Senta Berger: "Mein Rauswurf von der Schauspielschule war der erste Schritt"

Beschreibung anzeigen
Senta Berger ermittelt zum letzten Mal in „Unter Verdacht“ (Samstag, 28. März, 20.15 Uhr, ZDF). Ein exklusives Interview über Hollywood, Gagen, Männer, Höhepunkte, Sackgassen und Zukunftsprojekte.

Michael Douglas war in sie verliebt. Charlton Heston machte ihr Avancen. Und Lex Barker wollte sie sogar heiraten. Ja, Senta Berger (78) hat nicht nur Deutschland, sondern auch Hollywood verzaubert. Jetzt ermittelt die gebürtige Wienerin zum letzten Mal in "Unter Verdacht: Evas letzter Gang". Wir trafen sie zum Exklusiv-Interview.

Senta Berger im Interview

GOLDENE KAMERA: Frau Berger, mit „Evas letzter Gang“ endet Ihre ZDF-Erfolgsreihe „Unter Verdacht“, die seit 2003 Millionen von Zuschauern begeisterte. War es Ihre Entscheidung, Schluss zu machen und warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt?

Senta Berger: Das Schöne an dieser Entscheidung ist, dass sie von uns kommt - also vom inneren Kern dieser Arbeit. Vielleicht war ich die führende Kraft. Ich glaube, ich habe als Erste ausgesprochen, dass man nach 20 Jahren merkt, dass ich als Senta älter bin als Eva Prohacek und demnach schon längst in Rente hätte gehen müssen. Denn, wenn man verbeamtet ist, ist mit 65 Schluss. Es geht also um die Glaubwürdigkeit der Figur und um die Glaubwürdigkeit unserer Geschichten. Deshalb ist es die richtige Entscheidung, und es tut mir gut, dass wir in diesem Moment aufhören, wo wir noch so positiv und lebendig im Gedächtnis des Publikums sind und dass uns diese Entscheidung nicht von der Redaktion oder dem Sender getroffen wurde.

Ab welchem Punkt in Ihrem Leben haben Sie gewusst, dass Sie Schauspielerin werden wollten?

Senta Berger: Eigentlich schon mit sechs. Aber ich habe sehr lange geschwankt zwischen der Vorstellung, Tänzerin oder Schauspielerin zu werden – und wäre am liebsten beides geworden. Rückblickend war das kindlicher Übermut. Doch während meiner sehr strengen Ausbildung zur Tänzerin an der Akademie für Darstellende Kunst in Wien, sagte mir eine meiner Lehrerinnen, dass ich nicht den idealen, langgezogenen Oberkörper einer Tänzerin hätte, und dass mir auch der Schwanenhals fehlte. Ich sei eher ein kräftiger, kleiner, athletischer Typ. Daraufhin habe ich hingeschmissen, und die Aufnahmeprüfung am Reinhardt Seminar gemacht. Und von dem Moment an war es entschieden, dass ich Schauspielerin werden wollte.

Doch angeblich Sie von der Schauspielschule geflogen, nachdem Sie eine winzige Rolle im amerikanischen Film „The Journey“ mit Yul Brynner und Deborah Kerr gespielt haben - weil Ihnen der Direktor dafür die Erlaubnis verweigerte. Was haben Sie daraus gelernt?

Senta Berger: Yul Brynner war damals einer der aller-allergrößten Stars in Amerika und auch ein faszinierender Mann. Dieses Angebot konnte ich einfach nicht ausschlagen. Was ich daraus gelernt habe? Dass ich für mich selber Verantwortung übernehmen muss. Mein Rauswurf von der Schauspielschule war der erste Schritt in die Erwachsenheit.

Ihre erste Gage haben Sie mit 16 Jahren für „Die Lindenwirtin vom Donaustrand“ bekommen. Wie hoch war die Gage – und was haben Sie sich davon gekauft?

Senta Berger: Ich glaube, das waren 3000 Schilling, was ungefähr 500 DM entsprach. Was ich mir davon gekauft habe, erinnere ich nicht mehr – denn ich habe meinen Eltern damals Haushaltsgeld gegeben und das „Max Reinhardt“-Seminar hat auch 180 Schilling pro Semester gekostet. Doch von der Gage für meinen zweiten Film „The Journey“ habe ich mir einen weißen Faltenrock, einen dunkelblauen Blazer, eine weiße Bluse und dunkelblaue Schuhe gekauft – weil das Abschiedsfest von „The Journey“ auf einem Donaudampfschiff stattfand, und wir alle als Matrosen kommen sollten.

