"Queen of Drags": Heidi Klum, Conchita Wurst und Bill Kaulitz im Interview

GOLDENE KAMERA sprach mit der"Queen of Drags"-Jury Heidi Klum, Conchita Wurst und Bill Kaulitz über ihre neue Show .

It’s time to shine – es ist Zeit zum Strahlen! Mit diesen Worten begrüßen Heidi Klum (46), Conchita Wurst (31) und Bill Kaulitz (30) zehn talentierte Männer, die in der sechsteiligen Show „Queen of Drags“ (ab 14. November, 20.15 Uhr, ProSieben) um eben diesen Titel kämpfen.

GOLDENE KAMERA besuchte die „Drag Villa“ in Sherman/OaksLos Angeles, traf die Kerle, die sich auf der Bühne in Queens verwandeln, erlebte sie beim Schminken und Stylen im Backstage-Bereich („Glamspace“) und sprach mit Heidi Klum, Conchita und Bill Kaulitz über die Show.

Queen of Drags": Conchita Wurst im Interview

Interview mit der "Queen of Drags"-Jury

Conchita, was muss die Siegerin von „Queen of Drags“ haben, um zu gewinnen – Esprit, Witz, Schlagfertigkeit, eine politische Botschaft, turmhohe Frisuren oder ein Talent?

Conchita: Sie muss schlicht und ergreifend alles davon haben, denn sie muss ein Star sein.

Was heißt das konkret?

Conchita: Für mich ist ein Star jemand, der in der Lage ist, Menschen zu unterhalten – und dem Publikum seine Darbietung als das Großartigste zu verkaufen, was die Menschen just in dem Moment sehen. Ein Star muss das Publikum fesseln. Außerdem finde ich es immer toll, wenn sich Künstler mit sozialpolitischen Themen befassen – obwohl das kein generelles Muss ist. Bei uns haben alle Queens etwas zu sagen - von persönlichen Erfahrungen bis hin zu politischen Statements. Ich finde es toll, dass das unsere Show das kann, zulässt und auch glaubhaft transportiert. Denn wenn man sowas in eine Unterhaltungsshow einbindet, hören einem die Menschen zu, während sie sofort abschalten, wenn man den Zeigefinger erhebt.

Heidi, „Queen of Drags“ wird eine emotionale Achterbahnfahrt. Warum?

Heidi: Die Drag Queens erzählen uns offen, was sie bedrückt, was sie sich wünschen und was ihnen am Herzen liegt. Sie wünschen sich Akzeptanz und möchten respektiert werden, so wie alle anderen Menschen auch. Ich hoffe, dass die Menschen, die durch unsere Sendung in die Welt der Drags hineinschnuppern, mehr Verständnis für sie entwickeln – und dass besonders die Eltern der Drags ihre Herzen öffnen. Denn wir haben bei unseren Gesprächen erfahren, dass viele Eltern große Probleme mit ihren Söhnen hatten, manche immer noch haben, und es überhaupt nicht gut fanden, dass sie sich gerne verkleiden und verwandeln. Das ist wirklich traurig.

Bill, was sind die Spielregeln bei Queen of Drags?

Bill: Am wichtigsten ist, dass wir drei alle das gleiche Stimmrecht haben und dass wir unsere Punkte anonym vergeben. Wenn sie zusammengezählt werden, sind wir total überrascht, wie das Ergebnis ausgefallen ist – weil wir einerseits manchmal vollkommen unterschiedlich abgestimmt haben und andererseits manchmal total übereinstimmen. Das Ergebnis ist jedes Mal vollkommen offen. Teilweise landen die Kandidaten, die in der Vorwoche noch einen der letzteren Plätze belegt haben, beim nächsten Mal auf den vorderen Plätzen.

Was sind typische Challenges?

