Setbesuch: Matthias Brandt lüftet "Das Geheimnis des Totenwaldes"

Ein echter Polizist  und drei Schauspieler: August Wittgenstein (v. l.), Karoline Schuch, Wolfgang Sielaff und Matthias Brandt am Set.
Ein echter Polizist und drei Schauspieler: August Wittgenstein (v. l.), Karoline Schuch, Wolfgang Sielaff und Matthias Brandt am Set.
Foto: Michael Rauhe / FUNKE Mediengruppe
Mit Matthias Brandt in der Hauptrolle wird aktuell in der Nähe von Hamburg ein TV-Dreiteiler nach einem echten Kriminalfall gedreht. Die Handlung der aufwendigen Produktion erstreckt sich dabei über drei Jahrzehnte.

Auf dem Grundstück nahe den Elbbrücken schlendern einige Männer in grünen Polizeihemden entlang, ein großer Scheinwerfer wird in die Höhe gehievt. Drehpause, schneller Umbau. Der ehemalige LKA-Chef Wolfgang Sielaff steht am Tor, die Hände verschränkt, fast schüchtern. Er sei in eine „völlig neue Welt eingetaucht“, sagt er. Jahrzehntelang beschäftigte ihn der Fall seiner verschwundenen Schwester, ehe er ihn als Pensionär aufklären konnte. Nun wird aus den sogenannten Göhrde-Morden ein TV-Dreiteiler in der ARD.

Realität spektakulärer als ein Drehbuch

Der reale ehemalige Polizist ist als Berater an dem Projekt mit dem Arbeitstitel „Das Geheimnis des Totenwaldes“ beteiligt. Er sei „geehrt“ von der Liste der Beteiligten, sagt Sielaff. So schrieb der Emmy- und Grimme-Preisträger Stefan Kolditz („Unsere Mütter, unsere Väter“, „Tatort: Verbrannt“) das Drehbuch zu dem Fernsehfilm. Der Schauspieler Matthias Brandt (GOLDENE KAMERA 2008) verkörpert den fiktiven Polizisten Thomas Bethge, dessen Figur an Sielaff angelehnt ist.

Die Handlung soll sich über drei Jahrzehnte erstrecken. In dem echten Kriminalfall hätten sich „Dinge ereignet, die man einem Drehbuchautor herausstreichen würde, weil sie nicht glaubhaft erscheinen“, sagt der NDR-Fernsehfilm-Chef Christian Granderath.

Leiche auf dem Grundstück des Friedhofsgärtners

Wolfgang Sielaffs Schwester Birgit Meier verschwindet im August 1989 aus ihrem Haus in Brietlingen-Moorburg bei Lüneburg. Spurlos. Eigentlich wollte sie an jenem Tag bei Möbel Kraft eine neue Küche kaufen, wirkte laut Angehörigen „euphorisch“. Kurz zuvor wurden bereits zwei Leichen anderer Frauen in der Göhrde, einem Waldgebiet, gefunden.

Sielaff drängt damals darauf, von einem Verbrechen auszugehen. Die Polizei in Lüneburg ermittelt nur halbherzig und fehlerhaft. Sie verdächtigen den Ehemann von Birgit Meier. Der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann hat die Morde in Wirklichkeit begangen, 1993 wird er festgenommen. Er erhängt sich vor seiner Vernehmung in der Zelle. Den Zusammenhang zu den Göhrde-Morden stellt die Polizei nicht her. Erst Wolfgang Sielaff stellt eine Gruppe aus Experten zusammen, rollt den Fall neu auf. In der Folge wird Wichmann anhand von DNA-Spuren als Täter überführt. Bei Grabungsarbeiten wird schließlich die Leiche von Birgit Meier auf seinem Grundstück entdeckt.

Matthias Brandt sieht am Set aus wie der jüngere Bruder von Wolfgang Sielaff, Schnauzbart, dunkelblauer Trenchcoat. Ihm ist aber wichtig, dass seine Figur nicht genau dem echten Polizisten entspreche. „Imitationsschauspielerei interessiert mich nicht besonders. Dafür hätte es geeignetere Darsteller gegeben“, sagt Brandt. Zwar habe er sich auch emotional intensiv mit dem Stoff beschäftigt – „wer das nicht tut, hat seinen Beruf als Schauspieler verfehlt“ –, eine besondere Bedeutung hat der reale Kriminalfall für ihn jedoch nicht. „Wenn das Drehbuch gut ist, spielt das keine große Rolle“, so Brandt.

"Natürlich fragt man sich, was da abgelaufen ist"

Die Darstellerin Karoline Schuch („Tatort“), die im Dreiteiler eine weitere Hauptrolle als Ermittlerin einnimmt, nennt die Szene eines Leichenfundes als „besonders intensiv“. August Wittgenstein („Ku’damm 59“), der nach eigenen Angaben einen „inkompetenten Dorfpolizisten“ verkörpert, wollte sich von den realen Irrtümern der Ermittler nicht beeinflussen lassen. „Natürlich fragt man sich, was da abgelaufen ist. Aber als Schauspieler darf man seine Figur nicht von vornherein werten“, sagt Wittgenstein.

In den kleinen Backsteinbauten am Billwerder Neuer Deich bei Hamburg haben die Requisiteure eine Polizeiwache aus den späten 80er-Jahren nachgebildet, stilecht bis zur veralteten Zuckerpackung auf dem Tisch. „Das ist schon sehr detailgetreu geworden“, sagt Wolfgang Sielaff. Zwar habe er mit den Autoren um einzelne Stellen im Skript gerungen, sagt Sielaff, die Akzente der Verfilmung lägen aber an den richtigen Stellen. „Das Geheimnis des Totenwaldes“ soll das Leiden der Opfer und der Angehörigen in den Mittelpunkt stellen. „Es gibt oft ein sehr großes Interesse an dem Täter, aber nur ein kleines Interesse an den Hinterbliebenen“, sagt der Darsteller Matthias Brandt. Auch dies habe ihn gereizt.

Sendetermin voraussichtlich Herbst 2020

Der sogenannte Event-Dreiteiler soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2020 gesendet werden. Insgesamt sind 74 Drehtage geplant. Über das Budget des Films heißt es vom NDR nur, dass dieses „deutlich über dem Rahmen für einen normalen Fernsehfilm“ liege.

Wolfgang Sielaff begleitet auch die Dreharbeiten weiterhin. Er sagt, dass ihn der Fall noch immer beschäftige, er manchmal „Flashbacks“ habe, aber er gut damit umgehen könne. „Man sagt zu Recht, dass Opfer von Verbrechen immer lebenslänglich bekommen“, so Sielaff. „Nur vorübergehend erfährt man eine gnädige Amnesie.“

Der Artikel erschien zuerst beim Hamburger Abendblatt.

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