Sie sind die einzige, auch in Hollywood erfolgreiche deutschsprachige Schauspielerin, die sich über 60 Jahre in diesem Beruf behaupten konnte. Wie haben Sie das geschafft?

Senta Berger: Ich bin immer dem Leben begegnet und war sehr offen. Und als ganz junge Frau, als ich nach Amerika ging, war ich dazu auch noch frech. Ich habe mir Dinge zugetraut, über die ich heute nur staune! Mein Mut kam aus der Unwissenheit. Ich habe mir damals noch alles zugetraut. Meinen ersten amerikanischen Film habe 1962 gemacht, da war ich gerade 21.

Angeblich waren Ihre Englischkenntnisse damals problematisch …

Senta Berger: Genau! Mit 20 wurde ich von einem Produzenten gefragt, ob ich Englisch spräche: „Do you speak English?“ Meine Antwort lautete: „Of course. I speak it fine.” (lacht) Englisch habe ich erst später gelernt.

Wie blicken Sie heute auf die Zeit in Amerika zurück?

Senta Berger: Amerika war ein ganz großes Erlebnis für mich. Einerseits war ich oft alleine in New York und Los Angeles, und ich hatte sehr oft Heimweh, aber andererseits hat die damalige Zeit meinen Horizont auch unglaublich vergrößert. Ich bin für meine Filme durch die ganze USA auf Pressereisen, Talkshows und so weitergeschickt worden – von Philadelphia über Boston bis nach San Francisco. Bei diesen Anlässen bin ich in Luxus verpackt gewesen – inklusive Limousinen und Hotels. Aber den meisten Spaß hat es mir bereitet, unbeobachtet durch die Städte zu schlendern. Nur durch Gehen lernt man Land und Leute kennen.

Zu jener Zeit haben Sie gerade Ihren großen Columbia-Vertrag unterschrieben …

Senta Berger: Ja, das war 1963. Und im gleichen Monat habe ich Michael Verhoeven bei einer Filmarbeit in Berlin kennengelernt. Michael und ich sind über alle Kontinente und Hindernisse und Unsicherheiten hinweg beisammengeblieben. Unsere Liebe war wie ein Gummiband, das mich immer wieder nach Europa gezogen hat.

Warum sind Sie nicht in Hollywood geblieben?

Senta Berger: Zu jener Zeit war das amerikanische Kino in eine Art Orientierungslosigkeit verfallen. Das Farbfernsehen war gerade erfunden worden. Jeder hatte plötzlich so einen Apparat zuhause. Aus der Film- oder Fernsehkonkurrenz resultierte die erste große Hollywoodkrise. Bei der Suche nach einer Lösung schielten die Produzenten auf Europa, wo das Kino gerade neu erfunden wurde und es fantastische junge Filmmacher und ebensolche Frauen gab! So kamen sie auf die Idee, ihre Stars, die bereits einen bestimmten Marktwert hatten, mit jungen, schönen, europäischen Schauspielerinnen zu kombinieren. Romy Schneider hat damals einen Film mit Jack Lemmon gedreht, Claudia Cardinale mit Tony Curtis. Und ich habe eben nicht nur einen Film in dieser Konstellation gemacht, sondern viele in Hollywood gedreht. Es waren nicht alle sehr gut – es waren die Filme ihrer Zeit. Aber ich habe viel dabei gelernt. Ich habe mein Handwerk gelernt. Der Vietnamkrieg mit all seinen Grausamkeiten, die damals noch im Fernsehen gezeigt wurden, hatte zu einem tiefen Riss in der amerikanischen Gesellschaft geführt. Es war die Zeit des Kalten Kriegs. Die jungen, amerikanischen Filmemacher waren an den alten Klischees – „guter Amerikaner, böser Kommunist“ – nicht interessiert. Es entstand ein neues, amerikanisches Kino, das die amerikanische Gesellschaft verhandelte. Sie wollten amerikanische Geschichten erzählen – Geschichten, bei denen eine Europäerin fehl am Platz war.

Was heißt das konkret?

