Jannik Schümann: "Ich hatte noch nie einen Rausch in meinem Leben"

"9 Tage wach" (15. März, 20.15 Uhr, ProSieben) ist die Verfilmung von Eric Stehfests Drogenroman. Jannik Schümann übernimmt darin die Rolle des einst drogensüchtigen Soap-Darstellers. Wir trafen den 28-Jährigen zum Interview.

Erst nach dem einjährigen Entzug in der Psychiatrie wurde Schauspieler Eric Stehfest („GZSZ“) clean. In dieser Zeit schrieb der heute 30-Jährige mit seinem Co-Autor Michael J. Stephan „9 Tage wach“ – einen Bestseller, der sich über 200.000-mal verkaufte und nun mit Jannik Schümann („Charité“) in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Teaser-Trailer zur Buchverfilmung "9 Tage wach"

"9 Tage wach" mit Jannik Schümann als Eric Stehfest

Als Eric Stehfest (Jannik Schümann) mit 20 an einer Berliner Schauspielschule angenommen wird, ist er bereits seit Jahren süchtig. Doch der Umzug von Leipzig nach Berlin und die Aussicht auf eine gemeinsame Wohnung mit Freundin Anja (Peri Baumeister) lassen ihn das Unglaubliche schaffen: Eric lässt die Finger von Meth, zur Erleichterung seiner Mutter Liane (Heike Makatsch) und seines Stiefvaters Tilo (Benno Fürmann).

Doch bald schon kriselt die Beziehung mit Anja: Obwohl Stehfests Freundin schwanger ist, strippt sie heimlich in einem Nachtclub und treibt auch noch das gemeinsame Kind ab. Nach der Trennung wird Stehfest nicht nur rückfällig, sondern setzt im Rausch auch eine Theateraufführung in den Sand, sein Lehrer Karl Hoffmann (Martin Brambach) wirft ihn daraufhin von der Schauspielschule. Der Rauswurf führt zu einem Absturz, der im neuntägigen Rausch endet.

Jannik Schümann hat selbst keine Drogenerfahrungen gemacht. Das und mehr, verrät der Schauspieler im Interview.

Interview mit Jannik Schümann

Wurden Sie für die Rolle gecastet?

Jannik Schümann: Ja, beim Casting habe ich drei Szenen gespielt – aber lustigerweise keine einzige im Drogenrausch. Deshalb war ich nach der Zusage etwas besorgt, dass sich der Regisseur später noch umentscheiden könnte, weil er ja nicht wusste, wie ich „auf Drogen“ spiele. Denn diese Szenen machen immerhin ungefähr 50 Prozent des Films aus! Aber wir haben ein Konzept gefunden, und der fertige Film gefällt mir sehr gut. Man erkennt Damians Handschrift, das Ensemble ist großartig, die Musik toll – und ich mag den Schnitt. Ich bin wirklich ein Fan des Films.

Was ist der Reiz an der Rolle?

Jannik Schümann: Dass die Figur, die ich spiele, so weit von mir entfernt ist! Denn ich selbst bin eine stolze „Drogenjungfrau“, und fand es wahnsinnig herausfordernd, jemanden auf Droge zu spielen – weil ich das noch nie gemacht habe und es auch nicht vorhabe. Ich habe noch nicht mal gekokst, und hatte noch nie einen Rausch in meinem Leben. Deshalb war meine größte Sorge, dass meine Darstellung von Eric Stehfest eine Karikatur würde und dass mir Leute mit Drogenerfahrung meine Performance nicht abnehmen.

Wie haben Sie auf die Rolle vorbereitet?

Jannik Schümann: Gemeinsam mit meiner Spielpartnerin Peri und einem Berliner Coach namens Jens Roth. Jens war der perfekte Coach, weil er eine Spieltechnik namens „Source Tuning“ beherrscht, bei der man seine Quelle im Körper findet und Gefühle körperlich wahrnimmt. Es gibt sogar Leute, die während seines Coachings einen LSD-Trip nachempfunden haben, ohne das Zeug konsumiert zu haben. Das war die einzige Herangehensweise für mich, um die Rolle für mich zu entdecken.

Wie war der Austausch mit Eric Stehfest? Wie hat er Ihnen geholfen?

Jannik Schümann: Eric war wahnsinnig offen. Ich konnte ihn alles fragen, was ich wissen wollte. Beispielsweise hat mich interessiert, wie er nach dem Umzug nach Berlin und der Aufnahme in die Schauspielschule von einem Tag auf den anderen clean werden konnte – aber später ein Jahr in einer Rehaklinik brauchte, um den Entzug nochmal zu schaffen. Die Antwort lautet: Die Abhängigkeit von Crystal Meth ist Kopfsache – anders als bei Heroin, wo man einen körperlichen Entzug braucht.

