Der Hölle entronnen: „Die Kinder von Windermere“

Bewegendes TV-Drama nach wahren Ereignissen zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: In England finden junge Holocaust-Überlebende neuen Lebensmut.

Nach zwei Tagen Fußmarsch werden die Jungs in einen Güterzug Richtung Theresienstadt gepfercht. Die Ankunft in dem Konzentrationslager hätte ihren sicheren Tod bedeutet. Doch plötzlich stoppt der Zug – es ist der 8. Mai 1945, der Tag der bedingungslosen Kapitulation von Nazideutschland, das Ende des Zweiten Weltkriegs, der Moment der Befreiung. Sie hatten den Holocaust überlebt, aber was nun? „Wir hatten keine Eltern, keine Geschwister. Wir waren allein“, erinnert sich Arek Hersh, einer der Jugendlichen, deren wahre Geschichte das berührende Drama „Die Kinder von Windermere“ (Mo, 27. Januar, 22.15 Uhr im ZDF) erzählt. In der Dokumentation, die sich an den Fernsehfilm anschließt, erzählt Hersh, dass die Nazis 80 seiner Angehörigen ermordeten.

1945 herrschte Chaos in Europa. 20 Millionen Menschen waren obdachlos und auf der Flucht. Niemand interessierte sich für die Waisen. Fast niemand: Der Brite Leonard Montefiore war Gründungsmitglied einer Organisation, die es sich zur Aufgabe machte, jüdische Kinder zu retten. Unermüdlich übte er Druck auf seine Regierung aus, bis diese einwilligte, 1000 jüdische Waisen aufzunehmen. Die nötigen Mittel kamen durch Spenden zusammen. 300 Kinder von drei bis 15 Jahren wurden aus Prag ins idyllische Windermere im Nordwesten Englands gebracht, dort gab es in einer ehemaligen Flugzeugfabrik ausreichend Platz für sie.

Eine neue Heimat in England

Vier Monate lang wurden die Kinder psychologisch betreut. Sie sollten lernen, mit ihren traumatischen Erlebnissen und Verlusten umzugehen und den Weg zurück in den Alltag finden. Der deutsche Psychologe Oscar Friedmann betreute sie. Der Jude hatte das KZ Sachsenhausen überlebt und wusste genau, was ihnen widerfahren war. Gespielt wird er von Thomas Kretschmann: „Seine Aufgabe bestand darin, diese jungen Menschen zu stärken, damit sie sich wieder dem Leben zuwenden konnten.“

Kretschmann sagt, er sei mehr am Schicksal der Jungen interessiert als an seiner Figur: „Im Konzentrationslager hatten sie Dinge gesehen und erlebt, die man sich nicht vorstellen kann.“ Für die Kinder wurde Windermere zum Segen. „Es war wunderbar, wir kamen von der Hölle in den Himmel“, erinnert sich Sam Laskier. Sie bekamen genug zu essen, hatten eigene Zimmer und Betten – vor allem aber waren sie frei.

„Ich lebte wieder und fühlte mich wieder wie ein Mensch“, sagt Arek Hersh über diese glückliche Zeit. Er blieb wie viele in England und fand dort eine neue Heimat. Ben Helfgott war als Gewichtheber 1956 und 1960 sogar Olympiateilnehmer für England. „Ich habe viele Freunde gefunden und war nicht mehr allein. Das war das Wichtigste“, sagt er. Noch heute treffen sich die alten Weggefährten jedes Jahr mitsamt ihren Familien, um ihr Überleben zu feiern.

Im Anschluss an den TV-Film zeigt das ZDF die Dokumentation "Die Kinder von Windermere" in der Betroffene von ihren Erlebnissen berichten. (Mo, 27. Januar, 23.45 Uhr)

Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar bieten viele Sender Filme und Dokus. Eine Auswahl:

Im ZDF laufen vom 26.1. bis zum 29.1. sechs Sendungen, darunter: „Ein Tag in Auschwitz“, DI 28.1. 20.15 Uhr

DAS ERSTE: „Vernichtet: Eine Familiengeschichte aus dem Holocaust“, MO 27.1. 23.45 Uhr

ARTE: „Exodus“, USA 1960 (Spielfilm), SO 26.1. 20.15 Uhr; „1944: Bomben auf Auschwitz?“ MO 27.1. 23.35 Uhr; „Medizinversuche in Auschwitz“,MO 27.1. 1.10 Uhr

3sat „Die Zeugen: Eine Reise zu den letzten Überlebenden des Holocaust“, SA 25.1. 19.20 Uhr; „Das Tagebuch der Anne Frank“ TV­-Film, DI 28.1. 20.15 Uhr