Fabian Hinrichs: "Für mich ist das ein eher schizophrener Zustand"

Silvi (Mavie Hörbiger) sieht mit Alex (Fabian Hinrichs) keine Zukunft mehr.
Silvi (Mavie Hörbiger) sieht mit Alex (Fabian Hinrichs) keine Zukunft mehr.
Foto: ZDF
Im Familien-Drama "Ich brauche euch" spielt Fabian Hinrichs - eher ungewöhnlich für ihn - einen ruhigen Charakter. Im Interview spricht er auch über Ängste und Reaktionen der Politik in der Corona-Krise.

Wenn er mal nicht im fränkischen „Tatort“ als Kommissar ermittelt, ist Fabian Hinrichs ja eher in zwielichtigen und abgründigen Rollen zu sehen. Im Fernsehfilm „Ich brauche euch“, der an diesem Montag (11. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) ausgestrahlt wird, darf er sich mal von einer ganz anderen Seite zeigen.

Darum geht's in "Ich brauche euch"

Trailer: "Ich brauche euch"

Nach einer Geburtstagsparty tötet Markus (Fritz Karl) seine Frau Sabine (Judith Engel) im Affekt. War ihre harmonische Ehe nur eine Fassade? Das Familiendrama stellt Silvi (Mavie Hörbiger), die Schwester der Toten, vor Herausforderungen. Von ihrer Familie hat sie sich längst losgesagt und geht ihren eigenen Weg. Silvi liebt ihre Unabhängigkeit und ihren Job in ihrer Modefirma. Und auf ihre zwanglose Art liebt sie auch Alexander (Fabian Hinrichs), der gern eine richtige Partnerschaft mit ihr hätte.

Doch jetzt soll sich Silvi als nächste Verwandte um Sabines Kinder Jani und Alexandra kümmern - und ihr kontrolliertes Leben gerät jäh aus den Fugen. Eine facettenreiche, fein austarierte Gefühlsachterbahn. Regisseur Max Färberböck konzentriert sich auf die Trauerarbeit und drückt nicht auf die Tränedrüse.

Interview mit Fabian Hinrichs

Herr Hinrichs, wie geht es Ihnen, sind Sie gesund?

Fabian Hinrichs: Doch, ja, soweit es einem, der sich leider oft selbst beobachtet, überhaupt gut gehen kann. Meine Familie und ich, wir hätten jetzt gerade eigentlich das, was man eine gute Zeit nennen könnte. Aber diese gute Zeit ist dann doch schwer eingetrübt: All die Menschen, die schwer krank sind, tun mir leid, all die Angehörigen derer, die gestorben sind. Und auch die, deren Lebensgrundlage bereits jetzt weitgehend vernichtet wurde.

Gehen Ihnen durch die Corona-Restriktionen gerade auch Projekte durch die Lappen?

Wir mussten die Dreharbeiten eines „Tatorts“ abbrechen. Und ich hätte anschließend noch weitere Dreharbeiten gehabt, eine Serie mit Nadja Uhl in Prag, Berlin und Sachsen. Man wird wohl schauen, dass man das später, im Herbst vermutlich, nach Deutschland verlagert. Was ja auch was Gutes hat. Es kostet sicher weniger, in Tschechien zu drehen, es gibt dort wohl auch üppige Subven­tionen. Ich finde es aber auch nicht schlecht, wenn einige Produktionen nun regionaler verortet werden. Man wird nur schauen müssen, wann man wieder drehen kann, die Filmausfallversicherer schließen Seuchen aus ihrem Schutzkatalog aus. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass auf Dauer keine Filme und Serien mehr gedreht werden können. Es gibt mehr zu entdecken in diesem kurzen Leben als den nächsten Baumarkt oder überwürztes Grillgut, nicht wahr?

Welche Strategien haben Sie in der Auszeit gegen die Corona-Depression?