Senta Berger: Damals wurde ich für drei große Filme – „Hawaii“, „Thomas Crown Affair“ und „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ gecastet. Aber ich habe es nicht geschafft, die von der Rolle geforderten, speziellen amerikanischen Dialekte zu erlernen. Obwohl ich musikalisch war, und immer wieder von den Regisseuren ermutigt wurde, habe ich gewusst, dass ich den Südstaatenakzent, nur als Beispiel, höchstens imitieren, aber niemals frei spielen noch improvisieren kann. Das hat stark dazu beigetragen, dass ich darüber nachdachte, zurückzugehen. Denn ich war damals – genau wie heute - ein sehr ungeduldiger Mensch. Und nachdem ich dann auch noch sechs Monate lang ausschließlich US-Fernsehserien angeboten bekam, die mir nicht gefielen, packte ich die Koffer.

Aber wurden Sie in Deutschland mit offenen Armen empfangen?

Senta Berger: Nein, die deutschen Filmleute konnten wenig mit mir anfangen - weil sie ideologisch gegen das amerikanische Kino waren, mit dem ich wiederum identifiziert wurde. Deshalb habe ich viel in Frankreich und Italien gearbeitet und gedreht. Dann habe ich zwei Söhne bekommen. Es war Zeit, sesshaft zu werden. Wir sind nach München gezogen, ich war sehr glücklich. Ich habe viel Theater gespielt. Meine Mutter half mir, unseren Alltag zu bewältigen. Dann fragte mich Helmut Dietl, ob ich bei ihm spielen würde. Es war „Kir Royal“ und der Grundstein für meine weitere Arbeit in Deutschland.

Was ist das Wichtigste, das jeder gute Schauspieler wissen sollte?

Senta Berger: Dass die Schauspielerei ein sehr unwägbarer Beruf ist. Wenn du ihn ergreifst, musst du es wirklich wollen und auch wissen, dass es nicht leicht wird. Die Identifikation mit dem Schauspielberuf ist sehr stark und man nimmt jede Zurückweisung und jedes Ausbleiben eines Arbeitsangebotes persönlich.

Wie geht man mit solchen Momenten um?

Senta Berger: Dann muss man stark sein – und sich Rechenschaft darüber geben, woran es denn wohl liegen mag und nach vorne schauen und weitergehen. Ich bin froh, dass ich mein Lebensglück in meinem Mann gefunden habe, der meinen Beruf gut kennt, weil er selber aus einer Theater- und Filmfamilie kommt. Wenn man so jemanden, der einen ermutigt, an seiner Seite hat, bleibt man stark. Ich habe mein Leben nie ganz der Schauspielerei gewidmet, sondern hatte immer auch noch ein Privatleben. Und ich habe es immer noch.

Seit Sie Ihre erste Sprechrolle mit 16 Jahren in „Die Lindenwirtin vom Donaustrand“ hatten, sind 63 Jahre vergangen. Wie erfüllend waren diese Jahre in der Schauspielbranche rückblickend?

Senta Berger: Sehr erfüllend. Ich habe ein volles buntes Leben. Es ist unglaublich, was ich alles erleben konnte.

Stimmt es, dass Ihnen Christopher Lee drei Tipps während des Drehs zu „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“ gab? Nämlich ins Ausland zu gehen, Englisch zu lernen und dünner zu werden?

Senta Berger: Haargenau – und zwar alles in einem wunderbar vornehmenden British: „You have to learn.“

Stichwort Flirts: Als Sie 1965 „Cast a Giant Shadow“ mit Kirk Douglas drehten, war Michael Douglas am Set der Junge für alles – und er hatte Ihr Alter. Später hat Michael verraten, dass er sich gewünscht hätte, damals seine Gefühle für Sie besser ausdrücken zu können. Was war der Moment der größten Annäherung?

Senta Berger: Michael war der Assistent vom Assistenten vom Assistenten. Er hat mich umsorgt, mir Wasser und Kaffee gebracht und natürlich mit mir geflirtet. Aber nein, das war ganz harmlos. Wir waren ja jeden Tag zusammen, haben im selben Hotel gewohnt, waren zusammen schwimmen. Und als wir uns 2010 bei der Goldenen Kamera in Berlin wieder trafen, und ich den Preis für „Frau Böhm sagt Nein“ bekam, stand er plötzlich hinter mir und ich fragte: „Can you remember?“ Michaels Antwort lautete: “How can I ever forget you?”

