"Wackersdorf": Widerstand gegen die nukleare Bedrohung

"Wackersdorf" (Freitag, 5. Juni 2020 um 20.15 Uhr, Arte) erzählt die wahre Geschichte eines Lokalpolitikers, der die Fronten wechselt und gegen die Atomlobby kämpft.

Das wahre Leben schreibt bekanntlich oft die besten Drehbücher. Jetzt zeigt Arte ein spannendes Stück Zeitgeschichte: In den 80er Jahren soll die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in der pfälzischen Provinz gebaut werden. Das Ziel ist es, rund 500 Tonnen Atommüll zu verarbeiten. Aus dem anfänglichen Protest wächst eine Widerstandsbewegung, die Demonstranten aus der ganzen Bundesrepublik auf den Plan bringt. Erstmals setzt die Polizei CS-Gas ein. Als die Situation eskaliert, steht ein Politiker ganz vorne an der Front.

"Wackersdorf" auf dem Filmfest München

Darum geht's in "Wackersdorf"

3000 neue Arbeitsplätze! Ein neues Großbauprojekt soll die strukturschwache oberpfälzische Region Schwandorf wieder zu neuem Reichtum verhelfen. Zunächst ist Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) von diesem Projekt angetan. Doch je mehr er sich mit dem Thema Atomenergie auseinandersetzt, desto größer werden seine Bedenken. Wird die geplante nukleare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf Folgen für die Umwelt und die nächste Generation haben? Dr. Billinger (Fabian Hinrichs), der Vertreter des Betreibers versucht Schuierer zu beruhigen und zeigt ihm die klaren wirtschaftlichen Vorteile auf.

Als die Proteste der Atomgegner immer größer werden, stellt sich der Sozialdemokrat Schuierer auf die Seite der Demonstranten und somit gegen die Franz Josef Strauß-Regierung. Da für die Umsetzung der Baupläne seine Unterschrift benötigt wird, glaubt Schuierer das Vorhaben stoppen zu können. Doch die bayrische Staatsregierung entmachtet ihn mit einem neuen Gesetz - dem "Lex Schuierer“.

Hintergrund

Um den Bau der WAA zu genehmigen, wurde 1985 das "Lex Schuierer“ vom bayrischen Landrat beschlossen. Es besagt folgendes:

  1. Kommt eine staatliche Behörde einer schriftlichen Weisung der Aufsichtsbehörde nicht fristgerecht nach, so kann der Leiter der Aufsichtsbehörde an Stelle der angewiesenen Behörde handeln (Selbsteintritt).
  2. Der Selbsteintritt gegenüber einem Landratsamt als Staatsbehörde ist nur zulässig, wenn der fachlich zuständige Minister ein sofortiges Handeln aus wichtigen Gründen des öffentlichen Wohls, insbesondere in Fällen von überörtlicher oder landesweiter Bedeutung, im Einzelfall für erforderlich hält und dies gegenüber der Aufsichtsbehörde erklärt.

Heute nutzen Landräte dieses Gesetz, um heikle Entscheidungen an eine höhere Instanz zu delegieren.

Hans Schuierer konnte sich gegen sämtliche Disziplinarverfahren durchsetzen und war aller Widerstände zum Trotz von 1972 bis 1996 Landrat.

Dargestellt wird der inzwischen 89-jährige Schuierer von Johannes Zeiler (50). Der österreichische Schauspieler feierte seinen Durchbruch mit der Titelrolle der russischen "Faust"-Verfilmung, die 2011 den Goldenen Löwen in Venedig erhielt.

Der Kinofilm "Wackersdorf" von Regisseur Oliver Haffner feierte 2018 auf dem Filmfest München Premiere und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wie den Deutschen Filmpreis 2018 und 2019 für beste Filmmusik.

GOLDENE KAMERA TV-Tipp, weil...

Einer der Höhepunkte der Anti-Atomkraft-Bewegung wird hier spannend nacherzählt. Nicht nur die eingeschobenen Echtbilder, auch das überzeugende Spiel von Johannes Zeiler, die blasse Farbgebung und die detailverliebte Ausstattung vermitteln durchweg ein Gefühl von Authentizität. Der einzige Nachteil an dem naturgetreu umgesetzten und sehr glaubwürdigen Film könnte der bayrische Dialekt sein. Zum Glück verschaffen Untertitel bei diesem Problem Abhilfe.

Die hier gezeigten Umstände, wie die Schieflage in der Demokratie, politische Machtspiele, Konflikte zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Interessen, haben derzeit wieder eine besondere Relevanz. Kurzum die Zeitreise lohnt sich nicht nur für die an historischen Themen faszinierten Zuschauer.