"Das Jenke-Experiment": Braucht der Mensch Fleisch?

Schnitzelberge oder nur Obst & Gemüse: Das neue "Jenke-Experiment" (Montag, 2. März, 20.15 Uhr, RTL) erkundet nun die Folgen unserer Ernährung.

Fleisch. Kein anderes Lebensmittel erscheint so vielen Menschen unverzichtbar. Aber was machen Schnitzel und Koteletts wirklich mit unserem Körper? RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff (54) wollte es genau wissen. Für seine neue Doku "Tiere lieben, Tiere essen: Wie viel Fleisch muss sein?" aß er 14 Tage lang dreimal täglich Gebratenes, Gegrilltes, Gepökeltes und ließ sich parallel in medizinischen Tests überwachen, etwas durch das Messen von Blutwerten. Dann ernährte er sich eine Zeit lang vegan. Welche Lebensweise sich als gesünder erwiesen hat, verrät der Reporter natürlich erst in seiner Doku. Uns gibt er aber bereits einen Vorgeschmack auf das, was uns im TV erwartet.

GOLDENE KAMERA: Jenke, welche neuen Erkenntnisse haben Sie durch das neue "Jenke-Experiment: Tiere lieben und Tiere essen – Wie viel Fleisch muss sein?" gewonnen?

Jenke von Wilmsdorff: Vor allem, dass ich mir immer noch zu wenig Gedanken über die negativen Folgen von zu viel Fleischkonsum gemacht habe – obwohl ich über die qualvolle Massentierhaltung informiert war. Schon vor der Doku war mir natürlich klar, woher abgepacktes Fleisch konkret kommt und wie das Tier gehalten wurde, dass zu eben diesem Billigfleisch, das sich in jedem Supermarkt findet, verarbeitet wurde und doch habe ich es beim Kauf viel zu oft verdrängt. Ich glaube, uns allen dürfte mittlerweile bewusst sein, wie sehr der übertriebene Fleischkonsum, den wir uns als Gesellschaft leisten, eine ökologische Katastrophe heraufbeschwört – weil beispielsweise riesige Flächen der Regenwälder abgeholzt werden und bereits 58 % der Äcker weltweit für den Anbau von Tierfutter beansprucht werden. All das darf so nicht weitergehen.

Jenke von Wilmsdorffs YouTube-Kanal

Wie viel Fleisch essen Sie selbst?

Relativ wenig. Und ich achte sehr auf eine gute Qualität, esse es kontrolliert, bewusst und sehr selten.

Für Experiment haben Sie 16 Tage extrem viel Fleisch verzehrt …

Richtig! Und mehr noch, dabei habe ich überhaupt nicht auf die Qualität geachtet, sondern bis zu einem Kilo sehr günstiges Fleisch pro Tag konsumiert. Ein typischer Morgen begann beispielsweise mit diversen Fleischwurstbrötchen, während es mittags ein Riesenschnitzel und abends nochmal 2-3 Kotellets gab.

Was waren die körperlichen Folgen?

Ohne jetzt zu viel zu verraten, aber nach zwei Tagen hatte ich so starke Schmerzen, dass ich zum Arzt musste. Er ließ ein Blutbild erstellen, um herauszufinden, ob das viele Fleisch für meine Schmerzen verantwortlich war. Und das war es. Während der folgenden Tage hat sich mein Körper dann immer mehr an das Fleisch gewöhnt, während mein Widerwille dagegen zeitgleich immer größer wurde. Und nachdem ich das Experiment zwei Wochen durchgezogen habe, begann schließlich die vegane Phase, in der ich fast nur noch Gemüse gegessen habe.

Inwiefern war die rein vegane Ernährungsweise ein "Verzicht"?

Normalerweise esse ich gerne Butter und Sahne, doch das ist alles weggefallen – genau wie Fisch, Eier und natürlich Fleisch. Stattdessen standen hauptsächlich Obst und Gemüse auf meinem Speiseplan – und natürlich proteinhaltige Hülsenfrüchte. Ein typisch "veganer Jenke-Tag" sieht so aus, dass ich morgens Müsli mit Obst esse und zu den Hauptmahlzeiten sehr viel Brokkoli, Blumenkohl und Paprika – also alles, was man normalerweise als kleine Beilage verzehrt.

Und Ihr Fazit? Was ist gesünder – Fleischkonsum oder vegane Ernährung?

