Juli Zeh: "Das perfekteste Klima nützt nichts, wenn der europäische Friede kippt"

Zum TV-Start von Juli Zehs Romanverfilmung "Unterleuten" (ab 9. März, 20.15 Uhr, ZDF), trafen wir die Erfolgsautorin zum Interview.

Der Gesellschaftsroman "Unterleuten" von Juli Zeh war 2016 einer der meistgelesenen Romane des Jahres und hielt sich über Monate in den oberen Rängen der Bestsellerlisten. Erzählt wird in dem Roman die Geschichte des fiktiven Dorfes "Unterleuten" in Brandenburg, dreißig Jahre nach der Wende. Alteingesessene und die neu Zugezogenen aus dem Westen leben in dem Dorf ein nicht ganz konfliktfreies Miteinander. Als Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe des Dorfes aufgestellt werden sollen, wird das Zusammenleben auf eine sehr harte Probe gestellt – und kein Stein bleibt auf dem anderen.

Juli Zeh (45) ist promovierte Juristin und lebt seit 2007 in Barnewitz, einem Dorf im Havelland in Brandenburg. In den den letzten 20 Jahren veröffentlichte sie acht Romane und ist seit 2018 ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht in Brandenburg.

Juli Zeh im Interview

Wie gefällt Ihnen die ZDF-Verfilmung von „Unterleuten“?

Juli Zeh: Ich finde den Film richtig gut. Was für eine Autorin gar nicht leicht ist – denn es gibt ja immer Unterschiede zur eigenen Fantasie, und die muss man aushalten.

Die Verfilmung ist beinahe 1:1. Aber warum war es notwendig, aus „Herrn Pilz“ „Frau Pilz“ zu machen? Weshalb ist Schallers Gedächtnisverlust kein Thema? Und wieso leuchtet Gombrowskis Dach nicht blau?

Juli Zeh: An der Drehbuchentwicklung war ich nicht vertieft beteiligt. Ich weiß aber, dass es für das Filmtteam schwierig war, Orte zu finden, wo man „Unterleuten“ inszenieren konnte – und wenn es dann noch um Details wie ein blaues Dach ging, wurde es unmöglich. Und so ein Thema wie Gedächtnisverlust kann den Rahmen einer filmischen Dramaturgie natürlich sprengen. Man muss dem ZDF zugestehen, dass sie es geschafft haben, im Dreiteiler viel unterzubekommen - inklusive achtzehn Hauptfiguren und fast allen Geschichten.

Was ist die Message von Roman und Film? Ist es eine Geschichte über das Gefangensein in der eigenen Wahrnehmungsblase? Über Identitätssuche, den Zerfall der Familie, Ich-Bezogenheit, kollektives Kommunikationsunvermögen oder über Psychoprozesse, die zu Katastrophen führen?

Juli Zeh: Das trifft es alles ziemlich gut. Am meisten denke ich wahrscheinlich über unser Gefangensein in Wahrnehmungsblasen nach. Manchmal nehmen wir fälschlicherweise an, dass es sich dabei um ein Internetphänomen handelt. Aber tatsächlich ist es eine ureigene menschliche Eigenschaft – quasi eine anthropologische Konstante, dass wir außer unserer persönlichen Weltsicht keine alternative Perspektive haben. Für mich ist der Übergang von einer Innensicht in die nächste das große Thema in „Unterleuten“. Ebenfalls wichtig für den Roman ist der Gegensatz von Stadt und Land beziehungsweise das Auseinanderdriften von Zentrum und Peripherie. Denn darin sehe ich eines der größten gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit, und darauf führe ich auch Phänomene zurück wie das Erstarken von rechtspopulistischen Parteien. Wir züchten uns gerade eine Innen- und Außengesellschaft heran.

Wie meinen Sie das?

Juli Zeh: In Entscheidungszentren wie Großstädten existiert eine völlig andere Lebenswirklichkeit als auf dem Land. Obwohl Großstädte wie beispielsweise New York oder Tokio Tausende Kilometer auseinanderliegen, gibt es dort ähnlichere Werte und Lebensgefühle als in Berlin und „Unterleuten“, zwischen denen nur 60 Kilometer liegen. Ich lebe selbst in einem Dorf, und erlebe ständig, mit wie viel Unverständnis hier auf die Themensetzung der Schlagzeilen und Nachrichtenportale reagiert wird. Wenn zwei Menschen Vollzeit arbeiten, um ihre Familie zu ernähren, gleichzeitig die Kinderbetreuung schaffen müssen, sich um Haus und Hof kümmern, und am Monatsende reicht es trotzdem kaum zum Überleben, während um sie herum weder Busse noch Züge fahren, die Arztpraxen schließen, zu wenig Schulen vorhanden sind – dann ist für sie vielleicht schwer verständlich, was das riesige Problem an einem To-go-Kaffeebecher sein soll.

