Sie ist der neue Capo: Chiara Schoras im Interview

Jetzt ist sie solo: Chiara Schoras ist der neue Capo im "Bozen-Krimi". Wir sprachen exklusiv mit der Schauspielerin über den Ausstieg von Tobias Oertel, Covid-19 und ihre Verwandten in Italien.

Im zwölften Fall des "Bozen-Krimi: Zündstoff" (Donnerstag, 16. Juni, 20.15 Uhr im Ersten und ab sofort in der ARD-Mediathek) muss Sonja Schwarz nun alleine gegen die Südtiroler Mafia kämpfen. Ihr Kollege Commissario Zanchetti nahm am Gründonnerstag nach seinem letzten Einsatz den Zug raus aus Bozen.

GOLDENE KAMERA sprach mit Chiara Schoras, die seit 2015 die Rolle der Commissario Schwarz spielt, über ihre neue Position als Chefin, den aktuellen Fall und der Angst vor Covid-19. Die 44-Jährige ist Halbitalienerin, studierte am Centro di Danza Balletto di Roma Tanz, Gesang und Schauspiel und steht seit ihrem Abschluss sowohl für italienische, als auch für deutsche Produktionen vor der Kamera.

Chiara Schoras im Interview

GOLDENE KAMERA: Die wichtigste Frage vorweg: Gibt es die Chance, dass Matteo noch mal zurückkehrt?

Chiara Schoras: Das glaube ich nicht.

Wie geht es Sonja ohne ihn?

Es ist auch für Sonja eine Überraschung, dass Matteo gegangen ist. Sie muss jetzt erst mal gucken, was sich alles verändert. Schließlich wird sie der neue Capo. Das ist eine Situation, in der sie sich erst mal zurechtfinden muss.

Was ist dabei ihre größte Herausforderung?

Die Mafia war ja immer ein Bereich, aus dem sich Sonja rausgehalten hat. Sie will aufräumen und die Mafia so schnell wie möglich loswerden. Sie wird alles dafür tun, dass das ein Ende findet. Aber das wird nicht einfach.

Fehlt ihr Matteo?

Vielleicht vermisst sie die Impulsivität von Matteo, der sagt: „So ich nehme das jetzt in die Hand, die Regeln sind mir scheißegal.“ Sie hätte wahrscheinlich gerne jemanden, der sich mit dem Thema auskennt.

Könnte das nicht auch der V-Mann Ricardo sein?

Bei Matteo und Sonja war die Beziehung oft ein emotionales Spannungsfeld. Auch bei Riccardo ist die Beziehung von Anfang an schwer einzuordnen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch Sonjas Leben. Erst vertraut sie jemandem und dann ist derjenige ein anderer, als er vorgibt zu sein. Sie kann sich auf nichts verlassen. Das macht es so spannend.

Und was zeichnet die Spannung in dieser Folge aus?

Eigentlich ist sie mit ihrer Tochter privat unterwegs. Sie möchte sie mit dem Weingut unterstützen. Und plötzlich befindet sie sich im totalen Chaos. Das überfordert sie. Sie ist nicht ausgerüstet für das, was sie erwartet. Sie kennt die ganzen Mafialeute im Gegensatz zu Matteo ja nicht. Für sie sind das komplett fremde Menschen, von denen einen große Bedrohung ausgeht.

Matteo hat sie verlassen, um ihrem Glück nicht mehr im Wege zu stehen. Aber so richtig glücklich ist sie jetzt auch nicht, oder?

Manchmal steht sie sich selbst im Weg: Wenn sie es schaffen würde, sich zu öffnen und zu sagen was sie will, wäre vieles leichter. Dafür muss sie sich aber selbst erst mal fragen: „Was will ich eigentlich in Bozen? Wie geht es hier für mich weiter?“ So ist es ja bei vielen Menschen: Wenn man diese Entscheidungen für sich noch nicht getroffen hat, ist es schwierig mit dem Ankommen.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei den Drehabreiten der 12. Folge im letzten September in Südtirol?

Ich war körperlich eingeschränkt. Ich hatte einen Bone Bruise. Mein Fuß tat sehr weh. Das haben wir versucht charmant zu überspielen. Und ausgerechnet dann musste ich zum ersten Mal im Bozen-Krimi hohe Schuhe tragen. Zum Glück ist mein Double viel eingesprungen und für mich gelaufen. Außerdem war es die erste Folge ohne Matteo und mit einem neuen Regisseur. Wir mussten uns alle erst mal finden.

