Boris Schönfelder: "Hannelore Elsner war ein Mensch, der für das Drehen gelebt hat"

Produzent Boris Schönfelder.
Produzent Boris Schönfelder.
Foto: Getty Images
Produzent Boris Schönfelder über die Dreharbeiten zu Hannelore Elsners letztem Film "Lang lebe die Königin".

Fünf Drehtage hätte Hannelore Elsner noch gehabt, bevor sie am 21. April 2019 verstarb. Boris Schönfelder (53) erklärt im Interview, unter welchen Umständen der ARD-Film "Lang lebe die Königin" (Mi 29. April, 20.15 Uhr im Ersten) ohne die Hauptdarstellerin beendet werden konnte.

Produzent Boris Schönfelder im Interview

GOLDENE KAMERA: Herr Schönfelder, was empfinden Sie beim Sehen des fertigen Films?

Boris Schönfelder: Wir hatten große Komplikationen durch den Tod von Hannelore Elsner, und es war schwierig, die Produktion in eine Bahn zu lenken, die es uns ermöglicht hat, den Dreh abzuschließen. Das Resultat macht mich glücklich: Ich kann mit großer Erleichterung sagen, dass ich sehr froh – und auch ein bisschen stolz – bin.

Ist der Dreh von „Lang lebe die Königin“ die denkwürdigste Produktion Ihres Lebens?

Boris Schönfelder: Ja, absolut. Hannelore Elsner kam gesund zu uns, doch irgendwann brach der Wahnsinn los. Nachdem der Dreh gestoppt wurde, und wir hofften, dass Hannelore rasch wieder gesund wird, haben wir erfahren, dass sie nicht mehr zurückkommt. Und nachdem sie gestorben ist, mussten wir zusätzlich zu unserer Trauer auch noch eine Idee für die ausstehenden Drehtage entwickeln – und dabei diskret vorgehen. All das hat uns große Disziplin abverlangt, und es ist nur gelungen, weil wir sehr besonnen waren.

Wie viele Drehtage gab es insgesamt? Und wie viele davon stand Hannelore Elsner vor der Kamera?

Boris Schönfelder: Es war ein Dreh von 23 Tagen – wie üblich für einen Fernsehfilm. Hannelore Elsner hätte noch fünf Drehtage gehabt, die sie nicht mehr wahrnehmen konnte.

Gab es schon mal eine vergleichbare Situation, in der ein Hauptdarsteller während einer Produktion starb und der Dreh mit Ersatzschauspielern als Hommage fortgesetzt wurde? Und falls ja, inwiefern haben Sie von den Erfahrungen der damals Beteiligten profitiert?

Boris Schönfelder: Als die Filmproduktion zum Stop kam, haben wir das bereits abgedrehte Material gesichtet – und fanden es so toll, dass rasch für uns klar war, dass wir diesen Film zu Ende bringen wollen. Übrigens ist das auch für die Versicherung die glimpflichere Lösung. Denn wenn ein Film ein Totalausfall ist, müssen sämtliche bis dahin entstandene Kosten von ihr ersetzt werden – während sie bei einer Fortführung nur diejenigen Mehrkosten, die entstehen, um den Film zu Ende zu bringen, übernehmen muss. Doch natürlich haben wir lange nachgedacht, bis die Drehbuchautorin Gerlinde Wolf schließlich die rettende, kreative Idee hatte – nämlich die fünf fehlenden Szenen mit fünf unterschiedlichen Schauspielerinnen zu besetzen. Diese Idee ist übrigens nicht ganz neu: Schon beim Tod von Heath Ledger während des Drehs von „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ sind diverse Kollegen für ihn eingesprungen, um den Film zu Ende zu bringen.

Wie viele Schauspielerinnen haben Sie kontaktiert, um die fünf fehlenden Szenen nachträglich zu drehen? Und wie viele haben sofort zugesagt beziehungsweise wer hat abgesagt und warum?

Boris Schönfelder: Wir haben fünf Schauspielerinnen gefragt. Davon haben vier zugesagt, während die fünfte die Idee seltsam fand – was natürlich ihr gutes Recht ist. Für diese Schauspielerin haben wir sehr schnell einen adäquaten Ersatz gefunden.