Bill: Jede Woche steht unter einem anderen Motto – beispielsweise „Universe und Future“ oder „Fairytale“. Getreu diesem Motto müssen die Kandidatinnen eine Varieté-Show einstudieren. Dabei sind sie frei in ihrer Interpretation. Manchmal gibt es beispielsweise Live-Gesang, manchmal Lipsync, manchmal Comedy. Die Performances sind jedes Mal anders, weil jeder immer das machen kann, womit er sich am stärksten und besten fühlt. Und zusätzlich geben wir den Kandidaten auch noch überraschende Zusatzaufgaben, die sie vor eine Herausforderung stellen, zum Beispiel „Battle of the Divas“.

Was ist ein typischer Eingangssatz, was die typische Schlussfloskel?

Conchita: Es gibt einen Moment am Anfang der Show, wo wir „It’s time to shine“ sagen. Das ist der Augenblick, in dem die Kandidaten wissen, dass sie jetzt in ihre Rolle schlüpfen müssen, weil die Show beginnt.

Heidi: … und wenn wir aufhören, heißt es: „The Drag Show must go on! Du darfst dich jetzt abschminken gehen.“

Klingt, als gäbe es im Unterschied zu „GTNM“ in jeder Show eine optische Verwandlung und einen Wow-Effekt …

Heidi: Stimmt, aber was ‚Queen of Drags‘ betrifft, darf man dabei sowieso nicht an ‚Germany’s next Topmodel‘ denken. Denn unser Konzept ist völlig anders, und hat nichts mit ‚Germany’s next Topmodel‘ zu tun.

Trailer zur 11. Staffel von "RuPaul’s Drag-Race"

Heißt das, es gibt keine Ähnlichkeiten mit „RuPaul’s Drag-Race“?

Bill: Bei „Queen of Drags“ stehen Entertainer mit unterschiedlichen Talenten im Mittelpunkt. Manche unserer Kandidatinnen können singen, manche sind tolle Tänzer, und wieder andere Comedians. Es geht viel mehr um den Auftritt an sich, und natürlich um die Charaktere. Denn anders als in anderen Dragshows erzählen wir auch die biografische Geschichte der Kandidaten und zeigen, wie sie privat sind und miteinander interagieren.

Conchita: Das ist tatsächlich ein Riesenunterschied zu „Drag-Race“. Bei „Queen of Drags“ erfährt man etwas über einen Menschen und über die „Welt in seinem Kopf“ – und über das, was er schön und unterhaltend findet. Das zeigen uns unsere Talente, und ihre Gedankenwelt, ihre Charaktere und ihre Auftritte sind viel individueller als in anderen Shows.

Denkt man an Männer, die sich in Glamour Girls verwandeln, fallen einem spektakuläre Outfits ein. Welche Rolle spielen die bei „Queen of Drags“?

Conchita: Eine so große, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Unsere Drags sind unfassbar talentiert, und sie können wahnsinnig gut schneidern.

Bill: Einmal hatten wir zum Beispiel eine Müll-Challenge, bei der sie innerhalb von nur zwei Stunden angesammelten Müll in Haute Couture verwandeln mussten. Das Ergebnis war so toll, dass ich die Outfits am liebsten für meine nächste Tour verwendet hätte.

Conchita: Ja, was die Bandbreite der Outfits betrifft ist von dunkel über fantasievoll bis elegant und divenhaft alles dabei. Und Flügel fehlen natürlich auch nicht.

Heidi: Unsere Drag Queens sind lebende Kunstwerke, die sich nicht immer aufhübschen. Sie gehen auch gerne mal komplett in die andere Richtung und schminken sich zum Beispiel verfaulte Zähne oder ein verschmiertes Make up.

Was bekommt die Siegerin?

Heidi: 100.000 Euro, eine Reise nach New York, einen Titel auf der deutschen Cosmopolitan und eine MAC-Kosmetik-Kampagne. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube, dass die Cosmopolitan das erste Fashion-Magazin in Deutschland ist, das eine Drag Queen auf das Cover nimmt. Liege ich da richtig?

Wie lässt sich die Chemie unter den Drags beschreiben? Ist alles Friede, Freude, Eierkuchen? Oder gibt’s auch Beef?

Heidi: Ich finde den Zusammenhalt unter unseren Drags sehr groß.