Wer in „Unterleuten“ ist Ihr Alter Ego?

Juli Zeh: Ich habe mich in sehr vielen Figuren verewigt, aber immer nur anteilsweise. Am meisten wahrscheinlich in Gombrowksi und Kron – was auf den ersten Blick überraschen mag, weil mir die alten Männer äußerlich nicht ähneln. Aber die Gedanken, die sie bewegen, trage ich auch in mir. Äußerlich ähnelt mir Linda Franzen mit dem Pferdefimmel am meisten – sowohl vom Alter, als auch von der Zielstrebigkeit. Irgendwie kann ich nur Figuren gut beschreiben, die auch ein bisschen sind wie ich. Vielleicht habe ich eine multiple Störung?

Wie hat Ihr Privatleben in einem Brandenburgischen 353-Seelen-Dorf das fiktive Unterleuten inspiriert?

Juli Zeh: Wenn ich nicht hierher gezogen wäre, hätte ich den Roman niemals geschrieben, weil ich ja gar kein Landkind bin, sondern eher eine Mittelstadtmaus. Vor dem Umzug nach Brandenburg hatte ich keine Ahnung davon, wie es sich auf dem Land lebt, wie sich Dörfler fühlen und welche Konflikte dorftypisch sind. Glücklicherweise finden es meine Nachbarn nicht doof, dass jemand von außen hierher zieht und meint, er könne über die Landbevölkerung schreiben. Ich glaube, die meisten fanden es eher gut getroffen und obendrein wichtig, dass sich jemand für das Leben hier interessiert.

Sie beschreiben Unterleuten als ein auf den Resten einer LPG-Tankstelle, kaputten Traktoren, Heizölfarben, Bauschutt und Verkabelungen erbautes Dorf, wo die Menschen vermeintlich Kinder entführen, sich mafiös bedrohen und auf einer Sammelgrube voller Scheiße leben. Ist Unterleuten ein verfluchtes, vergessenes, überfordertes Dorf?

Juli Zeh: Nein, ein völlig normales Dorf.

Inwiefern?

Juli Zeh: Viele Dörfer hier haben eine Ex-LPG und keine Kanalisation. Vermüllung, die man beim Buddeln in den Erdschichten findet, ist ein Erbe der DDR. Und dass es immer mehr Räume gibt, die sich vom staatlichen Zugriff abkoppeln, weil sie das Gefühl haben, dass sich keiner für sie interessiert und sie sich deshalb um ihr eigenes Zeug kümmern, ist nichts Ungewöhnliches. Manchmal kommen die Leute dabei auf etwas absonderliche Ideen. Es heißt aber nicht, dass alles, was man sich so erzählt, auch tatsächlich stattgefunden hat. So ist es auch in „Unterleuten“. Ein wichtiges Thema für mich ist die Legendenbildung. Leute erzählen sich Geschichten, die bei jedem Weitererzählen krasser werden, bis am Ende etwas vermeintlich Grauenvolles passiert ist. Wenn diese Psychomechanik ein ganzes Volk betrifft, können aus solchen Legenden sogar Kriege entstehen.

Ist dieses Abkoppeln vom großen Weltgeschehen repräsentativ für deutsche Dörfer?

Juli Zeh: Es ist repräsentativ für Regionen, die infrastrukturell unterversorgt sind – was ein Politikversagen darstellt. Man darf aber nicht vergessen, dass auch viele Menschen in Großstädten auf dem Rückzug sind, dann vielleicht eher in die innere Emigration. Viele leiden an Überforderungs- und Burnoutsyndromen. Man fühlt sich von der Welt im negativen Sinn überwältigt, vielleicht sogar bedroht. Ständig will einer etwas, was wir nicht leisten können. Dauernd muss alles gerettet und therapiert und verhindert werden, und man selbst sitzt da in seinem kleinen Leben. Das löst Rückzugsehnsüchte und Rückzugsbewegungen aus. Ob man angesichts dessen die Koffer packt oder erstmal innerlich auswandert, sind nur zwei Seiten derselben Medaille.

