Liselotte Pulver: "Geliebt habe ich nur einmal"

Sie gibt nur sehr selten Interviews. Für GOLDENE KAMERA macht Liselotte Pulver zu ihrem 90. Geburtstag eine Ausnahme.

Sie spielte mit den größten Filmhelden ihrer Zeit, drehte in den 1950er- und 1960er-Jahren einen Filmerfolg nach dem anderen und brachte uns zuverlässig zum Lachen: Lebenswerk-Preisträgerin der GOLDENEN KAMERA 2007 Liselotte "Lilo" Pulver.

Am 11. Oktober feiert sie ihren 90. Geburtstag. 3sat würdigt das Ereignis am 13. Oktober mit mehreren ihrer Filme und dem neuen Porträt "Liselotte Pulver: Eine Hommage" (ab 18.20 Uhr, 3sat). Lilo selbst kommentiert in ihrer Biografie "Was vergeht, ist nicht verloren" (Hoffmann und Campe, 232 S., 24 Euro) ungemein offen ihre ruhmreichen Jahre und hat dafür auch ihr privates Fotoarchiv geöffnet. Im Interview erzählt die Schauspielerin, die sonst sehr zurückgezogen lebt, warum sie dieses Buch geschrieben hat und wie ihr Leben heute aussieht.

Interview mit Liselotte Pulver

HÖRZU: Frau Pulver, das neue Buch über Ihr Lebenswerk trägt den Titel „Was vergeht, ist nicht verloren“. Ist das Ihr Lebensmotto?

LISELOTTE PULVER: Ich bin eigentlich ein Mensch, der immer nach vorn geschaut hat. Aber es war schön, mich für das Buch mit der Vergangenheit zu beschäftigen, ich habe viel gearbeitet in meinem Leben und ganz schön was geschafft. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Ich denke gern an die Zeiten zurück, als ich noch gefilmt habe, da war immer was los, ich war in der Welt unterwegs. Aber ich bereue nicht, dass diese Zeiten vorbei sind. Ich vermisse nichts, auch nicht das Rampenlicht.

Viele Leserinnen und Leser von HÖRZU haben alle Ihre Filme gesehen. Was sind im Rückblick denn Ihre eigenen drei Favoriten?

Favoriten habe ich nicht. Natürlich gibt es Filme, die mir besser gefallen als andere. Aber ich habe immer mit Herzblut und Leidenschaft gedreht, jeder Film sollte ein Meisterwerk werden. Ich denke sehr gern zurück an Kurt Hoffmann, einer meiner Lieblingsregisseure und mein Mentor. Mit ihm drehte ich einige meiner größten Erfolge. Wie „Ich denke oft an Piroschka“, ein Film, den ich zuerst gar nicht machen wollte. Einige Filme, die ich sehr mag, sind in Deutschland weniger bekannt als meine Komödien, etwa meine Arbeit mit Jean Gabin in Frankreich. „Kohlhiesels Töchter“ war auch eine wunderbare Komödie mit einer Doppelrolle, die ich liebte, die Schöne und die Clowneske, die Elegante und der Tollpatsch. Mein Sohn sagt, dies sei die Rolle, die seiner Mutter am nächsten ist. (lacht)

Im Buch erzählen Sie, dass Sie nur einmal wirklich geliebt haben: Ihren Mann Helmut Schmid. Was unterschied ihn beim Kennenlernen Anfang der 1960er so sehr von anderen Männern?

Was ihn auch in all den Jahren danach von allen anderen unterschied: Er war mein Nonplusultra. Perfekt in jeder Beziehung. Schön, klug und mir immer einen Schritt voraus.

Es macht Spaß zu lesen, wie Sie die Marotten Ihrer Filmpartner beschreiben, etwa die von O. W. Fischer. Sie sagen, dass Sie öfter auch ein wenig verliebt in Ihre Mitspieler waren. Bei wem genau ist Ihnen das passiert?

Eigentlich bei allen. (lacht) O. W. Fischer, Hardy Krüger … Aber nur, bis ich meinen Mann kennenlernte. Und immer nur, bis die letzte Klappe gefallen war – dann war Schluss. Es handelte sich aber auch, um das einmal klar zu sagen, um harmlose Romanzen. Schön war, dass daraus oftmals lebenslange Freundschaften entstanden, wie jene mit Blacky Fuchsberger.

Mit wem aus der Filmbranche sind Sie noch heute befreundet?

