Eric Stehfest: "Die Schauspielbranche ist versauter als alle anderen Bereiche"

"9 Tage wach" (15. März, 20.15 Uhr, ProSieben) ist die Verfilmung von Eric Stehfests Drogenbeichte. Wir sprachen mit dem Autor und Schauspieler.

Er war zehn Jahre süchtig nach Crystal Meth. Einen neuntägigen Rausch bezeichnet er rückblickend als Suizidversuch. Erst nach einem einjährigen Entzug in der Psychiatrie wurde Schauspieler Eric Stehfest („GZSZ“) clean. In dieser Zeit schrieb der heute 30-Jährige mit seinem Co-Autor Michael J. Stephan „9 Tage wach“ – einen Bestseller, der sich über 200.000-mal verkaufte und vom „Lehrerclub“ der Stiftung Lesen als Lektüre für die Oberstufe empfohlen wird.

Buchtrailer zu "9 Tage wach"

Eric Stehfests Mission seit Erscheinen seines Buches heißt Aufklärung. Jetzt wurde sein Roman mit Jannik Schümann („Charité“) in der Hauptrolle verfilmt. Warum Drogen wie Crystal Meth negative Gefühle erträglich machen und warum ausgerechnet der Überlebensinstinkt der Menschen in die Sucht führt, verrät er im Interview.

Teaser-Trailer zur Buchverfilmung "9 Tage wach"

Eric Stehfest im Interview

Herr Stehfest, wie gut gefällt Ihnen die Verfilmung Ihres Bestsellers "9 Tage wach"?

Eric Stehfest: Sehr gut. An erster Stelle stand immer, möglichst viele Zuschauer damit abzuholen, weil wir kein fiktives Thema behandeln, sondern die Realität von Tausenden Menschen erzählen. Deshalb war es mir wichtig, eine Sprache zu finden, die kommerziell verstanden wird. Im Film erleben wir Jannik Schümann so, wie wir ihn noch nie zuvor erlebt haben. Für Jannik war es etwas Außergewöhnliches, in diese Rolle einzutauchen. Das ganze Ensemble spiegelt und zeichnet die Geschichte, was viel Mut von den Darstellern erfordert.

Wie haben Sie konkret selbst bei dem Projekt mitgearbeitet?

Eric Stehfest: Ich habe überall mitagiert, war Teil des Autorenteams und für alle großen Bereiche ein Berater – beispielsweise für Regie und Produktion. Mit Jannik habe ich mich vor den Dreharbeiten getroffen. Wir haben lange gesprochen und alle Fragen geklärt, die er zu der Rolle hatte. Außerdem habe ich regelmäßig mit den Schauspielern und Darstellern telefoniert, und über die Zustände gesprochen.

Crystal Meth ist eine Droge, die menschliche Gefühle ausschaltet. Ist das das Gefährliche daran?

Eric Stehfest: Sie schaltet Gefühle nicht aus, sondern macht Negativgefühle erträglich – wobei das Problem ist, dass man das wahre Ausmaß seiner Probleme nicht mehr spürt. Für viele Menschen ist dieses Taubheitsgefühl eine Form von Überlebensinstinkt, beispielsweise, weil sie dermaßen grausame Kindheitserlebnisse hatten, dass sie sich eigentlich das Leben nehmen würden, und nur von einer Droge wie Crystal Meth davon abgehalten werden. Leider jedoch verhindert Crystal Meth gleichzeitig, dass wir uns die Freiheit schenken, alles fühlen zu dürfen und zu müssen - und unsere Erlebnisse zu verarbeiten. Denn mit der Droge bleibt man immer in einer Art schulkindlichem Alter stecken – beziehungsweise in der Entwicklungsphase, in der der Konsum angefangen hat.

Angeblich sind sämtliche Drogensüchte, beispielsweise Koks- oder Heroinsucht, in dem Moment wie weggeblasen, wenn man das erste Mal Meth konsumiert. Stimmt dieser Mythos?

