Christoph Letkowski verrät: "Ich bin ein Punk ohne Tattoos"

Im Samstagskrimi "Die Toten am Meer" jagt Christoph Letkowski einen Copy-Killer. Der Schauspieler verrät im exklusiven Interview alles über den Film und was er während der Corona-Krise macht.

"Das Schweigen der Lämmer" in Husum: In "Die Toten am Meer" (Samstag, 25. April, 20.15 Uhr im Ersten und bereits in der ARD-Mediathek) treibt ein Copy-Killer an der malerischen Nordseeküste sein Unwesen. Zehn Jahre zuvor mordete der in der Psychiatrie sitzende Serienkiller Eberhard Wernicke (Martin Wuttke) auf gleiche Art und Weise. Auch er schminkte, frisierte und tätowierte die Opfer bevor er sie tötete. Die Kommissare Ria Larsen (Karoline Schuch) und Michael Brandt (Christoph Letkowski) haben den Verdacht, dass Wernicke aus der Klinik heraus die brutalen Morde instruiert.

Karoline Schuch übernimmt hier die Hauptrolle. Neben ihr steht Christoph Letkowski. Ein Mann, den zwar fast jeder vom Sehen kennt, über den aber kaum jemand Näheres weiß. Höchste Zeit, das zu ändern. Denn der 37-Jährige, der mit dem Film "Feuchtgebiete" seinen Durchbruch feierte, hat viele Talente.

Er stand zehn Jahre auf der Berliner Volksbühne. Mit seiner Band "Von Eden" tourte er durch Deutschland. Er führt Regie, spricht Hörbücher und überzeugt ebenso in Hauptrollen ("Bella Germania"), als auch in Episodenrollen, zum Beispiel in der Serie "Mallorca Files" (8. Mai, 22 Uhr, ZDFneo und bereits in der Mediathek). Im exklusiven Interview verrät Letkowski, warum die Stasi ihn schon als Kind auf dem Kieker hatte und was ihn während der Corona-Krise beschäftigt.

Christoph Letkowski im Interview

GOLDENE KAMERA: Sie standen schon häufig als Polizist vor der Kamera. U.a. in „Blochin“, „Helen Dorn“, „Nachtschicht und im „Tatort“, sowie im „Zürich-Krimi“. Was unterscheidet Michael Brandt von ihren bisherigen Ermittlerrollen?

Christoph Letkowski: Michael Brandt ist ein geerdeter, heimatverbundener Mann, der im Norden hängen geblieben ist. Er ist mit der Kleinstadt Husum verhaftet. Michael braucht die Natur und jemanden, um den er sich sorgen kann. Das kann auch seine Kollegin Ria sein. Er hat so ein Beschützerding.

Bei Ria und Michael geht es doch um mehr als nur um den Beschützerinstinkt, oder?

Der Mann bemüht sich um die Frau. Er sendet klare Zeichen, die aber nicht ausgelebt werden. Es gibt keine Schlussszene, in der sie in der Kiste landen und die Kamera über den Husumer Sonnenuntergang fährt.

Aus Frust isst Karoline Schuch in ihrer Rolle als Ria Schokolade und erbricht sie dann. Was machen Sie, wenn Sie frustriert sind?

Sport! Ich kite und surfe. Meine Hobbys und mein Beruf haben sich bei diesem Film geographisch verbunden. Ich bin privat auch gern in St. Peter Ording (auf dem Wasser) unterwegs.

Was bedeutet der Norden noch für Sie?

Ich lebe sowohl in Lübeck als auch in Berlin. Ich fühle mich im Norden sehr heimisch und bleibe, so wie jetzt während der Quarantäne, auch gerne und lange hier.

Was machen Sie momentan während der Corona-Krise?

Ich beschäftige mich auch innerhalb der Krise gerne mit zwischenmenschlichen Themen wie z.B. dem wachsenden Gewaltpotenzial innerhalb von Familien oder familienähnlichen Gruppen. Ich erfahre an vielen Stellen, dass Paare oder Eltern, die sich zuvor aus dem Weg gehen konnten, jetzt härter aneinandergeraten. Leider sind dann oft die Kinder die Leidtragenden. So etwas sollte man mehr und vor allem öffentlich besprechen.

