Til Schweiger: „Die Zeit ist reif für etwas Neues

Achtsamkeit statt Action: Warum Til Schweiger seinen „Tatort“ jetzt radikal entschleunigt.

Der Titel sagt alles: Nachdem Til Schweiger bislang in „Tatort“-Folgen wie „Fegefeuer“ den Actionhelden gab, ist sein neuester Fall „Tschill Out“ (Sonntag, 5. Januar, 20.15 Uhr im Ersten) viel ruhiger – aber dennoch extrem spannend. Die Handlung: Nach dem Tod von Ehefrau Isabella (Stefanie Stappenbeck) und dem Beinahetod von Tochter Lenny (Luna Schweiger) muss Nick Tschiller diesmal auf der Insel Neuwerk das Leben eines Teenagers retten – ganz ohne Panzerfäuste.

Til Schweiger im exklusiven XXL-Interview

GOLDENE KAMERA: Im „Tatort: Tschill out“ ist Nick kein Actionhero mehr, sondern arbeitet auf Neuwerk mit Kindern und hat ein unverarbeitetes Trauma, das ihm nächtliche Alpträume beschert. Wie gut gefällt Ihnen diese charakterliche Veränderung?

Til Schweiger: Nach dem Kino-„Tatort: Off Duty“ waren wir uns einig, dass man die Action nicht mehr weiter nach oben treiben kann – weil wir vier Folgen lang ordentlich „die Sau“ rausgelassen hatten. Wir hatten Action angekündigt, und wir haben sie geliefert – aber jetzt ist die Zeit reif, um etwas Neues auszuprobieren, weil wir uns nicht wiederholen wollen.

Heißt das, es gibt nie wieder Action im Tschiller-„Tatort“?

Sag niemals nie. Ich würde es nicht ausschließen. Nick ist kein Buddha geworden, aber nach seinem ungenehmigten Trip nach Istanbul und Moskau macht er jetzt erst mal was komplett anderes, um sich neu zu sortieren. Denn er hat die Frau verloren, die er geliebt hat. Und seine Tochter wäre ebenfalls beinahe ums Leben gekommen.

Im „Tatort“ muss sich Nick anhören, dass ihn seine Sucht nach Verdrängung immer wieder in gefährliche Situation bringt. Ist Nick psychisch angeknackst?

Ja. Nick Tschiller ist traumatisiert. Das wird jeder verstehen können, der schon mal einen geliebten Menschen verloren hat.

Was mögen Sie an dem Neuwerk-Krimi?

Das Drehbuch und die Zusammenarbeit mit Eoin Moore. Den hatte ich mir als Regisseur gewünscht, weil mein Lieblings-„Tatort“ gewissermaßen Eoins Rostocker „Polizeiruf 110“-Folgen sind.

Was mochten Sie konkret am Drehbuch?

Die Prämisse, dass Nick in eine Welt eintaucht, in der man ihn nach den vorangegangenen vier Folgen und dem Kino-„Tatort“ überhaupt nicht erwartet. Außerdem gefällt mir der Titel: „Tschill Out“ total gut – und dass sich Nick jetzt bei Yalcin bedankt, indem er ihm mal aus der Patsche hilft, nachdem es in den vorherigen fünf „Tatorten“ jedes Mal andersrum war. Aber dass ausgerechnet durch diesen besonderen Freundschaftsdienst das Böse auf die Insel kommt ist eine sehr schöne Idee.

Wie war der Dreh auf der Insel vor Hamburg?

Extrem windig und kalt. Wir waren die ganze Zeit draußen – und der Wind fühlte sich an, als wären wir zwei Stunden auf der Skipiste gewesen. Abends war ich so kaputt, dass meine Kräfte nicht mal mehr für Sport gereicht haben, sondern nur noch für ein Wiener Schnitzel und um todmüde ins Bett zu fallen.

Aber wie kam es überhaupt zu der Idee, auf der Insel zu drehen, statt in Hamburg? Wer hat sich das ausgedacht?