Eric Stehfest: Das würde ich pauschal nicht sagen. Was man aber sagen kann, ist, dass jeder Mensch eine Art „Werkzeugkoffer“ mit sich trägt, der zum jeweiligen Charakter passt. Sinngemäß brauchen manche Leute einen Schraubenschlüssel, um sich festzuziehen, während andere einen Lappen brauchen, um sich zu polieren. Übertragen heißt das, manche Menschen brauchen eher Heroin – eine Droge, die man auch den „Schleier der Mutter“ nennt, weil sie einen „umarmt“ wie eine liebende Mutter. Andere hingegen wollen nicht eingelullt werden, sondern maschinell funktionieren. Für die sind Amphetamine interessanter.

Ist Meth die härteste Droge der Welt?

Eric Stehfest: Ich glaube, dass unsere Welt noch Drogen bereithält, von denen ich noch nicht einmal träume. Aber Crystal Meth ist etwas anderes – nämlich ein Chamäleon, das durch jedes Jahrzehnt oder Jahrhundert schleicht, um Unheil anzustiften. Hitlers Soldaten beispielsweise schluckten Pervitin, um zugedröhnt Blitzkriege zu gewinnen – dabei ist Pervitin das heutige Crystal Meth. Crystal ist definitiv eine der härtesten Drogen der Welt.

Sie haben als süchtiger Schauspieler ein Doppelleben geführt. Glauben Sie, es gibt mehrere Schauspieler, denen Meth beim Funktionieren hilft?

Eric Stehfest: Ich erinnere mich noch an die Schauspielschule. Damals habe ich unter Meth gespielt und es war scheußlich im Sinne von wahnsinnig schlecht. Keine Ahnung, ob die Qualitätsstandards sich seit damals geändert haben, und ob solche Leistungen vielleicht heutzutage an manchen Berliner Bühnen gefragt sind. Denn es wird immer extremer, wie wahnsinnig ein Mensch auf der Bühne wirken soll. Aber höchstwahrscheinlich sind dabei eher Drogen wie Koks und Alkohol im Spiel.

Ist die Schauspielbranche ein so hartes Business, dass man darin besser mit Drogen funktioniert?

Eric Stehfest: Ja, definitiv. Aber ich würde das gar nicht als „besser“ oder „schlechter“ bewerten, sondern den Fokus generell im Funktionieren sehen. Diese Branche ist versauter als alle anderen Bereiche. Das hat natürlich damit zu tun, dass sich dort oft sensible Menschen ansammeln, die wahnsinnig viel wahrnehmen, spüren und darunter auch leiden - und sich dann ausdrücken und etwas loswerden müssen. Man spürt das beispielsweise, wenn Hamlet mal richtig geil gespielt wird. Aber auch um nach dem Spiel runterzukommen, werden Drogen eingesetzt. Jugendliche, die in die Clubs gehen, nehmen Drogen, um sich hoch zu pushen, doch unter Schauspielern versucht man, ein bisschen herunterzukommen.

Haben Sie Meth jemals gespritzt?

Eric Stehfest: Nein, ich hatte immer Angst vor Spritzen. Ich habe immer befürchtet, dass ich eine Ader oder eine Vene treffe und anschließend sterbe. Ich habe Meth nur geraucht und gezogen, aber spritzen war mir nie geheuer.

Haben Sie Meth ausschließlich zum Funktionieren und Partymachen benutzt oder auch beim Sex?

Eric Stehfest: Auch beim Sex, das geht ja einher. Am Anfang war es fast nur ausschließlich deswegen, weil das einfach faszinierend, wahnsinnig und grenzüberschreitend war. Ich kannte das bis dahin nur aus Pornos. Sex auf Drogen versaut einem die Sexualität. Das ist wirklich gefährlich.

Wie findet nach derartigen Extremerfahrungen und orgiastischer Ekstase zurück zu normalem Sex?