Conchita: Aber natürlich gibt’s auch manchmal Sticheleien …

Bill: Ich liebe es, dass unsere Drags so authentisch sind. Jede kann so sein, wie sie sein möchte - mit all ihren Vor- und Nachteilen sowie ihren Befindlichkeiten, die ja sowieso jeder Mensch hat. Das Tolle ist, dass sich die Drags zwar oft in den Haaren liegen, aber zusammenhalten, wenn es um etwas geht.

Conchita: Sie sind ein tolles, zusammengeschweißtes Team, weil sie die ersten Kandidaten in einer solchen Sendung in Deutschland sind. Bei „Queen of Drags“ mitzumachen ist für jeden aufregend, weil man nie weiß, was als Nächstes passiert. Jede Kandidatin will siegen, aber wenn einer der Wimpernkleber fehlt oder sie keine Perücke hat, dann helfen sie sich gegenseitig.

Ist die Hilfsbereitschaft generell so sehr in der Drag-Community ausgeprägt?

Heidi: Gestern haben uns die Drags verraten, dass es einen ziemlich großen Konkurrenzkampf innerhalb der Community gibt, weil es mehr Drags gibt, als Jobs. Ich wünschte mir, ich könnte ein richtiges Drag-Cabaret eröffnen, in dem alle diese talentierten Menschen auftreten können.

Conchita: Insofern wäre es natürlich besonders toll, wenn unsere Show es schaffen würde, einen großen Markt für all jene Drags zu öffnen, die wir noch nicht kennen, die aber bestimmt nicht weniger gut sind. Es wäre schön, wenn unsere Sendung das Potenzial hat, dass man sich nicht mehr um Jobs streiten muss.

Wie schwierig war es, aus mehreren hundert Bewerbern zehn auszuwählen?

Heidi: Schwierig!

Conchita: Ja – weil so viele gute dabei waren. Am Ende haben wir eine Auswahl getroffen, die möglichst unterschiedlich ist und aus den zehn besten in unterschiedlichen Bereichen besteht. Unsere Kandidaten sind sehr starke Künstler.

Bill: Die Auswahl war übrigens auch deshalb extrem spannend, weil es jede Menge YouTube-Snippets von den Drags gibt, und man sehen kann, wie sie in Bars tanzen oder vor ihrem Publikum performen. Aber natürlich weiß man nach dem Anschauen eines solchen Clips noch gar nicht, ob sie auch vor der Kamera funktionieren. Ich kenne viele talentierte Menschen, aber kaum ist der Spot auf sie gerichtet, frieren viele von ihnen ein.

Conchita: Außerdem war es total wichtig, dass die Kandidaten ihre eigene Persönlichkeit mitbringen und sich sehr voneinander unterscheiden. Denn wer glaubt, dass sich Drags bloß ein paar Wimpern aufkleben und eine Perücke aufsetzen und dann alle das Gleiche machen, wird überrascht sein, wenn er bei uns einschaltet.

Castingshow-Kandidaten sind in der ersten Sendung oft schüchtern, und werden dann später immer selbstbewusster. Bei „Queen of Drags“ sind die gestandenen Männer aber bestimmt von Anfang scharfzüngig und selbstbewusst – oder?

Conchita: Genau. Das sind alles selbstbewusste Menschen. Man darf nicht vergessen, dass viele der Queens, so wie überhaupt viele aus der LGBTQ-Community, ähnliche Geschichten zu erzählen haben und schon in einer frühen Lebensphase mit vielen Dingen hadern.

Mit Homophobie?

Conchita: Ja, aber nicht nur damit. Ein Teenager zu sein, ist generell sehr anstrengend, weil man keine Ahnung hat, wohin man will und wer man ist - aber im Fall unserer Queens kommt auch noch erschwerend das soziale Ungleichgewicht dazu. Die Drags mussten sich früher ständig dafür rechtfertigen, was sie sind und wer sie sind. Dadurch haben sie schon ziemlich viel Selbstbewusstsein erlangt, sind aber nichtsdestotrotz auch verunsichert, weil sie zum ersten Mal im Fernsehen sind. Für den Zuseher ist es extrem spannend, die Entwicklung unserer Queens zu sehen.