Der NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber. In den ersten Drehtagen habe ich ihn dafür verflucht, weil ich die Szenen mit einer Gruppe schwer erziehbarer Jugendlicher schließlich auch auf einer warmen Insel wie Mallorca hätte drehen können. Aber als der Dreh vorbei waren, waren wir witzigerweise alle wehmütig, weil uns die harten Drehbedingungen als Gruppe aneinander geschweißt haben.

Warum hat Christian Alvart nicht mehr Regie geführt?

Weil wir einen Neustart mit dem „Tatort“ wollen – obwohl Christian einen Mega-Job gemacht hat und unsere bahnbrechenden Folgen sogar in England bei „Channel Four“ gelaufen sind und sich die Kritiker vor Lob überschlagen haben und es kaum fassen konnten, dass wir Deutschen sowas können. In England hat man uns richtig gefeiert. Insofern bin ich schon auch ein bisschen wehmütig, dass die Zusammenarbeit mit Christian vorbei ist, aber es war auch meine Idee, Eoin Moore zu fragen, und zum Glück hatte er Lust.

Hatten Sie ein Mitspracherecht beim Neuwerk-Drehbuch?

Ja, ich habe die Fassung gelesen und meinen Input dazu abgegeben.

Ist das Budget gleich hoch geblieben?

Nein, das müsste etwas drunter sein, weil nicht mehr ständig Wagen in die Luft fliegen oder mit der Panzerfaust geschossen wird. Verfolgungsjagden und Schießereien sind deutlich teurer als filmische Mittel wie „Schuss“, „Gegenschuss“ und „Totale“. Aber die paar Hunderttausend Euro mehr bei den vorangegangenen „Tatorten“ waren gut investiert, weil wir viel Action abgeliefert haben und nicht bloß zwei Kommissare im Büro saßen, die den ganzen Tag rätselten, wer der Täter ist.

Warum wohl sind die Quoten Ihrer „Tatorte“ im Laufe der vier Folgen immer weiter gesunken?

Wenn man sich die Zahlen und Sendeplätze anguckt, dann erklärt sich das von selber. Mein erster „Tatort: Willkommen in Hamburg““ hatte 12,74 Millionen Zuschauer. Das war die erfolgreichste Folge seit 1993. Der zweite „Tatort: Kopfgeld“ lief ein Jahr nach dem ersten – und holte „nur“ noch 10,5 Millionen. Aber dabei vergessen alle, dass der Ausstrahlungstag einer der ersten, richtig warmen Frühlingstage war, weshalb insgesamt zwei Millionen Menschen weniger vor dem Fernseher saßen. Und mein dritter „Tatort: Der große Schmerz“ mit Helene Fischer, der bei den Kritikern zu 100 Prozent gut ankam, wurde statt des ursprünglich geplanten und gut beworbenen Termins im November auf den ersten Januar verschoben – weil sich kurz zuvor Terroranschläge in Paris ereignet hatten.

Heißt das, der erste Januar ist kein optimaler „Tatort“-Tag?

Til Schweiger: Genau. Ich habe nicht verstanden, warum „Der große Schmerz“ verschoben wurde – schließlich hat nach den Terroranschlägen in Frankreich kein Sender das Programm geändert, und auch ansonsten kein einziger auf der Welt – mit Ausnahme des NDR, der „Der große Schmerz“ auf ein Datum verschob, an dem ich gegen „Das Traumschiff“ antreten musste. Laut dem NDR ist Neujahr ein „Traumtermin“, aber wenn man sich die Quoten der letzten Jahre anschaut, sieht man sofort, dass der Neujahrs-„Tatort“ mit Ausnahme einer Folge mit Christian Ulmen und Nora Tschirner noch nie über acht Millionen geholt hat, was uns jedoch gelungen ist.

Und die vierte Folge „Fegefeuer“ am 3. Januar 2016?

