Wie TV-Stars den Mauerfall hautnah erlebten

Wer dabei war, wird den 9. November 1989 nie vergessen: Vor 30 Jahren wurde Deutschland wieder eins. Sechs TV-Stars erinnern sich exklusiv für GOLDENE KAMERA.

Es bleibt ein Wunder: Der 9. November 1989 hat die Welt verändert. In den Wochen zuvor demonstrierten Hunderttausende DDR­-Bürger mutig, energisch und zugleich besonnen für die Freiheit. Damit riskierten sie ihr Leben, denn niemand hätte zu der Zeit garantieren können, dass keine sowjetischen Panzer rollen oder in der Nacht des Mauerfalls nicht ein Grenzer das Feuer auf die Menge eröffnet.

Günter Schabowski verkündet das Ende der DDR

Diese Pressekonferenz veränderte die Welt

30 Jahre nach dem Mauerfall haben sich viele Menschen an die deutsche Einheit gewöhnt – dabei ist Freiheit bis heute nichts Selbstverständliches. Aus diesem Anlass erinnern viele TV-Sender an einen der größten Höhepunkte der deutschen Geschichte:

DEUTSCHLAND FEIERT, Sa, 09.11, 16.30 Uhr, DAS ERSTE: Live-Übertragung aus Berlin von der Feier zum Mauerfall-Jahrestag

30 JAHRE MAUERFALL, Sa, 09.11, 18.05 Uhr, ZDF: Bericht von der großen Jubiläumsfeier in der deutschen Hauptstadt

ZEITREISE MAUERFALL, Sa, 09.11, 17.58 Uhr, TAGESSCHAU24: Originalsendungen vom 9.11.1989 in voller Länge

ECHTES LEBEN, So, 10.11. 17.30 Uhr, DAS ERSTE: Doku über die Kinder der Bürgerrechtler der friedlichen Revolution

Auch wir lassen die Nacht der großen Freiheit noch einmal aufleben und haben Prominente befragt, wie sie den Abend, an dem die ganze Welt nach Berlin schaute, hautnah erlebten:

Johannes B. Kerner, TV-Moderator, 54:

„Ich habe mit zwei Kumpels Fußball geguckt. Eigentlich wollten wir noch in eine Kneipe und Billard spielen. Da wir wussten, dass politisch etwas im Gang war, fragten wir auf dem Weg einen Taxifahrer, wie die Lage in der Stadt sei. Der sagte: ,Ganz Berlin ist auf den Beinen!‘ Wir sind sofort mit ihm zum Brandenburger Tor gefahren. Gegen 23 Uhr war schon relativ viel los. Ich gehörte nicht zu den ersten zehn auf der Mauer, aber zu den ersten hundert. Wir standen über eine Stunde da oben. Vor dem Brandenburger Tor hatte sich eine Reihe Uniformierter Schulter an Schulter postiert.

Irgendwann sprang eine Frau in den Osten. Viele von oben riefen: ‚Keine Gewalt! Macht das nicht!‘ Sie hat mit den Grenzern gesprochen, wir haben alle gebannt zugeschaut. Bis sie ihre Reihe öffneten und die Frau durchging. Da sprangen immer mehr hinterher. Wir sind durchs Brandenburger Tor spaziert, Unter den Linden entlang. Wir wussten ja nicht, was an den anderen Grenzübergängen los war, es gab ja keine Handys. Ein Ostber- liner Paar fragte nach dem Weg zum Ku’damm. Wir stiegen in ihren Wartburg und zeigten die Route. Es war eine lange Nacht. Ich durfte Geschichte live erfahren. Allen Schwierigkeiten zum Trotz: Wir dürfen niemals vergessen, wie dankbar wir sein müssen, dass wir die Einheit des Vaterlandes in Freiheit erleben dürfen.“

Annette Frier, Schauspielerin, 45:

Mein Vater hat meine beiden Schwestern und ich mich geweckt mit den Worten: ,Hier passiert deutsche Geschichte – ihr müsst mit vor den Fernseher kommen.‘ Mit Decken saßen wir bis tief in die Nacht auf dem Sofa in unserem Kölner Wohnzimmer. Mein Vater weinte – es war auch seine Familiengeschichte, die ihn an dem Abend tief bewegt hat.

