Marie-Luise Marjan: "Ich habe nur ein einziges Mal geweint"

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Marie-Luise Marjan (79), seit der ersten Folge als Helga „Taube“ Beimer dabei, schürt im Interview die Neugier auf das Finale.

Diese Meldung erschreckte 2018 viele „Lindenstraßen“-Fans. Auch wenn die Quoten schon lange schwanden: Das Aus für die Langzeit-Lieblingsserie in der ARD kam für viele überraschend. Nun ist es tatsächlich so weit: Am 29. März läuft die letzte Folge „Auf Wiedersehen!“ um 18.50 Uhr im Ersten.

Aber wie endet der TV-Dauerbrenner, der 1998 mit der GOLDENEN KAMERA ausgezeichnet wurde, da sie dem Publikum über 34 Jahre auch unbequeme Themen näherbrachte: von A wie Alkoholmissbrauch bis Z wie Zwangsernährung oder Zölibat? Über das große Finale sprachen wir mit Marie-Luise Marjan (79) im Interview.

Marie-Luise Marjan im Interview

Was war die schwierigste „Helga-Szene“ in 34 Jahren?

Erstaunlicherweise die Alltagsszenen. Bestimmt denken viele, dass es schwieriger war, etwa eine Rauchvergiftung zu spielen – aber tatsächlich waren die Alltagsszenen oft herausfordernder, weil sie authentisch wirken mussten, und man musste sie mit Leben füllen. Wenn Helga beispielsweise eines ihrer berühmten Spiegeleier briet, weil sie mal wieder Sorgen hatte, konnte ich ihre inneren Konflikte am besten so darstellen, dass ich das Ei ganz langsam aß und gleichzeitig mit den Augen ausdrückte, dass es innerlich in Mutter Beimer brodelte. Aber fragen Sie mich bloß nicht, wie viele Spiegeleier ich in 34 Jahren als Helga Beimer gegessen habe. Denn die habe ich nicht gezählt.

Sie tragen den Titel „Mutter der Nation“ länger als Inge Meysel und Angela Merkel. Wie fühlt sich das an?

Gut. „Mutter Beimer“ ist übrigens meine 25. Mutterrolle. Meine erste, „Anni Schippers“, habe ich schon mit 19 gespielt – im Schwarzweißfilm „Untergang der Freiheit“.

Angeblich war Ihnen immer klar, dass Sie eines Tages als Letzte bei der „Lindenstraße“ von Bord gehen würden. Warum?

Das hat mit Durchhaltewillen zu tun. Wenn ich etwas begonnen habe, dann gehe ich wirklich bis zum Schluss mit. Das war schon immer so in meinem Leben. Deshalb habe ich auch gesagt, dass ich für die „Lindenstraße“ kämpfe und für die „Lindenstraße“ da bin – und bis zum Schluss bleibe. Aufhören war nie eine Option. Nein, ich habe nie daran gedacht, die „Lindenstraße“ zu verlassen.

Die Atmosphäre in den WDR-Studios in Köln-Bocklemünd war familiär und einzigartig. Wie kann man das Menschen, die sich das nicht vorstellen können, am besten beschreiben?

Es war alles sehr intim – und wirklich wie ein Stück Zuhause. Jeder wurde mit offenen Armen empfangen, wir waren alle gleich per „du“. So etwas erlebt man nur selten. Ja, es war wirklich einzigartig.

Wie oft haben Sie geweint, seit Sie wissen, dass die „Lindenstraße“ endet?

Nur ein einziges Mal – aber dafür unaufhörlich. Ich erinnere mich noch genau an den Moment: Am letzten Drehtag kamen die Schauspielerin Irene Fischer und ich nach unserer letzten, gemeinsamen, emotionalen Szene aus Anna Zieglers Wohnung und im Studio hatte sich das gesamte Team versammelt, von den Schauspielerkollegen über die Büros, vom Fahrer bis zur Kantinenköchin, und es wurde ohne Ende applaudiert. Dieser Moment war Gänsehaut pur. Aber selbst jetzt begreife ich immer noch nicht ganz, dass wirklich Schluss ist. Meine Drehbücher stehen immer noch an meinem Bett verstreut. Ich habe sie noch nicht weggeräumt.