Inwiefern trifft es zu, dass ostdeutsche Dörfer immer noch traumatisiert sind durch den Mauerfall, wie Sie es auf Seite 438 beschreiben? Zitat: „Siebzig Kilometer weiter hatte sich Berlin im Freudentaumel befunden, während in Unterleuten ein fiebriger Schockzustand herrschte. Von denen, die fortgingen, hieß es bald, sie hätten für die Stasi gearbeitet. Wer sich enteignet fühlte, nahm sich etwas anderes zur Entschädigung und erzählte über jenen, dem es gehörte, die schlimmsten Geschichten.“

Juli Zeh: Das ist spezifisch deutsche Geschichte. Menschen reden ja nicht immer gerne über einschneidende Erlebnisse. Aber auch, wenn sie ständig „Schwamm drüber“ sagen, kommen die Verletzungen immer wieder durch. In der Zeit nach dem Mauerfall haben wilde Zustände geherrscht, im Sinne einer Neuverteilung von Besitz und Eigentum. Damals kamen scharenweise selbsternannte Experten aus dem Westen und haben den Leuten beim „Privatisieren“, manchmal auch beim Bescheißen geholfen. Doch bei jedem Beschiss gibt es Opfer, und im Unterschied zur Stadt läuft man im Dorf denjenigen, die davon profitiert haben, täglich über den Weg.

Sie sind studierte Juristin. Gefragt nach Ihrem Menschenbild, haben Sie einmal gesagt, dass Verbrecher oft nichts Böses wollen, sondern getreu ihrer eigenen inneren Logik häufig sogar Gutes bezweckten. Was lernen wir aus dieser Erkenntnis?

Juli Zeh: Eine wichtige Lehre ist, mit dem Moralisieren aufzuhören. Wir Deutschen suchen immer gern zuerst nach der guten und der bösen Seite, statt Probleme vor allem sachlich anzugucken. Und wir fühlen uns gerne auf der guten Seite zuhause und zeigen mit den Fingern auf die anderen. Wenn man gut und böse mal beiseite lässt, nimmt man den Sprengstoff aus vielen Situationen heraus. Mir wäre ein Aufruf zu mehr Empathie wichtig – dass wir uns immer wieder mal hineinversetzen in Leute, von denen wir denken, dass sie gnadenlosen Mist erzählen. Tatsächlich erzählen die meisten Leute gar nicht so viel Mist, sondern haben nur eine andere Logik, andere Prämissen und andere Argumente.

Das 20. Jahrhundert bezeichnen Sie als Epoche des kollektiven Wahnsinns, das 21. als Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Aber war die Welt nicht immer ein Tollhaus?

Juli Zeh: Und gleichzeitig wunderschön! Wir konzentrieren uns seit einiger Zeit in unserer Wahrnehmung sehr stark auf negative Effekte. Das macht uns nicht zufriedener. Zur Zeit fehlt es uns ein wenig an Orientierung. Sehen wir uns als Gruppenwesen, als Familienwesen oder Karrieremenschen? Was sind unsere Leitsterne? Wonach richten wir unsere biographischen Entscheidungen aus? Was suchen wir uns für Lebenspartner und warum? Wir müssen alles individuell entscheiden, gleichzeitig müssen wir in allem immer erfolgreich und am besten auch noch glücklich sein, und das führt zur dieser starken Konzentration auf das Ego. Wir sind nicht mehr aufgehoben in festgefügten Gruppen. Dabei ist der Mensch doch eigentlich ein Herdentier – und kein einsamer Wolf.

Ein Zitat aus „Unterleuten“ zum Überwachungsstaat lautet so: „Wenn sich Datenschützer in der Zeitung wegen Überwachung im Internet ereiferten, musste Kron lachen. Man musste nur ein handelsübliches Dorf besuchen, um zu verstehen, was der gläserne Mensch tatsächlich war.“ Stimmt das wirklich?

Juli Zeh: Durchaus. Auf dem Dorf weiß man viel übereinander, sieht sich häufig, redet ständig. Aber natürlich soll das nicht heißen, dass staatliche Überwachung und der gläserne Dorfmensch das Gleiche seien - weil es durchaus entscheidend ist, wer Informationen über wen aus welchem Grund und in welcher Position sammelt. Ich habe ein großes Problem mit staatlicher Überwachung, während ich mich im Dorf entspannt in der sozialen Durchleuchtung bewege. Denn obwohl meine Nachbarn alle möglichen Sachen mitbekommen, haben sie die bewundernswerte Fähigkeit, vergleichsweise wenig Urteile zu fällen. Man kann hier viele komische Dinge tun, ohne dass das jemand irgendwie seltsam findet. Das schenkt mir Freiheit.

Stimmt es tatsächlich, dass man auf dem Dorf das Gefühl hat, als interessiere sich die Politik nicht für einen?

