Dunkle Mystik im "Tatort: Borowski und das Haus am Meer"

Im "Tatort: Borowski und das Haus am Meer" (Sonntag, 15. Dezember, 20.15 Uhr im Ersten) werden ein Junge und ein Alt-68er-Alzheimerkranker von einem Indianer verfolgt.

Dieser "Tatort" wirkt wie aus der Zeit gefallen: Indianer, Piraten, Nonnen, altmodische Herrenhäuser, schaurige Musik, raue Küstenlandschaft, Möwengeschrei, Kriegsverbrecher, radikale Alt-68er, Religionsfanatiker. Ja, "Borowski und das Haus am Meer" ist überladen, kompliziert und spaltet sicherlich auch die Meinungen. Trotzdem, eines muss man der Folge lassen: Lässt sich der Zuschauer auf die Geschichte ein, dann fesselt der Fall.

Darum geht's im "Tatort: Borowski und das Haus am Meer"

Es beginnt unheilvoll: Eine Frau legt, mit dem kämpferischen Auftreten einer Piratin, ihr Segelboot in einer Bucht an. Sie stürmt von Bord in eine Kirche. Dann schreit sie dem Pfarrer Johann Fleming (Martin Lindow) während seiner Predigt entgegen: "Gib mir meinen Mann zurück."

Wenig später sieht man, wie Fleming einen älteren Mann einsperrt und dieser nur noch um Hilfe brüllt. Es stellt sich heraus, dass er seinen an Alzheimer erkrankten Vater Heinrich (Reiner Schöne) vor dem Weglaufen bewahren will. Der achtjährige Simon befreit seinen Opa. Prompt flieht Heinrich in den nahegelegenen Wald. Simon, der ihn sucht, läuft den Kommissaren Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) vors Auto. Der Junge behauptet steif und fest, er sei von einem Hund angefallen worden und ein Indianer habe ihn gerettet. Den Großvater finden die Ermittler später nur noch tot vor. Er wurde fein säuberlich, mit gekreuzten Händen am Strand bestattet.

Jemand scheint mit dem alten Mann noch eine offene Rechnung gehabt zu haben. Zumal Heinrich seine Familie im Stich gelassen hat, um in Dänemark eine radikale reformpädagogische Schule aufzubauen. Er wollte sich damit von seinem Vater, einem Naziverbrecher, der Tausende Tote auf dem Gewissen hat, distanzieren. Zuletzt lebte Heinrich in einer Kommune auf einem Segelschiff. Auf der Suche nach dem Mörder erfahren Borowski und Sahin noch mehr erstaunliches über die Familie Fleming. Und dann sieht Simon erneut den Indianer.

Reiner Schöne spielt Heinrich Fleming

Reiner Schöne (77) war bereits in der DDR ein erfolgreicher Schauspieler und Sänger. Nach seiner Flucht nach West-Berlin in 1968 nahm er 1970 am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil und gewann den zweiten Platz. Er drehte mit Hollywoodgrößen wie Lee Van Cleef ("Sabata kehrt zurück"), Clint Eastwood ("Im Auftrag des Drachen") und Kris Kristofferson ("Amerika"). In den USA stand er auch für Serien wie "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert", "MacGyver", "Matlock", "Mord ist ihr Hobby", "Babylon 5" und "JAG – Im Auftrag der Ehre" vor der Kamera. In Deutschland war er u.a. in "Otto – Der Katastrofenfilm", "Das Traumschiff" und "Einstein" zu sehen.

Regisseur Niki Stein (Nikolaus Stein von Kamienski, hier im Interview), der auch das Drehbuch zum "Tatort: Borowski und das Haus am Meer" schrieb, inszenierte zuletzt die Familientragödie "Die Auferstehung" mit Joachim Król, Herbert Knaup, Dominic Raacke und Leslie Malton. Ebenfalls in diesem Jahr war sein Film "Big Manni" im Ersten zu sehen. Er verantwortete schon zahlreiche "Tatorte" wie zum Beispiel "Dunkle Zeit". Derzeit arbeitet er an dem Film "Lembke - Wer bin ich?" über das Leben des Moderators Robert Lembke.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil…

Die Fälle aus dem hohen Norden sind üblicherweise düster, so auch "Borowski und das Haus am Meer". Es gibt nicht viel zu lachen und inhaltlich konzentriert sich der Fall auf die Biografien der verschiedenen, teilweise skurrilen und engstirnigen Charaktere. Die sind zwar spannend angelegt, doch überfrachten sie mit ihren Problemen den Fall: Mal wieder gibt es Väter-Söhne bzw. Generationskonflikte, die Frage nach Schuld und Sühne, Missbrauch, Gewalt an Kindern, Alzheimer, antiautoritärer Fanatismus, angeblich befreite, aber gestörte Sexualität, religiöser Dogmatismus, Kriegsverbrecher und, und, und...

Wer sich von so viel Erzählstoff nicht abschrecken lässt und auch etwas für das Mystische übrig hat, findet Gefallen an der fein austarierten Familientragödie, die gekonnt zwischen den Zeiten und der deutsch-dänischen Grenze hin und her springt. Denn trotz des ausufernden Drehbuches, bleibt der Zuschauer dank des gelungenen Spannungsbogens kontinuierlich dran.