Bill: Und das Alter spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Unsere jüngste Queen ist 20, die älteste 48. Manche sind erst seit kurzem Drag, manche schon lange. Manche sind deutsche, doch es gibt auch eine Schweizerin, eine Spanierin, eine Türkin und eine Brasilianerin – also alle möglichen verschiedenen Hintergründe.

Aber warum leben alle Drags in Großstädten wie Hamburg, Köln, Bern und Berlin?

Conchita: Ja, warum wohl?

Heidi: Es zieht sie in die größeren Städte, weil es dort die Jobs gibt und weil sie keine Lust darauf haben, von ihren Nachbarn schief angesehen zu werden. Gestern haben wir gehört, dass einer unserer Kandidaten nicht mit seinem Freund Hand in Hand spazieren gehen kann, weil er angespuckt, verprügelt und sogar geschlagen wurde. Ich sage immer: leben und leben lassen. Deshalb ist es wirklich wichtig, dass wir das Leben der Drags endlich einer breiten Masse zeigen, damit die Diskriminierung aufhört.

Bill: Oder dass sie dazulernen und es verstehen.

Heidi: Sie müssen es nicht verstehen. Sie können auch in ihrer Engstirnigkeit verharren, aber sie sollen wenigstens die Leute in Ruhe lassen. Mir gefallen auch viele Sachen nicht, aber ich mische mich nicht ein und äußere mich nicht dazu.

Heißt das, bei „Queen of Drags“ geht‘s um Menschen, die das Unglück der Vergangenheit nun in etwas Schönes verwandeln und jetzt kraftvoll auf der Bühne stehen?

Heidi: Menschen zeigen mit dem Finger auf andere. Ob sie schwarz, asiatisch oder weiß sind. Ob sie dick, zu dünn oder alt sind. Aktuell gibt auch Age-Shaming – entweder ist man zu alt oder zu jung. Alles wird geshamt. Das ist eine Welle, die gerade die Welt erfasst, in der Leute meinen, das Recht zu haben, alles kritisieren zu dürfen.

Conchita: Und durch Online gibt’s auch noch eine Plattform für den ganzen Hass. Online ist alles möglich, weil jeder überall und immer seine Meinung sagen kann. Insofern fällt das total auf.

Conchita, Sie haben eine bärtige Diva erschaffen, um der Welt zu zeigen, dass man alles machen kann, was man will, wenn man keinem wehtut. Wie viel von dieser Idee steckt in „Queen of Drags“? Und haben Sie auch bärtige Teilnehmer?

Conchita: Ja, diese Idee steckt zu hundert Prozent hinter „Queen of Drags“, weil wir alle ein ähnliches Ziel verfolgen. Und ja, ich habe eine bärtige Schwester im Rennen.

Bill, was haben Sie Neues von den jungen Queens gelernt?

Bill: Unsere Show ist bunt – mit viel Glitzer und viel Performance, aber ich habe eine Seite entdeckt, die mich nicht kalt lässt, und das ist die private Seite. Heidi, Bill und ich leben alle in modernen Städten, und wir arbeiten den ganzen Tag mit Mode und Musik, und sind von bunten, aufregenden Menschen umgeben. Schwulsein und Lesbischsein gehört in unserer Welt automatisch dazu, und es für uns immer normal gewesen. Aber wenn ich die Geschichten der Kandidaten höre, erinnert mich das an meine Geschichte, denn ich komme ja auch aus einem ganz kleinen Dorf, und habe mich früher auch auf dem Klo versteckt und mich in der Schule nicht getraut, auf die Toilette zu gehen und mich geschminkt. Es gibt so viele Parallelen, und ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Mit 15 wurden meine Band und ich mal mit Eiern und Bierflaschen beworfen, als wir auftraten.

Was macht das mit einem?

