Zerreißprobe im Kanzleramt: Das Dokudrama "Die Getriebenen"

Wie entstehen schwerwiegende politische Entscheidungen: DerTV- Film „Die Getriebenen“ zeigt das anhand der Flüchtlingsfrage im Jahr 2015. (Mi, 15. April, 20.15 Uhr im Ersten und in der Mediathek)

Kein Ereignis der jüngeren Vergangenheit hat die deutsche Gesellschaft so stark polarisiert wie die sogenannte Flüchtlingskrise 2015. Damals kamen Hunderttausende Menschen mit der Hoffnung auf Asyl nach Deutschland. Die meisten aus kriegsgebeutelten Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak. Anfangs wurden sie von Teilen der Bevölkerung geradezu euphorisch empfangen, aber schnell gab es auch immer mehr ablehnende Reaktionen. Diese reichten von Skepsis bis hin zu offenem Hass, rechtsextremistische Gewalttaten nahmen zu.

Doch was passierte 2015 genau?

Welche Ereignisse, welche politischen Entscheidungen führten dazu, dass damals 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen? Dieser Thematik geht nun ein Fernsehfilm nach: „Die Getriebenen“. Sein Interesse gilt dabei ausschließlich dem Handeln der politisch verantwortlichen Akteure.

Das Drama kreist vor allem um zwei Fragen: Welche Faktoren führten dazu, dass die Grenzen geöffnet blieben, als sich im September 2015 Tausende Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof Keleti aus Richtung österreichische Grenze bewegten? Und warum wurde diese Entscheidung in der deutschen Politik und in ganz Europa zur Zerreißprobe zwischen Befürwortern und Gegnern der Aufnahme einer so großen Anzahl von Asylsuchenden? Weitere Perspektiven, beispielsweise die der Flüchtlinge selbst, der unabhängigen Experten oder der Oppositionsparteien, spielen im Film keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Die zweistündige und damit ungewöhnlich lange TV-Produktion basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch des „Welt“-Journalisten Robin Alexander, das 2017 auf dem ersten Platz der „Spiegel“-Bestsellerliste stand. Fakten und Emotionen Drehbuchautor Florian Oeller bearbeitete die Vorlage fürs Fernsehen. „Die Lücken, die das Sachbuch im Hinblick auf das tatsächliche Geschehen, die konkreten Dialoge und die Emotionalität der handelnden Personen notwendigerweise lässt, habe ich im Drehbuch ausgefüllt“, sagt Oeller. „Unser Film ist keine Dokumentation der Ereignisse, wir haben bei den dramatischen Verdichtungen und der Führung der Figuren aber stets den Anspruch verfolgt, so tatsachengetreu wie nur möglich zu arbeiten.“

Robin Alexander zu Gast bei Markus Lanz 2017

Auch Regisseur Stephan Wagner hält den hohen Wahrheitsgehalt für essenziell: „Das Treibende des Films ist die auf Fakten basierte Handlung“, sagt er. „Jede handelnde Figur muss im Motiv ihres Handelns nachvollziehbar werden, das war unser zentraler Ausgangspunkt. Alle sind aus ihrer persönlichen Warte ,die Guten‘. Der Strudel entsteht durch den Interessenskonflikt der handelnden Personen, die geleitet von ihren persönlichen Zielen um Entscheidungsspielräume ringen.“ Eine Wertung wolle der Film nicht vornehmen, sagt Wagner: „Wie man zu den jeweils handelnden Figuren steht, diese Entscheidung muss jeder Zuschauer für sich fällen, die nimmt ihm der Film nicht ab.“

Im Jahr 2015 kamen 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland

Wichtig ist ihm noch etwas anderes: „Der Film vermittelt, dass Entscheidungen von solch epochaler Weite im politischen Leben nicht durch ein einziges großes Ereignis oder einen einzigen großen Beschluss geprägt sind. Vielmehr ist es eine Kette von Aktionen und Reaktionen, die zu unterschiedlichen Haltungen bei den Politikern führt. Politik ist nicht das Umlegen eines Schalters, sondern ein ständiges Navigieren.“

Im Zentrum des Geschehens stand im Jahr 2015 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie konnte ihre Position durchsetzen, die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen. Auch im Film ist sie Dreh- und Angelpunkt, dargestellt wird sie von der Berliner Schauspielerin Imogen Kogge. „Es ist heikel, eine noch lebende und dazu enorm prominente Person zu spielen, weil die meisten Zuschauer bereits ein ganz konkretes Bild von diesem Menschen vor Augen haben“, sagt Kogge.

Regisseur Wagner und sie hätten sich gemeinsam auf die Herangehensweise geeinigt: „Es ging mir nicht um eine Imitation der Kanzlerin, noch nicht mal um eine größtmögliche Ähnlichkeit mit der realen Person Merkel“, so Kogge, „sondern vielmehr darum, bei möglichst freiem Spiel gezielt einige Wiedererkennungspunkte für die Zuschauer zu setzen. Dafür habe ich Merkel intensiv studiert, mir Videos angesehen und zum Beispiel versucht, ihren Gang und ihre Körperhaltung nachzuempfinden.“ Auch mit den politischen Entscheidungen Merkels habe sie sich im Zuge der Dreharbeiten noch einmal ausführlich auseinandergesetzt.

Kogge fällt ein positives Urteil: „An Angela Merkel bewundere ich vor allem, dass sie in dieser schwierigen Lage Mensch geblieben ist. Sie traf humane Entscheidungen, die ihr dann von vielen Seiten zum Vorwurf gemacht wurden. Sie handelte nicht karriereorientiert, sondern blieb ihren menschlichen Überzeugungen treu. Das imponiert mir. An einer Stelle im Film stelle ich mir als Angela Merkel die Frage: ,Wann haben wir aufgehört, Hilfe als selbstverständlich zu sehen?‘ Diese Frage sagt viel über die Politikerin und den Menschen Merkel aus.“

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Nach komplexen Einstieg packend wie ein Thriller. Alle Darsteller, allen voran Imogen Kogge, verkörpern ihre Rollen mit großer Plausibilität.