Für mich ist das ein eher schizophrener Zustand. Einerseits genieße ich die Tage sehr. Ich wohne schön – man muss ja vorsichtig sein, wenn man so etwas ausspricht, weil einem das nicht jeder gönnen kann. Aber ich wohne in Potsdam am See, meine Kinder spielen im Obstgarten, ich grabe da viel um. Wir entdecken das, was ich die Künste des Alltags nenne. Andererseits kenne ich viele Künstler, denen es gerade sehr schlecht geht und die überhaupt nicht wissen, wie es weitergehen soll. Zumal die Kunst gerade nachlässig behandelt wird von der Politik. Das ist kein überraschender Befund, dass die Künste hier eher das Dasein eines Blinddarms teilen, also als etwas eher Überflüssiges, ja Störendes angesehen werden. Ich aber finde, dass erst die Künste das Leben zum Leben erwecken. Wenn aber stimmt, was von Angela Merkel geleakt wurde: Wenn wir jetzt sogar die Künstler unterstützen, könnten die südeuropäischen Länder zu Recht sagen, wir hätten zu viel zu verteilendes Geld – das sagt doch leider viel. Gedacht hat man wohl immer schon so, aber jetzt kann man’s auch laut aussprechen. Ei­nige Hilfen laufen ja nun auch an, aber die erhalten ganz bewusst den Gout von Mildtätigkeit und eines gönnerhaften Opfers.

Könnte in der erzwungenen Auszeit auch eine Chance liegen, dass man sich solidarisiert und gegen solche Politik ansteuert?

Das wird schwierig. Das künstlerische Milieu ist ja, wie viele andere auch, ein Konkurrenz-Milieu, dafür wurde schon gesorgt. Da ist es schwer, eine gemeinsame Stimme zu finden. Man ist deshalb auf Anwälte in der Großpolitik verwiesen, die fallen aber gerade weitestgehend aus, und das ist ein Problem. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die gut situierten Künstler, zu denen wohl auch ich zähle, eher still sind, damit sie keinen gegen sich aufbringen. Und die anderen haben keine Stimme. Wenn in der Krise auch etwas Gutes stecken könnte, dann vielleicht, dass sich da gerade ein neues Selbst-Bewusstsein entwickelt. Bei den Künstlern, aber auch in der Gesellschaft. Ohne Bildende Kunst, ohne Darstellende Kunst, ohne Musik, ohne Architektur, ­ohne die Kunst des Kochens ist unser Leben doch trostlos, eine deprimierende Soße aus Alltäglichem. Es heißt immer, wir seien eine Kulturnation. Aber wie sieht unser kultureller Raum denn wirklich aus?

Ihr neuer Film heißt „Ich brauche euch“. Ist das nicht gerade der Slogan für uns alle, die wir in Zeiten von Social Distancing auf Abstand gehen mussten?

(lacht) Irgendwie schon, ja. Durch den derzeitigen Mangel merkt man vielleicht erst, wie stark dieses Bedürfnis doch ist. Obwohl ich nicht weiß, ob das für besonders viele Kontakte gilt. Aber auf jeden Fall für Menschen, zu denen ein Nahverhältnis besteht. Ich bin kein Familist, aber ein sogenannter Familienmensch. Ich treffe mich auch mit Freunden, wie das halt gerade so geht, immer nur zu zweit und mit Abstand.

In dem Film muss sich Mavie Hörbiger plötzlich um zwei Kinder kümmern, deren Mutter gestorben ist. Sie ist völlig überfordert. Aber Sie spielen den guten Freund, der dabei hilft. Sind Sie auch privat ein Küm­merer?

Bei dem Wort höre ich immer so einen abwertenden Klang. Ich möchte das schon sein. Für Menschen, denen ich sehr nah bin, bin ich das, denke ich. Für meine Frau, da will ich mal ganz romantisch sein, würde ich wirklich alles tun. Für meine Kinder auch.

Regie führte Max Färberböck, der auch Ihre Franken-„Tatorte“ prägt. Ist das eine besondere Arbeitsbeziehung?

Ja. Bei diesem Film hatte ich eigentlich gar keine Zeit. Und sollte und wollte nur eine Art Liebesdienst für ihn machen, eine ganz kleine Rolle. Aber dann kam Katharina Schuchmann, die mit Max die Drehbücher schreibt, darauf, mir die ­Rolle des Alex anzubieten. Und ich fand das sofort ziemlich schön, einmal eine ruhige, fast stoische und doch leidenschaftliche Figur zu spielen. Rollen mit einem solchen Katalog an Wesenszügen bekomme ich ja nicht so häufig ange­boten.