Bill: Mich hat es mutiger gemacht. Ich wollte allen zeigen, dass sie falsch liegen. Ich glaube, dass viele Menschen durch solche Erlebnisse Energie gewinnen. Sie kommen aus sich heraus und performen. Sie fordern ihre Freiheit ein. Das habe ich auch gemacht. Ich bin trotzdem zur Schule gegangen. Meine Haare waren am nächsten Tag noch höher, mein Make-up noch extremer. Wenn mir Leute gesagt haben, dass ich etwas nicht kann, dann wollte ich das noch mehr. Ich hoffe sehr, dass das bei unseren Queens auch so ist – und dass sie noch mehr aufblühen und durch unsere Show mehr Selbstbewusstsein bekommen.

Heidi: Die Selbstmordrate unter schwarzen Drags und Transgenderwomen ist erschreckend hoch. Das traut sich niemand zu sagen. Und viele schwul-lesbische Jugendliche haben das Riesenproblem, dass die Leute mit dem Finger auf sie zeigen und sie kritisieren. Manche dieser Jugendlichen werden mit 13 aus dem Elternhaus geworfen, wie ich gestern erfahren habe. Solche Kinder schreiben beispielsweise eine von unseren Drags auf Instagram an, um sie zu fragen, was sie nun tun könnten. Es gibt so viele Obdachlose, die von ihren Eltern verstoßen und nicht mehr aufgenommen werden, dass ich wirklich erschüttert bin. Aber leider wird viel zu wenig über dieses Riesenthema gesprochen, weil sich keiner traut, die Büchse der Pandora zu öffnen.

Conchita: Stimmt genau, die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen ist wirklich hoch. Und gerade, was Transgender Visibility anbelangt, ist es unglaublich wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass viele Transgender Women of Color umgebracht werden.

Wie engagieren Sie sich für die LGBTIQ-Community, Bill?

Bill: Bei mir findet das Engagement vor allem mit der Band statt. Wir als Band standen immer schon dafür, dass alle verschieden sind. Wir haben uns gegenseitig so gelassen. Früher dachten alle, wir wären zusammen gecastet worden, weil wir so unterschiedlich waren. In unseren Songs, unseren Messages und unseren Konzerten bieten wir einen Ort, an dem sich wohlfühlen kann und frei sein kann. Wir sind Vorbilder. Wir haben eine sehr süße „Queen of Drags“ Kandidatin namens Candy, und sie meinte: „Ich habe angefangen, mich zu schminken, weil ich früher so ein Fan von dir war. Ich habe dich gesehen und gedacht, wenn der sich das traut, dann traue ich mich das jetzt auch.“ Das ist natürlich das schönste Kompliment, das man bekommen kann, wenn man weiß, man hat jemandem diese Welt eröffnet und das Selbstbewusstsein gegeben, sich das auch zu trauen. Es ist das Schönste, wenn man andere inspirieren und ihnen ein Zuhause bieten kann. Wir treten ja auch oft in Russland auf, und da bekomme ich immer ganz viele Nachrichten von Leuten, die mir sagen, dass sie sich zuhause in ihrem Alltag immer verstecken müssen – und in unserer Show endlich ihre bunten Sachen anziehen können. Diese Menschen stehen dann in der ersten Reihe und singen „Love Who Loves You Back!“ Und vor ihnen stehe ich mit meinen hohen Schuhen, wie Peter Pan, der einmal im Jahr zu Besuch kommt. Das ist das schönste Gefühl, das man als Sänger und Entertainer bekommen kann.

Und Sie, Conchita?

Conchita: Ich gehe auf Pride Parades, seit ich 14 bin und ich nehme jede Gelegenheit wahr, um das zu sagen, was ich für die Community für wichtig halte. Durch die größere Plattform des Song Contests konnte ich relativ schnell relativ viele Menschen erreichen mit dem, was ich sagen wollte. Daraus resultierend habe ich immer wieder Möglichkeiten bekommen, in der UNO zu sprechen oder Landesverantwortliche zu treffen, um mit ihnen über die Situation in ihrem Land zu reden. Ich habe viele verschiedene Dinge gemacht, aber am liebsten mache ich es in Form von Unterhaltung – weil man die Menschen damit berührt. Alles, was ich tue, ist ein Versuch, Menschen „frei zu spielen“ – indem ich ihnen sage: „Wenn eine bärtige Queen gewinnen kann, dann kannst du dir auch Wimpern aufkleben“. Für viele ist eine solche Kleinigkeit nämlich schon ein riesengroßer Schritt.