Waren Sie seitdem noch mal in Italien?

Nein, leider nicht. Ich wäre gerne noch mal hingefahren. Gerade jetzt über Ostern hätte ich meine Familie gern besucht. Aber das ist ja leider nicht möglich.

Wie geht es Ihrer Verwandtschaft in Italien?

Es sind alle wohlauf. Sie verlieren auch nicht ihren Humor, obwohl sie sich ja mittlerweile seit zwei Monaten in Quarantäne befinden. Und dort sind die Maßnahmen ja noch sehr viel strenger als hier. Sie sind trotzdem guter Dinge.

Wie eng sind Sie mit ihrer italienischen Verwandtschaft?

Sie sind ein großer Bestandteil meines Lebens. Meine verstorbene Mutter ist Mitte der 80er in ihre Heimat nach Umbrien zurückgekehrt. Ich stehe in sehr engem Kontakt mit meiner Familie mütterlicherseits.

Wie gehen Sie dort im Vergleich zu uns mit Covid-19 um?

Die haben innerhalb des Landes quasi Grenzen aufgezogen, sie dürfen sich nicht mehr aus der eigenen Kommune herausbewegen. Auch wenn sich die Situation dort zugespitzt hat, fühlen sie sich sicherer, weil es klare Linien und Maßnahmen gibt. Hier ist es ja teilweise etwas schwammig und locker gehalten. Zwar sind die Zahlen bei uns beruhigender, aber ich finde es sehr verwunderlich, wenn ich einkaufen gehe und auf der Straße das Gefühl habe, dass das Corona-Virus überhaupt keine Rolle spielt. Da fühle ich mich nicht so wohl. Es ärgert mich, wenn die Leute es nicht ernst nehmen.

Warum glauben Sie, nehmen Menschen die Gefahr nicht ernst?

Es ist ein Problem und wir können es nur eindämmen, wenn wir anfangen, eigenverantwortlich damit umzugehen. Damit tun sich die Leute wahnsinnig schwer. Viele brauchen jemanden, der für sie Verantwortung übernimmt. Die Menschen fangen an fahrlässiger zu werden und genau dann müssen wir noch besser aufpassen.

Sie befinden sich mit ihrem Lebensgefährten und ihrer 18-jährigen Tochter Zuhause in Quarantäne in Kreuzberg. Was wäre ihr Rezept gegen die Angst vor dem Virus?

Das Beste, was man im Moment machen kann, ist, sich den Ängsten zu stellen. Für alle Themen, denen wir uns öffnen, haben wir ein größeres Verständnis und können dann darüber sprechen. Wenn wir das in der Kommunikation teilen, merken wir, dass es vielen ähnlich geht. Ich darf Angst haben und kann mich mit ihr verbünden. Man sollte sich bewusst werden, was man hat und nicht was man nicht hat.

Haben Sie durch Corona Rollenangebote verloren?

In unserer Berufsgruppe kennt man den Moment des Ausharrens. Wir warten oft, welches Rollenangebot als nächstes kommt. Aber sicherlich geht es unserer Branche gerade nicht gut. Sie steht still. Es wird so was wie ein Stau stattfinden, wenn das Rad wieder losgeht. Was wird passieren? Vieles wird unklar sein.

Und wie geht es mit dem Bozen-Krimi weiter?

Es gab auch dort einen Stopp. Wir wissen gar nicht, wann, wie, wo wir weiterdrehen werden. Ob wir ein oder zwei Drehbücher dieses Jahr umsetzen werden, ist unklar. Dieses Jahr ist alles anders als in den Jahren zuvor. Selbst, wenn sich in Deutschland das Rad wieder dreht, heißt das noch lange nicht, dass es sich auch in Italien dreht. Das Letzte was ich gehört habe, ist, dass wir im Herbst weitermachen. Aber Prognosen in der jetzigen Situation zu äußern, ist schwierig.

Bei Instagram haben Sie gerade ein Bild, auf dem Sie auf einem Schiff tanzen, veröffentlicht. Was hat es damit auf sich?

Ich habe es aus Freude über die Einschaltquote der letzten Folge gepostet. Es stammt aus dem letzten Jahr, als ich mit einem Schiff nach Griechenland in den Urlaub gefahren bin. Es soll auch Hoffnung machen, dass wir bald alle wieder verreisen können.

Interview: Kristina Heuer

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