Was waren die herausforderndsten Szenen? Was war am schwierigsten zu spielen?

Jannik Schümann: Ich habe mein Drehbuch mit den Farben „Grün“ und „Gelb“ markiert: Grün stand für Drogenszenen, gelb für cleane Szenen. Und das Drehbuch war sehr grün! Außerdem habe ich gemeinsam mit dem Regisseur den Drogenszenen ein Level gegeben - von 0 bis 10. Somit stand oben auf jeder Drehbuchseite eine Zahl - und ich wusste genau, ob ich mich beispielsweise an dem Intensitätsgrad 5 oder 10 orientieren muss. Die herausforderndste Szene war übrigens direkt am ersten Drehtag um acht Uhr morgens: In dieser Szene hatte ich noch gar kein Gefühl für die Rolle und die Droge, aber musste bereits spielen, dass ich meine Freundin beim Tanzen in einem Stripclub erwische und sie anschreien, dass sie abtreiben soll. Diese Szene war eine 8.

Welchen Stellenwert hat die Rolle in „9 Tage wach“ im Vergleich zu Ihren bisherigen?

Jannik Schümann: Es war auf jeden Fall so, dass mich die Rolle zu einem Extrem gebracht hat – und das war nicht immer schön. Nachdem die letzte Klappe fiel, hatte ich, genau wie damals bei meiner Transgender-Rolle in „Mein Sohn Helen“, einen emotionalen Breakdown, bei dem mir mein Körper gezeigt hat, wie fertig und zugleich erleichtert ich war. In diesem Moment ist sämtlicher Druck von meinen Schultern gefallen, weil ab da alles in den Händen des Regisseurs lag und ich meine Arbeit getan hatte.

Wie haben Sie sich gefühlt, wenn ein besonders heftiger Drehtag hinter Ihnen lag? Ist man da ausgelaugt, erschöpft, leer, traurig oder was macht so ein heftiges Thema mit einem?

Jannik Schümann: Es hat mich sehr müde gemacht. Während der Dreharbeiten bin ich sehr früh ins Bett gegangen und mit mir war nichts mehr anzufangen.

Welche Meinung haben Sie sich über die Gründe, warum Menschen drogensüchtig werden, gebildet?

Jannik Schümann: Entweder konsumiert man Partydrogen, um an einem Abend noch bessere Laune zu haben, als man sowieso schon hat – oder man hat ein subtiles Problem, und konsumiert Drogen, um seine Alltagsprobleme zu vergessen und sein Leben ertragen zu können, wie es auch Erics Beweggründe waren.

Laut Eric Stehfest ist die Schauspielbranche ein so hartes Business, dass man darin besser mit Drogen funktioniert. Er bezeichnet sie in unserem autorisierten Interview als „versauter“ als alle anderen Bereiche, was damit zu tun hätte, dass sich dort oft sensible Menschen ansammeln, die viel wahrnehmen, spüren und auch darunter leiden und sich dann ausdrücken und etwas loswerden müssen. Sehen Sie das auch so?

Jannik Schümann: Ich kann unterschreiben, dass die Schauspielbranche eine sensible Branche ist, weil man sich permanent in seinem Berufsalltag mit Emotionen auseinandersetzt und Emotionen an sich heranlässt, um sie ausdrücken zu können. Dementsprechend ist man natürlich gefährdeter, zerbrechlich zu sein. Andererseits habe ich viele Freunde, die überhaupt keine Drogen konsumieren und habe es selbst noch nie getan und auch nicht das Bedürfnis. Denn ich fühle mich gestärkt durch die Liebe meiner Familie.

Hätten Sie sich vor dem Dreh dieses Films vorstellen können, dass ein Mensch neun Tage wach sein kann?

Jannik Schümann: Nein - weil ich immer und überall schlafen kann.

Eric Stehfest bedauert, dass die Drogenbeauftragte der Bundesregierung bislang nicht auf ihn zugekommen ist, und dem Thema politische Aufmerksamkeit widmet, wie es damals beispielsweise bei Christiane F.‘s Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ über die Heroinwelle in Deutschland der Fall gewesen ist. Warum ist „9 Tage wach“ nach ein Thema, mit dem sich auch die Politiker beschäftigen sollten?

Jannik Schümann: Weil es eine Drogengeschichte ist, die in die Tiefe geht und lehrreich ist. Das Buch ist bereits Schullektüre, es klärt Heranwachsende auf. Ja, man sollte diese Geschichte verbreiten, weil sie für Aufklärungszwecke dienen kann.

Schlussfrage: Ihre nächsten spruchreifen Projekte?

Jannik Schümann: Der Start der Netflix-Serie „Tribes of Europa“ im September und die Kinoverfilmung des Computerspiels „Monster Hunter“ im Herbst. Außerdem geht’s weiter mit „Die Diplomatin“.