Fachistische Frauen im "Tatort: National feminin"

Im "Tatort: National feminin" (Sonntag, 26. April, 20.15 Uhr im Ersten) propagiert Emilia Schüle in ihrer Rolle als charmante Bloggerin Rechtsfeminismus.

In der derzeitigen Corona-Krise finden sich immer mehr Blogs, Kommentare oder sogar Schlagzeilen zum Thema Gleichberechtigung. Frauen beschweren sich, dass sie sich in die 50er Jahre zurückversetzt fühlen. Stimmen werden laut, warum denn hauptsächlich die Frauen gerade fünf Jobs (Erwerbstätigkeit, Erzieherin, Lehrerin, Köchin und Anti-Langeweile-Clown) gleichzeitig erledigen müssen.

Die Unterstützung des Partners scheint oft noch nicht selbstverständlich oder nur von geringer Qualität zu sein. Zudem stellt sich die Frage: Wie hoch ist die Toleranz von (vor allem männlicher) Teilzeitarbeit in einer wirtschaftlich unsicheren Lage?

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Frauen, die genau diese Tätigkeiten sehr gerne allein übernehmen. Oft stellt der gleichzeitige Brötchenerwerb aber auch sie vor enorme Herausforderungen.

Genau in diese aktuelle Debatte steigt der "Tatort: National Feminin" mit ein. Emilia Schüle präsentiert in ihrer Rolle einen Vorschlag, der zwar häufig praktiziert, aber nicht als Lösung dienen dürfte: Lasst die deutschen Männer für Euch sorgen!

Darum geht's im "Tatort: National feminin"

In einem Göttinger Hochschulsaal geht es heiß her. Bei einer Podiumsdiskussion stellt sich Prof. Dr. Sophie Behrens (Jenny Schily), die kurz davorsteht als neue Richterin am Bundesverfassungsgericht ernannt zu werden, ihren Kritikern. Der Vorwurf: Sie verbreite antifeministischen Rechtsextremismus. Gerade als sie die aktuelle Rolle der Frau in Frage stellt, stürzt ein junger Mann auf sie zu. Die Studentin Marie Jäger (Emilia Schüle) kann den von ihm geplanten Farbanschlag gerade noch verhindern. Wenig später wird Marie tot in einem Wald aufgefunden.

Als Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) das Umfeld der Toten unter die Lupe nehmen, sind sie entsetzt: Marie war eine attraktive, gebildete Jura-Studentin, aber auch das Aushängeschild der rechtsradikalen Gruppe "Junge Bewegung Göttingen". Auf ihrem Blog "National feminin" predigte Marie faschistische, angeblich feministische Ideologien. Sie versuchte ausländische Männer als Bedrohung für deutsche Frauen zu stigmatisieren. Ist der Mord politisch motiviert?

Als Charlotte Lindholm Prof. Dr. Behrens befragt, prallen zwei Welten aufeinander. Die Begegnung macht die Kommissarin nachdenklich. Hat sie sich richtig entschieden, die Kinderbetreuung und den Haushalt an ihre Mutter abzugeben? Zudem merkt sie, dass die Gefühle für Nick Schmitz (Daniel Donskoy), den Ehemann ihrer Kollegin, immer stärker werden.

Als linke und rechte Gruppierungen aufeinandertreffen, wird der Fall immer brisanter. Kurz vor ihrer Ermordung hatte Marie eine Anzeige gegen einen unbekannten Stalker aufgegeben. In den sozialen Netzwerken nimmt die Stimmungsmache gegen die Polizei zu. Als die Situation zu eskalieren droht, wird dem Team Schmitz-Lindholm der Fall entzogen.

Hintergrund

Mit der Corona-Krise steigt auch die Angst vor häuslicher Gewalt. Denn für eine Frau stellt das Zuhause und nicht etwa die Straße den gefährlichsten Ort dar. Im Tatort untermauert Charlotte Lindholm diese Tatsache mit einer erschreckenden Zahl: In Deutschland wurde im letzten Jahr an jedem dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht.

Trotzdem versuchen Rechtsradikale die Angst vor Übergriffen von Ausländern auf Frauen zu schüren. In diesem Fall propagiert eine hübsche, junge Jura-Studentin diese Ideologie.

Schauspielerin Maria Furtwängler erklärt: "In der rechtsextremen Szene werden gezielt Frauen eingesetzt, um dem brutalen Springerstiefel-Image ein anderes Narrativ entgegenzusetzen. Auf den ersten Blick wirken sie ganz harmlos und unschuldig. Deshalb wird ihre menschenverachtende Ideologie oft zu wenig ernst genommen. Sie sind nicht harmloser als Männer... Es ist heute nach wie vor schwerer für Frauen als für Männer, Familien- und Berufsleben zu verbinden. Und dies als Argument zu nutzen, für traditionelle Rollenverhalten zu argumentieren, das ist der Trick der Rechten."

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil…

Dieser "Tatort" greift sehr relevante und aktuelle Diskussionen auf. Der Wolf im Schafspelz, hervorragend gespielt von Emilia Schüle, versucht auf charmante Art und Weise rechtsextreme Ideologien zu propagieren. Die gezeigten Tweets in den sozialen Netzwerken sprechen da eine deutlich härtere Sprache. So oder so wird erschreckend realistisch erklärt, wie sich rechtes Gedankengut verbreiten kann.

Das Besondere an diesem Fall sind die Frauen: Hier ist keine nur gut oder nur böse. So gegensätzlich diese Charaktere auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie hinterfragen alle die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens. Wie kann Kommissarin Lindholm es vor sich selbst rechtfertigen ihren Sohn aufgrund ihrer Karriere so viel allein zu lassen? Hätte die Richterin in spe, anstatt ihren Ruf zu wahren, zu ihrer großen Liebe stehen sollen? Und kann sich die rechtsextreme Studentin, doch auf Gegenargumente einlassen? Sie alle durchleben in 90 Minuten spannende Veränderungen. Diese Zerrissenheit der Figuren gibt dem Krimi zusätzliche Tiefe.