Wann hat Ihnen Hannelore Elsner anvertraut, dass sie todkrank war?

Boris Schönfelder: Hannelore hat, sollte sie es selbst gewusst haben, mir nichts davon gesagt.

Wie sind Sie inhaltlich, also in Bezug auf das Drehbuch, nachträglich vom ursprünglichen Skript abgewichen?

Boris Schönfelder: Am Inhalt haben wir nichts geändert.

Zum Thema des Films. Welchen Denkanstoß gibt „Lang lebe die Königin“ am ehesten? Und löst der Film beim Zuschauer auch eine Katharsis aus?

Boris Schönfelder: Der Film regt dazu an, über die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern nachzudenken. Das Thema löst viel aus, es ist universell. Aber neben dem Thema der komplexen Beziehungen und des Abschiednehmens haben wir auch allerlei Verwicklungen und Übersprungshandlungen eingebaut – weil wir dem schweren Stoff auch etwas Humorvolles abgewinnen möchten.

Was war die letzte Szene, die Hannelore Elsner gedreht hat?

Boris Schönfelder: Als Letztes hat sie die Einstellung gedreht, in der sie sagt: „Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin.“ Das war sehr, sehr traurig – aber andererseits kommt es mir auch so vor, als hätte sie sich genau das ausgesucht, weil sie eine dramatische Person war. Ja, „Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin“ war tatsächlich der letzte Satz, den wir von ihr aufgenommen haben und den sie vor der Kamera gesagt hat.

Wie bewerten Sie diese Koinzidenz?

Boris Schönfelder: Es ist, wie es ist. Wir haben mit einer alten Schauspielerin gedreht. Dabei kann so etwas passieren. Es ist zumindest nicht auszuschließen. Es liegt mir fern, die Vorkommnisse schicksalhaft zu deuten. Allerdings war Hannelore Elsner ein Mensch, der für das Drehen gelebt hat wie kaum ein anderer Schauspieler – und dass sie diesen Film zu Ende bringen wollte hat sie bis zuletzt ausgestrahlt. Sie hat sich sogar noch im Krankenbett darüber Gedanken gemacht, wie man diesen Film zu Ende bringen könnte – und uns Vorschläge zukommen lassen. Ja, Hannelore Elsner war wirklich eine Vollblutschauspielerin. Wahrscheinlich hat sie am Ende unter Schmerzen gearbeitet, aber es niemanden wissen lassen und ihre Arbeit getan, solange es ging.

Hannelore Elsner wirkt in den Szenen oftmals sehr ätherisch, durchsichtig, filigran, sehr angegriffen. Ist das alles Maske? Und haben Sie wirklich nichts gemerkt?

Boris Schönfelder: Nein. Ich kannte Hannelore Elsner seit bestimmt zehn bis 15 Jahren. In dieser Zeit altert man gemeinsam, und sieht die Veränderungen nicht immer. Vieles erschien mir auch normal – beispielsweise, dass sie ein bisschen klappriger geworden ist und dass man ihr das Alter in gewisser Weise ansah. Aber als wir wenige Tage vor dem Beginn der Dreharbeiten eine gemeinsame Lesung hatten, riss Hannelore die Situation komplett an sich, wie es typisch für sie war. Denn sie war eine Person, die sehr stark im Mittelpunkt stand und sich auch gerne in den Mittelpunkt gestellt hat. Mal hat sie gelacht, mal hat sie die Leute zum Lachen gebracht, mal war sie biestig – aber immer jene pralle Persönlichkeit, die wir alle kennen. Und genauso hat sie auch jede Szene gespielt, und mit fast schon diebischer Freude die komplizierte Mutter dargestellt. Insofern konnte ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, dass sie krank war. Und erst recht nicht todkrank.

Schlussfrage. Was wohl hätte Hannelore Elsner zu der Lösung für die Fertigstellung gesagt?

Boris Schönfelder: Ich hoffe, dass sie sie gut gefunden hätte, und kann mir das durchaus vorstellen. Denn der fertige Film ist eine Hommage, weil die Lösung mit den fünf Ersatzschauspielerinnen Hannelores Einzigartigkeit betont.