Und wie engagieren Sie sich für die LGBTIQ-Community, Heidi?

Heidi: Ich unterstütze sie, wo ich nur kann. Und überlege mir zum Beispiel so eine Show wie "Queen of Drags", um sie von den kleinen Bühnen Deutschlands auf eine große Bühne zu bringen, damit alle sie sehen können. Ich hoffe, das wird ihnen helfen. Was ich aber am Wichtigsten finde, ist, vier Kinder großzuziehen, die die Welt vollkommen anders betrachten und beurteilen. Ich glaube, dass das meine wichtigste Aufgabe ist. Es geht ums Leben und leben lassen. Meine Kinder haben durch meinen Job und das Leben L.A. schon sehr viele unterschiedliche Leute kennengelernt, die anders sprechen, anders aussehen und unterschiedliche Hautfarben haben. Sie haben ja selbst unterschiedliche Hautfarben und sie haben Freunde, von denen beide Elternteile Väter oder beide Elternteile Mütter sind oder der Vater ein unbekannter Samenspender war. Mir ist wichtig, offen über alles zu sprechen. Wir besuchen auch gemeinsam fast jedes Jahr die Gay Pride Parade. Meine Kinder kennen das schon ihr Leben lang. Es ist für sie nichts Besonderes, einen Mann mit wenig Klamotten zu sehen oder eine Frau, deren bemalten Brüste frei baumeln, während sie auf dem Fahrrad vorbeifährt. Sie gehen vollkommen anders in diese Welt hinein, als ich das getan habe. Ich bin schon sehr offen, aber sie sind noch offener. Ich glaube, es ist an uns Eltern, die nächste Generation zu ändern, weil sich sonst niemals etwas ändern wird.

Waren Sie schon immer so offen?

Heidi: Ich habe mich immer für Dinge oder Menschen interessiert, die anders sind und war auch immer ein bisschen bunter als die anderen. So habe ich mich beispielsweise stärker geschminkt und verrückter angezogen, weil ich mich dafür interessiert habe. Schon mit sechs Jahren stand ich auf der Bühne und ich habe 15 Jahre lang getanzt. Ich musste nicht dafür kämpfen, akzeptiert zu werden, ich habe einfach das gemacht. was mir gefallen hat. Wenn mich einer schief angesehen hat, weil ich Ohrringe trug, die so groß wie Untertassen waren, dann war mir das egal. Aber nicht jeder ist hart genug, um Kritik an sich abperlen zu lassen. Aber sollten wir nicht alle einzigartig sein, anziehen können und lieben wen wir wollen, solange wir niemanden verletzen?

Conchita: All diesen Leuten geben wir mit unserer Show Mut, und denjenigen, die sie schlecht behandeln, Denkanstöße. Denn wir bekommen die Chance, diese Thematik zur Primetime bei einem der größten deutschsprachigen Privatsender zu behandeln – und wir können sie in unfassbare Looks, unglaublich viel Spaß und gute Unterhaltung verpacken.

Heidi: Und das auf eine Art und Weise, dass viele Eltern demnächst viel erklären müssen. Wenn die Kinder um 20:15 Uhr einschalten, dann können die Eltern ihnen erklären, was eine Drag oder ein Transgender ist. Ich hoffe, Deutschland ist ready für dieses Thema, denn es ist wichtig.

Bill: Stimmt genau. „Queen of Drags“ ist keine weitere Gesangsshow und keine weitere Modelshow, sondern etwas ganz anderes.

Conchita: Weil die Freude und die Selbsterfüllung überwiegen!

Schlussfrage: Könnte es theoretisch eine zweite Staffel geben, und dann vielleicht auch mehr Episoden und ein großes Live-Finale?

Heidi: Das kann ich mir vorstellen. Wir werden sehen – der Zuschauer ist König.