Jonas Nay erklärt, warum Lübeck immer seine Heimat sein wird

Im Auswandererepos "Der Club der singenden Metzger" macht sich Jonas Nay als Fidelis Waldvogel auf den Weg in den Wilden Westen. Warum er sich in Lübeck Zuhause fühlt, verrät er im Interview.

Die Verfilmung des Bestsellers „Der Club der singenden Metzger“ (27. Dezember, 20.15 Uhr, Das Erste) erzählt in 180 Minuten von zwei jungen Menschen, die mit ihren Liebsten im Wilden Westen neu beginnen. Fremde Menschen, fremde Umgebung, eine fremde Sprache: Der Alltag entpuppt sich für die Einwanderer als schwer.

53 Tage lang drehte das Filmteam in Kroatien. Auf einer brachliegenden Wiese entstand die Westernstadt Argus. Mittendrin: die Metzgerei von Fidelis Waldvogel. Für Darsteller Jonas Nay ungewohntes Terrain, wie er uns im Interview verrät:

Jonas Nay im Interview

Die Geschichte „Der Club der singenden Metzger“ erzählt von jungen Deutschen, die in den 20er-Jahren nach Amerika auswandern. Wo liegt gerade jetzt die zeitgenössische Relevanz des Films?

Jonas Nay: Es ist ein zeitloser Stoff, der gerade nicht aktueller sein könnte. Für alle Figuren im Film geht es darum, die eigene Heimat zu verlassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Meine Rolle Fidelis ist im weitesten Sinne ein Wirtschaftsflüchtling von Europa nach Amerika. Derzeit erleben wir eine starke Immigration nach Europa, sind mit Flüchtlingen aus unterschiedlichen Kulturen konfrontiert, die hier Fuß fassen wollen. Ich glaube, dass der Film es leisten kann, Verständnis für diese Menschen zu wecken, die alles aufgegeben haben und sich in Europa eine neue Heimat aufbauen.

Ihre Rolle Fidelis Waldvogel wandert vom Schwarzwald nach North Dakota aus. Derzeit ist die Lage für Ausländer in Amerika nicht die beste.

Jonas Nay: Fidelis ist einer von vielen Emigranten, die in den 20er-Jahren nach Amerika gegangen sind, um sich ein neues Leben aufzubauen. Immigranten jeglicher Herkunft werden dort gerade vom amerikanischen Präsidenten höchstpersönlich zu einer Art Feindbild in ihrem eigenen Land erklärt. Ich kenne einige Amerikaner, die sich richtig dafür schämen, mit Trump einen machtgeilen rassistischen Idioten zum Präsidenten zu haben.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Jonas Nay: Für mich ist Heimat da, wo ich geboren und aufgewachsen bin, in Lübeck. Dort kenne ich jede Straße, die Gerüche sind vertraut, und die Leute reden alle auf eine bestimmte Art und Weise. Zuhause dagegen hat für mich eine andere Bedeutung. Man kann sich an verschiedenen Orten ein Zuhause aufbauen oder zumindest versuchen, es sich heimelig zu machen. In Lübeck stellt sich mein persönliches Gefühl von Zuhause vor allem dadurch ein, dass ich dort lange gelebt habe, im Handballverein spiele, meine Freunde und meine Band da sind. Ich bin auf jeden Fall ein sehr heimatbezogener Mensch.



Sie haben eine eigene Band, studieren selbst Musik und haben auch den kompletten Filmscore komponiert. Wie kam es dazu?

Jonas Nay: Die Musik entstand gemeinsam mit meinem guten Freund und Bandkollegen David Grabowski. Er hatte zuvor bereits für einen anderen Fernsehfilm die Musik geschrieben, in der viele Elemente aus der amerikanischen Bluegrass Stilistik vorkamen, die sich Regisseur Uli Edel auch für den „Club der singenden Metzger“ wünschte. Während des Drehs habe ich dem Regisseur Uli Edel einige der Layouts vorgespielt. Uli war hellauf begeistert und konnte am Ende gar nicht anders, als zuzustimmen. Zweieinhalb Monate haben David und ich dann im Keller gesessen und komponiert, kaum Sonnenlicht gesehen. Aber es hat sich gelohnt.

Musik spielt auch für die Figuren im Film eine große Rolle, Fidelis gründet im Wilden Westen eine Art Gesangsclub. Welche Bedeutung hat die Musik für Ihre Rolle?

Jonas Nay: Für Fidelis steht der Gesang für eine Tradition, aus der er kommt. Seine Familie und andere Metzgerdynastien im Schwabenland zelebrieren das gemeinsame Singen bei einem Bier am Abend. Fidelis bringt diese Tradition von daheim mit in die neue Welt, lässt sie gemeinsam mit anderen emigrierten Europäern wiederaufleben. Auf diese Weise fühlen sie sich der fernen Heimat nah. Musik hat eine starke Emotionalität. Wenn man einen geliebten Song hört, verbindet er einen oft mit dem Moment, als man ihn erstmals vernommen hat.

Ihre Figur kommt aus dem Schwarzwald. Wie ist es Ihnen gelungen, sich den Dialekt anzueignen?

Jonas Nay: Vor dem Casting habe ich intensiv Unterricht bei einer Opernsängerin genommen, die selbst aus Schwaben kommt. Eigentlich bin ich ja mehr als Nordlicht bekannt, deshalb war auch die Casting-Direktorin, selbst Schwäbin, leicht skeptisch. Aber weil ich das Drehbuch so genial fand, habe ich mich richtig reingehängt und konnte sie so von mir überzeugen.

Fidelis kommt aus einer Metzgerdynastie. Können Sie seit dem Dreh noch Fleisch essen?

Jonas Nay: Ab und an, ja. Ich muss aber sagen, dass sich mein Fleischkonsum seit der Vorbereitung zum Dreh doch sehr gewandelt hat. Ich habe vor den Dreharbeiten in einer Travemünder Metzgerei zwei Wochen lang das Zerlegen von Schweinehälften lernen dürfen. Seither habe ich zumindest eine gesunde Skepsis vor Fleischprodukten, bei denen ich nicht genau weiß, was drin ist.

Preisträger Jonas Nay im Interview