für Iris Berben (GOLDENE KAMERA 1998 und 2004) ist es wohl einer ihrer berührendsten Filme: Im TV-Drama "Hanne" (18. September, 20.15 Uhr, Das Erste) erfährt die Titelheldin, dass sie Blutkrebs haben könnte. Ausgerechnet am Tag ihrer Pensionierung, einem Freitag, kurz vor Dienstschluss. Bis zur endgültigen Diagnose am Montag muss sie das ganze Wochenende überbrücken – gefühlt eine Unendlichkeit.

So verletzlich und ungeschminkt wie in diesem Drama hat man Iris Berben selten gesehen. Ebenso entwaffnend offen spricht die 69-Jährige im Interview mit GOLDENE KAMERA über ihren Umgang mit Krankheiten, dem Älterwerden, persönlichen Verlusten – und darüber, wen sie gern im Himmel treffen würde.

Iris Berben im Interview

Frau Berben, in "Hanne" spielen Sie eine Frau, die ein Wochenende voller Ungewissheit über eine Krebsdiagnose überbrücken muss. Der traurigste Film in Ihrer Karriere?

Überhaupt nicht! Als ich das fantastische Drehbuch von Beate Langmaack zum ersten Mal gelesen habe, wusste ich gleich, dass Hanne eine wunderbare Figur ist. Denn die beiden Tage in Hannes Leben, in denen sie um ihr Leben bangt, werden mit einer unglaublichen Leichtigkeit erzählt, obwohl das Thema schwer und tiefgründig ist. Man schmunzelt, grinst, lacht, erschreckt sich, staunt – und fühlt natürlich Hannes Schmerz. Hannes Wochenende ist eine schöne Achterbahnfahrt und der Film gleichsam nonchalant.

Hanne ist in einer existenziellen Ausnahmesituation. Ist das realistisch?

Ja. Es wird immer mehr eingefordert, dass Ärzte Klartext reden. Zuerst schätzen Mediziner ein, wie weit sie dabei gehen können. Anschließend klären sie einen über die Eventualitäten auf. Die Situation in unserem Film ist übrigens auch deshalb so realistisch, weil der Arzt Hanne nicht komplett entmutigt, sondern auch die Hoffnung auf einen guten Ausgang erwähnt.

Zuerst verrät Hanne niemandem, was los ist. Würden Sie auch so reagieren?

Ich denke ja. Es ist eher mein Naturell, Dinge zuerst mit mir allein auszumachen, besonders in einer vergleichbaren Situation ohne sichere Diagnose. Ich fände es ein bisschen unverantwortlich, wenn ich andere Menschen in meine Ängste und Verunsicherungen hineinziehen würde. Aus diesem Grund würde ich auch niemandem verraten, was mit mir los ist, sondern es zunächst für mich behalten.

Sie sagten einmal, dass Sie den Tod fürchten und gern lang leben möchten, um mitzubekommen, was noch alles Wunderbares und Erstaunliches in 300 Jahren passiert. Gilt das noch?

Das gilt immer noch. Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich einfach nicht zu Hause bin, wenn der Tod kommt.

Wovor haben Sie mehr Angst? Vor dem Sterben oder vor dem Tod?

Nur vor dieser Endgültigkeit. Und dass ich nicht mehr dabei wäre und nicht sähe, was aus dieser Erde und den Menschen wird, was alles erfunden, ergründet, kaputt und wieder heil gemacht wird. Für mich ist das Leben ein Kreislauf, in dem sich immer neue Möglichkeiten ergeben. Und aufgrund meiner Neugierde würde ich gern weiterleben. Es muss wahnsinnig langweilig sein, wenn man dann in der Erde liegt und nichts mehr mitbekommt.

Trotzdem rückt das Thema immer näher. Man sagt: Die Einschläge kommen näher. Das machte jüngst auch der Tod von Hannelore Elsner deutlich. Wie fühlt sich das an?