Für viele Zuschauer fühlt sich das Ende der „Lindenstraße“ an wie eine Amputation …

Das kann ich verstehen. Kürzlich wurden wir ca. 400 Folgen der Serie in den Bestand der Deutschen Kinemathek in Berlin aufgenommen. Dabei habe ich sehr viele Zuschauer getroffen, die teils tränenüberströmt waren. Viele haben mich gefragt, was sie jetzt sonntags machen sollen. Das war so berührend.

Welche Erinnerungsstücke behalten Sie?

Unsere Bühnenbildnerin Steffi hatte mir zwei kleine Porzellanfiguren geschenkt – Lieselchen und Sepp. Doch der Sepp war plötzlich spurlos verschwunden, aber vielleicht findet er ja den Weg zu Lieselchen ins Haus der Geschichte in Bonn, wo die Beimer-Küche aufgebaut werden soll. Von der Kostümbildnerin habe ich einen modernen, schicken Mantel bekommen, den Helga Beimer getragen hat.

Warum dürfen sich die Zuschauer auf die letzte „Lindenstraßen“-Folge freuen?

Weil sich die Autoren etwas wirklich Gutes haben einfallen lassen. Die Episode ist nicht nur kompakt, sondern auch sehr interessant.

Was wohl hätte Annemarie Wendl alias Else Kling zum Aus der „Lindenstraße“ gesagt?

„Sodom und Gomerrha“ – wie immer, wenn Else erzürnt war.

Als Helga Beimers Ehe zerbrach, war ganz Deutschland in Schockstarre. Wie fanden Sie die Idee, dass die heile Welt kaputt ging?

Ich fand das zunächst sehr schade, nicht nur weil ich ein harmoniesüchtiger Mensch bin. Aber Hans Geißendörfer wollte mehr als nur eine heile Welt zeigen, mit der Erziehung der Beimer-Kinder ect., und Joachim Luger fand die Idee auch interessant. Und so begann die Geschichte mit Hans und Anna …

Verstehen Sie sich privat mit Irene Fischer?

Ja, sogar sehr gut. Bevor die „Lindenstraße“ begann, hatten wir gemeinsam in der SWR-Serie „Annies Waschsalon“ gespielt. Das war witzig und lustig.

Das britische Vorbild der „Lindenstraße“, die „Coronation Street“, gibt’s trotz einiger Quotentiefs immer noch – weil die Macher diese Serie neu erfunden haben. Hat die ARD die „Lindenstraße“ zu früh aufgegeben?

Wenn die ARD meint, dass es nicht mehr passt, dann muss man das akzeptieren. Wir können es nur bedauern. Wir haben nicht nur gute Arbeit geleistet, sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal mit der Lindenstraße geschaffen – Themen von A wie Alkoholmissbrauch bis Z wie Zwangsernährung und Zölibat angesprochen. Schwangerschaften in der „Lindenstraße“ dauerten wie im realen Leben neun Monate, aktuelle politische Ereignisse, wie zum Beispiel Wahlergebnisse, wurden live eingeblendet. Die Zuschauer liebten unseren Realismus.

Haben Sie Verständnis für Ihre Kollegen, die sich um ihre Zukunft sorgen?

Ja, natürlich. Wir haben alle das „Lindenstraßen“-Branding.

Was mögen Sie an der „Lindenstraße“? Und was mochten Sie nicht?

Die Arbeit für die „Lindenstraße“ ist mir total ans Herz gewachsen – weil wir unsere Phantasie einbringen konnten und immer wieder Neues ausprobiert haben. Manchmal haben wir über Drehbücher geschimpft, aber andererseits war es auch verständlich, dass neue Autoren nicht erst 1000 Folgen und unzählige Biografien der Bewohner studieren konnten, um dann inhaltlich perfekt daran anzuknüpfen. Das kann man nicht verlangen.

Wie reich wird man als Serienstar?

Wenn die „Lindenstraße“ 34 Jahre in Amerika gelaufen wäre, könnte ich vermutlich die ganze Lindenstraße kaufen. Dann würde ich sie weiterproduzieren.

Schlussfrage: Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte gerne ein bisschen mehr Zeit für mich und mein Privatleben haben – und mich weiterhin sozial für UNICEF, Plan International und die Malteser einsetzen. Und wenn ab und zu eine schöne Rolle kommt, sage ich natürlich nicht „nein“. Den Beruf der Schauspielerin kann man nicht abstreifen wie eine Socke. Schauspielerin bleibt man ein Leben lang.