Beziehungen zwischen Eltern und Kindern scheinen Sie ohnehin zu beschäftigen. In ihrem Musikvideo „Niemand wie ihr“ von „Feine Sahne Fischfilet“, welches sie als Regisseur gedreht haben, geht es auch um dieses Thema. Warum?

Ich hatte einen persönlichen Bezug zu dem Song und war vielleicht ein ähnlicher Typ, wie der Sohn in dieser Geschichte. Ich habe es mit Anna Thalbach und ihrer Tochter Nellie gedreht und es in die alte DDR verortet, damit es eine zusätzliche, historische Relevanz hat. Aber mit dem Dreh verdiene ich kein Geld. Das mache ich nur, weil ich bekloppt bin (lacht) oder eben dem inneren Drang folge, etwas unbedingt erzählen zu müssen. Außerdem arbeite ich gern mit Leuten, wie Kameramann Christof Wahl („Keinohrhasen“, „Fack ju Göhte“) zusammen, die da ähnlich ticken, ähnliche Interessen haben.

Welche sind das?

Ich bin ein alter Antifaschist. Ein Punk ohne Tattoos. Früher war ich im Black Block. Also, als der schwarze Block noch sinnvoll war. Als es Ziele gab und nicht einfach nur Gewalt gegen irgendwen. Ich habe gerne bei Straßensperren, zum Beispiel gegen die G8 Konferenz, teilgenommen. Einfach um zu zeigen: Wir haben Relevanz, wir machen es den Leuten schwerer, etwas gegen die Meinung des Volkes durchzusetzen.

Feine Sahne Fischfilet - Niemand wie ihr (Official Video)

Das Video von „Feine Sahne Fischfilet“ zeigt ein Stasi-Gefängnis. Inwiefern passt das zu ihrem Leben?

Schon als Siebenjähriger war ich im Osten unter besonderer Beobachtung. Ich war ein „besonders auffälliges Kind“, wie es hieß, das oft in der Ecke sitzen musste etc. Wenn die DDR weitergegangen wäre, wäre ich auf jeden Fall in irgendeinen unschönen politischen Zusammenhang geraten. Aber ich hatte auch, so wie im Video, Eltern, die mich immer aufgefangen und unterstützt haben. So will ich auch zu meinen Kindern sein. Ein Vater, der immer da ist und seine Kinder halten kann.

Sie haben eine eigene Band, mit der sie durch Deutschland touren, spielen Theater, sprechen Hörspiele, führen Regie und stehen für verschiedene Projekte vor der Kamera. Was vermissen Sie während der Quarantäne am meisten?

Ich vermisse das Set am meisten. Ein bisschen Musik habe ich über Insta gemacht. Mir ist aufgefallen, dass sich Songs in der Corona-Zeit anders erzählen. Die Leute besinnen sich anders. Ich vielleicht auch. Das finde ich total schön. Aber mir fehlt die Gesellschaft. Ich brauche menschlichen Kontakt. Ich merke, ich funktioniere nur in Gesellschaft und im Miteinander. So wie am Set, in einer Gruppe, die zusammen am selben Ziel arbeitet.

Von Eden: "Gezeiten"

Und worauf freuen Sie sich noch nach Corona?

Darauf, dass die Familie zusammenkommt. FaceTime mit meinen Eltern ist ok, aber es reicht nicht.

Werden Sie auch wieder auf einer Theaterbühne stehen?

Vielleicht. Ich war zehn Jahre an der Berliner Volksbühne. Jetzt kommt René Pollesch. Das finde ich super, weil er aus der alten Volksbühnen-Ära stammt. Mein Herz schlägt sehr für dieses Theater. Wenn Du einmal da warst, willst Du an kein anderes Haus mehr. Es ist wie eine große bestehende Familie.

Im September soll die Autobiografie von Arye Sharuz Shalicars "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ in die Kinos kommen. Welchen Part übernehmen Sie in diesem Film?

Ich spiele einen Lehrer an einer Berliner Schule im Wedding. Er ist ein beherzter Typ im Umgang mit den teilweise orientierungslosen Kids dort. Die Jungschauspieler sind durch die Bank Granaten. Kida Khodr Ramadan ist auch dabei. Ich glaube, der Film wird super und wichtig.

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