Gabriela Sperl: "Die Mächtigen hatten längst einen Schuldigen gefunden"

Film- und Fernsehproduzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Gabriela Sperl.
Film- und Fernsehproduzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Gabriela Sperl.
Foto: picture alliance / Eventpress
Produzentin Gabriela Sperl will mit der Miniserie "Preis der Freiheit" neben den glückhaften Momenten der friedlichen Revolution auch die tiefen emotionalen, wirtschaftlichen und ideologischen Gräben zeigen.

Im dreiteiligen Ost-West-Drama "Preis der Freiheit" (alle Episoden täglich ab Montag, 4. November, um 20.15 Uhr im ZDF), das von Gabriela Sperl produziert wurde, geht es um den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR-Diktatur in der Zeit von 1987 bis 1990. Wir trafen die Produzentin, die als Autoren für den TV-Film "Mogadischu" die GOLDENE KAMERA 2009 entgegen nahm, zum Interview.

Interview mit Gabriela Sperl

Worum geht es in „Der Preis der Freiheit“?

Gabriela Sperl: Unsere Geschichte zeigt, wie innerhalb des Systems der DDR eine Lawine anrollt, lange bevor die Mauer fällt. Wir zeigen, wie die Gesellschaft seit 1987 im Umbruch war. Das DDR Regime war am Rande der Zahlungsfähigkeit. Verkaufte über die KOKO (Kommerziele Koordinierung), alles, was ging. Zugleich prügelte es auf „negativ-feindiche“ Menschen ein, die z.B. nur Musik hören wollten. Irgendwann hatten diese genug und keine Angst mehr. Sie begannen zu rebellieren.

Was ist der Anspruch Ihrer Serie?

Gabriela Sperl: Viele Filme – etwa „Wir sind das Volk“ oder „Bornholmer Straße“ – hören auf, wenn die Mauer fällt und der Jubel ausbricht. Das waren tolle, erfolgreiche Filme, die diesen ungeheuerlichen Moment der Freude und des Glücks zeigen. Mir jedoch ging es darum, zu zeigen, dass bereits vor dem Mauerfall eine Entwicklung begann, die weiterging. Während immer mehr Menschen für die Freiheit auf die Straße gingen, wussten die Mächtigen längst, es geht zu Ende. Und haben einen Schuldigen für Mülldeals, Menschenhandel, Embargoverletzungen etc. gefunden: Schalck-Golodkowski – eine Legende, die die Stasi strickte, während deren Mitarbeiter sich bereits auf das Danach vorbereiteten.

Welche Tabus brechen Sie?

Gabriela Sperl: Zwei Tabus – erstens, dass es in der DDR keine Nazis gab - die Faschisten, so die offizielle DDR Version, lebten ja vermeintlich alle im Westen - und zweitens, dass bislang nie auf die engen wirtschaftlichen Verstrickungen zwischen Ost und West geschaut wurde. Seit dem Milliardenkredit von 1983 hing die DDR am Tropf der BRD. Und als Gorbatschow dann Reformen im eigenen Land betrieb und dafür Geld von der BRD bekam, war der Große Bruder nicht mehr da. Die Sowjetarmee würde nicht marschieren.

Was war das größte Versäumnis nach der Wende?

Gabriela Sperl: Das größte Versäumnis war, den Menschen im Osten von einem Tag auf den anderen die DM-zu geben, weil sie es sich wünschten. Ein langsamer Übergang hätte die verheerenden Folgen der Währungsunion vom Juli 1990 abfedern können. Das ging nicht, weil die BRD verhindern wollte, dass alle in den Westen strömen, die Sozialsysteme zusammenbrechen und billige Arbeitskräfte den eigenen Leuten die Arbeit nehmen. Mit der Einführung der D-Mark in der DDR ging eine Preiserhöhung von 400 Prozent einher – und zwar von einem Tag auf den anderen – das hat alle platt gemacht, DDR-Unternehmen waren nicht mehr konkurrenzfähig. Heute wissen wir, dass die wirtschaftlichen Ereignisse vor und nach dem Mauerfall ein einziger Verschiebebahnhof waren. ... Heute fühlen sich viele aus dem Osten abgehängt – selbst Intellektuelle. Da ist vieles schiefgelaufen. Vor dem Mauerfall war die DDR für die BRD praktisch ihr ‚Billiglohnland‘ – wir haben dort vieles produzieren lassen. Danach haben die unser System und seine kapitalistischen Auswüchse bekommen. Ihr realer Sozialismus hatte ja versagt. Erst wenn die Westdeutschen eingestehen, dass sie nicht nur viel Geld gezahlt, sondern auch viele Fehler gemacht haben, können die Menschen im Osten vielleicht besser damit umgehen – und beide Seiten gemeinsam positiv nach vorne schauen.