Märchenstunde im "Tatort: Hüter der Schwelle"

"Fight Club" trifft auf "Der Exorzist": Im "Tatort: Hüter der Schwelle" (Sonntag, 29. September, 20.15 Uhr im Ersten) führt Bootz illegale Kämpfe und Lannert stellt sich seinen Dämonen.

Hexen, Geisterjäger, eine Schuh-Anzieh-"Aschenputtel"-Sequenz, knisterndes Feuer im Kamin und spritzendes Blut im Keller - Der "Tatort: Hüter der Schwelle" fährt das volle Programm auf. Doch zum Leidwesen der Zuschauer ist die Geschichte so absurd, dass selbst die vielen guten Szenen, wie eine Liebesromanze zwischen Bootz und einer Hexe oder eine illegale Schlägerei, diesen Fall nicht aufwerten können. Doch von vorne:

Darum geht's im "Tatort: Hüter der Schwelle"

Der Geschichtsstudent Marcel wird tot auf einem einsamen Bergplateau in Esslingen gefunden. Sein nackter Körper ist übersät mit eingeritzten Wunden, um ihn herum stehen mystische Gegenstände. Ein Ritualmord? Die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) vermuten es. Doch Marcels Mutter Heide Richter (Victoria Trauttmansdorff) bezweifelt, dass ihr Sohn irgendetwas mit Okkultismus zu tun gehabt haben könnte. Und auch Marcels Kommilitonin Diana Jäger (Saskia Rosendahl) kann den Ermittlern keine Hinweise liefern. Dafür zieht sie aber Bootz' Aufmerksamkeit magisch auf sich.

Einzig eine Adresse, die in den Sachen des Toten gefunden wird, führt Lannert und Bootz zu Emil Luxinger (André M. Hennicke), einen selbsternannten Magier, der Marcel des Diebes an einem antiken Buch beschuldigte und ihn deshalb mit einem Zauber belegt habe. Doch von einem Fluch kann man nicht sterben - oder doch? Eine weitere Spur führt zu einem Keller, in dem illegale Kämpfe abgehalten werden.

Hintergrund

Während der Frühen Neuzeit fanden in Esslingen zahlreiche Hexenprozesse statt, die für viele Unschuldige tödlich endeten. Allein von 1662 bis 1665 wurden 375 Personen verdächtigt einen Pakt oder Unzucht mit dem Teufel geschlossen bzw. betrieben zu haben, durch die Luft geflogen zu sein oder die Teilnahme an einem Hexensabbat oder Schadenszauber begangen zu haben.

Schräges Schwabenländle

Wenn sich ein Kommissar verliebt, ist dem eingefleischten "Tatort"-Fan schnell klar, dass mit dem Objekt der Begierde etwas nicht stimmen kann. Schließlich sind glücklich verliebte Kommissare Mangelware und für den Zuschauer schnell langweilig. Auch im Fall von Diana Jäger scheint etwas merkwürdig zu sein. Dass sie sich ausgerechnet als Hexe entpuppt, macht den Fall nicht gerade besser. Dafür ist Schauspielerin Saskia Rosendahl, die Diana verkörpert, eine echte Bereicherung. Die 26-Jährige steht schon seit dem sie Schülerin ist erfolgreich vor der Kamera. 2013 gewann sie für ihre Rolle in "Lore" als "Beste Schauspielerin" beim Internationalen Stockholmer Filmfestival und beim australischen AACTA Award den Preis als "Beste Nachwuchsdarstellerin". Sie war u.a. in "Der Geschmack von Apfelkernen" und in "Werk ohne Autor" zu sehen.

Dianas Hexenmeister wird von André M. Hennicke gespielt, der schon in über 150 Produktionen, wie Werner Herzogs "Unbesiegbar" (2001) und in über einem Dutzend "Tatorte" mitwirkte. Hennicke ist auch als Produzent ("Knockin’ on Heaven’s Door") und Autor ("Der Zugriff") tätig.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil…

Selten war die Diskrepanz zwischen der Qualität der Inszenierung und der Geschichte so groß, wie in diesem "Tatort". Gutgeschnittene, düstere, stimmungsgeladene Bilder treffen auf eine Story, die vor allem in ihrer Auflösung nur schwer nachzuvollziehen ist. Kameramann Jürgen Carle, der hier lobend erwähnt werden muss, weil er wirklich ganze Leistung gebracht hat, kann trotz seiner erstklassigen Farbkompositionen und Einstellungen die völlig schräge Geschichte nicht retten. Und Regisseur Piotr J. Lewandowski ("Jonathan") feiert hier mit seiner Inszenierung ein gelungenes "Tatort"-Debüt - schön wäre es aber, wenn er bei seinem nächsten Fall auch wirklich einen Krimi und nicht ein hanebüchenes, okkultes Märchen drehen darf.