Das ist sehr schmerzhaft. Außerdem hat man ja auch "Einschläge" innerhalb der eigenen Familie erlebt. Verlust tut immer weh, besonders wenn er Menschen betrifft, die in der eigenen Wahrnehmung eine Wichtigkeit haben. Und dazu gehörten für mich auch Hannelore Elsner und Bruno Ganz. Beide hinterlassen eine Lücke, die nicht von irgendjemand anderem ausgefüllt wird. Wir sind schließlich alle Individuen. "Einschläge" sind schmerzhafte Momente, die einen ein ganzes Leben begleiten, wenn man wach durchs Leben geht und innehält, wenn sie sich ereignen.

Sie feiern 2020 Ihren nächsten runden Geburtstag. Ist 70 das neue 60? Oder ist das eine Phrase?

Das sind bloß Floskeln. Wenn überhaupt, dann ist 70 das neue 40!

Manche Menschen verschweigen, wie alt sie wirklich sind, machen ein Geheimnis daraus. Sie nicht. Warum?

Weil ich ständig auf mein Alter angesprochen werde. Andere nehmen viel mehr Anteil daran als ich selbst. Dabei gibt es Millionen Menschen, die genauso alt sind, ihr Leben weiterleben und versuchen, die Herausforderungen, die sich allen stellen, zu rocken. Und dieser Rock ’n’ Roll soll möglichst lange weitergehen.

Dann freuen Sie sich auf Ihren 70. Geburtstag im nächsten Jahr?

(Lacht) Yippie! Ich werde 70! Nein, so ist das nicht unbedingt. Ich würde mich vielleicht freuen, wenn ich wüsste, dass ich jetzt noch 300 Jahre hätte und noch ganz am Anfang wäre. Dann würde ich denken: "Okay, das erste Viertel ist jetzt um." Aber wie gesagt: Runde Geburtstage werden von außen an einen herangetragen, und Zahlen sind nur eine abstrakte Vorstellung. Mit 20 habe ich gedacht, dass das Leben mit 70 um ist. Aber jetzt empfinde ich das überhaupt nicht mehr so. Im Gegenteil: Ich freue mich darüber, dass ich tolle Filme wie "Hanne" und "Die Protokollantin" drehen kann und dass schon wieder neue Filmprojekte anstehen.

Wächst mit zunehmendem Alter auch die Sorge um die eigene Fitness, den eigenen Körper? Oder anders gefragt: Ihr TV-Kollege Harald Schmidt gibt zu, dass er hypochondrisch ist? Wie steht das bei Ihnen?

Ich bin nicht hypochondrisch, aber ich gehe bereits viele Jahre zu Vorsorgeuntersuchungen und mache einmal im Jahr einen Check-up, weil ich wissen will, wo die kleinen Baustellen sind. Das ist eine Inventur, ähnlich wie wenn man sein Auto in die Werkstatt bringt. Denn wenn man gern lebt, muss man aufpassen, dass man dem Leben die Chance gibt, so lange wie möglich bei einem zu bleiben.

Und Sie haben gute Gene, stimmt’s?

Ja, ich habe ziemlich gute Gene. Wenn ich an meine Mutter und meine Großmutter denke, erinnere ich viel Positives.

Eine Frage zum Jenseits, sofern es eines gibt: Wem würden Sie am liebsten im Himmel begegnen?

Den ganzen guten Musikern, die bereits von uns gegangen sind, beispielsweise Janis Joplin und Jimi Hendrix. Mit denen würde ich mich gern da oben treffen.

Und was würden Sie machen, wenn Sie nur noch einen Tag zu leben hätten?

Ich hoffe, dass ich dann so souverän wäre wie Hanne. Ich würde die letzten 24 Stunden bewusst leben und erleben. Am letzten Tag meines Lebens wäre ich vielleicht gern ein Mann – weil ich weiß, dass ich trotz einiger Sketche bei "Sketchup", in denen ich Männer gespielt habe, nicht in die wirkliche Psyche eines Mannes eingestiegen bin. Es wäre klasse zu wissen, ob wir Frauen und Männer uns ähnlich oder total verschieden sind.

Eine letzte Frage: Was halten Sie von der Redewendung "Das Beste kommt zum Schluss"?

Überhaupt nichts. Das fände ich schrecklich. Denn es wäre furchtbar, 69 Jahre gelebt zu haben und immer noch auf das Beste zu warten. Nein, ich versuche ständig, das Beste zu sehen und jeden Moment zum besten zu machen.