Juli Zeh: Das ist kein Gefühl, sondern eine Tatsache. Manchmal frage ich mich wirklich, ob die Politiker nichts von der dörflichen Realität verstehen können oder ob sie es nicht wollen. Bei den letzten Landtagswahlkämpfen war die AfD krasserweise die einzige Partei, die Plakate aufgehängt hat, von denen ich weiß, dass sie in das Herz der Bedürfnislage zielen – und zwar keine ausländerfeindlichen Plakate, sondern solche mit Themen, die die Leute wirklich beschäftigen. Wenn ich an diesen Plakaten vorbeifuhr, habe ich die ganze Zeit gedacht, dass die Bundesrepublik die AfD beim Universum bestellt und bekommen hat. Die Ignoranz, dass es auf dem Dorf andere Meinungen zu vielen Fragen gibt, führt dazu, dass es jetzt eine Kraft gibt, die das checkt und für sich ausnutzt.

Ihre Meinung über den Gegensatz zwischen Stadt und Land im Jahr 2020 – ist die Kluft größer als die zwischen Wessi und Ossi?

Juli Zeh: Ich glaube nicht an den Ost-West-Konflikt. Für mich gibt es in Deutschland mentalitätsmäßig eher einen Nord-Süd-Konflikt, rein kulturell. Man versuche einmal, einen Bayern und einen Hamburger zusammen an einen Tisch zu setzen, die verstehen sich noch nicht einmal sprachlich - während man sich zwischen dem Rheinland und Brandenburg mentalitätsmäßig und humortechnisch sehr gut versteht. Und was die Stadt-Land-Kluft betrifft: Entscheidungen werden in den Städten getroffen und auf dem Land implementiert. Das sorgt für Frust. Wir sehen das Problem zum Beispiel an den Bauernprotesten. Es ist nicht so, dass Bauern gegen Umwelt- und Klimaschutz sind, ganz im Gegenteil. Aber sie müssen überleben, ihre Höfe retten, oft sind sie die einzigen Arbeitgeber in der Region. Und wenn Regulierungen ihre Existenz gefährden, fühlen sie sich zurecht unbeachtet und unverstanden. Aus solchen Gründen haben viele Landmenschen Angst vor der Umweltbewegung: Sie befürchten, dass man bald alles verbietet, auf das sich ihre knappe Existenzmöglichkeit stützt - plus die wenigen Freuden, wie beispielsweise abends ein Lagerfeuer mit Freunden zu machen und zu grillen, statt in die viel zu teure Kneipe zu gehen. Als Krönung werden sie dann auch noch von Menschen, die in Drei-Millionen-Städten leben, als dumme Dorftrampel aufs Korn genommen. Man muss nicht lange überlegen, woher die gesellschaftliche Spaltung angesichts dessen kommt.

Aber empfinden Sie das Großstadtleben wirklich als so schlimm, wie Sie es im Roman beschreiben – nämlich als „ein Gespinst aus Belästigungen und unfreundlichen Verkäuferinnen, Dauerbaustellen auf Hauptverkehrsstraßen, stundenlanger Parkplatzsuche, überall Werbung und Nachbarn, die Samstag morgens Regale an die Wände schrauben“?

Juli Zeh: Als ich aus der Stadt weggegangen bin, hatte ich eine dünnhäutige Phase, in der ich es wirklich so empfunden habe. Damals wohnte ich mit meinem Partner, der ebenfalls Schriftsteller ist, in einer Erdgeschosswohnung, und bei uns haben täglich zwölf verschiedene Paketdienste für 16 Nachbarn geklingelt. Und wenn DHL und Co nach 17 Uhr Feierabend hatten, kamen die Kinder der Nachbarn und tanzten oben hin und her, während ich immer noch keine zwei Seiten geschrieben hatte. In dieser Phase habe ich befürchtet, dass ich eines Tages einen Amazon-Fahrer vor der Wohnungstür erwürge.

Ihre Meinung über Windräder?

Juli Zeh: Ich kann jeden verstehen, der keine Windräder vor seiner Tür haben will, weil sie in vielerlei Hinsicht beeinträchtigend sind. Hinzu kommt bei vielen das Gefühl, die Windkraft könne bei der Energiewende nicht der Weisheit letzter Schluss sein. So viele Fragen bleiben offen oder werden jedenfalls unverständlich kommuniziert. Kann Windkraft ökonomisch reell funktionieren oder geht das nur mit massiver staatlicher Förderung? Was ist mit Transport und Speicherung der Energie? Was ist Deutschlands Masterplan für die Zukunft, wenn wir tatsächlich komplett weg wollen von fossilen Brennstoffen? Ist das mit Windkraft überhaupt möglich, oder bräuchten wir völlig andere Ideen? Solche Fragen machen den Anblick von Windrädern nicht schöner.

