Der schrägste "Tatort" des Jahres: "Der letzte Schrey"

Christian Ulmen und Nora Tschirner in ihrem 10. Weimar-"Tatort" - natürlich mit Lupo.
Christian Ulmen und Nora Tschirner in ihrem 10. Weimar-"Tatort" - natürlich mit Lupo.
Foto: MDR / Steffen Junghans
Mord, Entführung, trockene Sprüche: Der neue „Tatort“ aus Weimar ist ein Fest für Freunde skurrilen Humors.

Von Krimifans wird er geliebt oder gehasst, dazwischen gibt es nichts: Der „Tatort: Weimar“ polarisiert durch schrägen Humor, groteske Szenen und die nie um einen Kalauer verlegenen Kommissare Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner). Beim ersten Film 2013 wurde dem Team deshalb von manchen Seiten ein schnelles Ende prophezeit. Doch die Fangemeinde ist groß und treu. Mit „Der letzte Schrey“ (Pfingstmontag, 20.15 Uhr im Ersten) läuft nun der zehnte „Tatort: Weimar“.

Er beginnt mit einem grausamen Fund: Strickdesignerin Marlies Schrey (Nina Petri) ist nahe einem beliebten Lokal getötet worden, aber keiner hat etwas gesehen. Kurz darauf wird klar: Auch ihr Mann Gerd (Jörg Schüttauf), Besitzer einer Strickwarenfabrik, ist verschwunden. Er wurde entführt. Die Kidnapper (Sarah Viktoria Frick, Christopher Vantis) fordern zwei Millionen Euro Lösegeld. Schreys Sohn Maik (Julius Nitschkoff) organisiert gemeinsam mit der Polizei die Geldübergabe.

Die Schattenseiten der Kulturstadt

„Das Städtchen Weimar ist ein Kleinod, mit dem man die Schlagwörter ,Kulturstadt‘ und ,heile Welt‘ verbindet“, sagt Drehbuchautor Murmel Clausen. „Es macht Spaß, an diesem Mythos zu kratzen und die Schattenseiten zu zeigen.“ Clausen, der in München geboren wurde und dort auch lebt, entwickelte das Konzept zum Weimarer „Tatort“. Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Pflüger verfasste er seitdem bis auf eine Ausnahme alle Geschichten. Weil Pflüger lieber Romane schreiben möchte, ist Clausen seit Neuestem alleiniger Autor.

„Beim ersten ,Tatort: Weimar‘ haben wir uns die Stadt nur bei Google Maps angesehen und waren erst bei der Premiere dort“, erinnert er sich. „Mittlerweile bin ich regelmäßig in Weimar und mit der ganzen Region geradezu verwachsen. Ich lese die Thüringer Zeitungen im Internet, spreche bei Recherchereisen mit den Menschen vor Ort. Auf diese Weise entstehen immer wieder Ideen für die Geschichten.“ So war es auch bei „Der letzte Schrey“.

Ursprünglich sollte Gerd Schrey ein Baulöwe sein, aber das fand Clausen dann doch nicht passend. Er suchte ein anderes Metier und wurde auf die nahe Weimar gelegene Kreisstadt Apolda aufmerksam. „Vor 100 Jahren war sie ein Zentrum der Textilindustrie, das Mailand Thüringens. Heute gibt es dort nur noch eine einzige Strickerei, die aber immerhin seit 1896 existiert“, berichtet Clausen. „Dieser Niedergang einer ganzen Branche ist traurig und ein passender Hintergrund für die scheue und verklemmte Figur des Gerd Schrey.“

Clausen geht es nicht nur um komische Momente: „Ich suche nach Schicksalen in einer skurrilen Welt, die den Zuschauern unbekannt ist“, sagt er. „Es muss bei aller Komik auch immer ausreichend Platz für anrührende Geschichten und tragische Figuren geben. ,Der letzte Schrey‘ erzählt etwa von einer traurigen Vater­-Sohn­-Beziehung, die manchem Zuschauer hoffentlich die Tränen in die Augen steigen lässt.“ Das könnte passieren.

Doch insgesamt geht es nicht allzu bedrückend zu. Eher dürfte man vor lauter Lachen Tränen in den Augen haben. Die trockenen Sprüche der Ermittler und ein durchgeknalltes Gangsterpaar geben auch diesem Weimar­ Fall einen schrägen Dreh, machen ihn zum mordsmäßigen Vergnügen.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Die Weimarer unterhalten erneut mit skurrilen Nebenfiguren, absurden Plot-Twists und den gewohnt unangestrengt witzigen Dialogen. Das Thüringer Team strickt weiter fleißig am Kult-Status.

Die TV-Kommissare mit der längsten Dienstzeit: