Martina Gedeck über ihren neuen Film: "Ein Lockdown des Herzens"

Caroline Binder (Martina Gedeck) ist Perfektionistin mit einem unperfekten Herz.
Caroline Binder (Martina Gedeck) ist Perfektionistin mit einem unperfekten Herz.
Foto: BR
Im TV-Drama „Herzjagen“ brilliert Martina Gedeck als Patientin zwischen Leben und Tod.

In der Tragikomödie „Herzjagen“ (Mi, 17. Juni, 20.15 Uhr im Ersten) spielt die zweimalige GOLDENE KAMERA Preisträgerin Martina Gedeck eine Frau mit angeborenem Herzfehler, die jeden Moment damit rechnen muss, dass ihr wichtigstes Organ versagt. Nach einer erfolgreichen Operation gilt sie als gesund - was ihr Leben grundlegend verändert. Im exklusiven Interview mit GOLDENE KAMERA verrät die 58-Jährige, warum sie sich vor dem eigenen Tod nicht fürchtet.

GOLDENE KAMERA: In „Herzjagen“ überraschen Sie als Protagonistin, die sich in keine Norm pressen lässt. Was mögen Sie an diesem Film?

Martina Gedeck: Dass er so unvorhersehbar ist! In „Herzjagen“ geht es um eine Frau, die aufgrund einer chronischen Herzkrankung sehr zurückgezogen lebt aber mit ihrem Leben eigentlich ganz zufrieden ist. Nach der erfolgreichen OP, die sie zu einer „Gesunden“ macht, reagiert sie nahezu anarchisch und wehrt sich gegen den Druck, funktionieren zu müssen. Caroline boykottiert das „Funktionieren müssen“ auf eine eigene Art und Weise. Sie versucht nicht, nett und sympathisch zu sein und stellt alles in Frage, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat.

Was haben Sie durch die Beschäftigung mit dem Filmthema gelernt?

Martina Gedeck: Ich wusste nicht, dass es ein Krankheitsbild gibt, bei dem man nach einer schweren Operation nicht wieder in sein vorheriges Leben zurückfindet. Aber leider kann das tatsächlich nach einem schweren Eingriff passieren, weil der Betroffene eine Traumatisierung erlebt. Der Körper wird ja für kurze Zeit an eine Maschine angeschlossen, das Herz wird heruntergefahren, so dass es während dieses Zeitraums nicht mehr „lebt“, es ist sozusagen ein Lockdown des Herzens und es kann passieren, dass anschließend etwas nicht mehr „passt“. Dieses Empfinden auszutarieren war eine spannende Arbeit. Einerseits hört Caroline auf, den Konventionen zu entsprechen, und nett zu denjenigen zu sein, die es gut mit ihr meinen. Aber andererseits erwartet sie auch von ihrem behandelnden Herzchirurgen, dass er sich ihr zuwendet, ihr in ihrer Not hilft und sie nicht nur körperlich behandelt, sondern auch menschlich. Während des Spiels haben wir Szenen, in denen sie ihn in Krankenhauskleidung auf der Straße verfolgt, und sich um nichts mehr schert, teilweise sogar improvisiert. Schauspielerisch war es hochinteressant für mich, ausdrücken, wie jemand in der Ohnmacht eine Kraft entwickelt und seinen eigenen Weg in einem schwachen statt in einem starken Zustand geht.

Als Zuschauer fällt es einem schwer, sich mit der unvorhersehbar handelnden Caroline zu identifizieren. Ist Ihnen das besser gelungen?

Martina Gedeck: Ich konnte mich sehr gut in Caroline hineinversetzen. Jeder Mensch kennt doch das Gefühl, dass die Umwelt nach einer schwierigen Situation – wie beispielsweise nach einer Krankheit, die Erwartung hat, dass alles schnell wieder „gut“ wird und dass man wieder funktioniert. Wenn man sich dem verweigert, ist es nicht angenehm für die Mitmenschen und verlangt ihnen viel Verständnis ab. Bei Caroline wird die Ehe durch ihr „Nicht-Funktionieren“ auf eine Probe gestellt – aber weil sie sich nicht verstellt, und so tut, als ob alles in Ordnung wäre, bekommt die Beziehung zu ihrem Mann eine neue Qualität. So können die Ehepartner das, was sie unter den Teppich gekehrt haben, dem anderen zeigen und Neuland betreten.

Trailer: "Herzjagen"

Was also ist die versteckte Bedeutungsebene?

Martina Gedeck: Der Film zeigt, dass es darum geht, zu versuchen, seine versteckten oder tabuisierten Träume oder Sehnsüchte doch noch zu leben. Carolines Mann macht das ebenfalls, als er während ihrer Krankheit wieder anfängt zu tanzen. Natürlich habe ich mich manchmal gefragt, warum Caroline ihr bisheriges Leben so vehement ablehnt, aber dafür gibt’s nur eine Erklärung.

Welche Erklärung meinen Sie?

Martina Gedeck: Sie selbst hat das gar nicht in der Hand. Caroline versucht, sich anzupassen, aber es gelingt ihr nicht. Die Zusammenbrüche, die Panikattacken, die sie nach der OP im eigentlich gesunden Zustand erlebt, überwältigen sie. Es geht für sie eben auch darum, herauszufinden, was ihr eigentlicher Lebenssinn ist, den sie nicht mehr erkennen kann. Und dass ihr ausgerechnet eine schwer krebskranke Psychotherapeutin, die unbedingt leben will, klarmacht, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann, ist eine tolle Parallele – auch, weil Caroline dadurch die richtigen Schritte geht. Manchmal balanciert sie dabei am Abgrund, wie jeder, der eine Krise durchlebt.