In welchem Moment Ihrer langjährigen Karriere waren Sie am allerglücklichsten?

Senta Berger: Ich habe immer gerne gut gearbeitet. Aus diesem Grund mochte ich meine Fernseharbeiten „Kir Royal“, „Die schnelle Gerdi“ und „Frau Böhm sagt nein“ sehr – genau wie die Kinofilme „Satte Farben vor Schwarz“ und „Willkommen bei den Hartmanns“. Warum? Weil es anregende Arbeiten waren, die aus einem Klischee herausfielen! Sonst hätte sich auch meine Reihe „Unter Verdacht“ nicht über 18 Jahre so gut halten können. Bei solchen Produktionen fühlt man sich lebendig und hat tausend Einfälle, die man sogar nachts in den Schlaf mitnimmt und dann in den Träumen weiterdreht. Ja, bei diesen Produktionen war ich sehr glücklich. Aber mein privates Glück mit den Kindern ist unerreicht.

Was war der Tiefpunkt in Ihrer Karriere? Gab es jemals eine Sackgasse?

Senta Berger: Oh ja, doch. Von 1966 an bis etwa Mitte der 70er-Jahre habe ich sehr viele Filme in Italien gedreht. Dann jedoch wurde das Privatfernsehen unter Berlusconi mit einem unbeschreiblich niedrigen Niveau verbreitet. Viele Leute schauten sich gerne diese neuen, etwas schlüpfrigen Sendeformate an. Man ging immer weniger ins Kino. Also versuchte sich jeder in der Filmbranche dem Privatfernsehen anzugleichen. Damals hatte ich erstmals das Gefühl, dass das Land nicht mehr mein Italien war – und zog rechtzeitig den Schlussstrich. Gleichzeitig war ich sehr traurig, weil Italien so schön ist und die Menschen so liebenswürdig.

Würden Sie beruflich alles wieder so machen, wie Sie es getan haben?

Senta Berger: Nein, sicherlich nicht. Man versäumt ja auch vieles und manches entsteht aus Kurzschlüssen, Ungerechtigkeiten oder aus Ängsten.

Was meinen Sie damit?

Senta Berger: Ich bereue überhaupt nichts. Aber mit dem Wissen von heute würde ich vieles anders machen.

2016 spielten Sie die weibliche Hauptrolle in der Filmkomödie „Willkommen bei den Hartmanns“. Lust auf eine Fortsetzung?

Senta Berger: Nein, das haben wir ausdiskutiert. Zuerst haben wir gedacht, vielleicht erzählen wir eine Geschichte, wo wir nach Afrika gehen und dann dort die Fremden sind. Aber diese Idee wurde verworfen. Und jetzt ist die Situation schon wieder eine ganz andere! 2020 müsste man einen ganz anderen Film machen – aber keine Fortsetzung.

Stichwort Männer: Lex Barker wollte Sie heiraten, O. W. Fischer fiel über Sie her, Charlton Heston wollte mit Ihnen ins Bett …

Senta Berger: O.W. Fischer hat sich nach seinem aggressiven Verhalten mir gegenüber noch während der Dreharbeiten entschuldigt - weil ich ihm klargemacht habe, dass er auch Verantwortung für die allerallerjüngste Mitspielerin, die ich war, trägt. Ich war ein hübsches Mädchen, und dass ich den Männern gefallen habe, das ist nicht weit hergeholt – aber ich hatte immer eine sehr feste Haltung zu den Dingen und habe den Männern gesagt, wo Schluss ist. Und einmal habe ich selbst gehört, dass sich das herumgesprochen hat.

Inwiefern?

Senta Berger: Als ich für meinem ersten großen Film nach Italien kam, habe ich gehört, wie der italienische Schauspieler Nino Manfredi zum Regisseur Dino Risi sagte: „No no, con quella non si scherza" – „bei der läuft nichts“.

Ihre Meinung über MeToo?

