Richard Huber: "Bei dieser Geschichte sind Fiktion und Realität ineinander gekracht"

 Regisseur Richard Huber und die Hauptdarsteller Marlene Morreis (Rolle: Nina Just), Hannelore Elsner (Rolle: Rose Just) und Günther Maria Halmer (Rolle: Werner Wittich).
Regisseur Richard Huber und die Hauptdarsteller Marlene Morreis (Rolle: Nina Just), Hannelore Elsner (Rolle: Rose Just) und Günther Maria Halmer (Rolle: Werner Wittich).
Foto: BR/ARD Degeto/ORF/Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH/Luis Zeno Kuhn
Richard Huber führte Regie beim TV-Drama "Lang lebe die Königin", in dem Hannelore Elsner in ihrer letzten Rolle zu sehen ist.

Für den erfahrenen Regisseur Richard Huber (61, "Der Club der roten Bänder") waren die Dreharbeiten zu Hannelore Elsners letztem Film "Lang lebe die Königin" (Mi, 29. April, 20.15 Uhr im Ersten) eine außergewöhnliche Erfahrung mit vielen hoch emotionalen Momenten.

Richard Huber im Interview

GOLDENE KAMERA: Herr Huber, was empfinden Sie beim Sehen des fertigen Films?

Richard Huber: Intimität. Ich habe den Eindruck, einer Mutter und einer Tochter beiwohnen zu dürfen, deren Liebe füreinander schwer zu leben, aber am Ende nicht kleinzukriegen ist.

Ist „Lang lebe die Königin“ rückblickend betrachtet die bislang denkwürdigste Produktion Ihres Lebens?

Richard Huber: Ja. Bei dieser Geschichte sind Fiktion und Realität ineinander gekracht. Das eine übernimmt das andere – es ist kaum voneinander zu trennen. Dadurch ist „Lang lebe die Königin“ schnell von einem Filmprojekt zu einer Haltung gegenüber dem Leben geworden – und wie man mit solchen Dingen umgehen mag. Es ist die außergewöhnlichste Erfahrung, die ich bis jetzt gemacht habe.

Was war der Tiefpunkt während der Produktion?

Richard Huber: Als wir erfuhren, dass Hannelore Elsner erschöpft sei und erst einmal Ruhe brauchte, klang das nicht weiter alarmierend. Aber nachdem sich dieser Zustand immer weiter verlängerte, war der Tiefpunkt die Nachricht ihres plötzlichen Todes.

Was war der Höhepunkt beim Dreh?

Richard Huber: Da gibt es zwei. Der Eine war zu sehen, wie Marlene Morreis und Hannelore Elsner miteinander umgegangen sind. Der Moment der intensiven Trennung im Krankenhaus war das Letzte, was wir mit Hannelore Elsner drehen konnten und durften - exakt diese Szene. Sie war unglaublich intensiv, das ganze Team war mucksmäuschenstill. Wir hatten alle das Gefühl, einen ganz besonderen Moment erlebt zu haben. Thematisch war der Höhepunkt, wie uns die Annäherung an das Thema Sterben gelingen würde: nicht bleischwer, sondern mit Leben erfüllt. Wir stellen nicht in Aussicht, dass Rose überleben könnte, sondern beleuchten, ob und wie sie und ihre Tochter auf den letzten Lebensmetern zueinander finden.

Sie haben den Film im Nachhinein mit fünf Schauspielerinnen als Hommage an Hannelore Elsner fertiggestellt. Wie sind Sie dabei konkret vom ursprünglichen Skript abgewichen?

Richard Huber: Mit keinem Wort. Wir haben weder Szenen noch Dialoge verändert und zeigen radikal, dass Hannelore Elsner in ein Auto einsteigt und Gisela Schneeberger in der nächsten Einstellung aussteigt. Der Schnitt im Film ist radikal.

Ist „Lang lebe die Königin“ der bislang komplizierteste Dreh Ihres Lebens in logistischer und inhaltlicher Hinsicht?