Einerseits gibt’s Mediziner und Ernährungswissenschaftler, die nicht ganz vom Fleisch abraten – und zu gemäßigtem Konsum raten. Andere behaupten, dass der Mensch überhaupt kein Fleisch brauche, weil wir uns das darin enthaltene Eisen, Vitamin B12 und Selen beispielsweise auch durch Hülsenfrüchte zuführen könnten beziehungsweise durch B-Vitamine. Fakt ist, dass sich alle Vitaminmängel, die sich durch Fleischverzicht einstellen, mir rein pflanzlicher Ernährung ausgleichen lassen.

Aber wieviel Fleisch braucht der Mensch?

Laut der "Deutschen Gesellschaft für Ernährung" 600 Gramm Fleisch pro Woche. Viele Mediziner jedoch finden das zu hoch. Ich kenne Menschen, die wegen ihres früheren, starken Fleischkonsums Leiden wie Rheuma und Gicht entwickelt hatten – oder sich ständig schlapp fühlten. Als sie sich jedoch vegetarisch oder vegan ernährten, wurden sie leistungsfähiger und gesünder. Ich persönlich fühle mich in der veganen Experimentierphase leichter, energiegeladene, reiner und sauberer als in der Fleischphase.

Angeblich haben Männer, die extrem viel Fleisch konsumieren, öfter Erektionsprobleme …

Das habe ich auch gehört und deshalb kläre ich das höchstpersönlich in der Sendung – mithilfe einer so genannten Penismanschette. Dieses Gerät misst nachts während des Schlafs, wenn man keine Kontrolle über seine Erektionen hat, die Häufigkeit und die Stärke derselben. Und Pflanzenfresser sollen da eine andere Qualität von Erektionen haben als Fleischfresser. Auch hier habe ich eine spannende Erfahrung gemacht.

Rotes Fleisch hat ein schlechtes Image, weißes ein gutes. Mit Recht?

Schweinefleisch gilt als das ungesündeste, Hühnchenfleisch soll besser sein. Aber braucht der Mensch überhaupt Fleisch? Ich glaube nein, denn angeblich löst Fleisch per se im Körper einen entzündlichen Prozess aus und gleichzeitig entstammen 90 Prozent aller Gifte, die wir in unserem Körper haben, aus tierischen Proteinen. Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob Fleisch überhaupt gesund ist – egal ob rot, weiß oder rosa. Aber natürlich wollen die Fleischindustrie und der Einzelhandel und die Lobbyisten weiter am Fleischkonsum verdienen, schließlich ist Deutschland Exportweltmeister in puncto Schweinefleisch, und wir haben eine immense Überproduktion. Aber ausgerechnet deshalb ist Fleisch im Umkehrschluss so billig - und deshalb essen wir zu viel! Fakt ist: Zu viel Fleischgenuss macht uns krank, ist ein Riesenproblem für die Ökologie und on top gibt’s auch noch ethische Probleme, wenn man an die katastrophalen Massentierhaltung und das Tierwohl denkt.

Wie eng ist Ihre Doku angelehnt an James Camerons "Game Changers" auf Netflix? Laut der leben Veganer gesünder und länger.

Natürlich habe ich "Game Changers" gesehen, genau wie die US-Doku "Cowspiracy". Beide Sendungen haben dazu beigetragen, dass mir der Appetit auf Fleisch und Kuhmilch gründlich vergangen ist. Und dass diese Art von Dokus viral so erfolgreich sind, zeigt ja, dass die Menschen sich nicht länger einlullen lassen und Verantwortung übernehmen wollen. Gerade die Generation Z, hinterfragt das System, ob es um das Klima geht oder um die Ernährung, was ja bekanntermaßen zusammenhängt. Hinzu kommt, dass wir der Werbung immer größeres Misstrauen entgegenbringen und Slogans, wie "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft" oder "Dienstag ist Schwienstag", TV-Spots aus meiner Jugend, heute so nicht mehr funktionieren. So wie die meisten Chinesen auch nicht mehr glauben, dass Haifischflossensuppe ihre Potenz stärken würde.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrem Interview mit dem Leistungssportler Patrick Baboumian, der 2005 aufhörte, Fleisch zu essen, auf pflanzliche Ernährung umstellte und 25 Kilo Muskelmasse zulegte?

Baboumian habe ich in Berlin getroffen. Seine Message lautet: Seit er sich vegan ernährt, hat er eine extreme Leistungssteigerung erzielt und sich von Verletzungen schneller erholt.

Kritiker monieren, dass man nicht genau wisse, ob Baboumian Eiweißpulver konsumiere und ob er die gesteigerte Muskelmasse nicht auch mit einer anderen Ernährungsform hätte erzielen können.