Senta Berger: In die heutige MeToo-Bewegung mischen sich auch Sachen hinein, die da vielleicht gar nicht hineingehören. Ich könnte mir vorstellen, dass manche Frauen sich heute selbst die Schuld geben, dass sie vor 30 Jahren nicht „Weg damit!“ zu dem Mann gesagt haben, der seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt hat. Aber ich finde es nicht gut, wenn man damit 30 Jahre später kommt. Man hätte gleich sagen sollen oder können: „Es freut mich, wenn ich Ihnen gefalle, aber geben Sie Ihre Hand weg.“ Es haben – das ist der Punkt – nicht alle Frauen wenigstens dieses Maß an Selbstbewusstsein. Man muss auch immer die Situation der Abhängigkeiten sehen. Unsere Gesellschaft ändert sich. Frauen wehren sich. Ein respektvolles Miteinander muss unser Maßstab sein. Catherine Deneuve hat gesagt, dass das Flirten bleiben soll. Ja, natürlich! Aber Betatschen in der U-Bahn ist nicht Flirten. Und in der U-Bahn ist die Deneuve schon lange nicht mehr gefahren.

Wie ist es wirklich um die Qualität der deutschen Filmlandschaft bestellt?

Senta Berger: Wenn Filme fürs Kino gemacht werden, dann müssen es wirklich Kinofilme sein. Der deutsche Film ist sehr durchdrungen von der Fernsehästhetik. Man kann gut sehen, ob da ein Sender mitbeteiligt war oder nicht. Denn für‘s Fernsehen hat sich eine andere Technik entwickelt: Dinge, die im Kino unausgesprochen bleiben können, müssen im Fernsehen ausgesprochen werden – nur, um ein Beispiel zu nennen. Außerdem haben die Amerikaner ein Monopol in Europa. Vermutlich ist das französische Kino das Einzige, das ein bestimmtes Ansehen im eigenen Land hat. Deutschland hingegen ist ein amerikanisches Kinoland, bei uns haben es deutsche Filme mit ihrer Individualität und den finanziellen Mitteln schwer. Und wir haben nicht zugelassen, dass bei uns Kinostars wachsen. Fernsehstars, ja, die gibt es natürlich, aber Kinostars? Nur langsam entwickelt sich da jetzt eine neue Art von gerechtfertigtem Kult – denn natürlich gibt es ein paar ganz tolle Filmschauspieler.

Ihr Leben stand zweimal auf der Kippe: Mit 22 hatten Sie einen schweren Autounfall, mit 34 eine Bauchhöhlenschwangerschaft. Was machen solche Einschnitte mit einem? Sieht man die Welt anschließend mit anderen Augen?

Senta Berger: Leider gar nicht. Die Welle der Dankbarkeit hat mich natürlich in dem Moment durchströmt, wo man keine Angst mehr um mich haben musste und ich auch gespürt habe, dass es aufwärts geht – aber danach ist dieses Gefühl wieder verflogen und der Alltag übernahm die Regie. Ich bin ein sehr lebenslustiger Mensch, und habe mich sehr gerne wieder in diesen Alltag geworfen. Aber ich denke heute noch mit Schrecken zurück, was damals hätte sein können.

Was ist das Geheimnis Ihrer glücklichen Ehe?

Senta Berger: Dass Michael und ich zwei so unterschiedliche Menschen sind, die trotzdem gut zusammenpassen. Wir ziehen uns gegenseitig an, finden den Anderen faszinierend und staunen über die Andersartigkeit seines Denkens und Agierens. In kleinen Dingen streiten wir ständig – aber sogar das macht Spaß. Aber das alles würde ja gar nichts bedeuten, wenn man sich nicht auch erotisch fände.

Ihre beste Charaktereigenschaft?

Senta Berger: Fantasie und Mitgefühl.

Und Ihre schlechteste Charaktereigenschaft?

Senta Berger: Ich bin manches Mal sehr kleinmütig – das überrascht mich richtig. Ich nehme alles sehr ernst und habe manchmal eine Entscheidungsunlust, weil ich alles so ernst nehme. Ich wollte, ich wäre ein bisschen leichter.

Angeblich ist Ihre Mutter Therese Ihr Vorbild …

Senta Berger: Stimmt genau, denn meine Mutter war ein guter, bescheidener Mensch, dem Leben wie ein Kind hingegeben. Sie konnte sich an Dingen erfreuen, die andere Menschen gar nicht sehen – etwa an einem Wassertropfen auf einem Blatt oder einer Meise, die bei uns im Flieder saß. Außerdem war sie immer für andere da – ohne die geringste Opferbereitschaft. Sie hat einfach gespürt, was der Andere braucht, war von einer großen Gastlichkeit und einer großen Umarmung.