Richard Huber: Ja, weil, es darum ging, sich inmitten der Trauer diesem Film wieder zu nähern, und fünf Darstellerinnen einzubinden, ohne dabei larmoyant zu werden, sondern vielmehr wahrhaftig zu bleiben. Wahrhaftigkeit und Direktheit sollten die Seele dieses Films sein. Mir war es außerordentlich wichtig, dass Hannelore Elsner, wenn sie den fertigen Film gesehen hätte, damit einverstanden gewesen wäre.

Wie war der Dreh mit Iris Berben, Eva Mattes, Judy Winter, Gisela Schneeberger und Hannelore Hoger?

Richard Huber: Der Dreh mit den „fünf Rosen“ war verblüffend einfach. Die Schauspielerinnen bekamen vorab einen Rohschnitt zu sehen, und ich habe ihnen dargestellt, in welchen Tonfall ich den Film erzählen möchte. Wichtig war die Entscheidung, wer an welcher Stelle an Elsners Stelle tritt. Während der vier Drehtage mit den fünf Schauspielern fühlte sich das dann alles richtig und natürlich an.

Hannelore Elsner starb nicht nur im Film, sondern auch in der Wirklichkeit. Wie empfinden Sie diese Koinzidenz?

Richard Huber: Mit großer Wehmut. Ich habe Hannelore Elsner erst bei diesem Film kennengelernt, und ich hatte den Eindruck, dass wir ein wirklich offenes Verhältnis hatten. Ihr Tod hat mich einfach nur traurig gemacht. Heute bin ich dankbar, dass ich sie ein Stück begleiten durfte, und dass „Lang lebe die Königin“ existiert und Hannelore damit eine letzte Öffentlichkeit bekommt. Ich wollte den Film unbedingt richtig zu Ende zu erzählen, weil ich wusste, dass der fertige Film auf Hannelore Elsner basiert angesehen wird. Dabei ist es eigentlich die Geschichte von Roses Tochter Nina – und Marlene Morreis ist es gelungen, mit Hannelore ein wunderbares Duo zu bilden, aber gleichzeitig auch die anderen fünf „Rosen“ genau so intensiv als desorientierte Tochter zu bespielen.

Gab es schon mal eine vergleichbare Situation – also den Tod eines Hauptdarstellers und die Fortführung mit Ersatzschauspielern als Hommage? Und falls ja: Inwiefern haben Sie von den Erfahrungen der damals Beteiligten profitiert?

Richard Huber: Ja, es gab schon einmal eine Hommage, als Heath Ledger 2009 während der Dreharbeiten zu „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ gestorben ist und Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law eingesprungen sind. Aber ich habe keine Rücksprache mit den damals Beteiligten halten können, und es gab auch niemanden, an den ich mich hätte wenden können, um sich auf etwas zu stützen.

Beim Dreh des Frankfurter „Tatorts: Die Guten und die Bösen“, Hannelore Elsners vorletzten Film, wurde ihr in einem Nebenraum ein Bett zum Ausruhen bereitgestellt. Bei Ihnen auch? War Hannelore Elsner beim Dreh schon sehr schwächlich und hat man ihr die Krankheit angemerkt?

Richard Huber: Nein, wir hatten kein Bett zum Ausruhen. Hannelore war immer präsent. Sie war schon ab Tag eins bei der Lesung eine Mischung aus dynamisch und zerbrechlich. Aber es stand zu keinem Zeitpunkt ein grollendes Unheil im Raum. Im Gegenteil: Hannelore hatte eine Spielfreude und eine Wachheit – und sie wollte diesen Film zu Ende drehen.

Wie haben Sie Hannelore Elsner beim Dreh der letzten Szene ihres Lebens, die überraschenderweise tatsächlich die filmische Todesszene war, als Regisseur empfunden?

Richard Huber: Das war einer der intensivsten Momente, an die ich mich bei Dreharbeiten erinnern kann. Wir wussten vorher, dass die Szene hochemotional werden würde, und haben mit zwei Kameras gedreht, um es möglichst nicht oft wiederholen zu müssen. Letztlich haben wir die Szene dreimal gedreht. Und obwohl das Set voller Menschen war, herrschte eine Stille, die mit einer Andacht vergleichbar war, weil Hannelore und Marlene so unglaublich intensiv aufeinander eingegangen sind. Der Moment war ein Riesengeschenk.