Ich nehme Baboumian ab, dass seine Leistungssteigerung viel mit seiner veganen Ernährung zu tun hat – weil Hülsenfrüchte proteinhaltig sind und Eiweiß für Kraftsportler wichtig ist. Abgesehen davon ist an pflanzlichen Eiweißpulvern nichts auszusetzen. Ich kenne keinen Kraftsportler, der ohne Eiweißpulver auskommt. Viel interressanter finde ich, das zeigt auch die Doku "Game Changers" sehr schön, dass Sportler, die nach Verletzungen unter entzündlichen Prozessen leiden, diese durch vegane Ernährung sehr viel schneller in den Griff bekommen. Das merke ich übrigens selbst: In der veganen Ernährungsphase sind meine Ruhe- und Erholungsphase sehr viel kürzer als während der Fleischphase – und ich bin viel schneller wieder aktiv und wach. Und was die anderen Ernährungsformen betrifft: Bestimmt hätte Baboumian ähnliches auch mit einer anderen Ernährungsform schaffen können, aber er hat sich nun mal für die rein pflanzliche Ernährung entschieden – nicht zuletzt aus tierethischen Gründen. Und seine Ernährungsgewohnheiten sind ziemlich transparent, weil er sich nicht vorwerfen lassen will, andere zu manipulieren.

A propos Tierethik: Wie fühlt es sich an, eine Sau, in diesem Fall "Elsa", die mit 110 Kilo ihr Schlachtgewicht erreicht hat, zu begleiten?

Die Zeit mit den Schweinen war unglaublich lehrreich und berührend. Wie reagieren diese sensiblen Tiere? Ab wann fühlen sie sich glücklich? Wie kommunizieren sie? Das ist für mich sehr emotional, denn Schweine sind uns sehr ähnlich. Ich habe beobachtet, dass sich Schweine nachts aneinander kuscheln und vor Freude herumquieken, wenn sie spielen und buddeln. Dadurch gebe ich dem abgepackten Schweineschnitzel ein Gesicht – denn ich will das Tier sehen, das nachher zu Schnitzeln und Koteletts verarbeitet wird.

Führen Sie Elsa zur Schlachtbank?

Nach meiner veganen Phase entscheide ich, ob ich Fleischesser bleibe. In diesem Fall wird Elsa geschlachtet und ich muss es aushalten, sie dorthin zu begleiten. Wenn ich mich künftig jedoch mindestens vegetarisch ernähre, darf Elsa solange leben, bis sie eines natürlichen Todes stirbt, also etwa 10 Jahre. Bei dieser Entscheidung möchte ich aber nicht so bigott sein, zu sagen, dass Elsa leben darf, während alle anderen Schweine, die ich nicht kennengelernt habe, geschlachtet werden dürfen. Nein – meine Entscheidung wird konsequent sein.

Ihre Erkenntnisse über die Massentierhaltung?

Wie tierverachtend Massentierhaltung sein kann, weiß ich spätestens seit meinem Experiment zu diesem Thema, das ich schon 2015 gedreht habe. Damals kam das bei den Zuschauern nicht besonders gut an, die Zeit war einfach noch nicht reif für ein solches Thema. Heute ist das anders. Wir alle sind wacher und kritischer geworden. Wir alle wissen, dass Massentierhaltung der Preis für extrem billiges Fleisch ist, aber dass die Haltung nicht mal ansatzweise artgerecht ist, treibt einem wirklich die Tränen in die Augen. Massentierhaltung ist ein Verbrechen an Tieren. Für unsere Haustiere tun wir alles, kaufen ihnen Spielzeug, gehen mit ihnen sogar in die Schule, aber bei Schweinen, Hühner und Rindern ist es uns völlig egal, unter welchen qualvollen Umständen sie leben und getötet werden. Das darf nicht sein.

Und weil die Fleischindustrie und der Handel mittlerweile die wachsende Kritik der Verbraucher spüren, kleben sie jetzt ein sogenanntes "Tierwohl-Siegel" auf die Verpackungen – und versuchen damit, Augenwischerei zu betreiben. Denn in Wahrheit handelt es sich bei diesen Klebe-Etiketten um eine Irreführung der Verbraucher, die bereits damit anfängt, dass die Note 1 die schlechteste ist – während Note 4 die beste ist. Fakt ist: Bei Note 1 leben die Tiere ohne Stroh und Tageslicht im Stall, werden total verschmiert auf engstem Raum zusammengepfercht und bekommen die Zähne abgeschliffen, damit sie sich nicht vor Stress gegenseitig die Schwänze abbeißen. Das ist wirklich der blanke Horror. Aber natürlich denken alle, dass Note 1 eine gute Sache ist – und die Lebensmittelindustrie klärt den Irrtum nicht auf.

Warum lässt sich das nicht einfach ändern?