Sie sind seit fünf Jahren „Tatort“-Kommissar. Hat Ihnen das eigentlich Glück gebracht? Gibt es seither mehr Angebote? Oder sind Sie auf dieses Format festgelegt?

Also die letzte Frage kann ich klar verneinen. Ich spiele in Filmen unterschiedlichster Genres. Und alle drei, vier Jahre mache ich auch Theater. Wir machen einen „Tatort“ pro Jahr, so ist es noch möglich, in vielerlei anderen Zusammenhängen zu arbeiten. Und auch die Drehbuchautoren und Regisseure bei unseren „Tatort“-Filmen sind leidenschaftlich bei der Sache und erfüllen nicht nur kalt ein Format. Wir alle wollen Filme machen, die für sich stehen. Da gab es auch ein, zwei Fehlversuche, aber die anderen sind doch gut geworden. Ich bin eh ein Freund von langen Verbindungen, wenn sie lebendig bleiben. Denn nur durch Dauer und Häufigkeit entsteht Tiefe.

Gilt das auch für Ihre Zusammenarbeit mit René Pollesch? Werden Sie in seiner Intendanz ab nächstem Jahr wieder häufiger in der Volksbühne auftreten?

Ja, so Corona will. René und ich, wir haben uns versprochen, dass wir Ende nächsten Jahres ein Musical machen werden in der Volksbühne, zu dem ich wahrscheinlich auch die Musik schreibe. In der Spielzeit darauf schaue ich mir dann Lord Byrons „Sardanapal“ einmal näher an. Und darüber hinaus reden wir, welche Formen der Zusammenarbeit noch möglich sind. Ich freue mich sehr, ein Teil davon zu sein. Und bin auch gespannt, wie uns das alles gelingt. Das wird toll.

Wo fühlen Sie sich mehr aufgehoben? Beim Fernsehen oder beim Theater?

Die Frage kriegt man ja öfter gestellt. Aber da es doch sehr unterschiedliche Tätigkeiten sind, fällt es mir wirklich schwer, da eine Rangfolge zu erstellen. In beiden Metiers gilt: Wenn es mies ist, ist es mies. Wenn beim Theater schon die Proben mies sind, muss man das trotzdem bei jeder Aufführung tragen und aushalten. Und beim Film ist es ähnlich, der ist dann ja auch ewig in der Mediathek. Aber wenn es beglückend ist, ist es beglückend – so schlicht, so wahr. Und es gibt ja seit dem Erblühen des Fernsehens auch nicht mehr dieses abwertende Grundurteil diesem Medium gegenüber.

In Polleschs „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadtpalast haben Sie gehumpelt. Ist das inzwischen wieder genesen?

Gut, dass Sie mich daran erinnern! Ich hatte mir bei der Generalprobe die Ferse gebrochen. Das brauchte vier Monate, bis es verheilt ist. Auf der Bühne hat das eine eigene Schönheit entwickelt, dass ich da als humpelnder schiefer Stock mit Fersenentlastungsorthese unter lauter biegsamen unversehrten Tänzern schwanken durfte. Aber die Wirklichkeit war doch bitter. Am Abend des Unfalls bin ich in einem Bundeswehrkrankenhaus an einen äußerst schlecht gelaunten Radiologen geraten. Er hat sich die Aufnahmen wohl gar nicht angeschaut, jedes vierjährige Kind hätte erkannt, dass die Ferse entzwei ist. Ich habe dann die Premiere mit offenem Bruch gespielt. Der Arzt hatte mir sogar geraten, den Fuß zu belasten. Und das habe ich dann auch getan. Bis ich zu einem Radiologen in Potsdam ging, der entsetzt war. Wegen Corona ­habe ich ja jetzt viel Zeit. Ich sollte den Mann verklagen oder zumindest mit seinem Vorgesetzten sprechen. Gar nicht, weil ich ihn zerstören möchte oder ein Klagehannes sein will, nur, damit er sich beim Nächsten die Aufnahmen bitte einfach anschaut. Denn wenn sich der Bruch verschoben hätte, hätte das zwei Jahre dauern können. Mit 80-prozentigem Arthrose-Risiko. Ich hätte dann zwei Jahre nicht arbeiten können.

Interview: Peter Zander für die Berliner Morgenpost.