Welches Feedback haben Sie und Hannelore Elsner einander nach dem Dreh dieser Szene gegeben und wie haben Sie sich voneinander verabschiedet?

Richard Huber: Wir haben uns nicht verabschiedet, weil wir nicht davon ausgehen mussten, dass wir uns verabschieden. Wir haben „Tschüss, bis Montag“ gesagt. Das war kein Abschied. Hannelores Tod ist über uns eher wie ein Unfall hereingebrochen.

Stichwort Sargszene: Wenn man Hannelore Elsner kennt, kann man sich vorstellen, dass sie danach lächelnd, lachend, prustend, kraftvoll aus dem Sarg gestiegen ist und einen Witz gerissen hat. War das so? Und zu welchem Zeitpunkt des Drehs haben Sie die Sargszene produziert?

Richard Huber: Relativ früh, und Hannelore war ganz unbefangen, genau, wie sie es gerade beschreiben. Sie sagte: „Solange ich das spiele, bin ich nicht tot. Also lasst uns das machen!“ Während sie im Sarg liegt, soll ihr Nina die Fußnägel lackieren. Wir schlugen wir vor, dafür ein Double in den Sarg zu leben, aber Hannelore sagte: „Nichts da - ich habe sehr schöne Füße. Ich mache das selbst.“

Welchen Denkanstoß gibt dieser berührende Film am ehesten und löst er Ihrer Meinung nach beim Zuschauer auch eine Katharsis aus?

Richard Huber: Ich würde mich freuen, wenn der Film den Blick auf diejenigen verändert, die uns umgeben – unsere Väter, Mütter, Töchter, Söhne, Eltern und Großeltern. Wir sollten sie mit einem sanfteren, liebevolleren, offeneren Blick ansehen.

Wie empfinden Sie rückblickend die Gespräche mit Hannelore Elsner, die stattfinden zwischen Regisseur und Darsteller stattfinden, um sich der Rolle anzunähern? Was hat Hannelore Elsner Sie gefragt? Brauchte sie Input oder war sie jemand, der keinen Austausch mit dem Regisseur brauchte?

Richard Huber: Doch. Sie hatte eine große Lebenserfahrung, ist selbst Mutter eines Sohnes und konnte ganz viel mitbringen. Aber natürlich war es für sie wichtig zu wissen, in welchem Ton und in welchem Kontext die Handlung stattfinden sollte. Zuerst haben wir lange miteinander über die Rolle telefoniert, und später trafen wir uns in München. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits Hannelores Biografie gelesen. Darin beschreibt sie ihre Kindheit sehr klar – und erzählt von ihren Problemen mit ihrer Mutter sowie vom frühen Verlust ihres Vaters und ihres Bruders, die sie beide sehr geliebt hat. Diese Erlebnisse waren ein guter Ansatz, um von Hannelores eigener Geschichte zur Geschichte von Rose und Nina überzuleiten. Außerdem haben wir natürlich eine gemeinsame Lesung gehabt. Hannelore war jemand, die sich dann dem Film völlig hingab.

Marlene Morreis bringt tragikomische Momente in den Film …

Richard Huber: Genau. Wenn der Zuschauer Nina zum ersten Mal begegnet, ist sie an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie nicht in der Balance ist. Marlene hat eine so große Spielfreude, und die richtige Leichtigkeit, die es braucht, um in die schweren Momente des Films hineinzufallen, aber auch wieder herauszukommen. Das gilt sogar für das Filmende, wenn sie versucht, die Mutter zu bestatten. Was in dieser Szene passiert, ist traurig und komisch, aber vor allem liebevoll. Wir konnten nicht wissen, ob und wie Marlene und Hannelore zueinander finden würden – aber ihr Umgang miteinander war großartig. Für mich waren Mutter und Tochter ein Fest.

Schlussfrage: Was wohl hätte Hannelore Elsner zu der Lösung für die Fertigstellung des Films gesagt?

Richard Huber: Das ist die Frage, die mich ab dem Moment, indem wir beschlossen haben, den Film fertigzustellen, die ganze Zeit beschäftigt hat. Ich würde mir wünschen, dass sie sagt: „Ja, Richard, das kann man so machen. Also, raus damit.“ Sollte das so sein, bin ich glücklich.