"Das Geheimnis der Freiheit": Teilfiktives Porträt eines Industriekapitäns

Er war Geschäftsmann und Lebensretter: Der ARD-Film "Das Geheimnis der Freiheit" erinnert an den großen Konzernchef Berthold Beitz.

Schon früh im neuen Jahr sorgt Das Erste mit einem ungewöhnlichen Fernsehfilm für Aufsehen: „Das Geheimnis der Freiheit“ (am Mittwoch, dem 15. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten) erinnert an den Industriellen Berthold Beitz, der als Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns (1953 – 1967) bis zu seinem Tod im Jahr 2013 zu den mächtigsten Männern der Republik gehörte.

Darum geht's in "Das Geheimnis der Freiheit"

Der 90-Minüter rückt eine wenig bekannte Episode ins Zentrum: Er handelt davon, wie Beitz (eindrucksvoll gespielt von Sven-Eric Bechtolf) im Jahr 1974 den Historiker Golo Mann (Edgar Selge) bittet, eine Biografie über den 1967 verstorbenen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu verfassen, den letzten Alleininhaber der Friedrich Krupp AG. Mann arbeitet acht Jahre an dem Werk, bekommt von Beitz aber keine Freigabe für die Veröffentlichung. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden.

Für den Film ist ein anderes Thema ohnehin wichtiger: Golo Mann versteht nicht, warum Beitz dem verurteilten Kriegsverbrecher Alfried Krupp über dessen Tod hinaus treu ergeben ist und sich bei seinen Geschäften mit früheren Nazis umgibt. Eine bis heute spannende Frage, denn Beitz hat während des Nationalsozialismus menschliche Größe bewiesen.

Der Lebensretter Berthold Beitz

Im Juli 1941 zieht der 28-jährige Beitz ins vom Deutschen Reich besetzte polnische Städtchen Boryslaw, um die Stelle als kaufmännischer Leiter des Erdölunternehmens Karpathen Öl AG anzutreten. Begleitet wird er von seiner Frau Else und Töchterchen Barbara. Zu dem Zeitpunkt ist er wohl kein prinzipieller Gegner des Nationalsozialismus, aber das alltägliche brutale Verhalten der SS-Männer und Soldaten widert ihn an.

Und er handelt: Bis 1944 rettet er Hunderten jüdischen Zwangsarbeitern das Leben, indem er sie als unabkömmlich für die Rüstungsindustrie einstuft. Am Bahnhof holt er Männer, Frauen und Kinder aus den Zügen nach Auschwitz. Else Beitz versteckt jüdische Kinder in ihrem Haus.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus spricht Beitz wenig über diese Zeit. Selbst Menschen aus seinem nächsten Umfeld erfahren erst 1973 von seinen Verdiensten als ihm von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen wird. Es dauert 17 Jahre, bis er nach Jerusalem reist, um die Ehrung persönlich anzunehmen.

Else Beitz wird 2006 ebenfalls in Yad Vashem geehrt. „Ich war kein Held, ich habe einfach als Mensch gehandelt“, wird Beitz später seinem Biografen Joachim Käppner über seine Rettungen sagen. „Wenn ich Angst gehabt hätte, wäre ich verloren gewesen.“ Immer wieder habe ihn ein Gedanke beschäftigt: „Hätte ich noch mehr Menschen retten können?“

Krupp-Generalbevollmächtigter auf Lebenszeit

Am Ende des Kriegs wird Beitz eingezogen, gerät in sowjetische Gefangenschaft, kann aber fliehen und lässt sich mit seiner Familie in Hamburg nieder. Dort leitet er ab 1949 als Generaldirektor die Versicherungsgesellschaft Iduna-Germania.

1952 lernt er zufällig Alfried Krupp kennen. Dieser bietet ihm an, Generalbevollmächtigter seines Unternehmens zu werden. 1953 tritt Beitz den Posten an. Angesichts seines Handelns während der Nazi-Ära ist das ein erstaunlicher Schritt. Denn die Firma Krupp war eng verbunden mit dem Hitler-Regime und einer der wichtigsten Rüstungslieferanten.

Wie kann jemand wie Beitz dort arbeiten? Alfried Krupp wurde bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen sogar zu zwölf Jahren Haft verurteilt allerdings vorzeitig entlassen. Mit Beitz stellt er das Unternehmen nun äußerst erfolgreich auf zivile Produktion um.

„Die Freundschaft zu Alfried Krupp hat mein Leben entscheidend geprägt“, sagt Beitz 1967 auf der Trauerfeier des an Krebs verstorbenen Krupp. „Er wird auch mein Leitbild für meinen künftigen Weg sein.“ Noch kurz vor dem Tode Krupps überführt Beitz dessen Privatvermögen in eine gemeinnützige Stiftung, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod bleibt.

Beitz erwirbt sich große Verdienste. So gilt die Arbeit der Stiftung als entscheidend für den Umbau des Ruhrgebiets zu einem Wissenschafts- und Kulturstandort. Aber es gibt auch Kritik: Nicht nur, dass er kaum Berührungsängste zu früheren hochrangigen Nazis zeigt. Er pflegt zudem Beziehungen zu Erich Honecker und dem Schah von Persien, der 1974 für sein Land 25,4 Prozent der Anteile an den Krupp-Hüttenwerken erwirbt sowie zwei Jahre später 25 Prozent der Anteile der Dachgesellschaft.

War Beitz also ein Held, Pragmatiker, Karrierist oder Visionär? Vermutlich alles zusammen. Ein Mann voller Widersprüche, dessen faszinierende Biografie sich einer eindimensionalen Bewertung entzieht.

"Das Geheimnis der Freiheit" ist hier in der ARD-Mediathek bis zum 14. Februar 2020 abrufbar.