Til Schweiger: Die war genauso erfolgreich. Allerdings brach bei dieser Folge, die mit dem misslungenen Anschlag auf das „Tagesschau“-Studio begann, die Quote innerhalb weniger Minuten von zehn Millionen auf acht ein – weil es ein Fehler des Formats war, mit so viel Gewalt einzusteigen. Während der Produktion fanden wir diese Idee noch mega, aber nachher haben wir gemerkt, dass sie uns viele Zuschauer kostete. Die Presse hat anschließend behauptet, dass „niemand“ die Schweiger-„Tatorte“ sehen wolle – und außer Acht gelassen, dass wir ja verschoben worden waren Ich behaupte, dass wir bei der ursprünglich geplanten Ausstrahlung im November – auch wegen der mega-positiven Berichterstattung – quotenmäßig viel besser abgeschnitten hätten. Und zu guter Letzt hat die Verschiebung von Folge drei und vier auch noch unseren Kino-„Tatort“ gekillt.

Warum?

Til Schweiger: Weil wir nach der Ausstrahlung des vierten „Tatorts“ nur noch wenige Wochen Zeit hatten, um mit dem Trailer für den Kino-„Tatort“ am 4. Februar zu starten. Ursprünglich sollte dieser Trailer schon ab Weihnachten laufen, aber weil alles nach hinten verschoben wurde, und wir den Trailer nicht vorher bringen konnten, weil darin verraten wurde, wer überlebte, konnten wir damit nur noch rund zwei Wochen Werbung machen. Und als dann auch noch der Kino-„Tatort“ am 8. Juli 2018 in der Fernseh-Sommerpause lief, brachte das das Faß zum Überlaufen.

Inwiefern?

Til Schweiger: Weil der Hochsommer kein guter Termin ist, und die Berichterstattung die ganze Zeit lautete, dass niemand mehr den Hamburger „Tatort“ sehen und Til Schweiger nicht wahrhaben will, dass keiner mehr seine Filme sehen will. Das ist aber einfach nicht wahr.

Würden Sie nochmal einen „Tatort“-Vertrag mit der ARD abschließen? Und hat der NDR Sie gut genug behandelt?

Til Schweiger: (seufzt) Menschlich finde ich Thomas Schreiber super. Aber ob alles perfekt gelaufen ist? Auf keinen Fall. Ob man den „Tatort“ hätte verschieben sollen? Ebenfalls auf keinen Fall. Das hat uns das Genick gebrochen.

Aber würden Sie die Rolle nochmal wieder annehmen?

Til Schweiger: Klar, weil es eine geile Rolle ist.

Wie viele „Tatort“-Folgen drehen Sie noch?

Til Schweiger: Laut Vertrag sind es noch zwei. Und je nachdem, wie gut die Bücher sind und je nachdem, ob ich noch Bock habe oder der NDR noch Bock auf mich, machen wir vielleicht nochmal vier. Oder vielleicht nochmal acht.

Drehen Sie Ihren nächsten „Tatort“ 2020?

Til Schweiger: Das ist völlig offen. Aktuell haben wir noch kein Buch, und dass es so lange bei dem jetzigen gedauert hat, lag daran, dass Eoin vorher so viele verschiedene Projekte hatte. Mit wem wir in die nächste Produktion gehen, ist bislang noch nicht klar.

Wie gut gefällt Ihnen die „Tatort“-Reihe?

Til Schweiger: Ich gucke eigentlich nie „Tatort“. Das erste Mal seit langem, dass ich wieder zugeguckt habe, war beim Frankfurter „Tatort“ mit Tukur, weil ich so viele Lobeshymnen gelesen hatte.

Schlussfrage zum „Tatort“: Wie soll Nick Tschiller eines Tages abtreten? Mit Kawumms und groß in die Luft fliegen oder überleben?

Til Schweiger: Auf jeden Fall soll er überleben. Denn nachdem ich vor einigen Jahren entschieden hatte, als Assistent in „Die Kommissarin“ für Hannelore Elsner den Heldentod zu sterben, und anschließend doch lieber leben wollte, und man die Bücher nicht nochmal umschreiben konnte, will ich denselben Fehler nicht nochmal begehen. Das Schicksal von Nick Nummer 1 soll Nick Nummer 2 erspart bleiben.