Sind Sie selber auch so geworden im Laufe der Jahre?

Senta Berger: Nein, ich bin viel komplizierter. Ich habe viel von meinem Vater, der sehr skeptisch war und Polgar zitiert hat: „Ich glaube an das Gute im Menschen, verlasse mich aber lieber auf das Schlechte in ihm.“

Wann hören Sie auf mit der Schauspielerei?

Senta Berger: Naja, ich löse mich ja jetzt langsam aus dem Beruf. Aber einen Zeitpunkt für das Aufhören habe ich mir nicht gesetzt.

Und wie möchten Sie mal abtreten von der Bühne des Lebens?

Senta Berger: Ohne dass ich es merke – oder im Kreis meiner Familie, die mir die Hand halten.

Was kommt, wenn wir die Augen schließen?

Senta Berger: Dann werden wir wieder zur Erde – und anschließend zur Pflanze.

Glauben Sie an Gott?

Senta Berger: Nein.

In der Stern-Titelgeschichte aus dem Jahr 1971, haben Sie als eine von 374 Frauen gesagt: „Wir haben abgetrieben“ - und damit bewusst auf die Doppelmoral weiter Teile der Gesellschaft, aber auch die Diskriminierung von Frauen durch den Klerus hingewiesen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Kirche bezeichnen?

Senta Berger: Ich habe kein Verhältnis zur Kirche. Ich habe bloß ein Verhältnis zu manchen Kirchenvertretern, die ganz großartige Menschen und Helfer sind. Aber, wenn ich an den Vatikan denke und an diese vielen alten, unbarmherzigen Männer, die Gesetze machen und Gesetze befolgen, die teilweise aus dem Mittelalter stammen wie beispielsweise das Zölibat – und gleichzeitig leugnen, was in den eigenen Reihen geschehen ist und immer noch geschieht, dann muss ich sagen, ich habe mit dieser Kirche nichts zu tun.

Wie gesund und fit sind Sie? Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Senta Berger: Eigentlich nichts. Ich bin sehr beweglich. Die tänzerische Ausbildung hält mich immer noch wie ein Korsett. Darüber staune ich oft selber. Spagat kann ich nicht mehr, aber ansonsten noch allerlei. Ich fahre oft Fahrrad im Wald – und Ski, weil’s so schön ist. Einfach schön.

Wenn Ihr Leben ein Film wäre, welchen Titel würde er tragen?

Senta Berger: „Ein buntes Leben“ – ja, das ist schön.

Was war die weiseste Entscheidung Ihres Lebens?

Senta Berger: Meine Einwilligung zur Ehe. Denn eigentlich wollte ich ja nicht heiraten und stand kurz vor der internationalen Karriere. Außerdem hatten wir 68-er das Credo, dass man einen anderen Menschen nicht besitzen kann – also auch nicht „meinen Mann“. Aber die Entscheidung zur Ehe war trotzdem die weiseste und schönste, weil sie aus einer tollen Verliebtheit und einer großen Liebe entstand. Der Ring am Finger ist ein Zeichen, dass Michael und ich zusammengehören. Der Ring hat mich in all den Jahren geschützt.

Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte vor der Kamera?

Senta Berger: Als Nächstes werde ich im Kinofilm „Oskars Kleid“ mit Florian David Fitz seine Mutter spielen. Florian hat das Buch geschrieben, Regie führt ein toller, junger Regisseur namens Hüseyin Tabak, der auch „Gipsy Queen“ gemacht hat.

Nächstes Jahr werden Sie 80. Wie werden Sie von ARD, ZDF und arte geehrt?

Senta Berger: Nun lassen Sie mich doch erst einmal meinen nächsten Geburtstag feiern. Was dann in 2021 ist? Keine Ahnung! Für die ARD habe ich kürzlich „Mona und Tommy“ gedreht – unter der Regie von Petra K. Wagner. Mein Gegenspieler ist der junge Schauspieler Jonathan Berlin. Dieser Film ist die Geschichte von Martha, die nicht über den Verlust ihrer Tochter hinwegkommt sowie des jungen Tommy, der sich nicht aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters befreien kann.