Eric Stehfest: Erstmal gar nicht. Das ist ja das Problem. Erstmal kommt eine ganz, ganz große Lustlosigkeit. Auch der Sinn, jemandem nahe zu sein, verschwindet. So war es jedenfalls bei mir, und es bedurfte wirklich harter Arbeit, um wieder normalen Sex zu haben. Ich musste mich anstrengen, das zu wollen, und habe mir gemeinsam mit meiner Frau neue Reize gesetzt. Jetzt versuchen wir, verschiedene Sachen nochmal anders zu machen - denn nur, weil man früher unter Drogen Sex hatte, heißt das nicht, dass man besonders mutig war oder viel ausprobiert hat. Man hatte einfach bloß Sex auf Drogen. Mittlerweile erlebe ich Sachen, die ich mit Drogen nicht erlebt habe.

Stimmt der Spruch: Einmal süchtig, immer süchtig?

Eric Stehfest: Wichtig ist, dass man ehrlich zu sich ist, und erkennt, wer man ist – und anschließend eine spannendere Droge findet. Denn man kann etwas Spannenderes finden, was einen ebenfalls berauscht. Ohne Rausch bleibt uns nicht mehr so viel.

Wie beispielsweise kiffen?

Eric Stehfest: Ich habe nichts gegen Kiffen, aber ich selber kann das nicht. Ich werde dann sofort paranoid, und bekomme Psychosen. Man sagt immer, dass Kiffen wieder funktionieren kann, wenn man sich ein bisschen mit seinem Unterbewussten beschäftigt und Blockaden löst – aber ich will das gar nicht ausprobieren, da habe ich zu großen Respekt vor.

Hatten Sie im Laufe Ihrer zehnjährigen Meth-Sucht jemals Suizidgedanken oder einen Suizidversuch unternommen?

Eric Stehfest: (lacht) Wir können uns ja mal unterhalten, was es bedeutet, überhaupt neun Tage wach zu bleiben. Im Grunde war das ein Suizidversuch – genau wie der ganze Suchtprozess an sich ein schleichender Suizid war. Gott sei Dank habe ich ihn überlebt.

Wie war das konkret, neun Tage wach zu sein? Wie viele Erinnerungen haben Sie noch daran?

Eric Stehfest: Viele, weil ich alles aufgeschrieben habe. Allmählich verblassen manche Details etwas, aber ich sehe die Bilder noch richtig gut vor mir. Damals war ich darauf gepolt, Dinge ständig aufschreiben und mir zu merken, weil ich Schauspiel studiert habe. Deshalb gibt’s noch tonnenweise Aufzeichnungen und viele selbstgedrehte Videos. Dank ihnen sind die Beschreibungen im Buch überhaupt so explizit. Körperlich kann ich das neuntägige Wachsein inzwischen nicht mehr nachfühlen, was positiv ist, weil Zeit anscheinend die Wunden heilt.

Als Sie bei „GZSZ“ anfingen, waren Sie schon mit dem Entzug durch – oder?

Eric Stehfest: Genau, das hörte damals gerade auf. Es gab nochmal die eine oder andere Weihnachtsfeier, wo ich ein bisschen gekokst habe, aber danach war es vorbei.

Haben Sie den Kollegen bei „GZSZ“ damals gesagt, was mit Ihnen los war oder war das ein Geheimnis?

Eric Stehfest: Das weiß ich gar nicht mehr (lacht). Ich glaube, ich habe mich relativ schnell dafür entschieden, mit der Geschichte rauszugehen - in Absprache mit der Produktion.

Wann haben Sie Ihre letzte Line gezogen?

Eric Stehfest: Zusammen mit meiner Frau Edith bin ich einmal rückfällig geworden. Als ich sie kennenlernte war sie noch methsüchtig, und während wir hart daran arbeiteten, sie da rauszuholen, waren wir mal auf einer Technoparty, haben ein paar Gin Tonic getrunken und anschließend eine Line gezogen. Seitdem trinke ich keinen Alkohol mehr, weil die Hemmschwelle dann sofort flöten geht – und ich kein Halten mehr kenne.