Im Film gibt es viele schöne, liebevoll verpackte Weisheiten – etwa „Wenn man nicht unglücklich ist, vergisst man, dass man nicht glücklich ist“. Können solche Weisheiten den Zuschauern Denkanstöße geben?

Martina Gedeck: Ich glaube schon. Während sich Caroline in einer Art Zwischenraum bewegt, reflektiert sie viel, und versucht herauszufinden, wie sie lebt und wie wichtig das Leben für sie ist. Ein Satz wie dieser fordert sie dabei auf, nach dem Glück zu greifen. Denn das Schöne ist ja, dass wir Menschen das Potenzial dazu haben, dass wir glücklich sein dürfen – und unsere Träume und Hoffnungen nicht aufgeben müssen, so daß sie Wirklichkeit werden können.

Und was sagt uns der Filmsatz „Sie können nur dann geben, wenn Sie genug für sich selbst haben?“

Martina Gedeck: Dass man als Betroffener erst mal selbst zu Kräften kommen muss, bevor man wieder für die anderen da sein kann. Viele Menschen trauen sich nicht, sich Ruhe zu gönnen. Sie denken, dass sie sofort wieder für die anderen da sein müssen. Aber am am Schluss sind sie selbst so kraftlos, dass sie den anderen gar nichts mehr nützen. Momentan gibt es beispielsweise die Situation, dass viele Menschen gar nicht merken, wann sie die Pflege eines Angehörigen wahrscheinlich kaputtmacht, weil es einfach zu viel für sie ist. Deshalb muss man als Mensch immer auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass man auf sich aufpasst – ohne deswegen gleich zu glauben, dass man egoistisch oder egozentrisch wäre. Für sich selbst Verständnis aufzubringen, ist wichtig.

Caroline kennt sich besser mit dem Tod als mit dem Leben aus, weil sie seit 20 Jahren Angst hat, dass ihr Herz plötzlich stehen bleiben könnte. Was ist Ihre Meinung über den Tod? Was kommt, wenn wir gestorben sind?

Martina Gedeck: Einerseits ist es beängstigend, wenn man darüber nachdenkt, was dann kommen könnte, aber andererseits bin ich ganz froh, dass ich mir das nicht vorzustellen brauche. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Tod, weil ich glaube, dass man nicht merkt, wenn man stirbt – und weil ich mir vorstellen kann, dass der Tod auch etwas Erlösendes ist, wobei ich persönlich möglichst viel vom Leben haben möchte und auch gern lange leben will.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus? Geht es dabei auch um die beteiligten Regisseure und Kollegen – sowie um den Filmstoff?

Martina Gedeck: Ja, das hat viel mit dem Stoff zu tun, nicht so sehr mit meiner Rolle. Ich finde es gut, wenn die Stoffe unterhaltsam sind oder zum Nachdenken anregen. Das ist der wichtigste Aspekt: Macht die Geschichte einen Sinn? Erfährt man etwas Neues? Sind die Protagonisten Menschen oder Abziehbilder? Die Antworten auf diese Fragen sind für mich wichtige Kriterien – genau wie die Frage, wer Regie führt und in welchem Zusammenhang das Projekt steht. Genremäßig bin ich dabei nicht festgelegt.

Im nächsten Jahr sind Sie 35 Jahre im Filmgeschäft - und werden 60. Wenn Sie zurückgucken auf Ihre filmische Karriere und sich vorstellen, dass Sie die Figuren, die Sie verkörpert haben, aufstellen für ein Gruppenbild und sich selbst in die Mitte stellen, welche Figur dürfte dann neben Ihnen stehen? Und warum?

Martina Gedeck: Da fällt mir spontan Serafina ein aus „Rossini“. Das ist zwar eine ganz kleine Rolle, aber sie war wie ein Startschuss in andere filmische Bereiche. Außerdem habe ich noch eindrücklich in Erinnerung, dass man aus dieser Figur so viel machen konnte – und dass das später ein Prinzip meiner Arbeit wurde, nämlich zu sagen: Wie kann ich eine Figur gestalten statt sie einfach vom Blatt zu spielen. Und wie kann ich meine eigene Phantasie mit hineinbringen? Was interessiert mich jetzt zum Beispiel an einer kleinen, eher unscheinbaren Kellnerin wie Serafina? Ja, damals ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie wichtig es ist, dass man Fleisch wird und richtig voll und aus der Fülle heraus diese Figuren baut und kreiert.

Schlussfrage: Was sind Ihre nächsten, spruchreifen filmischen Projekte?

Martina Gedeck: Am 29. Juni eröffnen Ulrich Tukur und ich das ARD-Sommerkino mit dem Scheidungsfilm „Und wer nimmt den Hund?“ Außerdem kommt im September wunderbarerweise die sechsteilige Miniserie „Oktoberfest“ – und zwar zu einer Zeit, wo das Oktoberfest nicht stattfindet. Die Serie spielt um 1900, darin spiele ich eine Brauereibesitzerin.

Interview: Mike Powelz