Eigentlich habe ich kaum Kontakte zu Kollegen von früher. Leider leben viele von ihnen nicht mehr. Hardy Krüger und ich, wir mochten uns sehr, aber er lebt in den USA, ein zu weiter Weg, um zusammen einen Kaffee zu trinken. Aber ich freue mich immer, wenn ich höre, dass es ihm gut geht im sonnigen Kalifornien.

Welche Karriereentscheidung war Ihre beste? Welche bereuen Sie bis heute?

Die beste Entscheidung entpuppte sich erst im Nachhinein als solche. Ich wollte einen großen Hollywoodfilm drehen, „El Cid“, an der Seite von Charlton Heston. Ich hatte die Rolle schon ergattert und musste dann trotzdem absagen. Denn für den gleichen Zeitraum war ich bereits für einen anderen Film verpflichtet, und ich breche niemals Verträge. Das hat mich damals sehr geärgert. Sophia Loren bekam meine Rolle in „El Cid“ und machte eine Weltkarriere. Weshalb es dennoch die beste Entscheidung meines Lebens war? Bei dem anderen Film handelte es sich um „Gustav Adolfs Page“, und während der Dreharbeiten lernte ich meinen späteren Mann kennen. Was lernt man daraus? Die wichtigsten Entscheidungen trifft das Schicksal.

Sie haben ein abwechslungsreiches Leben geführt. Vermissen Sie all die interessanten Begegnungen und Feste?

Ich vermisse ehrlich gesagt gar nichts. Der Trubel früher war schön, aufregend, inspirierend. Die Ruhe heute ist wohltuend und genau das Richtige. Alles hat seine Zeit.

Wie schwer war es, das Leben als Filmstar loszulassen? Warum haben Sie Ihren Rückzug so früh beschlossen?

Der Rückzug kam ja nicht von heute auf morgen. Nach dem Tod meines Mannes 1992 habe ich mir Gedanken gemacht, wo ich später einmal leben möchte, und entschied mich schon vor vielen Jahren für eine Altersresidenz in Bern. Lange Zeit bin ich zwischen meinem Haus am Genfer See und Bern gependelt. Immer mit einer Menge Gepäck für die Garderobe je nach Jahreszeiten. Das wurde langsam anstrengend, nun lebe ich seit einiger Zeit nur noch in Bern.

In dem Haus am Genfer See lebt jetzt Ihr Sohn mit Familie. Sind Sie dort öfter zu Besuch? Oder schmerzt das?

Im Gegenteil, ich freue mich, dass unser Familienhaus jetzt das Zuhause meines Sohnes, meiner Schwiegertochter und meines Enkels ist. Ich besuche sie regelmäßig. Zu Feierlichkeiten oder im Sommer bin ich gern eine Weile dort. Das Haus am See wird immer meine Heimat bleiben, auch wenn ich mich in Bern sehr wohl fühle. Dort verbrachten wir die glücklichsten Jahre.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Danke, sehr gut, in meinem Alter zwickt es mal hier und da, aber ich bin rundum zufrieden.

Schauen Sie viel fern?

Ich schaue regelmäßig die Nachrichten, aber lieber lese ich Bücher, darunter gern Biografien.

Gehen Sie auch ins Kino?

Nein, ins Kino bin ich seit Ewigkeiten nicht mehr gegangen.

Haben Sie Tipps für unsere Leser, wie man dem Alter die Stirn bietet, gut mit ihm fertig wird?

Ich kann nur allen empfehlen, nicht zu unterschätzen, wie wichtig guter Schlaf ist. Ich schlafe viel und gern. Dann mache ich jeden Tag einen Spaziergang an der frischen Luft, bei Wind und Wetter.

Können Sie noch immer so herzhaft lachen wie früher?

Das Lachen ist mir nie vergangen, wobei ich der Meinung bin, dass ich gar nicht mehr lache als andere Menschen auch. Ich mag Situationskomik. Wenn etwas nicht so klappt, wie es sollte, kann das sehr lustig sein.

Was stört Sie am Alter am meisten?

Dass man nicht mehr jung ist.

Was ist Ihr größter Wunsch zum 90. Geburtstag? Werden Sie ihn feiern?

Ich wünsche mir, was sich jeder Mensch wünscht, auch die Jüngeren: gesund zu bleiben, weiter im Kreise meiner Lieben das Leben zu genießen. Ich kann Ihnen auch sagen, was ich mir nicht wünsche (lacht): noch mal vor der Kamera zu stehen. An meinem Geburtstag werde ich mit meiner Familie essen gehen, im engsten Kreis. Der Rest wird nicht verraten.