Ein Schweinemäster verdient sechs Euro pro Schwein – und braucht, um sich zu refinanzieren, Tausende Schweine im Stall. Aber wenn die Kunden bereit wären, einen bis zwei Euro mehr pro Kilo Schweinefleisch auszugeben, könnten die Bauern die Schweine artgerechter halten. Doch natürlich gibt es noch einen anderen Rettungsanker: Wenn wir alle weniger Fleisch essen würden und uns an wenigstens an die empfohlene Richtlinie von maximal 600 Gramm pro Woche hielten, würden ebenfalls weniger Tiere gefoltert und wir lebten obendrein auch noch gesünder.

Welche Erfahrungen haben Sie in Indien - jener Nation mit den meisten Vegetariern – gemacht? Leben die Inder wirklich gesünder? Und falls ja: warum liegt die durchschnittliche Lebenserwartung dort nur bei 68,5 Jahren – und somit weit unter Deutschland?

67 Prozent aller Indien sind angeblich Vegetarier, aber in Wahrheit ist das ein Mythos. Kritikern zufolge beläuft sich die Anzahl der indischen Vegetarier nämlich gerade mal auf höchstens 30 Prozent. Außerdem ist Indien der größte Rindfleischexporteur der Welt, dort gibt es 30.000 illegale Schlachthäuser. Aber natürlich ist es schwierig, in Indien jemanden zu finden, der darüber auspackt.

Ich habe die Region mit den meisten Vegetariern bereist: das Volk der Bishnoi in Rajasthan. Diese Menschen leben vollkommen im Einklang mit der Natur – sie fällen nicht mal einen Baum, solange er noch ein grünes Blatt trägt. Tiere werden dort ebenfalls nicht getötet, und es gibt sogar ein "Rinder-Altenheim", in dem Tausende von gebrechlichen Rindern wieder aufgepäppelt werden. Das Volk der Bishnoi lebt komplett vegetarisch – und es ist im hohen Alter viel gesünder als wir Deutschen, weil Bluthochdruck, Diabetes und Krebserkrankungen, die allesamt mit hohem Fleischkonsum in Verbindung gebracht werden, dort schlichtweg kaum vorhanden sind.

Ihre Erkenntnisse über in Laboren gezüchtetes Fleisch, mit dem der globale Bedarf eines Tages mit ein paar zehntausend Kühen gedeckt werden könnte?

Ich finde es bedenklich, Stammzellen, die aus jungen Kälbern gewonnen werden, hochzuzüchten. Aber ironischerweise sind viele Veganer, mit denen ich mich unterhalten habe, alle dafür: Wenn in In-Vitro-Fleisch eines Tages marktfähig wäre, würden sie auf dieses industriell gefertigte Designerfood zurückgreifen. Mir persönlich macht es hingegen keinen Appetit – ich würde, wenn ich auf Fleisch nicht verzichten wollte, hochqualitatives Fleisch artgerecht gehaltener Tiere gegenüber in Petrischalen gezüchtetem Stammzellenfleisch bevorzugen.

Glauben Sie, dass Ihre Doku viele Menschen zum Umdenken bewegen kann?

Ja, denn sonst würde ich sie nicht machen. Und rückblickend hat jedes meiner Experimente etwas zum Positiven verändert, wenn auch nur im Kleinen. Fleisch hat heute ein eher schlechtes Image. Das hat die Fleisch- und Lebensmittelindustrie erkannt und ihr Sortiment stark erweitert, in dem sie zum Beispiel die an Fleisch gewöhnten Kunden mit "Veggie-Burgern" oder "veganer Ente" versorgen will. Aber jeder Versuch, den Fleischkonsum zu reduzieren hilft uns, unserer Gesundheit und dem Wohl der vielen Tiere, die geschlachtet werden, damit wir sie essen können.

Schlussfrage: Was kennzeichnet eine ausgewogene Ernährung?

Eine ausgewogene Ernährung ist sehr gemüselastig und ballaststoffreich, während zu viel Weizen, Mehlprodukte und Süßes schlecht sind – genau wie zu viel Fleisch. Das ist alles nicht Neues. Nur ist es an der Zeit, dass wir es endlich umsetzen. Milchprodukte stehen ebenfalls zurecht in der Kritik. Eine ausgewogene Ernährung ist eine hauptsächlich pflanzlich-konzentrierte Ernährung, bei der man als Verbraucher ab und zu Fleisch essen darf, wenn man nicht darauf verzichten will. Aber mit der Betonung auf "ab und zu". Und wenn man schon Fleisch essen will, dann sollte man kein abgepacktes Billigfleisch kaufen, sondern hochwertiges Fleisch artgerecht gehaltener Tiere.

Interview: Mike Powelz