Die SPD will nun eine Windradprämie für Anwohner einführen - sie schlägt finanzielle Anreize vor, will Klagemöglichkeiten einschränken. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Juli Zeh: Ich habe grundsätzlich nichts dagegen. Wenn jemand sagt, dass er Windparks vielleicht generell nicht gut findet, aber für den Bau vor der eigenen Tür Geld akzeptiert, das er gut gebrauchen kann, dann ist das doch besser, als wenn er sich einfach nur hilflos und übergangen fühlt.

Was gehört oben auf die politische To-Do-Liste, um das deutsche Dorfsterben zu stoppen?

Juli Zeh: Zunächst einmal müsste der öffentliche Nahverkehr verbessert werden. In einer reichen Industrienation, die ja auch Klimaziele verfolgt, sollte es überall Busse und Bahnen geben – und zwar nicht nur alle zwei Stunden. Mein Dorf zum Beispiel ist ohne Auto praktisch unerreichbar, es sei denn, man will zwei Stunden auf die Regionalbahn warten und dann noch sieben Kilometer laufen. Außerdem gibt es keine Schulbusse, so dass mein kleiner Sohn jeden Morgen 45 Minuten mit dem Linienbus durch die Gegend gondelt, um die Schule zu erreichen. Das ist Wahnsinn. Außerdem brauchen wir mehr weiterführende Schulen, weil die mittelgroßen Städte immer stärker von akademischen Pendlern bevölkert werden, deren Kinder aufs Gymnasium gehen. Und wenn dann ein Dorfkind aufs Gymnasium möchte, bekommt es keinen Platz, weil die Kinder mit der städtischen Postleitzahl bevorzugt werden. Die dritte Absurdität ist das Problem mit den Ärzten: Gerade alte Leute auf dem Dorf leiden unter fehlender medizinischer Versorgung. Sobald ein Landarzt aufhört, weil er buchstäblich bis zum Umfallen gearbeitet hat, bleibt seine Praxis leer – weil die jungen Ärzte einen Arbeitsplatz auf dem Dorf unattraktiv und unterbezahlt finden. Von dieser Haltung bekomme ich Pickel, dagegen müsste man dringend politisch etwas unternehmen. Bei uns kommt alle zwei Wochen ein Arzt aus Potsdam ins Besprechungszimmer der Dorffeuerwehr im Nachbardorf – für ein paar Stunden. Dort stellt er im Akkord Rezepte aus. Dabei kommt man sich vor wie im Niemandsland, dabei leben wir doch in einer der größten Exportnationen der Welt.

Ihre Romanfigur Linda Franzen geht auffällig oft vor die Tür, um mit ihrem Lebenspartner zu telefonieren. Sind die Funklöcher auf dem Dorf wirklich so löcherig wie ein Fischernetz?

Juli Zeh: In meinem Dorf ist es ein bisschen besser geworden, aber das nächste Funkloch beginnt bereits ein paar Kilometer vor der Haustür. Da ist man im digitalen Nirgendwo. Ich persönlich leide nicht so stark darunter, weil Nichterreichbarkeit für mich ein Luxus ist. Aber für die wirtschaftliche Infrastruktur sind optimale Handynetze natürlich längst überfällig. Und wenn man noch einmal daran denkt, dass wir in einem Exportweltmeisterland leben, ist es natürlich ein Unding, dass man bis vor kurzem seinem Modem beim Herumkreischen zuhören musste, wenn man ein paar PDFs aus dem Internet ziehen wollte.

Hätten Sie Lust, eines Tages Bundespräsidentin zu werden?

Juli Zeh: Mir wäre ein aktiver Politikerjob zu hektisch. Wenn ich mir anschaue, was Spitzenpolitiker an einem einzigen Tag machen, denke ich, dass ich davon höchstens ein Zehntel schaffen würde. Ich brauche viel Ruhe und Konzentration für meine Arbeitsweise. Als Politiker würde ich in dem permanenten Gefühl leben, meinen Job nicht so machen zu können, wie ich es brauche oder möchte. Das würde mich unglücklich machen.

Wie oft inspiriert Ihre Arbeit als ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg Ihr Schriftstellertum?

Juli Zeh: Bis jetzt gar nicht. Aber wer weiß, vielleicht kommt das noch. Wenn Örtlichkeiten oder ein Thema oder ein Job in mir richtig etwas in Bewegung setzen, und sich dadurch etwas verändert in meinem Lebensgefühl und in meinen Meinungen oder Gedanken und Sichtweisen, dann bricht sich das irgendwann Bahn in der Literatur.