Noch in der Nacht beschloss er, dass wir am Wochenende nach Berlin fahren. Ich werde nie vergessen, wie wir uns ein Stück aus der Mauer gekloppt haben und mit wie vielen Menschen wir uns unterhalten haben. Alle waren miteinander im Gespräch.“

Jan Josef Liefers, Schauspieler, 55:

„An dem Abend musste ich pünktlich in der Maske sitzen, weil ich eine Theatervorstellung hatte. Aber ich wollte unbedingt noch die Pressekonferenz mit Schabowski sehen. Da hörte ich den Satz, dass die neue Reiseregelung ab sofort gelte, und musste los. Was nach der Vorstellung passierte, war außerirdisch.

Wir sind zum Tränenpalast gelaufen – da war die Hölle los. Alle lagen sich in den Armen. Mich hat diese Nacht umgeschmissen, diese Feierstimmung. Ich wohnte in Prenzlauer Berg, da machten die Bäcker nachts auf, verteilten Berliner. Es war irre, alles stand kopf. Wir haben nicht mehr geschlafen. Die Demo fünf Tage vorher auf dem Alexanderplatz, die uns so viel Nerven gekostet hat, war eigentlich erledigt.“

Katrin Sass, Schauspielerin, 63:

„Ich habe Schabowskis Worte in der Pressekonferenz gehört und bin direkt zu meinem Mann ins Arbeitszimmer gegangen. ,Die wollen die Grenze aufmachen‘, sagte ich zu ihm. Er entgegnete: ,Das hast du falsch verstanden. Das machen sie nicht. Vielleicht lassen sie die raus, die einen Ausreiseantrag gestellt haben.‘ Das gab es 1984 auch schon mal, da haben sie alle Quengler rausgelassen. Wir haben nicht daran geglaubt, dass an dem Abend die

Mauer fallen könnte. Plötzlich habe ich aber im Fernsehen gesehen, dass Tausende an der Mauer stehen. Ich konnte es nicht fassen. Freunde klingelten und wollten mich mitnehmen, aber ich wollte nicht in dieser Masse stehen. Wir lebten in Babelsberg. Am nächsten Tag bin ich an die Glienicker Brücke gegangen. Die Schlange war enorm lang, und ich wollte mich einfach nicht anstellen wie für Bananen in der DDR. Deshalb habe ich noch einen Tag gewartet und habe den Gang in die Freiheit so erlebt, wie ich ihn mir immer gewünscht hatte.“

Nadja Uhl, Schauspielerin, 47:

Ich bin ein Glückskind dieser Zeit. Dieser Tag war für mich die pure Freude. Ich habe im Bad aus dem alten Röhrenradio meines Opas gehört, dass die Mauer gefallen ist. Blöder geht es eigentlich nicht. Ich würde meinen Kindern dieses Erlebnis gern anders erzählen, aber es war tatsächlich so profan!

Nach dem Mauerfall lief das wie ein Film für mich ab, da öffnete sich tatsächlich die Welt. Und dafür bin ich bis heute dankbar. Es war einer der schönsten Tage in meinem Leben. Zu diesem pathetischen Satz lasse ich mich hinreißen.“

Nicolette Krebitz, Schauspielerin, 47:

„Damals habe ich gerade einen Film mit Katharina Thalbach gedreht. Weil ich um fünf Uhr morgens abgeholt werden sollte, habe ich abgesagt, als meine Freunde mich mitnehmen wollten. Sie riefen an und sagten: ,Komm, wir müssen sofort da hin – wir können auf die Mauer klettern.‘

Am nächsten Morgen fuhr mich ein Fahrer zum Set. Aber wir konnten gar nicht drehen, weil der Ku’damm voll Müll lag und Katharina Thalbach die Nacht nicht geschlafen hatte. Sie kam ja aus der DDR. Ich kam mir vor wie ein Streber.“